Lesezeit: 7 Minuten
Meine Obsession? Diese aufgeplusterten Fairchilds Zwillinge sollen meiner Familie wieder zu neuem Ruhm verhelfen. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Theodore, Earl of Ponsby und wenn wir noch etwas übrig haben, dann ist es ein bisschen Geld. Nicht viel, aber wenigstens etwas. Nicht so, wie die arroganten Cavendishs, die der Meinung sind, ihr höheres Ansehen könnte darüber hinweg tünchen, dass sie pleite sind, ihr Anwesen marode und ihre Bediensteten von niedriger Qualität. Aber sie werben genauso um die beiden Fairchilds wie die Familie Asquith und die Yorks. Aber denen werde ich es zeigen. Alles Pack und Gesindel.

Kurzcheck: Darum geht es in Obsession

Am Ende des rundenbasierten Spiels möchte ich die meisten Siegpunkte ergattern, um meine heruntergekommene Sippschaft in der Grafschaft Derbyshire in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu neuem Glanz und Ruhm zu führen. Dazu baue ich mein Anwesen aus, vergrößere mein Ansehen und locke Gäste aus dem Umland an, um an Aktivitäten teilzuhaben. Diese Gäste bringen Gefälligkeiten, wollen aber von meinen Bediensteten hofiert und begleitet werden. Wir sind schließlich der Adel. Dazu folgt Obsession einem starren Rundenablauf. Bedienstete verfügbar machen, Aktivität auswählen, passende Gäste dazu spielen und Bedienstete entsprechend einsetzen, Bonus der Aktivität und Gefälligkeiten der Gäste erhalten, auf dem Markt einkaufen und sein Anwesen vergrößern. Zudem passieren in unterschiedlichen Runden verschiedenste Ereignisse und es wird um die Gunst der Fairchilds geworben. Adel verpflichtet.

In diesem Beispiel geht es um die meisten Punkte im Herrenhaus (Mitte oben). Aus den zwei Fairchilds kann ich bei erfolgreichem Werben einen auf die Hand nehmen.

Mein Anwesen

Das Anwesen der Familien ist unterteil in das Herrenhaus, Dienst, Anwesen, Prestige und Sport. In meiner ersten Werbungsphase achten die Fairchilds auf die meisten Punkte im Herrenhaus. Das Werben geschieht offen, ich weiß also immer, in welchem Bereich ich Punkte benötige, um einen dieser verdammten Fairchilds zu bekommen. Aber warum möchte ich denn überhaupt am Ende einer Phase einen Fairchild? Nun, er ist mächtig und gibt mir viele Gefälligkeiten. Allerdings sieht es auf dem Markt aktuell schlecht aus. Es gibt keine Ausbauten für das Herrenhaus. Aber eine sportliche Aktivität, die zu meinen Siegpunktkarten passt. Allerdings kostet sie 700 Pfund! Ich warte. Geld ist knapp und muss gezielt eingesetzt werden.

Die Familie York: Oben rechts: Der aktuelle Ruf plus die Zugübersicht. Unten: Die Startausbauten der fünf Kategorien und meine Familie.

Ablauf

In meinem ersten Zug führe ich die Aktivität Empfangszimmer aus. Dafür muss ich eine rote Hauswirtschaftlerin einsetzen und zwei Ladies von der Hand spielen. Check. Da ich aktuell nur meine Familienkarten auf der Hand habe, ist dies einfach. Ich spiele Mable und Lady Margarete. Das Empfangszimmer generiert mir drei Ruf, Mable lässt mich aus zwei Gästen einen auf die Hand wählen und Margarete lockt ebenfalls einen neuen Gast an. Check. Nun wandert die Hauswirtschaflterin in den Pausenraum und die eingesetzten Karten auf den Ablagestapel und ich kaufe mir die eingezäunte Koppel für mein Anwesen.

Die drei Runden bis zum ersten Werben mit dem wichtigen Dorffest.

 

Die Krux

Die sportliche Aktivität war zu teuer. Meine Hauswirtschaftlerin ist im nächsten Zug nicht verfügbar. Sie muss ob ihrer schweren Arbeit eine Runde Pause machen. Bedienstete sind im England des 19. Jahrhunderts so schwer zu bekommen. Da ich aktuell leider nur eine Hauswirtschaftlerin zur Verfügung habe, kann ich in der folgenden Runde keine Aktivität buchen, bei der sie benötigt wird. Mehr noch. Die Aktivitäten selber haben auch Bedingungen. Zwei Familienmitglieder. Oder Frau und Mann. Oder sieben beliebige Gäste. Da die Karten aber immer auf den Ablagestapel wandern, stehen mir weniger Optionen zu Verfügung. So lange, bis ich passe und mein Ablagestapel wieder auf meine Hand wandern.

Die drei Bedienstete machen Pause. Bin ich wieder am Zug bewegen sie sich erst ins Bedienstetenzimmer bevor sie wieder arbeiten.

