Ein wenig überrascht und neugierig war ich schon, als Rebirth auf die Nominiertenliste zum Kennerspiel des Jahres aufgenommen wurde. Reiner Knizia ist ja bekanntlich ein Vollzeit- und Vollblutautor. Wettlauf nach El Dorado und My City gehören zu meinen persönlichen Lieblingsspielen des Brettspieldesigners. Persönlich habe ich Knizia, der mehr als 800 Spiele entworfen hat, aber eher in der Familienspiel-Ecke angesiedelt. Und auch Rebirth sah mir von den Bildern und der Beschreibung des Spiels eher wie ein weiteres Plättchenlegespiel à la Cascadia und Co. aus. Nicht, dass ich das persönlich schlecht finde – im Gegenteil. Aber gerade die Nominierung auf die Liste zum Kennerspiel des Jahres hat mich doch sehr neugierig auf den Frosted Games Titel gemacht. Als dann im Rahmen des BGT-Wochenendes Rebirth innerhalb von fünf Minuten aufgebaut und erklärt wurde, war ich skeptisch. Nach der Partie war ich allerdings sicher, dass Rebirth a) ein Dauerbrenner wird und b) in meiner Familie einschlägt wie eine Bombe. Was meine Gründe dafür sind?
Kurzcheck: Darum geht es in Rebirth
Ich könnte jetzt eine thematische Erklärung starten, aber das lassen wir. Thematisch ist bei Rebirth absolute Grütze – dazu später mehr. In Rebirth habt ihr drei unterschiedliche Arten von Plättchen vor euch liegen: Energie, Nahrung und Siedlungen. Diese liegen verdeckt vor euch. Euer Zug besteht darin, ein Plättchen aufzudecken, es an eine mögliche Stelle auf dem Spielplan zu legen und die Punkte dafür zu ergattern. Ich hatte zwischenzeitlich Carcassonne-Vibes, und das ist echt gut. Nahrung gibt euch Punkte entsprechend der Gruppengröße, ebenso verhält es sich bei den Energieplättchen. Die Städte werden nach Größe und Mehrheit gewertet. Platziert ihr ein Plättchen an eine Burg, dürft ihr eine Burg platzieren. Habt ihr mehr Plättchen angrenzend zu einer Burg eurer Mitspielenden, klaut ihr diese Burg. Platziert ihr in der Schottland-Variante ein Plättchen an eine Kathedrale, dürft ihr euch eine End-of-Game-Karte nehmen. Das waren im Groben die Regeln für das Spiel in der Schottland-Variante. Rebirth liefert nämlich noch eine andere Spielvariante auf der Karte von Irland. Mega und anders!

Lissy stöhnt
Ich bringe das Spiel also völlig begeistert vom Brettspielwochenende der BGT mit, weil ich sicher bin, dass es einschlägt. Ich habe Rebirth genauso angekündigt: „Dieses Spiel wird euch gefallen.“ Der große Moment ist gekommen. Montags, nach dem Abendessen, kündige ich Rebirth an. Alle müssen mitspielen. Lissy feuert ihre übliche Tirade ab: „Muss ich mitspielen? Ich habe keine Lust auf neue Spiele. Warum können wir kein Spiel spielen, was ich kenne?“ „Nix da!“, antworte ich. „Das Spiel ist in fünf Minuten erklärt.“ „Kannst du denn überhaupt die Regeln?“, lautet prompt ihre Frage. Und wie! Rebirth besitzt super einfache Regeln, eine gute Anleitung und einen megaschnellen Einstieg. Hammer. Plättchen aufdecken, legen, Punkte kassieren.

Burgen, Kathedralen und Ziele
Rebirth wirkt hierbei auf den ersten Blick simpel. Die einfache Mechanik verleitet dazu, das Spiel fluffig runterzuspielen. Das kann man. Aber gegen einen Kenner wird man dann wenig Chancen haben, denn richtig fette Punkte gibt es aus dem eleganten Zusammenspiel von Burgen, Kathedralen und Zielen. Jede Kathedrale bringt mir eine End-of-Game-Karte. Jede Burg gibt mir 5 mächtige Siegpunkte am Spielende. Schaffe ich es früh, viele End-of-Game-Karten zu bekommen, kann ich diese Ziele konsequent verfolgen. Habe ich früh viele Burgen besetzt, wird es für meine Mitspielenden schwer, diese zu erobern, denn sie müssen mehr Plättchen angrenzend haben. So ist es Kati in ihrer ersten Partie ergangen. Hannah hat ihr zum Ende einfach zwei, drei Burgen weggenommen. Hannah hatte sieben Burgen, Kati drei. Rechnet mal die Differenz aus.

