Lesezeit: 6 Minuten
The Vale of Eternity wird als Name in der Brettspielcommunity fast schon ehrfürchtig gewispert. Von einem der besten Deckbuilder der aktuellen Zeit ist die Rede. Wie das mutige Mädchen vor dem mächtigen Drachen sich demütig verneigt, spricht man erhaben und voller Anerkennung vom Kennerspiel The Vale of Eternity. Auch ich möchte die mächtigen Drachen und Kreaturen des ewigen Tals bezwingen und bin freudig erregt, als Christian mir das Spiel aus Hamburg rüber schubst. Kann The Vale of Eternity diesem Druck standhalten? Ist der Hype gerechtfertigt? Oder ist das Spiel – ich benutze ein grausames Wort – gar overrated? Schnürt eure Wanderschuhe und entdeckt mit mir fantastische Tierwesen, denn ich weiß, wo sie zu finden sind.

Kurzcheck: Darum geht es in The Vale of Eternity

Ihr möchtet der mächtigste Bändiger wilder Kreaturen, Monster & Drachen werden? Aus diesem Grunde macht ihr euch in das Tal der Ewigkeit auf. Zwei bis vier Spielende liefern sich entweder ein Wettrennen zu 60 Siegpunkten und/oder 10 Spielrunden. Die Spielrunden sind simple. Es werden doppelt so viele Karten Kreaturen ausgelegt wie Spielende am Tisch. Im Snake Draft markiert jeder zwei Kreaturen. Diese können verkauft werden und ihr erhaltet die entsprechenden Runensteine der Auslage oder ihr zähmt die Kreatur und erhaltet die Karte auf die Hand. Habt ihr Handkarten und Runensteine des entsprechenden Werts der Kreatur, könnt ihr diese natürlich in eure Auslage spielen. The Vale of Eternity glänzt dabei mit zwei wichtigen Regeln. In der Auslage darf man nur so viele Karten entsprechend der Spielrunde haben. Und jeder darf maximal vier Runensteine besitzen. Erhalte ich mehr, muss ich augenblicklich abwerfen. Mein Rucksack im Tal, fernab der Heimat ist eben klein.

Rundenanzeiger und Siegpunktleiste.

Tricky

Die erste Runde. Die Auslage ist voller Wasserwesen. Welche nehme ich? Ich entscheide mich für Undine und Yuki Onna. Undine mag ich sehr. Sie kostet fast nichts und hat zwei Effekte. Als Soforteffekt gibt sie mir einen 3er Runenstein und ein Stundenglas. Das Stundenglas fordert einen Effekt in der Aktivierungsphase. Diese Stundengläser sind Segen und Fluch zugleich, denn ihre Effekte sind verpflichtend. Habe ich ein solches Symbol ausliegen, muss ich diesen Effekt ausführen, egal ob er mir passt oder nicht. Mein Problem in dieser Runde: Ich habe zwei Kreaturen gezähmt auf die Hand genommen. Da ich keine freigelassen habe, habe ich folglich auch keine Runen, um sie zu beschwören. Meine Auslage = Null.

Startspieler, Auswahlmarker und Anzeigestein

 

Mühsam ernährt sich der Drachenbeschwörer

In Runde zwei spiele ich Undine, nachdem ich vorher eine Kreatur für einen 1er und einen 3er Runenstein verkauft habe. Zusätzlich zu Undine spiele ich für lau Yuki Onna. Ich habe nun Runensteine im Wert von sechs und werfe sie ab, um sechs fucking mächtige Siegpunkte zu erhalten. Yes. Runde zwei und ich drücke das Gaspedal durch. 1/10 der Siegpunkte sind schon auf dem Konto. Kati, Drachenzähmerin Nr.2 schaut erhaben zu mir auf. Ja, es kann nur einen geben. Wer hat denn Drachenzähmen leicht gemacht mit den Kindern geschaut? Wer ist in Klong! nun mal leise und clever in der Nähe der Drachen? C’est moi. Zudem kann muss ich durch Undine eine Karte auf die Hand zurücknehmen. Natürlich nehme ich Yuki Onna auf die Hand zurück. Wäre ja gelacht, wenn der Move nicht häufiger klappt.

