Lesezeit: 6 Minuten

„Ich bin Bob, der vergessliche Bewahrer mit festem Stuhl“, donnert Uwes Stimme über den Tisch. Marco und mir entlockt das ein leichtes Schmunzeln und allerlei infantile Witze bezüglich Uwes Stuhl. Und dessen Konsistenz. Und nichts davon hat mit der Sitzgelegenheit zu tun, auf der sich Uwes Allerwertester befindet. Believe in me! (please) aus der Feder des Autorentrios Erik HaffnerHenneke Holst und Cornel Krizsan bietet viele solcher witzigen, absurden, humoristischen Elemente. Vieles davon wurde in unserem Interview, in den News oder im Podcast der BGT mit der wundervollen Illustratorin Maren Gutt beleuchtet. Aber was kann das Spiel, wenn es auf dem Tisch liegt? Brett & Pad und seine Gläubigen beleuchten diese existenzielle Frage und was die goldene Oma Hedwig damit zu tun hat.

Kurzcheck: Darum geht es in Believe in me! (please)

Oh göttlicher Markus. Du bist für alle Katastrophen auf der Welt zuständig. Aber niemand glaubt an dich. Und wenn niemand an dich glaubt, kannst du auch keine Gestalt annehmen. Tragisch. Ich fühle mich an Hüter des Lichts erinnert. Ich, der göttliche Markus, möchte mich manifestieren und je nach Gestalt meine Gesinnung ändern. Herrlich. Heute so, morgen so. Dafür muss ich in diesem rundenbasierten Spiel für 2–4 Spielende zum Ende der Runde auf ein Phänomen bieten. Beanspruche ich dieses Phänomen für mich, dann manifestiert sich eines von drei Körperteilen. Um im Stichwettkampf an jedem Rundenende die besseren Karten auf der Hand zu haben, kann ich über göttliche Aktionen verschiedene spielrelevante Sachen auslösen. Diese Aktionen verbessern mein Göttertableau, laden die heilige Handgranate auf, schicken den falschen Propheten weiter, bauen Monumente und werfen meinen Mitspielern allerhand Knüppel zwischen die Beine.

Für welches Phänomen seid ihr verantwortlich?

Kartendilemma

Meine zwei Aktionen sind gerade abgehandelt. Zuerst habe ich aus meinem dünnen Gläubigenpool einen Gläubigen in den Mönchs-Tempel geschickt. Der soll in Zukunft aus dem heidnischen Haufen Gläubige für mein Projekt taufen. So generiere ich Einkommen: Gläubige. Als zweite Aktion habe ich an meinem Monument Goldene Oma Hedwig gebaut. Der Bau an den Monumenten ist knifflig. Ein Monument besteht aus drei Karten. Pro Spieler ist ein Monument plus ein weiteres im verdeckten Stapel. Möchte ich an meinem Monument bauen, ziehe ich drei verdeckte Karten und spiele eine aus. So baue ich an der Goldenen Oma Hedwig, die mir hilft, mein Wahrheitsdeck, also meine Stichkarten, zu verbessern. Das erste Dilemma: Es kann beim nächsten Mal sein, dass ich keine Oma Hedwig ziehe. Oder schlimmer: Uwe, der hinterhältige Despot, zerstört mir meinen Plan, indem er auch eine Oma-Hedwig-Karte spielt.

Wessen Oma Hedwig hier für ein monumentales Spielerlebnis herhalten musste?

Mehr Kartendilemma

Zurück zum Kartendilemma. Am Ende meines Zuges ziehe ich Karten auf mein Handkartenlimit nach. Maximal zwei dieser Karten dürfen vom Wahrheitsdeck sein. Diese Wahrheitskarten sind Zahlen von 2-6, die ich als Stiche spielen werde. Ich habe Zugriff auf mein gesamtes Deck, muss gespielte Karten aber nach einer Stichrunde auf den Ablagestapel legen. Erst wenn das Wahrheitsdeck leer ist, wird der Ablagestapel gemischt. So entbrennt in der ersten Runde bereits ein Mindgame: Welche Zahl nehme ich mir? Kralle ich mir zwei hohe Zahlen, um direkt in der ersten Runde einen Stich zu machen? Oder halte ich mir die hohen Zahlen zurück, weil mir das ausliegende Phänomen und die damit verbundene Aktion nicht gefällt? Vielleicht nehme ich mir auch keine Wahrheitskarte, sondern nehme die mächtigen Himmelreichskarten, die unterschiedliche Aktionen triggern. Egal was ich gemacht habe, es war immer die falsche Entscheidung und gottlos schlecht.

