Lesezeit: 7 Minuten

Wusstet ihr, dass Iki 2023 auf der Nominierungsliste zum Kennerspiel des Jahres war? Ich war in zweierlei Hinsicht völlig überrascht. Erstens, als Uwe Iki mitgebracht hat, und zweitens, als wir das Logo der Jury auf dem Cover entdeckten. Am Tisch kramten wir nun eifrig in unseren Köpfen nach weiteren starken Titeln im 23er-Jahrgang und was soll ich sagen? Ich bin in solchen Sachen echt schlecht und musste entsprechend auf der Spiel des Jahres-Seite suchen. Ich war nochmal überrascht: Neben dem Gewinner Challengers! tauchten dort Planet Unknown und Council of Shadows im erweiterten Kreis auf. Und was soll ich sagen: Alle Spiele sind für mich persönlich sehr belanglos, beliebig und austauschbar und völlig von meinem Radar verschwunden. Da Iki nie auf dem Radar war, bin ich sehr gespannt, was jetzt auf dem Tisch passiert. Bleibt Iki in der Bedeutungslosigkeit oder kann es die bedeutungslose Kennerspielliste 23 für mich retten?

Kurzcheck: Darum geht es in Iki

Die Wortbedeutung von Iki beschreibt ein ästhetisches Ideal. In der durch Frieden und Stabilität geprägten Edo-Zeit wird dadurch ein anspruchsvoller, stilvoller und schicker Geschmack beschrieben, der nicht prahlerisch oder anmaßend ist. Genau mein Ding, denn als Waage ist man den schönen Dingen zugewandt. In Edo, der heutigen Stadt Tokio, florierte entlang der Hauptstraße der Markt der Stadt, in dem zahlreiche Handwerker und Händler ihre Läden betrieben und Waren, schöne Dinge und Dienstleistungen feilboten. Wie im Japanischen verbirgt sich hinter Iki noch mehr: Es steht für die ideale Lebensweise der Bürger. Und das ist eure Aufgabe und das thematische Setting im Kennerspiel von Giant Roc.

Iki wird über die Dauer eines Jahres gespielt, das in die vier Jahreszeiten unterteilt ist. Mit dem Wechsel der Jahreszeiten wird immer die Auslage an Karten und Plättchen gewechselt sowie Ressourcen erwirtschaftet. Kern von Iki ist die Aktivierung von unterschiedlichen Händlern in einem sehr coolen Mechanismus. In jedem Monat bestimmt ihr, wie viele Schritte ihr mit eurer Figur auf dem Spielbrett Markt lauft und welchen Stand ihr entsprechend aktiviert. Hier könnt ihr zwischen einem und vier Schritten wählen. Je weniger Schritte ihr lauft, desto früher seid ihr in der Runde am Start. Und das ist ziemlich fett gelöst, aber dazu später mehr. Wer denkt, Iki sei ein simples Pick & Deliver, der irrt, denn über Konzepte wie Feuer oder Erfahrung, Angestellte, Gebäude, Ernähren und Rente glänzt das Spiel auf vielen Ebenen. Also ab nach Edo.

Die großen Alten betreten den Markt

Vor dem Spiel ist nach dem Spiel

Uwe, Marco und ich schauen uns an. Eine Stunde und 20 Minuten hat unsere erste Partie Iki gedauert. Wild diskutieren wir über strategische Möglichkeiten im Spiel. „Du hast dich nicht genug um das Feuer gekümmert“, stellt Uwe in Richtung von Marco fest, der krachend die erste Partie verloren hat. „Ja“, antwortet dieser sichtlich angefressen, „aber Markus hat auch immer den Bereich gezogen, indem ich die meisten Gebäude hatte. Es waren immer nur meine Gebäude betroffen.“ – „Dafür sind meine Angestellten immer verhungert, weil ich nicht genug Nahrung hatte“, erwidere ich. „Dein fettes Gebäude hat dir aber das Spiel gewonnen“, resümiert Uwe. „Ich will direkt noch mal spielen“, insistiert Marco. Alle nicken am Tisch anerkennend und starten die zweite Partie Iki. Ich bin begeistert. Wann immer nicht über „broken“ oder „overpowered“ oder „klonkig“, sondern über „was-kann-ich-wie-ändern“ diskutiert wird, hebt sich meine Laune. Denn das ist immer ein Zeichen für Spielspaß und Wertschätzung und ein gutes Spiel. Doch was steht hinter der Diskussion? Dafür müssen wir kurz noch mal zur Mechanik.

