Lesezeit: 6 Minuten
Too Many BonesToo Many Bones, ich muss mich entschuldigen. Da bist du bald 10 Jahre alt, feierst auch bei Frosted Games deinen Status als Dauerbrenner und ich habe dich missachtet. Das hatte natürlich seine Gründe. Du bist halt hässlich. Bevor jetzt die Die-Hard-Fans von Too Many Bones Hassmails an mich verfassen: Diese Viecher, aka Gearlocs, haben für mich einfach keinerlei Identifizierungscharme. Eine abstoßende Mischung aus Hoden – ja, ich meine das männliche Teil zwischen den Beinen –, Gollum und Olchie. Wer will damit spielen? Dazu ist das Kampfbrett an Unspektakulärität nicht zu überbieten. Ich liebe zwar die Chips, aber da greife ich eigentlich zu Cloudspire. Nur hat sich Too Many Bones hart in der Brettspielszene gehalten. Viele Erweiterungen und ein Ausbau des Universums zeigen dies. Die meisten Brettspiele sind nach 10 Jahren nicht einmal mehr im Flohmarktstatus angesiedelt. Also schmiss ich mich noch einmal ins Gerangel … und es ward Licht!

Kurzcheck: Darum geht es in Too Many Bones

Der erste Funfact: Es geht in Too Many Bones eigentlich darum, wie der jugendliche Sohn einem das Wohnzimmer entreißt. Pubertät heißt, dem Vater sein neues Spielzeug zu stehlen und mit seinen Freunden in den Ferien jeden zweiten Tag das elterliche Wohnzimmer zur Kampfarena auszubauen. Dieser Text entstand teilweise in einer Harry-Potter-artigen Kammer. Sohn & Friends benötigten Ruhe beim Spielen. Das gab es so massiv noch nie. Ich verstehe aber mittlerweile diese Begeisterung.

Too Many Bones verpackt eben komplexen Charakterausbau in ein Abenteuer, welches an einem ausgedehnten Spieleabend abgeschlossen werden kann. Das ist sexy, aber noch nicht einmal die halbe Miete. Im Zentrum stehen nämlich echt knackige Kämpfe, bei denen kooperative Entscheidungen, und hochgradig asymmetrische Charaktere, mit der richtigen Prise spannendem Zufall durch Würfelproben eine großartige Mixtur anbieten. Die immer wieder neuen, dynamischen Kämpfe sind durch die unzähligen Fähigkeiten auf beiden Seiten trotz des wirklich sehr kompakten Spielbretts überraschend taktisch und abwechslungsreich. Was darf für coole Abenteuer nicht fehlen? Entscheidungen! Und so führen pro Szenario zufällig zusammengestellte Ereigniskarten durch die einzelnen Episoden bis zum epischen Bosskampf am Ende der Partie. Wobei jeder Boss bestimmt, wie viele Tage (Runden) ihr Zeit habt. Das alles übrigens in hervorragender Materialqualität getunkt.

Too Many Bones
Es braucht gar nicht so viel Platz

Der Baukasten

Komplexe Charaktere innerhalb einer Partie ausbauen, das hat mich schon bei World of Warcraft: Das Brettspiel vor Freude ausrasten lassen. Meine beiden Jungs taugen hierfür auch wunderbar als Praxisbeispiel. „Schau mal, ich habe jetzt Geschick von 5, nun kann ich drei Angriffswürfel und zwei Verteidigungswürfel nutzen!“ „Hey, mein Boombastischer Boom mit Boomer ist so geil, warte, ich lese mal die Fähigkeit vor …!“ Diese Mitteilungsfreudigkeit steckt alle an. Die Charaktere sind komplex ausbaubar, absolut asymmetrisch und vor allem innerhalb eines Durchgangs niemals vollständig in allen Bereichen entwickelt. Das motiviert ungemein, weil Entscheidungen spürbar sind, kooperative Planungsspiele beim Ausbau einfordern und es den Wiederspielwert erhöht.