Ohne Ruf nix los

Ja, das Leben als runtergekommener Adel ist hart. Nicht nur, dass ich darauf achten muss, welche Aktivitäten die Fairchilds präferieren. Nein, ich muss zudem meine Bediensteten managen und meine Gäste passend ausspielen. Aber: Nicht jeden Gast kann ich beliebig einsetzen und nicht jede Aktivität ist meinem Stand angemessen. Ihr wollt ein Tennismatch anbieten? Gut, dann muss der Ruf eurer Familie mindestens bei zwei sein, sonst wird das nichts. Die Gäste geben euch vor, welchen Ruf sie von euch benötigen, denn sonst geben sie sich nicht mit euch ab. Irgendwie traurig, aber wie im richtigen Leben.

Der Markt: Für 500 Pfund kaufe ich ein Frühstückszimmer. Dort frühstücken 4 Adlige. Aber mein Ruf muss mindestens 2 sein. Wenn ich einmal das Frühstückszimmer genutzt habe, wird es geflippt. Auf der Rückseite sind Verbesserungen, mindestens aber mehr Siegpunkte.

Vernetzt und tricky

Aus all diesen Gründen ist Obsession herausfordernd, vernetzt und besitzt eine hohe Lernkurve. Je länger das Spiel geht – eine Standardpartie dauert 15 Runden, desto mehr Gäste habt ihr in eurem Deck, desto mehr Bedienstete tummeln sich in eurem Anwesen und desto mehr Aktivitäten habt ihr, die ihr hosten könnt. Das Schwierige an Obsession ist, dass ihr mehrere Züge im Voraus planen müsst, denn die Bediensteten machen Pause & die Gäste werden abgelegt. Ihr seht, welches Element in dieses Spiel einziehen kann? Richtig: ein wenig Verwaltung und eine große Portion Grübelarbeit. Man kann Obsession auch einfach drauf los spielen. Dann kommt man allerdings auf keinen grünen Zweig. Obsession spielt herrlich mit dem knappen Geld, den angebotenen Aktivitäten und den passenden Gästen. Hier ist viel Timing im Einsatz der Karten und Bediensteten gefordert.

Eine Auswahl an End of Game Wertungen

Downtime

Obsession mit zwei Spielern und Michael an der Kartenhand? Downtime deluxe. Halt, Nein: falsch! Zeit, seinen eigenen nächsten Zug zu planen. Es macht zu zweit null Komma null etwas aus, wenn’s mal etwas länger dauert. Umso mehr Zeit habe ich, mir meine Karten anzuschauen, Möglichkeiten auszuloten und mir die tollen Flavourtexte durchzulesen. Zu dritt oder viert wird das ganze Spiel ein Monster. Oder kann es werden. Selbst wenn Schnellspieler am Tisch sind, ist drei Spieler meine Obergrenze. Gerade zum Ende des Spiels explodieren die Möglichkeiten. Generell gilt, dass ich mich bei dem Spiel Schritt für Schritt an den Ablauf halten muss oder sollte. Dieser hilft zügig zu spielen, vermeidet Fehler oder das Dinge vergessen werden und berücksichtigt so wichtige Regeln.

Hier wird ein wenig der Verwaltungsaufwand deutlich. Ist man geübt, fällt dieser nicht so stark ins Gewicht.

Diskussion

Im Beeple Discord wurde bisher hart über Obsession diskutiert. Gerade im Grundspiel steckt schon ein Zufallsaspekt drin. Welche Gäste ziehe ich? Kann ich diese einsetzen oder geben sie mir negative Siegpunkte. Ich hatte in einer Partie das Pech, 16 Minuspunkte über negative oder lästernde Gäste zu bekommen. Klar, ich kann sie loswerden und die negativen Siegpunkte werden durch mächtige Benefits garniert, aber das war echt hart. Auch die benötigten Ausbauten zum Erfüllen der End-Of Game Karten sind teilweise vom Zufall abhängig. Mich stört es eher weniger, aber bei einem so harten Strategiespiel ist dieser Aspekt kritisch.

Die beiden Erweiterungen zu Obsession sind aus meiner Sicht daher ein Muss. Besonders die Upstairs Downstairs -Erweiterung bringt mit den neuen Gehilfen Schwung und Tiefe in den englischen Landadel. Beispiel gefällig? Habe ich den Koch als Bediensteten, kann ich ihn zu einer Aktivität mit einsetzen. Jetzt brutzelt er für die feine Gesellschaft Scampis in Pernot geschwenkt, mit viel Knoblauch und Weißbrot. Wenn’s ein zünftiges Essen gibt, kann ich auch Gäste einsetzen, die sonst aufgrund meines Rufs nicht kommen würden. Essen verbindet und stimmt die höheren Gäste milde, auch wenn mein Ruf noch nicht so weit ist.

Was hier gezogen wird, kann unterschiedlich sein. Kritisch kann man auch zufällig sagen. Links sind die normalen Gäste, rechts die Prestige Gäste. Man erkennt sie an den unterschiedlichen Fleur de Lis.

