Markus, mein Lieber! Heute überrasche ich dich mit einem Talk, den ich mit jemand anderem aus der Szene im Privaten hatte. Nun sind wir hier ganz privat unter uns. Zeit, deine Meinung einzuholen und genauso meine Annahme zu schärfen oder womöglich in die Tonne zu kloppen. Mir geht es um folgende Ausgangslage: Gibt es wirklich objektiv richtige Züge in Brettspielen, die bekanntlich in einem sozialen Gefüge praktiziert werden, gerade dann, wenn die Interaktion höher ist?
Der Brettspiel-Talk – Objektivität in Brettspielen
Christian: Bevor ich loslege, interessiert mich deine Sichtweise auf das Thema. Ich denke, jede Person kennt das am Tisch. Da sitzt die Gruppe, eine Person macht einen Zug und mindestens zwei andere stöhnen auf. „Das kannst du so nicht machen, du Königsmacher:in!“ oder „Wieso machst du nicht diese Aktion? Diese ist viel besser für dich und schlechter für die führende Person!“. Und schon entbrennt eine Diskussion, vielleicht sogar ein Streit am Tisch. Schließlich ist es objektiv ja klar, was die Person richtigerweise tun sollte, oder?! Auch im Nachgang einer Partie gibt es Naturen, die wollen schnell anderen erklären, was alles richtiger hätte laufen müssen.
Markus: Als großer Freund von Area-Control und als absoluter Hasser des Begriffs „Königsmacher“ möchte ich in diese wirklich überraschende Aktion bzw. Thematik mit einem Zitat starten. Mein Freund Uwe sagte mal in einer Partie Era of Tribes zu Marc: „Also ich würde dir an dieser Stelle empfehlen, nicht mich anzugreifen, sondern Marco.“ Diesen freundschaftlichen Hinweis gab er in einer sehr sanften, weisen Stimme, die dazu führte, dass der Tisch in schallendes Gelächter ausbrach.
Ebenso empfahl Dirk seinem ältesten Sohn in einer Partie Cthulhu Wars, nicht ihn ins Zielrohr von Cthulhus aufkeimender Aggression zu nehmen, sondern vielmehr mich. Sein Sohn folgte diesem wichtigen Hinweis, gestützt von Marcs Zuspruch, dass ich mit meiner Fraktion Bubastis sehr stark sei, und führte dafür die Lust auf die Vernichtung des Vaters an. Beide Hinweise in meinen Beispielen wurden aus unterschiedlichen Gründen ignoriert, obwohl sie obviously richtig für die Partie gewesen wären. Es gibt also objektiv richtige Züge, wenn man die Gesamtsituation aller Spielenden betrachtet und ein Spiel ausgeglichen gehalten werden soll. Aber wie kommt es zu diesem Thema, holder Freund?
Christian: Genau diese Diskussionen kenne ich. Ich führe sie selbst. Und ich kenne sie auch aus Eurogames, wo sich Menschen die Hand an die Stirn schlagen und dabei andere auffordern, doch bitte aufgrund der Spielsituation einen anderen Zug zu machen. Aber „objektiv richtig“ bedeutet, dass für alle am Tisch das Ziel in diesem Moment das gleiche sein muss. Wahrscheinlich würden wir uns mit „dem Sieg“ auf das objektiv richtig zu erreichende Ziel festlegen können, was bedeutet, jeder Zug wird mit der Gewinnmaximierung betrachtet. Ist das aber so richtig? Wir tun immer so, als wäre es so. Drei Beispiele.
- Vielleicht glaubt jemand, er wird ohnehin nicht mehr den ersten Platz erreichen, und beabsichtigt, sich den zweiten Platz zu sichern? Die Person ist damit zufrieden und hat es vielleicht in dem Brettspiel noch nie geschafft. Ist das nun ein objektiv legitimes Ziel?
- Was ist mit dem Umstand, wenn der objektiv richtige Zug für die Gewinnmaximierung für alle am Tisch offensichtlich ist, sich aber niemand bei solch einer Aktion um den Führenden kümmert und dann alle verlieren? Ich denke da z. B. an Cthulhu Wars (Root geht sicher auch), wenn sich niemand um die eigentlich ungefährliche Ausbreitung von Hastur kümmert. Dieser damit am Ende aber das Spiel gewinnt. Objektiv richtig wäre für mich bei dem Siegpunktegedanken mit meiner Fraktion JETZT die meisten Punkte zu machen und sich nicht um Hastur zu kümmern. Und du kümmerst dich um Hastur. Du denkst aber das Gleiche.