Too Many Bones
Die grundlegende Formel ist spannend und simpel: Geschick (hier 5) sind die maximalen Würfel abzüglich bewegter Felder pro Zug. Offensive und Defensive definieren die maximale Art der Würfel pro Zug.

Es ist deshalb aber auch gleichzeitig die größte Einstiegshürde. Nicht umsonst hat jeder Charakter einen doppelseitig bedruckten Infobogen, der zwar beim Einstieg Hilfestellung anbietet, aber es braucht definitiv eine Partie, um hinter die Kniffe der verschiedenen Fähigkeiten zu kommen. Erschwerend kommt hinzu, dass die vielen einzigartigen Würfel im Spiel unterschiedlich gehandhabt werden. Manche sind Ressourcen, andere klassische Kampfwürfel, die wirklich geworfen werden, oder sie haben gänzlich andere Funktionen und sind eher wie ein Token. Wer das System versteht, badet dafür in spannenden Würfelorgien! Beeindruckend, wie frisch das System auch nach all den Jahren noch wirkt.

Too Many Bones
Hohe Komplexität benötigt viel Erklärung. Beides bietet Too Many Bones!

Die Abwechslung

Die Charaktere sind aber nur ein Puzzlestück des Spielspaßes sowie des hohen Wiederspielwerts. Vor jeder Partie wählt ihr einen der vielen Bosse. Diese geben mögliche Gegnertypen für das gesamte Abenteuer vor. Ein Ogerboss wirft dir eben etwas anderes entgegen als ein Werwolf-Boss. Zudem besitzt jeder Boss für den Ereignisstapel spezielle Karten. In diesen Stapel kommen weitere zufällige allgemeine Karten, die dann das Abenteuer bilden. Am Anfang jeder Runde deckt ihr eine solche Ereigniskarte auf, was dem Beginn eines Tages entspricht. Euch erwarten hier kleine, stimmungsvolle Texte, Entscheidungen und Kampfszenarien. Letzteres sind dann ebenso mit Varianz gesegnet. Denn euer aktueller Tag als fieser Multiplikator für Stärke und Anzahl der Gegner (Spielrunde), der Boss (Gegnertypen) und die Anzahl der Spielenden (weiterer Mulitiplikator) bestimmen, was euch jetzt die Kauleisten massieren wird.

Heißt: Selbst die gleiche Ereigniskarte lässt dich bei anderem Boss und/oder Runde etwas anderes erleben. Und wer dann die Gegnerchips für die Kampfaufstellung zieht, macht das mit schwitzigen Händen. Lautes und überraschendes Stöhnen begleitet diese Phase. Beispiel: Gerissenheit auf einem Gegner zwingt dich, stärkere Gegner anzugreifen. Wenn der stärkere Gegner nun noch List besitzt, verfehlen normale Angriffswürfel. Vielleicht ist das Ogergesicht aber auch zäh. Dann wird der maximale Schaden pro Runde auf 1 reduziert. Währenddessen läuft die Einheit mit Gerissenheit Amok und haut dich zu Brei. Das waren drei Fähigkeiten. Wenn ich mich nicht verzählt habe, gibt es ganze 54. Die Synergien? Eine Zwiebel, geschnitten, direkt unter unseren Glotzaugen. Wir fingen nämlich ständig an zu heulen. Der Tanz der Tränen ist aber ein herrlicher, schenkt er einen doch immer wieder anders ein!

Too Many Bones
Der Kampfbereich ist ein interessantes Kammerspiel

Was bleibt?