Kartenvielfalt

Bämm!

Ist man einmal in Believe in me! (Please) drin, rockt das Spiel brutal. Der Humor nutzt sich definitiv nicht ab, denn immer wieder findet man kleine, versteckte Anspielungen. Mehr noch: Der teilweise deftige, britisch angehauchte Humor bringt die eigene witzige Saite zum Klingen und sorgt in einer eingespielten Truppe für jede Menge Wortwitz. Und: In einer neuen Truppe schmolz Believe in me! (Please) schnell das vorherrschende erste Eis am Tisch. Naja. Meistens. Uwes heilige Handgranate schaffte es auch, dickes Packeis auf dem Tisch zu manifestieren. Nachdem nämlich sein Bob, der vergessliche Bewahrer mit festem Stuhl, Gestalt angenommen hatte, brach die Götterdämmerung und damit das Spielende herein.

Ein wahnsinnig gut designtes und durchdachtes Playerboard. Hilft beim Spielen und kommuniziert edel.

Packeis

Ähnlich wie bei Cthulhu Wars kann man Believe in me! (please) nur gewinnen, wenn der eigene Gott in seiner vollen Gestalt zu sehen ist. Angezogen, keine Angst – er muss nicht nackt sein. Dann werden die letzten drei Phänomene ausgespielt, sodass jeder Gott noch die Chance hat, Gestalt anzunehmen. Ich war raus, lediglich Marco spielte im Götterspiel noch mit – und das gefährlich, denn er hatte die meisten Gläubigen. Aber zurück zur Handgranate: Uwe zündete in der nächsten Runde seine heilige Handgranate des durchtriebenen Plans. Und die ließ den armen Gott Marco seinen nächsten Zug aussetzen. Komplett. Und schon ward eisige Stille am Tisch. Und Uwe sah, dass es gut war.

Die Heilige Handgranate wird mit Gläubigen aufgeladen und dann gezündet. Bei zwei Gläubigen setzt ein Mitgott im nächsten Zug aus. Erinnert ein bisschen an die Kreuzzüge, nur dass es noch keine Handgranaten gab. Schwierig was im Namen von Religion alles gezündet wird.

Auf die Fresse

Man muss es bei Believe in me! (please) auf jeden Fall abhaben können, dass einem der Plan zerschossen wird. Und das auf vielfältige Arten. Die heilige Handgranate und die Monumente sind ein Beispiel. Die Himmelskarten ein anderes. Der falsche Prophet, die unterschiedlichen Gebote, die man in Stein meißeln kann, oder miese Aufklärer, die ich dem Gegner in sein Tableau spielen kann, sind andere fiese Aktionen. Wer will schon einen Aufklärer, wenn auch 2026 immer noch Geld mit Gläubigen und modernem Ablass verdient wird? Schließlich ist Maria ja auch 2026 immer noch unberührt schwanger…

Uwe

Huldigung mit fadem Beigeschmack

Zurück zu Believe in me! (please). Die Huldigung ist uns in unterschiedlichen Gruppen aufgefallen und sauer wie schlechter Messwein aufgestoßen. Am Ende meines Zuges ziehe ich so auf 9 Handkarten hoch. Da ich alle Karten zum Stichspiel mitspielen kann, habe ich in dieser Runde einen nahezu unverhinderbaren Vorteil. Das Problem: Uwe hat beim Nachziehen in zwei aufeinanderfolgenden Runden eine weitere Huldigung gezogen und diese entsprechend zurückgehalten und im nächsten Zug wieder ausgespielt. Repeat Play, und das drei Runden in Folge. Ich sag es ungern: Das war broken.

