Lesezeit: 6 Minuten
Das Original Fanspiel. Da ist das Ding. Wie ist mein Gemütszustand, als das Spiel unangekündigt im Briefkasten lag? a) überrascht b) skeptisch oder c) voller Vorfreude? Normalerweise ist nur eine Antwort im Das Original Fanspiel richtig, aber ich war im Wechselbad der Gefühle und durchlief alle Stadien. Überrascht, weil das Spiel ohne Vorankündigung oder Randnotiz einfach da war. Skeptisch, weil ein Spiel über die Nationalmannschaft das Letzte ist, was ich brauche und ich beim Thema Fußball in Brettspielen eh sehr skeptisch bin. Voller Vorfreude, weil ich schon tolle Ansätze für einen Verriss im Kopf, unzählige Floskeln für das Phrasenschwein und parallele Schmähgesängen auf den DFB und die Nationalmannschaft parat hatte. Also: Geht’s raus und spielt’s Fußball. Anstoß.

Kurzcheck: Darum geht es im Das Original Fanspiel – Die Männernationalmannschaft

Ihr kennt Trivial Pursuit? Das Original Fanspiel ist ähnlich aufgebaut, aber trotzdem anders. Ihr würfelt, beantwortet Fragen mithilfe von drei Möglichkeiten und erhaltet dafür keine Käseecken, sondern Nationalspieler in Form von Karten auf eure Hand. Das Ziel? Ihr wollt die besten Spieler in die Nationalmannschaft bringen und so als Bundestrainer überzeugen. Zu Beginn des Spiels habt ihr bereits elf Recken auf der Hand. Elf Freunde müsst ihr sein. Über die Spieldauer 2*45 Minuten (langes Spiel) tauscht ihr diese Spieler aus dem Pool gegen bessere aus. Dabei kommen euch gelbe und rote Karten oder der willkürliche VAR in den Weg. Am Ende der Spielzeit wird das Spielbrett geflippt und ähnlich wie bei einem Quartett die Nationalmannschaft gebildet.

Doppelpass: Der Fußalltalk

Warum schreibe ich diese Rezension? Ich liebe Fußball. Seit ich 6 Jahre bin, spiele ich Fußball und ich trainiere seit 13 Jahren Mannschaften, arbeite als Referent für den Fußballverband-Rheinland und ich höre für mein Leben gerne Fußball MML mit Micky Beisenherz, Lucas Vogelsang und Maik Nöcker. Das muss als Referenz für Expertise im Fußball reichen. Ach ja, ich habe Eleven gespielt und war maßlos enttäuscht. These: Es gibt keine guten Fußballspiele, dafür ist das Spiel zu komplex. Und dann fliegt Das Original Fanspiel kurz vor den Länderspielen gegen Frankreich und die Niederlande ein. Die Nationalmannschaft strauchelt seit Jahren, Hansi hat mit den Graugänsen die letzte Glaubwürdigkeit einer echten Kabine zerstört und Nagelsmann? Wir werden sehen!

Die gesichtslosen Bundestrainer und ihr System.

Aufstellung

Das Eröffnungsspiel findet am Karfreitag statt. Ein düsteres Omen? Mit am Tisch: Mein Sohn Lukas, 20 Jahre, Gladbach-Fan mit Leib und Seele, Fußballwissensexperte und Preußen Münster Fan. Er wird dieses Spiel gewinnen, zumal am Tisch – laut seiner Aussage – keine Gegner sitzen. Keine Gegner: Da ist Kati, die nur wegen der Stadionwurst am Tisch sitzt. Da ist Hannah, die ein sehr feines Fußballwissen hat und mich bei taktischen Fragen immer hervorragend berät. Und ich. Leider habe ich einiges an Wissen, aber nur um das Spiel auf dem Platz, kein Wissen um Spieler, Spiele, Zeitgeschehnisse oder den DFB. Ein leichtes Spiel für Lukas.