- Was ist, wenn ich insgeheim eine andere Strategie ausprobiere oder nicht Offensichtliches vorplane, um in drei Zügen einen Powerzug zu machen? Das kann funktionieren. Vielleicht aber geschieht etwas aus der Interaktion und plötzlich ist es nicht mehr möglich. Aus objektiv richtig, wird es falsch. Es ist aber nicht in Stein gemeißelt.
- Was ist objektiv richtiger, den Führenden zu schaden, aber selbst weniger Siegpunkte zu bekommen, oder auf den Schwächsten zu prügeln und mehr Siegpunkte zu erhalten? – was nicht bedeutet, dass man gewinnt.
Es gibt Spielernaturen – manchmal bin ich auch so veranlagt –, die dröseln Spielsituationen auf, analysieren und meinen dann, eine Person am Tisch hätte (objektiv) etwas anders machen müssen. Und irgendwie kann ich ja auch wirklich schlecht gespielt haben. Diese ganze Diskussion mit der Objektivität funktioniert allerdings nur unter der Festlegung eines Ziels. Da soziale Interaktion und die Interaktion innerhalb der Mechanik aber komplex sind, frage ich mich, ob das nicht alles Bullshit ist und wir das Ganze nur subjektiv betrachten können.
Markus: Woh, woh, woh … jetzt haust du aber alles auf einmal raus. Ich drehe mal einen Gang zurück. Objektivität: Dazu müsste man in einer Populous-Manier auf der Meta-Ebene auf das Spielbrett schauen. Geht aber nicht, weil die Objektivität ja nicht gegeben ist. Der Führende möchte den besten Zug gegen den Zweitplatzierten haben, der Zweitplatzierte gegen den Ersten. Der Dritte hofft, dass sich beide beharken und er noch dazwischenschlüpfen kann. Da ist die Objektivität sehr subjektiv geprägt. Es gibt aber definitiv Schwachsinns-Züge, die wirklich keinen Sinn ergeben. Daher lautet die Devise bei uns fast immer am Tisch: „Immer auf den Führenden.“
Bei Cthulhu Wars ist der Bogen komplexer gestaltet. Da muss ich einfach wissen, wie sich die Fraktionen entwickeln, und ein Gespür für das Timing entwickeln. Verpasst man da zum richtigen Zeitpunkt, den Drittplatzierten kleinzuhalten, kann das im Endgame schmutzige Folgen haben. Und gerade diese Diskussion um Richtig oder Falsch, dem Führenden in die Suppe spucken oder dein heuchlerisches Silberzungen-Getue macht doch den Reiz am Tisch aus. Daher spiele ich doch so gerne mit dir.
Christian: „Es gibt aber definitiv Schwachsinns-Züge, die wirklich keinen Sinn ergeben.“ – Das unterschreibe ich, allerdings haben selbst bei solchen Zügen manche Menschen einen Hintergedanken, der ihn vielleicht weniger schwachsinnig erscheinen lassen würde. Du sagst zudem, Objektivität wäre subjektiv geprägt. Das klingt zunächst falsch, weil absolut widersprüchlich. Aber es ist genau der richtige springende Punkt. Denn meine Feststellung bläst ins gleiche Horn: Objektive Aussagen im Brettspiel beruhen häufig auf subjektiv gewählten Bewertungsmaßstäben. Und genau darum sind Brettspiele spannend, die Diskussionen danach oder während der Partie emotional und eine wirkliche Objektivität, wie von manchen immer wieder angebracht, ist allein betrachtet nicht zielführend. Ein Ausruf des „schlechten Zugs“ benötigt eigentlich immer die Gegenfrage nach „Schlecht – gemessen woran?“. Am Ende landen wir eigentlich bei Intersubjektivität. Also die Wahrheit nur über die Sichtweise der Gruppe. Also schmeißt eure Objektivität in die Tonne.
Der Brettspiel-Talk und was ist deine Meinung?
Abschließend geht es raus an euch: Was haltet ihr von der Diskussion? Habt ihr ein Beispiel für dieses Thema, vielleicht aus euren Spielgruppen? Kennt ihr das auch, wenn in hitzigen Diskussionen manche Menschen meinen, es gäbe etwas objektiv Richtiges, und ihr rümpft nur die Nase? Haut gerne eure Meinung dazu raus.
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