Starthändler

Phase A

Wer am meisten für den Brandschutz macht, ist in der ersten Phase der Startspieler. Das ist wichtig, denn hier habe ich volle Auswahl auf die möglichen Schritte und hier startet schon das erste Taktieren. Möchte ich nur einen Schritt laufen? Das ist gut, wenn ihr in der nächsten Phase B Startspieler sein möchtet. Denn in dieser Phase B fängt der Spieler mit den wenigsten Schritten auf dem Markt an. Problem an der ganzen Sache: Jedes Mal, wenn ihr den Markt einmal umrundet habt, bekommt ihr für eure Angestellten Erfahrungspunkte. Die wollt ihr auch. Und vielleicht führt euch der eine Schritt nicht zum gewünschten Stand. Entscheidet ihr euch aber für vier Schritte, seid ihr in der Phase B sicher als Letzter am Zug, und das kann echt bitter sein, wie folgendes Beispiel zeigt.

Die Zugreihenfolge und die Anzahl der Schritte mit denen ich mich als Basiswert (ohne Sandalen) über den Markt bewege.

Step by Step

Ich wähle vier Schritte, Uwe drei. Mein Plan ist sicher durchdacht: Ich laufe vier Schritte zum Stand von Uwe. Jeder Marktbereich hat ein allgemeines Feld und Slots für zwei Händler. Uwe hat einen guten Stand gebaut, der mir hilft. Ja, in Iki nutzt ihr die Stände der Mitspieler. Immer wenn ihr die Stände der Mitspieler nutzt, bekommt der Angestellte in diesem Stand einen Aufstieg. Das muss ich in Kauf nehmen. Ist der Angestellte dreimal aufgestiegen, darf er in Rente gehen. Das hat coole Teotihuacan-Vibes. Der Besitzer bekommt die entsprechende Karte je nach Farbe in seinen Spielbereich. Über Set-Collection und Zusatzplättchen werden so zum Spielende Siegpunkte vergeben, aber das ist hier nicht das Thema. Das Beispiel zeigt einen genialen Kniff von Iki: Ihr möchtet richtig gute und attraktive Stände bauen, damit eure Mitspieler diese nutzen, eure Figuren altern lassen und ihr die Karten bekommt. Besucht ihr selber euren Stand, bekommt ihr auch alles, nur keine Erfahrung. Ihr selber könnt euch halt keine Google-Rezension schreiben. Als Mitspieler seid ihr immer im Dilemma: Ihr wollt den attraktiven Stand der Mitspieler nutzen. Aber wollt ihr eurem Kontrahenten die Erfahrung und damit vielleicht die wertvolle Karte schenken?

So sieht ein bestückter Marktbereich mit emsigen Angestellten aus.

Alles kaputt

Marco will es. Aber er hat es dabei primär auf mich abgesehen, denn er antizipert meinen Zug. Mein Plan war gut, außer dem Teil, den ich nicht berücksichtigt habe. Marco geht zwei Schritte, verlängert seinen Schritt mit einer Sandale und geht auch zu Uwe. Meine Gesichtsfarbe wechselt von einem zarten gesunden Rosa zu einem blassen japanischen porzellanweiß. Uwes Angestellter steigt auf. Und zwar auf das letzte Feld vor der Rente. Ich kotze im Strahl, denn Uwe überquert mit seinen drei Schritten den Marktplatz. Dadurch erhalten alle seine Angestellten einen Aufstieg. Der Angestellte an diesem guten Stand von Uwe geht einfach in Rente und schließt seinen fucking Laden. Die Karte wandert in Uwes Bereich. Und an der Stelle, wo eben noch eine blühende Strategie von mir war, ist auf einmal ein Nichts. Ich habe keine Sandalen, also muss ich diese vier Schritte gehen. Das Drama geht noch weiter.

Ein Jahr ist schnell vorüber – nach einer Jahreszeit werden die Plättchen aufgefüllt, produziert und die Karten neu gemischt. Zwischen Mai und Juni bricht ein Feuer der Stärke 5 aus.

Ohne Mampf keine Arbeit

Wir wechseln die Jahreszeit. Alle eingesetzten Arbeiter müssen ernährt werden. Vorher produzieren die Gebäude aber noch Ressourcen. Ich schwelge in Reichtum, bekomme Geld, mit dem ich mir Gebäudekarten kaufen kann. Aber meine monetären Ressourcen ernähren keine Angestellten. Das sollte Uwe für mich ermöglichen, denn bei seinem attraktiven Gebäude hätte ich Nahrung erhalten. Hätte, hätte, Fahrradkette. Es ist weg. Einfach weg und ich habe keine Nahrung. Also muss ich jeden Angestellten, den ich nicht ernähren kann, zurücknehmen. Und ein Gebäude ohne Angestellte läuft nicht und wird einfach abgeworfen und kommt nicht in meinen Spielbereich.