Gute Fragen in vier Kategorien

Der Zeugwart hat die Schuhe geputzt

Packt man Das Original Fanspiel aus, ist man verwundert. Ich habe diese gute Qualität nicht erwartet. Die Karten sind groß, stabil, ordentlich gestaltet. Das Stadion ist bunt und einladend. Die Qualität der Fragen sehr hoch. Der VAR witzig, spontan und ereignisreich, die Fotos der Spieler Hochglanz. Da habe ich nichts zu meckern. Außer vielleicht der gekünstelte und gestellte Werbeauftritt. So voller plakativer Diversität, dass es wieder ad absurdum geführt wird. Natürlich sitzt eine Frau und ein Schwarzer Mensch am Tisch. Es springt einem förmlich ins Auge. Schade, dass über plakative Gestaltung keine Beiläufigkeit dieses Themas hergestellt wird, sondern immer noch stereotype Attribute herhalten.

Wichtig ist: Auf dem Platz

Anpfiff – der Ball rollt. Zu Beginn bekomme ich in der Aufstellung 4-4-2 entsprechende Karte ausgeteilt. Einen Torwart, vier Abwehrspieler, vier Mittelfeldspieler, zwei Stürmer und einen gesichtslosen Bundestrainer. Wie passend. Ich schaue meine Hand an und mein Kader enttäuscht mich maßlos. Unter anderem: Nico Schlotterbeck, David Raum, Benjamin Henrichs, Armel Bella-Kotchap, Niklas Sül, Christian Ginter und drei mal Mario Götze. Viele Spieler spielen aktuell nicht oder gar keine Rolle in der Nationalmannschaft. Zudem sind viele Spiele mehrfach vorhanden. Götze 2010, Götze 2014, Götze 2016 und Götze als Legenden mit allen Jahren von 2010-2022.

Spielerpool & Trainernachwuchs

Schwache erste Halbzeit

Diese Entscheidung bricht dem Spiel nachhaltig das Genick und zeigt die Spielspaß Rote Karte. Da am Ende des Spiels die Handkarten entsprechend der vorgegebenen Aufstellung wie Quartett gespielt werden, sind die Spieler und deren Werte natürlich elementar. Und das geht mächtig in die Hose: Mario Götze in der 2010er Variante mit einem Länderspieleinsatz hat 0 Niederlagen. Würde ich diese Kategorie ausspielen, dann sticht er gegen viele anderen. Auch gegen sich selber, denn der Legenden Mario hat natürlich 65 Einsätze und dabei 11 Niederlagen.

Dabei ist das vorgeschaltete Quizspiel gefällig und gut gemacht. Es ist nicht so leicht, die Karten auszutauschen. Lukas gelingt es, trotz Fachkompetenz keine Karte auszutauschen und Hannah trumpft mächtig auf. Ihre Elf – um das Ergebnis vorwegzunehmen – gewinnt die meisten Punkte. Sehr zum Leidwesen und Unverständnis meines Sohns. Aber der ist ja als Gladbach-Fan über die Jahre Kummer und Enttäuschung gewohnt.

Der vierfache Götze. Ich liebe ihn für den WM Titel!

Schwache zweite Halbzeit

Jeder will Das Original Fanspiel spielen. Dadurch kommt es über Ostern drei (!) Mal auf den Tisch. Diese Frequenz hat sonst nur die Premier League am Boxing Day hin. Und jedes Mal ist es das gleiche Bild. Alle am Tisch lachen und machen Witze, die Stadionatmosphäre ist überragend, die Spielzeit wird auf 2* 15 Minuten festgesetzt, es werden Teams gebildet, der VAR gefeiert oder verflucht und alle sind sich hinterher einig: Es ist ein richtig schlechtes Spiel.

Treffender könnte der VAR nicht eingebaut sein.

Spieltagsanalyse

Das Quartett-Element zum Spielende könnte so gut sein, isses aber nicht. Dafür sind die Kategorien durch die absoluten Werte einfach viel zu simpel. Schaut man sich zudem die Namen an, dann kann nur Kopfschütteln kommen. Warum kann bei einem Spiel, das sich: Das Original Fanspiel: Männernationalmannschaft nennt und mit einer offiziellen DFB-Lizenz wirbt, keine bessere Auswahl und Varianz getroffen werden? Ich will keinen Emre Can mit 3 Einsätzen spielen. Was soll das? Wir haben so unfassbar viele gute Spieler. Jeder Spieler könnte als Karriere vorkommen und das bitte nur ein Mal. Dann macht die Punkteschnittquote Kategorie auch sind. Wenn ich einen Spieler habe, der einen Einsatz hat und dabei gewonnen hat, dann hat er logisch einen Punkteschnitt von 3,00. Wie soll Legende Miroslav Klose das bei 137 Spielen erreichen? Schwachsinn. Sammer, Buchwald, Matthäus, Seeler, Beckenbauer, Thon, Ballack… das hätte man so geil machen können. Dann wäre ein richtiges gutes Quartett rausgekommen und der Draft über das Quiz hätte auch Sinn gemacht.

