Lesezeit: 6 Minuten
Entgleiste WahrheitenDas Team von Suspecto erreichte mit dem Krimi-Spiel Entgleiste Wahrheiten Unerwartbares. Sie erreichten, dass meine Frau und ich, a.k.a. Familie Sherlock, bestehend aus Chris Slater und Julia Jacobsen wieder aus ihrem Versteck in untersten Hirnarealen krochen. Unsere Alter Egos schleppten sich zum verstaubten, imaginären Ermittlerschrank und holten wieder ihre feinsten Detektiv-Hüte heraus und stülpten sich den stylishen Trenchcoat über. Wir waren wieder im Modus! Ich gebe zu, die meisten Krimi-Brettspiele waren dazu in letzter Zeit nicht mehr in der Lage. Gerade die reduzierten Ausflüge oder Fälle aus Altbekanntem erdrosselten die Motivation, wie der fieseste Hitman, sich neuen Fällen zu nähern. Dabei erwies sich die Entgleisten Wahrheiten zunächst auch als schwieriges Unterfangen, denn da schmettert einem die Spielzeit die Ermittlernase in den Hinterkopf: Sechs Stunden auf Expertenniveau! Ist das deren Ernst?

Kurzcheck: Darum geht es in Entgleiste Wahrheiten

Entgleiste Wahrheiten ist der erste Fall von Suspecto und kommt in diesen mittlerweile bekannten und etablierten Pappschachteln für Krimi-Spiele daher. Schick sieht sie aus. Ein Zug entgleist im Nirgendwo. Unfall? Sabotage? Verschwörung? Natürlich ist es nie nur ein kaputter Bremsklotz, sonst könnten wir auch gemeinsam eine Bahn-Servicehotline anrufen und hätten genug mystischen Horror für den Abend. Ich erwartete trotzdem Bekanntes nach der Machart der Hidden-Games-Reihe. Immerhin für mich die bisher konstantesten und hochwertigsten Krimi-Spiele, wenn auch mit schwankendem Spielspaß. Tja, auch Chris Slater täuscht sich, denn direkt nach dem Öffnen der Schachtel offenbart sich eine andere Spielwiese.

Entgleiste Wahrheiten ist nämlich ein Hybrid-Spiel! Und damit ist nicht gemeint, dass wir als Ermittlerteam auch im World Wide Web nach Hinweisen suchen, Telefonnummern anrufen oder uns in Accounts hacken. Klar, auch das feiere ich, vor allem wenn es gut gemacht ist. Mit Hybrid-Spiel ist gemeint, dass Suspecto eine Web-App entwickelt hat, die enorm umfangreich ist und schnell zur spielmechanisch praktischen wie visuell extrem stylishen Schaltzentrale für alle wird. So werden umfangreiche analoge Beweise aus der Schachtel mit einer digitalen Ermittlungszentrale verbunden. Wir erhalten nicht nur eine Fallakte mit realistisch wirkenden Dokumenten, Fotos, Streckenplänen, Zugtickets und weiteren Asservaten. Nein, wir verfolgen digitale Spuren, arbeiten mit Websites, Chats, E-Mails oder Datenbanken und die Web-App verknüpft dies als Ermittlungsplattform. Daher muss sich auch jede Person mit einem Account anmelden. So laufen immer alle Daten zusammen. Ich finde einen Hinweis auf einer Webseite? Meine Frau sieht diesen Hinweis dann auch in der gemeinsamen Datenbank auf ihrem Smartphone. Die Zentrale kann aber noch mehr! Sie fungiert als E-Mail-Plattform mit den Auftraggebern, inkludiert ein Chatsystem für ein Hilfesystem und fasst nach gewissen Meilensteinen den Ermittlungsstand zusammen. Gerade bei der langen Spielzeit – wir benötigten an die 9 Stunden – ist diese App Gold wert. Auch weil so kinderleicht und jederzeit das Spiel unterbrochen und gespeichert werden kann. Diese Hybridität ist aber nur ein cooles Werkzeug. Was wirklich im Schlaglicht glänzt, sind andere Qualitäten!