Gerangel um die besten Plätze
Und schwupps bin ich bei Rebirth bei dem Kennerspiel. Ja, ich kann den Kracher fluffig runterspielen. Aber entscheidend wird sein, wie ich meine Plättchen gegenüber den anderen spiele. Welche Burg verteidige ich durch mehr Plättchen, welche Konstellationen ich blockiere. Das ist ungemein spaßig, fordernd und kurzweilig. Downtime? Fehlanzeige, denn ich decke nach meinem Zug direkt das nächste Plättchen auf und überlege, welche Spots am besten für mich sind. Dabei ist der Spielplan ein riesiges Feld an Möglichkeiten, was bei vier Spielenden tatsächlich ein Kritikpunkt ist. Das Spiel spielt auch hier alle Stärken und Spielspaßmomente aus, aber es ist unwahrscheinlich schwer, den Überblick über alle Konstellationen oder Möglichkeiten zu behalten. Ich kann dann wirklich lange über meine Platzierung nachdenken, dann geht aber der schnelle Reiz des Spiels verloren. Zu dritt habe ich alle Möglichkeiten etwas besser im Blick.

Dauerbrenner
Mittlerweile ist Rebirth zum täglichen Dauerbrenner geworden. So auch am Sonntagabend, während der Partie Frankreich gegen den Senegal. „Komm, wir spielen eine Runde Rebirth“, frohlockt Lissy, die richtig Spaß an dem Spiel gefunden hat. „Ja, kein Problem“, erwidere ich, „aber heute spielen wir mit der Irland-Seite.“ „Ich habe keine Lust auf eine neue Variante. Ich hasse das, immer wenn man ein Spiel kann, muss was Neues probiert werden…“, zetert Lissy lautstark. Ich fühle mich wie beim Murmeltiertag. Tatsächlich bin ich überrascht. Die Irland-Seite variiert die Regeln leicht. Es liegen acht Missionen offen aus. Das finde ich persönlich besser, denn so spielt man geplanter und ist weniger abhängig von den zufällig gezogenen Missionskarten. Zudem sind auf der Irlandkarte Rundtürme, die mächtige Bonusfelder darstellen. Hier tobt der taktische Kampf um diese Felder. Ich bin überrascht, denn das Spiel läuft anders, überlegter, gesteuerter.

Hannah brutal
Lissy deckt einen Rundturm auf. Der Marker sagt, dass sie einen Verdopplungsmarker auf eine der offen ausliegenden Missionskarten legen kann. Sie legt den Marker auf eine Mission, bei der sie mindestens zwei unterschiedliche zusammenhängende Nahrungsgruppen der Größe drei bauen muss. Das würde ihr 2x acht Siegpunkte bringen. Das Problem: Irland ist ziemlich eng besiedelt und Hannah gnadenlos. Sie blockiert Lissy ein Plättchen, sodass Lissy ihre zweite Anlage nicht fertigstellen kann. Das ist hart und sorgt für ziemlichen Beef am Tisch, aber Hannah hat sich so ihre ärgste Konkurrentin in der Partie vom Leib gehalten. Das muss man bei Rebirth abhaben können, denn Rebirth ist zwar ein Plättchenlegespiel, aber auch harte Area-Control oder zumindest ein Gerangel um wichtige Plättchen.

Thema? Quatsch mit Soße
Ehrlich, Kathedralen und Windräder? Energie und Nahrung? Rundtürme? Das Spiel heißt Aufbruch in eine neue Zeit und beginnt mit dem Satz: „Nach einer Reihe von Katastrophen… werden Gesellschaften auf der ganzen Welt nun im Einklang mit der Natur neu aufgebaut.“ Ja nee, ist klar, und deswegen baue ich mittelalterliche Burgen und Kathedralen. Was für ein thematischer Schwachsinn hier in 2026 dem Spieler präsentiert wird, ist echt übel. Windräder, Rundtürme im Mix mit Kathedralen und Burgen, dazu Clans und die englischen und irischen Karten. Irre. Tut dem Spiel keinen Abbruch, ist aber Quatsch mit Soße und sollte redaktionell besser gehen.

Fazit
Lässt man die komplett konstruierte und völlig an den Haaren herbeigezogene thematische Einbettung außen vor, habt ihr hier einen echten Banger! Rebirth überzeugt mich auf der ganzen Linie, und ich verstehe komplett, warum das Spiel als Kennerspiel des Jahres nominiert wurde. Die absolut leicht zugänglichen und wenigen Regeln ermöglichen ein flottes und fluffiges Losspielen nach fünf Minuten. Optimal, um als Familienspiel zu überzeugen. Wenn man aber die Area-Control und die Siegpunkte hart in den Fokus stellt, dann flippt das Spiel in den Kennerspielbereich, ohne an seinen Stärken zu verlieren. Allerdings gibt es gerade im Schottland-Modus bei vier Spielenden so viele taktische Optionen, dass das Ganze mitunter nicht zielgerichtet bearbeitet werden kann. Schottland ist entsprechend für drei Spielende der Sweetspot. Anders sieht es da hingegen im Irland-Modus aus, der sich taktischer, zielgerichteter und etwas langsamer spielt. Generell finde ich den ansatz sehr cool, zwei unterschiedliche Modi bei einem so coolen und gängigen Grundsetting zu installieren. Ich bin sehr gespannt, wie Rebirth abschneidet. Ein richtig gutes Spiel.