Die erste Runde

Da guckste in die Röhre

Ich mache es kurz und knapp. Der Move klappt häufiger. Aber nicht so zündend wie erhofft. Meine Auslage und meine Effekte wachsen nicht. Die Engine läuft, aber sie läuft schleppend. Ich habe zwar einen ordentlichen Vorsprung vor Kati, aber er wird nicht größer. Mehr noch. Es beschleicht mich das ungute Gefühl, das ihre Engine so langsam ins Rollen kommt. Der Schweiß tritt mir auf die Stirn und ich rutsche unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Wir sind in Runde fünf und ich bin Startspieler. Ich lege meinen ersten Stein und blockiere eine Karte, die perfekt in Katis Engine gepasst hätte. Bitch Move. Vielleicht sieht sie ja die Karte nicht, die ich zudem noch gerne hätte….Doch….Sieht sie. Weg.

Die Karte ist mir durch die Lappen gegangen.

Crunch Time

Jetzt geht es los. Mit der Karte der letzten Runde bin ich zurück im Geschäft. Was soll ich sagen? Kati hat die bessere Engine und hat in den letzten Runden unfassbar viele Siegpunkte gemacht und mich überholt. Ich habe jedoch vier Wassersymbole ausliegen und meine Karte, die ich jetzt ausspiele, gibt mir drei Siegpunkte für jedes dieser Symbole. Fette Zwölf. Und ihr erinnert euch? Ich kann jede Runde eine Karten zurückrufen – also kann ich diese Karte immer spielen und müsste es so bis zum Spielende nach vorne schaffen. Oder vielleicht schaffe ich es vor dem Abschluss der 10ten Runde als Erster 60 Punkte zu erreichen? Das Rennen ist tougher als gedacht. Kati spielt eine Karte aus. Ich gucke ziemlich bescheiden. Der Drache verkohlt mir gerade den Arsch. Ich muss eine Karte mit Wassersymbol aus der Ablage entfernen! Entfernen! Sie ist futsch und damit gehen 3 Siegpunkte flöten. Fest eingeplante.

Nachziehstapel und Discard

Bitter Sweet Symphonie

Kati spielt ihren Fatality Move in Runde neun in bester Mortal-Combat-Manier. Ich bin noch 15 Punkte vom Ziel entfernt. Kati ist in Schlagdistanz, aber: sie spielt eine Karte, die Ihr 5 Siegpunkte für jedes Drachensymbol gibt. Sie hat drei ausliegen. Mehr noch. Sie zahlt einen 3er Runenstein für 5 Siegpunkte. Sie marschiert durch das Ziel. Ich kann nicht mehr reagieren, da sie nach mir an der Reihe war. Vorzeitiges Ende in Runde 9. Meine Engine hat nicht gezündet. Sie war ok. In den ersten Runden hat sie mir Vorteile ermöglicht, aber in der Tiefe war zu wenig Fleisch am Knochen. Klar, ein wenig Glück ist bei einem Kartenspiel vorhanden, aber der Draftmechanismus gleicht das sehr schön aus. Vor allem im Spiel mit drei oder vier Spielern zündet das Spiel deutlich mehr. Allerdings muss man auch etwas mehr Wartezeit in Kauf nehmen.

Meine Schlussauslage…Dünn.

Absolutes Kennerspiel

Das Erstellen einer funktionierenden Engine ist das Kernelement von The Vale of Eternity. Die Regeln dazu sind perfekt auf das Spiel geschnitten, die Karten liebevoll und thematisch gestaltet. Ich habe nie das Gefühl, das Karten unbalenced oder overrated sind. Je mehr Spieler am Tisch, desto anspruchsvoller wird der Enginebuilder. Warum? Nun, bei vier Spielern liegen acht Karten im Draft, zudem sollte ich schon wissen, welche Engine meiner Gegner versuchen zu spielen. So kann der Spaß zu einer Rechen- und Optimierorgie werden, was ich keinem empfehlen würde, denn darunter leidet das Spiel. In einigen Partien hat mich zudem The Vale of Eternity nicht gepackt. Es hat Spaß gemacht, aber nicht richtig gezündet. Warum? Ich habe keine Ahnung. Andere Partien waren dann wieder mit schweißnassen Händen gesegnet. Ich bin gespannt, was ihr dazu berichtet.