Ich sage es selten und ungern: BROKEN

Dilemma

Believe in me! (please) ist mit seiner Vielzahl an Möglichkeiten, dem individuellen Ausbau und der Notwendigkeit, dem Gegner seine Suppe zu versalzen, sowie dem anspruchsvollen Mindgame ein Kennerspiel. Allerdings suggeriert der dargebotene Humor dies nicht sofort. Und das ist meines Erachtens ein großes Problem von Believe in me! (please). Die meisten meiner Mitspielenden gehen, beeinflusst durch die lustige Gestaltung, mit einer anderen Erwartungshaltung an das Spiel heran und spielen es locker-flockig runter. Das geht dann aber häufig in die Hose, denn ich muss meine eigene Strategie finden, meine Engine aufbauen udn verteidigen und gleichzeitig meine Mitgottheiten aufhalten. Weiter mache ich meine eigenen Aktionen fast schon solitär, muss aber gleichzeitig meinen Gegner schwächen und passend aufhalten, ohne großartig an seinem Playerboard zu partizipieren. Der Spagat ist schwierig, vor allem wenn auf Grundlage der witzigen Karten oft am Tisch gefrotzelt wird.

Gebote kann ich in Stein meißeln, wenn ich ein Phänomen beanspruche. Logisch. Meine Gläubiger glauben mir noch mehr und mein Wort ist Gesetz. Wie zu Hause.

Fazit

Believe in me! (please) ist ein absolut sehenswertes Spiel mit vielen genialen, witzigen Anmerkungen und einer unfassbar thematischen und grafischen Gestaltung. Ich habe so eine Kombination in einem Brettspiel selten erlebt. Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Dazu kommt, dass das Erstlingswerk der Autoren Haffner, Holst und Krizsan zudem mechanisch sehr gut funktioniert. Die Kombination aus Worker-Placement, verschiedenen Kartentypen, dem persönlichen Ausbau des Playertableaus auf unterschiedliche Arten und das Stichspiel um die ausliegenden Phänomene ist stimmig, sauber und geht locker von der Hand.

Lediglich beim Balancing sind Kombinationen aufgetreten, die das Spiel zu mächtig für den auslösenden Spieler werden lassen. Auch die Tatsache, dass es sich um ein Kennerspiel handelt, sollte man beachten. Geht man – gelenkt durch die humoristische Gestaltung und fiese Interaktion – mit einer anderen Erwartung an Believe in me! (please) heran, kann man schnell enttäuscht werden. Dann ist man einem falschen Propheten auf den Leim gegangen. Auch irgendwie thematisch. Believe in me! (Please) ist auf jeden Fall einen intensiven Blick wert und könnte mit leichten Anpassungen schnell richtig gut werden.

Believe in me! (please) Ambivalentes Götterspektakel
Spielinformationen
Genre: Strategiespiel | Personen: 2 - 4 | Alter: 14+ | Dauer: 60 - 120 Minuten | Autor: Erik Haffner, Henneke Holst, Cornel Krizsan | Illustration: Maren Gutt | vorläufiges Bemusterungsexemplar zum Testen zur Verfügung gestellt
SPIELSPASS
7
MATERIAL
7.5
SPIELIDEE
7.5
Positive Aspekte
Einzigartiger Humor in bester Terry Pratchett und Monty Python Tradition
Mix aus verschiedenen Karten, Workerplacement und Stichspiel
Sehr guter Tableauausbau
Geniale grafische Umsetzung und Gestaltung
Vielfältige strategische Möglichkeiten
Hohes Zerstörungspotenzial der Strategie der Mitspielenden
Negative Aspekte
Kartenkombination kann zu einer mächtigen unaufhaltsamen Strategie führen
Tendenziell schwer einen "Rückstand" aufzuholen
Der humoristische Ansatz verwischt oft die Tatsache, dass es sich um ein Kennerspiel handelt.
Hohes Zerstörungspotenzial durch Mitspielende meiner Spielstrategie
7
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