Aus Spoielergründen werden von mir nur wenige Fotos gezeigt

Premium-Sessel

Suspecto spricht von einem Premium-Krimi-Brettspiel. Da kann ich nur mit dem Kopf nicken, wie Captain Kirk zu seiner besten Zeit. Auf dem Tisch entblättern sich schnell eine Fülle an Beweismaterial und dies in bester Qualität. Hier gelingt wieder der Kniff, dass mit etwas Kopfkino das Wohnzimmer zum Tatort wird. Wie sagte meine Frau so schön: Endlich wieder wie die echte Polizei. Das können sicher nur Leute sagen, die nichts mit echter Polizeiarbeit zu tun haben. Mir egal. Das hier ist echt. Und das beeindruckt vordergründig im digitalen Raum, weil qualitativ hochwertiges analoges Material sicher nicht selbstverständlich ist, aber eben durchaus von der Konkurrenz bekannt.

Ich werde hier nicht spoilern, aber das, was wir hier an Fülle und Detailversessenheit im Netz gefunden haben, sucht aus meiner Sicht seinesgleichen. Es ist diese Lebendigkeit, die begeistert, weil qualitativer Inhalt nicht nur dort haltmacht, wo es um ermittlungstechnische Fakten geht. Auch abseits der Brotkrumen begeistert der Inhalt. Personen, Webseiten, Chats und gefundene, hier nicht verratene digitale Inhalte sind nicht nur Informationsschleudern, sondern entwickeln „Persönlichkeit“. Neudeutsch spricht man hier von großartigem World-Building. Es gibt sogar Eastereggs oder witzige Abzweigungen zu finden, die nicht mit dem eigentlichen Fall zu tun haben, aber einfach die Liebe fürs Detail zeigen. Hier sitzen Menschen am Werk, die richtig Bock haben, einem ein cooles Erlebnis zu zimmern.

Die Web-App als Schaltzentrale bietet viele verschiedene Funktionen

Packende Kopfnuss

Dabei bleibt der Fall stets logisch, aber enorm umfangreich verzweigt. Immer wieder werden neue Indizien gefunden, die ein anderes Licht auf die Ereignisse werfen. Durch viele Verknüpfungen aus analogen und digitalen Funden, werden auch noch nach Stunden neue Spuren und Aha-Erlebnisse produziert. Wir spielten teilweise locker parallel an unterschiedlichen Spuren und Beweisstücken, unterbrochen von kurzen, aber intensiven Austauschorgien. Ja, wir waren akribisch, ja wir lösten den Fall mit 100 % und fanden fast alle Eastereggs, aber wir ermittelten auch über drei Tage und über neun Stunden. Da kann am Ende etwas Zeit abgezogen werden, weil beim Wiedereinstieg immer etwas Zeit verloren geht, aber es zeigt einfach auch die Fülle an Material und deren komplexe Verbindungen. Hier wird definitiv hart geknobelt!

Was du am Anfang vielleicht in die Hand nimmst und zaghaft eine Ahnung sich im Bauch entwickelt, kann stellenweise erst wieder nach 6 Stunden Ermittlungsarbeit interessant werden. Ja, es gibt durchaus so etwas wie einen roten Faden, aber trotz der strukturgebenden App haben wir selten so viele Notizen aufgeschrieben. Besonders hervorzuheben ist auch die Dynamik des Falls. Durch enträtselte Fundstücke und die Hybridität, werden an bestimmten Punkten des Krimi-Verlaufs neue Spuren sowie zusätzliche Fragen zum Fall dynamisch passend eingestreut. Das erzeugt nicht nur knisternde Spannung, sondern motiviert ungemein, am Fall dranzubleiben. Wer Rundenstrategie im Videospielbereich und deren Sog kennt, weiß ungefähr, was hier passiert. Praxisbeispiel: Ich schaue auf die Uhr und sehe, dass es schon halb neun ist. „Schatz, äh, Julia Jacobsen, um 22 Uhr machen wir aber Schluss, oder?“ – Der nächste Blick auf die Uhr ist dann der Schocker. Da zeigt sich eine 23:30. Verdammt, Entgleistes Zeitgefühl sollte der Fall heißen.

Nur ein Bruchteil unserer Notizen

Reibung!

Wenn also ein Streckenplan plötzlich nicht nur Papier ist, sondern ein mögliches Motiv. Wenn ein Ticket keine Requisite mehr ist, sondern eine zeitliche Bombe. Wenn ein Foto mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet. Dann beginnt dieser Ermittlungs-Sog, bei dem der Tisch langsam aussieht wie die Pinnwand aus einer Krimiserie. Entgleiste Wahrheiten ist also der neuste Krimi-Traum?