Verschiedene Kreaturen mit unterschiedlichen Symbolen

Fazit

The Vale of Eternity ist ein unfassbar toller und ausgewogener Deckbuilder. Der beste Deckbuilder aller Zeiten? Das kann ich nicht behaupten, teile aber auch nicht immer diese Glorifizierung. The Vale of Eternity ist super schnell zu lernen und schwer zu meistern. Die Regeln mit dem Draft, der Anzahl an Karten entsprechend der Runde und die Runensteinbegrenzung fügen sich geschmeidig und elegant in die ausgewogenen Karten ein. Je mehr Spieler am Tisch sitzen, desto größer wird die Komplexität und die die Wartezeit zwischen den Zügen, die sich bei normalspielenden Menschen aber im erträglichen Rahmen hält. The Vale of Eternity hat mich gepackt. Nicht immer, aber sehr häufig. Es ist so, dass ich es definitiv regelmäßig auf den Tisch bringen werde. Ich verstehe den Hype, denn das Spiel ist aufgrund der Argumente ein Highlight des Jahres. Mich hat es nicht gehyped, ich gehe aber mit, dass wir ein gutes Spiel hier auf dem Tisch und im Regal haben.

The Vale of Eternity

29.99€
7.9

AUSSTATTUNG

7.5/10

SPIELIDEE

7.9/10

SPIELSPASS

8.4/10

Kurzfakten

  • Sehr guter Enginebuilder
  • Schneller Einstieg durch wenig Regeln
  • Innovative Runenstein Währung
  • Je mehr Spieler desto komplexer
  • Engine kann sehr fein aufgebaut werden
  • Wettrennen mit Siegpunkten

Spielinformationen

  • Genre: Enginebuilder
  • Personen: 2 - 4
  • Alter: ab 10
  • Dauer: 30 - 45 Minuten
  • Autor: Eric Hong
  • Rezensionsexemplar erhalten
Redakteur bei Brett & Pad | + Letzte Artikel

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3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • AUSSTATTUNG

    7.5

    SPIELIDEE

    8

    SPIELSPASS

    8

    Markus, wir haben mal wieder die gleiche Einschätzung ohne uns abgesprochen zu haben. Ich habe es auch ein paar Mal gespielt. Ein gutes Spiel, welches durch das erfrischende Ziehen von Karten eine tolle Dynamik auf den Tisch zaubert. Meine Kinder waren auch angetan. Wie so oft aber in diesen Zeiten, wenn man es nicht hat, wird man auch nichts verpassen.

    Antworten
  • Ich wollte es am Pegasus-Spieletag in einem öffentlichen Treff, wo ich regelmässig aufschlage, mitspielen, die Runde war aber schon voll. Reaktionen danach waren eher wenig begeistert, wenn ich das recht erinnere.
    Seitdem liegt das Exemplar dort wie Blei auf dem Auswahltisch und ich hab es seitdem keinen mehr spielen sehen. Da drängel ich mich jetzt auch nicht unbedingt vor 😉

    Antworten
  • Christian Sindermann
    6. Juli 2024 16:09

    Ich spiele es wirklich gern, zu 2 mit meiner Frau oder auch in der 4er Runde mit Brettspielfreunden, mir fehlen noch ein paar mehr Synergien, vielleicht etwas komplexer oder natürlich einfach mehr und neue Karten, aber sehr solides Spiel! Hatte ich so nicht erwartet bei dem überschaubaren Inhalt.

    Schön wäre eine Deluxeversion mit Holzrunen etc. gewesen, hab gerade nicht auf dem Schirm ob das auch mal ein Kickstarter war…

    Antworten

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