Reis & Sandalen

Und noch mehr

Iki ermöglicht auf vielen Ebenen so verzahnte und verschränkte Aktionen, ohne dabei kompliziert, langatmig und eindimensional zu sein. Ich kann den Brandschutz bei meinen Gebäuden vernachlässigen. Das ist ein Risiko, das ich eingehe, was aber bestraft werden kann, denn das Feuer schlägt random zu. Ich kann über Fische eine zweite Set-Collection betreiben. Ich kann aber auch über Tabak und die Tabakspfeife meine End-of-Game-Wertung entsprechend individualisieren. Oder ich spiele auf mächtige Gebäude, die zwar teuer sind, mir aber am Ende des Spiels auch richtig viele Siegpunkte geben. Ein weiterer Vorteil der Gebäude: Dort eingesetzte Angestellte müssen nicht ernährt werden. Ein Nachteil der Gebäude: Dort eingesetzte Angestellte verbleiben für das ganze Spiel dort und kommen nicht zurück. Das ist tragisch, denn ihr habt nur vier. Alle Wege bei Iki funktionieren, allerdings ist die Gefahr bei Vollbesetzung groß, dass bei einer einseitigen Strategie das Ende brökelt, weil die Mitspieler den Weg verbauen.

Ein Teil des Marktplatz mit noch leeren Gebäuden / Handwerkern. In den blauen Hallen kann für Geld Nahrung oder Sandalen erwerben, je nachdem wo sich meine Figur befindet.

Schatten

Warum ist Iki denn unter dem Kennerspielradar geflogen? Es ist doch eigentlich genau mein Beuteschema, zumal die deutsche Lokalisierung des Spiels von 2015 von Giant Roc eine super Anleitung und zugängliche Regeln hat. Iki ist gut. Ohne Wenn und Aber, allerdings erfindet es jetzt auch Brettspielen nicht neu. Das, was es macht, ist solide: bekannte Wertungsmöglichkeiten und Ressourcen. Der Kniff mit der Spielerreihenfolge und dem Rentensystem trägt das Spiel und sorgt für Interaktion. Das war es aber eben schon. Die Varianz ist gering, obwohl der Wiederspielwert eben genau durch diese Interaktion gegeben ist. Iki bietet nicht mehr, aber das Angebotene ist kurzweilig, vor allem im Zusammenspiel mit der geringen Downtime und der kurzen Spielzeit.

Die Gebäude sind mächtig. Aber Ressourcen sind hart zu bekommen und um an Gold zu kommen braucht es viel Geld. Ein langer aber potentiell guter Weg.

Fazit

Iki überzeugt mich durch die hohe Vernetzung der Spieleraktionen und die intelligente Lösung der Zugreihenfolge. Das Spiel geht locker und schnell von der Hand, überzeugt durch eine klare Symbolsprache, eine tolle Anleitung, wenige Regeln und einen hohen Spielspaß. Iki packt bekannte Elemente wie Set-Collection, End-of-Game-Wertung und unterschiedliche Strategien geschickt zusammen. Besonders die Erfahrungspunkte und die Rente der Angestellten geben dem Spiel gerade mit vier Spielenden einen guten Twist. Das Spiel platziert geschickt die Notwendigkeit, richtig gute Gebäude für die Mitspieler zu bauen und den inneren Zwiespalt, diese Angebote zu nutzen. Durch die möglichen unterschiedlichen Zugreihenfolgen in den unterschiedlichen Phasen entsteht in jeder Runde ein Taktieren und Vorausplanen und die Gefahr, dass ein sauber geplanter Zug durch den Gegner zerstört wird, weil einfach der Angestellte in Rente verschwindet und das Gebäude weg ist. Diese Mechanismen tragen das Spiel, bieten aber sonst wenig Varianz. Trotzdem sind in Iki  so alle Spielenden gefesselt bei der Sache, allerdings gilt hier: Je mehr, desto besser. Iki glänzt bei maximaler Spieleranzahl.

Iki Kennerspiel aus 2023
Spielinformationen
Genre: Strategiespiel | Personen: 2 - 4 | Alter: ab 14 Jahren | Dauer: 60-90 Minuten | Autor/in: Koota Yamada | Illustration: Dommiy, David Sitbon, Koota Yamada |
SPIELSPASS
8
MATERIAL
7
SPIELIDEE
7.5
Positive Aspekte
Sehr guter Mechanismus aus Zugreihenfolge, Schritten und Erfahrungen der Angestellten, der das Spiel trägt
Vernetzung aus Aktionen der Mitspieler gelungen
Hoher Anreiz für gute Gebäude für die Mitspieler zu bauen
Sehr gute Anleitung mit zugänglichen Regeln und einer guten Übersicht
Keine Downtime und kurze Spielzeit
Negative Aspekte
Am besten mit vier Mitspielern, noch okay mit drei Mitspielern
Der Hauptmechanismus ist das zentrale Element, die anderen Dinge sind altbekanntes Beiwerk
7.5
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