Fast. Dass wir manchmal nicht weiterwussten? Zwingend notwendig. Dass manch Beweisstück aber so kleine Schrift beherbergen muss? Klar, die Augen werden älter, aber wir benötigten hier stellenweise wirklich eine Lupe. Vielleicht auch gewollt? Ich fühlte mich so teilweise wirklich wie Sherlock Holmes. Wenn es wirklich nur um Text geht und nicht um versteckte Hinweise, benötige ich dann doch eher den Fokus auf den gut lesbaren Text. Und auch wenn es Suspecto mehrfach betont: Ihr benötigt als Gruppe wirklich einen Laptop. Recherche auf dem Smartphone funktioniert, das angepriesene Mission-Hub als Web-App ist auf dem Smartphone allerdings zu verschachtelt aufgebaut. Wir kamen rein, aber es war stellenweise etwas krampfig. Beide Faktoren sorgen dafür, dass das eigentlich motivierende Vorwärtskommen unnötig ausgebremst wird. In die gleiche Digitale-Kerbe schlägt der Einstieg. Keine Frage, der Trailer fetzt und lässt sich auch immer wieder anschauen, aber wir waren beim Start nach dem Auftragsschreiben mit den harten Einstiegsfakten etwas verwirrt. Wer war da jetzt gestorben? Trailer und Auftragsschreiben sind unterschiedlich detailliert.

Eine Lupe ist von Vorteil

Fazit

Entgleiste Wahrheiten hat geschafft, was ich nach zu vielen lauwarmen Krimiabenden kaum noch erwartet hätte: Es hat Chris Slater und Julia Jacobsen wieder aus dem Ermittlungsruhestand gezerrt. Die Hüte saßen, die Trenchcoats flatterten imaginär durchs Wohnzimmer und unser Tisch sah irgendwann aus, als hätte eine Mordkommission im Ausnahmezustand ein Papiermassaker gefeiert. Genau so muss sich ein Premium-Krimi anfühlen. Suspecto liefert mit seinem ersten Fall keine kleine Rätselpraline, sondern ein ausgewachsenes Ermittlungsmenü mit mehreren Gängen, hervorragenden digitalen Abzweigungen und ordentlich Kopfnuss im Dessert. Die Web-App ist dabei kein Gimmick, sondern die Zentrale, die analoge Beweise, digitale Spuren und Ermittlungsfortschritt elegant zusammenhält. Noch stärker aber ist das World-Building: Webseiten, Chats, Personen, Dokumente und Nebenspuren wirken nicht wie bloße Hinweisschilder, die wir bis zum Ziel abklappern, sondern wie Teile einer lebendigen Fallwelt. Ja, die kleine Schrift auf manchen Beweisen fordert die Ermittleraugen härter als jeder fiese Hitman und ohne Laptop wird der Mission-Hub unnötig fummelig. Auch ein etwas detaillierte schriftlicher Einstieg hätte dem Fall gutgetan. Aber das sind verschmerzbare Reibungen in einem ansonsten wirklich beeindruckend dichten Krimi-Erlebnis. Wer bereit ist, sich akribisch zu verbeißen, Notizen zu stapeln und gemeinsam über Stunden Spuren zu zerlegen, bekommt einen der stärksten Krimi-Fälle, die wir bisher auf dem Tisch hatten. Entgleist ist hier am Ende vor allem unser Zeitgefühl. Genau das ist vermutlich das schönste Kompliment.

Information: Wir haben nicht den Echtzeit-Modus gespielt, in dem der Fall unter Zeitdruck gelöst werden muss.

Entgleiste Wahrheiten
Spielinformationen
Genre: Krimi-Spiel | Personen: 1–6 | Alter: ab 16 Jahren | Dauer: 6 Stunden | Autor: Suspecto Games | Illustration: Suspecto Games | Rezensionsexemplar erhalten
SPIELSPASS
9
MATERIAL
10
SPIELIDEE
8.5
Positive Aspekte
Grandiose digitale Inhalte
Herausragendes World-Building
Logische Entwicklung, packende Rätsel
Web-App als Zentrale ein Mehrwert
Analoges Material hochwertig
Negative Aspekte
Einstieg etwas holprig und erschlagend
Schrift auf Bildern teilweise sehr klein
Web-App auf dem Smartphone bisweilen fummelig
9

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