Online

Ich gehe selten auf eine Online Plattform auf Brett & Pad ein. Aber gerade Obsession ist auf BGA eine sehr gute Umsetzung. Erstens kann man sich alle Module und Erweiterungen zuschalten. Zweitens fällt der ganze Verwaltungsaufwand weg, drittens bekommt ihr ein gutes Tutorial und müsst euch nicht durch die katastrophale Anleitung kämpfen und viertens ist das Spiel sehr schön umgesetzt. Dass es sich hier um einen echten Expertenkracher handelt, zeigt die Tatsache, dass ich seit Monaten permanent gegen Olli von The Board Game Theory verliere. By the way einer meiner Lieblingspodcasts, wenn es um Brettspiele geht.

Zusätzliche Bedienstete kann man ebenfalls erhalten. Zwingend empfohlen.

Fazit

Ich bin fasziniert von Obsession und es fesselt mich wirklich sehr. Das Spiel macht für mich vieles anders, ist gespickt mit Hintergrundinformationen und hat eine tolle vernetzte Mechanik aus Aktion-Selection und Kartenmanagement in Kombination mit Bediensteten, die ich geschickt einsetzen muss. Diese Mechanik ist mir so in noch keinem Spiel untergekommen und ist unfassbar fordernd. Dazu der Ausbau des Anwesens, der geschickt und sinnvoll vonstattengehen sollte. Hat man sich erst durch die schlechte Anleitung gekämpft und befolgt man stringent die vorgegebene Schritte des Rundenablaufs, offenbart sich ein traumhaftes Spiel. Leider ist dabei die Downtime und der Verwaltungsaufwand ab drei Spielern eine unbekannte Gleichung. Ich mache hier keinem Spieler einen Vorwurf, wenn es mal etwas länger dauert. Gerade im Grundspiel ist der Zufall mitunter auch ein entscheidender Faktor.

Ihr merkt, ich bin beim Fazit auch ein wenig hin und her gerissen. Da ich Obsession mit der Upstairs Downstairs-Erweiterung spiele, wird der Zufall deutlich reduziert. Hier gibt es eine ganz klare Hitgarantie Empfehlung und ein Must-Have im Spieleregal. Das Grundspiel, als gehobenes Kennerspiel, kann aufgrund des Zufalls in diesem Segment frustrieren. Und auch bei 3-4 Spielern kann das Spiel aufgrund der Downtime und der Verwaltung in die Hose gehen. Muss es aber nicht. Ich habe auch tolle Partien zu dritt erlebt. Wer sich einen Eindruck verschaffen mag, spielt auf BGA einfach mal an. Ich empfehle allerdings, das Spiel auf den Tisch zu bringen. Es sieht wunderschön aus und versprüht einen Charme, wie wenig andere Spiele in der Sammlung.

Obsession

69.90€
8.6

AUSSTATTUNG

8.4/10

SPIELIDEE

8.6/10

SPIELSPASS

8.9/10

Kurzfakten

  • Thematisches Werben um den guten Ruf
  • Tolle Strategien
  • Grundspiel garniert mit etwas Zufall
  • Grübellastig, gespickt mit Planung
  • Downtime anfällig
  • Am Besten mit Erweiterung

Spielinformationen

  • Genre: Strategie
  • Personen: 1 - 4
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Dauer: 30 - 90 Minuten
  • Autor/in: Dan Hallagan
Redakteur bei Brett & Pad | + Letzte Artikel

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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Absolut nicht meine Art von Spiel, aber Deine Rezension hätte es beinahe geschafft, bei mir so etwas wie Mitleid für das ach so schwere Leben des Adels zu wecken.
    Aber eben nur beinahe… 😉

    Antworten
  • AUSSTATTUNG

    9

    SPIELIDEE

    8

    SPIELSPASS

    8

    Ich unterschreibe vieles, wenn nicht gar alles, was Du schilderst. Ich mochte das Grundspiel gerne, spiele es aber gar nicht mehr ohne die UD-Erweiterung. Die macht das Spiel nicht nur weniger glückslastig, sondern auch schlicht und ergreifend runder und besser. Aufgrund der Downtime und der doch sehr überschaubaren Interaktion für mich ein reines Zweier-Spiel. Das aber macht es in meinen Augen ganz fantastisch. Also den Schwarztee aufsetzen, das Gebäck auf die Etagere drapieren und eintauchen in die Welt des britischen Adels des 18./19. Jahrhunderts 🙂

    Antworten
  • Hallo Marco,
    das freut mich sehr….habe lange überlegt wie ich das Spiel in einen Bericht fasse. Es gibt so viel zu beschreiben…Aber wichtig war mir, dass das Gefühl rüber kommt und jeder sich das Spiel einmal anspielt…
    Danke für deinen Kommentar…

    Antworten
  • Ulrich Roth
    14. Mai 2024 0:54

    Gut geschriebene und sehr informative Rezi, vielen Dank.
    Lobend möchte ich noch erwähnen, dass hier nicht gegendert wird wie auf manch anderer Spieleseite.
    Solche Texte schaffe ich oftmals nicht bis zum Ende zu lesen, so nervig ist das.

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