Nun, auf komische Hodengesichter muss ich weiterhin starren. Aber unfassbarerweise mache ich das gerne, weil Too Many Bones ein kooperatives Fest ist. Ich weiß, warum dieses Spiel mit „Plastikwürfeln“, „Plastikchips“ und Neoprenmatten als Spielbrettern ausgeliefert wird. Schon vor 10 Jahren muss Chip Theory Games klar gewesen sein, dass dieses Spiel einen enormen Wiederspielreiz bietet und gleichzeitig ständig schweißnasse Hände produziert. Es braucht eben eine Materialqualität für die Ewigkeit. Zudem bleibt, dass dieses Spiel unser Abendessen dominierte, weil über Fähigkeiten, Bosse und Synergien palavert wurde. Ich weiß auch, dass trotz der Abwechslung im Grundspiel neue Charaktere einziehen müssen. Dieses Universum lebt nicht umsonst. Mit großer Sehnsucht schiele ich auf weitere Charaktere und neue Symbiosen. Trotz dieses mickrigen Spielbretts, welches die anfänglich niedrige Erwartung dann doch Lügen straft.

Too Many Bones
Asymmetrie: Geld startet mit vier Würfeln, die aber nur Ressourcenmarkern sind. Blau hingegen hat null Würfel zum Start (hinten links).

Fazit

Die Gearlocs aus Too Many Bones werden für mich keine Posterboys und -girls der Brettspielästhetik. Das Kampfbrett gewinnt auch keinen Schönheitswettbewerb für mich verwöhnten Boss-Battler-Fan. Da die Optik bei mir mitspielt, griff ich gerne zur Konkurrenz. Aber verdammt, war das dumm. Sobald die Würfel rollen, die Chips klackern und die ersten Gegnerfähigkeiten uns kollektiv die Kauleiste zerbröseln, ist mir plötzlich egal, ob ich mit Gollums entfernten Hodencousins in die Schlacht ziehe. Dieses Spiel lebt nicht von Schönheit, sondern von „Charakter“. Im doppelten Sinne, denn was hier an Asymmetrie und Abwechslung abgefeuert wird, ist kooperative Extraklasse.

Der große Reiz liegt in dieser Mischung aus wirklich kompaktem Abenteuer, starkem Charakterausbau und immer neuen taktischen Kampfdramen. Jede Partie fühlt sich anders an, weil Boss, Ereignisse, Gegnerfähigkeiten und Gearloc-Entwicklung ständig neue Synergien erzeugen. Ja, der Einstieg ist sperrig und jeder Charakter will gelernt werden. Aber genau darin steckt auch der Sog: Too Many Bones ist ein Spiel, das am Tisch immer weiter wächst … und eigentlich darüber hinaus. Denn wenn beim Abendessen noch über Fähigkeiten palavert wird und jede Partie von Mitteilungsfreude geschwängert ist, dann macht ein Brettspiel alles richtig. Nach bald zehn Jahren verstehe ich nun, warum dieses Spiel nicht nur überlebt hat, sondern weiter liebevoll im Regal vieler Menschen residiert. Aus meiner Überwindung, Too Many Bones zu spielen, muss ich mich jetzt eher überwinden, nicht direkt neue Charaktere zu bestellen. Und Achtung: Pubertierende, brettspielbegeisterte Jugendliche könnten zu Wohnzimmerbesetzern mutieren!

Too Many Bones
Spielinformationen
Genre: Koop-Battler | Personen: 1 - 4 | Alter: ab 12 Jahren | Dauer: 60 - 120 Minuten | Autor:Josh J. Carlson, Adam Carlson | Illustration: Anthony LeTourneau | vergünstigtes Rezensionsexemplar erhalten
SPIELSPASS
9
MATERIAL
8.5
SPIELIDEE
9
Positive Aspekte
Enorm viel Abwechslung
Extrem coole asymmetrische Gearlocs
Hochwertiges Material
Würfel! Würfel! Würfel!
Starke Kämpfe durch viele Synergien und Effekte
Negative Aspekte
Optisch für mich absolut kein Leckerbissen
Mit vier Personen zu volles Kampfbrett und zu lang von der Spielzeit
Einstieg trotz Hilfen nicht ohne
9

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