Das Spielende – wer bringt im 4-3-3 die meisten Spieler auf den Platz?

Fazit

Das Spiel fügt sich nahtlos in die Ära Hansi Flick ein. Blass, grau, voll guter Möglichkeiten und vergebener Chancen, festhaltend an Altbewährtem. Ein Quizspiel in bester Trivial Pursuit Tradition ist nicht mal mehr im Ansatz modern. Das ist wie Libero und Manndeckung spielen. Oder Walter Frosch. Dabei sind die Fragen rund um die Nationalmannschaft auf Champions League Niveau. Der VAR wird seiner Funktion gerecht, bildet sich selber dabei erschreckend realistisch ab. Hier kann einfach alles willkürlich passieren. Wie im Kölner Keller. Das tut dem Brettspiel gut.

Der Ansatz, sich seine Mannschaft als Quartett zu draften ist eigentlich gut. Aber er bleibt ob der schlechten Spielerauswahl und der völlig hirnrissigen Kategorien in Kombination mit den Momentaufnahmen der Spieler völlig auf der Strecke. Ein Rohrkrepierer. Schade, denn die Qualität des Spiels und die Atmosphäre haben ein wahnsinniges Potenzial. Hier hat man einiges an Chancen liegen gelassen, denn zumindest in fußballbegeisterten Haushalten wäre dieses Spiel der Kracher gewesen. So: Kicker Note 5.

Das Original Fanspiel

49.00€
6.1

AUSSTATTUNG

8.0/10

SPIELIDEE

5.7/10

SPIELSPASS

4.5/10

Kurzfakten

  • Quizspiel und Quartett Ansatz
  • Gute Qualität der Fragen
  • Gutes Material
  • Völlig beliebige Quartettkategorien
  • Auswahl der Spieler sehr dünn
  • Quartett Ansatz floppt

Spielinformationen

  • Genre: Quizspiel
  • Personen: 2-4
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Dauer: 2* 15 Minuten
  • Autor: nicht bekannt
  • Rezensionsxemplar erhalten
Redakteur bei Brett & Pad | + Letzte Artikel

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8 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Wirklich witzig, mir wurde das Spiel am Wochenende über Social Media als Werbung eingeblendet und ich dachte mir trotz des ansehlichen Spielmaterials schon, dass kann nur ne Gurke werden. Daher war meine Antwort sofot b) skeptisch. Schön das du es so schnell testen und rezensieren konntest als Warnung für alle anspruchsvolleren Brettspieler. Man hätte es sich fast denken können, dass ein solches Spiel auf die bewährten Mechaniken ala Quartett oder Trivial Pursuit setzt. Starke Lizenz schlägt hier wohl Kreativität und Spielentwicklung mal wieder, schade. Das sogar Spieler mehrfach verwendet werden oder viel zu sehr auf die Neuzeit Eintagsfliegen Nationalspieler gesetzt wird ist meiner Ansicht nach nicht nachvollziehbar, man verpasst die Chance junge Fußballsfans über die wahren Weltmeisterlegenden des 20 Jahrhunderts zu informieren. Ich denke für den 0815 EM Fan für die Enkel von der Omi wird das Spiel trotzdem genug Abnehmer finden die sich auch daran erfreuen, ich werde einen großen Bogen um das Spiel machen und hoffen das keiner meiner Freunde ins Fettnäpfchen tritt und mir aufgrund meiner Leidenschaft zum Fußball und Brettspielen ein solches Grauen ins Regal einschenkt.