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5 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Klingt interessant.
Wenn es sich auch zu zweit gut spielt, kommt es auf die Geburtstagswunschliste. 🙂
Danke für diesen Artikel, Markus! Das macht richtig Lust, „Rebirth“ auszuprobieren – auch wenn ich (nicht nur aus Lokalpatriotismus) „Boss Fighters QR“ die Daumen für den schwarzen Meeple drücke.
Allerdings spielen wir meistens doch nur zu zweit – hast Du da auch Erfahrungswerte…? Manche Spiele zünden ja erst ab 3.
Interessanter Bericht – ich würde das Spiel auf jeden Fall gerne einmal ausprobieren. Gleichzeitig bleibt bei mir aber eine gewisse Skepsis. Du schreibst ja selbst, dass Rebirth spielerisch nicht unbedingt besonders innovativ ist.
Ich erinnere mich noch gut an Cascadia: Anfangs war ich total begeistert, weil das Spiel einen sehr eleganten Mechanismus hatte und sich frisch angefühlt hat. Nach einigen Partien nahm die Begeisterung aber deutlich ab, weil ich gemerkt habe, dass die Entscheidungen doch relativ ähnlich ablaufen und die Varianz begrenzt ist.
Genau diese Sorge habe ich bei Rebirth auch ein bisschen. Wenn die Grundstruktur sehr ähnlich bleibt, könnte es passieren, dass man nach einigen Partien merkt: Man macht im Kern immer wieder das Gleiche – vielleicht sogar mit sehr ähnlichen Spielzügen von Partie zu Partie.
Das heißt nicht, dass es ein schlechtes Spiel sein muss. Im Gegenteil: Für einen entspannten Abend mit einer schönen Puzzle- und Optimierungsmechanik kann das sicherlich Spaß machen. Aber bei Spielen in diesem Genre frage ich mich inzwischen stärker: Was sorgt dafür, dass ich es auch nach Monaten noch auf den Tisch holen möchte? Was ist die langfristige Perspektive?
Für mich fehlt daher noch der Punkt, der es von vielen ähnlichen Spielen abhebt. Ich würde es sehr gerne spielen – aber aktuell habe ich die Befürchtung, dass es eher ein Spiel für ein paar Wochen Begeisterung sein könnte als eines, das dauerhaft in der Sammlung bleibt.
Interessant. Deine Spiele, die du favorisierst, haben immer andere Bedingungen und Strategien? Hat man nicht innerhalb eines Rahmens immer gleiche Abfolgen?
Sehr gute Frage. Natürlich haben auch meine Lieblingsspiele einen Rahmen und wiederkehrende Abläufe. Der Unterschied liegt für mich aber darin, wie viel echte Varianz und unterschiedliche Herangehensweisen innerhalb dieses Rahmens entstehen.
Wenn ich über meine Lieblingsspiele nachdenke, fällt mir auf: Es sind fast immer Spiele mit sehr viel Interaktion, Area Control oder kooperativen Elementen. Dadurch entsteht automatisch eine andere Dynamik, weil nicht nur das Spielsystem entscheidet, sondern auch die Menschen am Tisch.
Dazu kommen oft asymmetrische Elemente. Ein Spiel wie Root ist für mich ein Extrembeispiel: Durch die unterschiedlichen Fraktionen spielt sich jede Partie fast wie ein anderes Spiel. Auch bei Gaia Project verändern die unterschiedlichen Völker den Ansatz deutlich. Bei kooperativen Spielen wie Planet Apocalypse oder Aeon’s End entsteht durch unterschiedliche Szenarien bzw. Gegner jedes Mal eine andere Herausforderung.
Natürlich habe ich auch Spiele, die nicht so stark asymmetrisch oder interaktiv sind und trotzdem Spaß machen. Aber genau da liegt für mich die Frage nach der langfristigen Motivation: Gibt mir das Spiel nach vielen Partien weiterhin neue Entscheidungen und Situationen – oder optimiere ich irgendwann nur noch dasselbe Puzzle?
Ein Gegenbeispiel für mich ist Schach. Auf dem Papier hat Schach eine unglaubliche Varianz. Trotzdem empfinde ich es persönlich nicht als besonders reizvoll, weil der Weg sehr stark über perfekte Berechnung und Lernen läuft. Für mich entsteht der Spielspaß eher dann, wenn ein System mich immer wieder vor neue interessante Entscheidungen stellt und nicht nur darin besteht, den optimalen Zug zu finden.
Deshalb ist meine Skepsis bei Rebirth nicht, dass Spiele keinen festen Rahmen haben dürfen – sondern eher die Frage, ob dieser Rahmen langfristig genug neue Geschichten und Entscheidungen produziert.