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    • Hallo Jannis,

      ich drücke die Daumen, dass es niemand „nett“ mit dir meint. Vielleicht stellst du die Rezension einfach in deinen Status? Das wäre eine Win-Win Situation. Die Crux bei dem Spiel ist, dass viel mehr möglich gewesen wäre! Das ärgert mich irgendwie. Einen begeisterten Brettspieler der Ahnung von Fußball hat und dann kann man da was „besseres“ machen. Aber nein, Ein paar Hochglanz Fotos, schicke Optik und viele werden zuschlagen, wenn es bei Thalia vorne liegt.

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  • Sowas gibts tatsächlich?
    Meine erste Reaktion beim heutigen Aufruf Eurer Seite war ein Blick auf den Kalender: Nein, es ist wirklich schon der 2. April!

    Die für mich ödeste Nebensache der Welt brauche ich ganz sicher nicht als Brettspiel. Was aber selbst mir auf den Fotos auffiel: Das neue Auswärtstrikot scheint gar nicht vertreten… 😉

    Kurze Recherche ergab noch: Mir unbekannter dänischer Verlag (dolupa games)! Da wollte wohl kein deutscher Verlag seinen wohlklingenden Namen für hergeben, was?

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    • Hi Klaus,
      ja, sowas gibt es heute tatsächlich. Und nein, es war kein Scherz. Fußball ist aus sportlicher Sicht ein unfassbarer Sport. Die Koordination eines Balls mit den Füßen, die Koordination dieses Gerätes so weit weg von den Augen ist hochanspruchsvoll. Aber ich verstehe die Ablehnung dieser Subkultur und den Begleiterscheinungen total. Mich als Fußballer stört die Kommerzialisierung, die aggressive Fankultur und das Fair Play nur ein Name ist. Da sind mir andere Sportarten viel viel lieber. Das Spiel als solches und dessen Entwicklung über die Jahre ist allerdings unfassbar.

      Ja, die Recherche hatte ich auch. Dolupa Games hat auch das gleiche für den BVB gemacht.

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      • Nicht missverstehen – als Jugendlicher hab ich viel und regelmässig gebolzt. Der Kommerz (wie auch dieses Fanspiel) ist jedenfalls ein für mich völlig überzogener Nebeneffekt – Stichwort Saudi-Arabien/Katar (als Freizeitsport hat er sicher mehr Attraktivität als zB Synchronschwimmen).
        Zum Zuschauen finde ich es nur eben recht öde – als die Tickets in meiner Jugend noch bezahlbar waren, war ich immer mal wieder als Zuschauer beim Eishockey, da passiert mE viel mehr für Zuschauer.

        BTW, gibt es für Fussballfans nicht schon Tipp-Kick, wenn der Platz für einen amtlichen Kickertisch nicht reicht? 😉

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        • Ich vermute, dass die Zielgruppe mit dem Brettspiel durchaus ihren Spaß haben kann. Selbst Markus spricht dem Spiel ja nicht alles ab, sondern redet von verschwendeten Potenzial. Für mich wäre das Spiel allerdings auch nichts. Als Brettspiel gibt es aber durchaus Konzepte, wo das Thema Fußball Spaß machen kann. Du solltest diesen Donnerstag etwas darüber erfahren.

          Ansonsten stimme ich dir zu! Eishockey ist wesentlich attraktiver als Fußball. Ich selbst liebe auch noch Basketball und finde diese Sportart ultra spannend. Früher viel gespielt, heute spielt es mein Sohn. Fan von den Hamburg Towers und seit 30 Jahren von den San Antonia Spurs. Trotzdem muss ich zugeben, als Jungspund Fan vom HSV geworden, 12 Jahre eine Dauerkarte, Stehplatz mit Kutte … das bekommst du aus mir nicht mehr raus.

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          • „…das bekommst du aus mir nicht mehr raus.“

            Ich nicht, aber vielleicht ja der HSV, die zweite Liga muss ja nicht der Endpunkt sein 🙂

            Spass beiseite, als Brettspiel dann aber eher so in Sachen DFL-Team-Management mit Geld, Sponsoring etc. – also eher klassische EURO-/WP-Mechanismen, und keine Mischung aus Quiz und Quartet wie hier vorgestellt. Aber Du wirst ja Donnerstag dann Deine Fussball-Hosen runterlassen 😉

          • Ne, das kann man nicht einfach auflösen. Selbst nicht, wenn die in der 5. Liga spielen würden.

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