Lesezeit: 6 Minuten

Wer sich jetzt fragt, warum Carrom bei Brettspielen auftaucht, der muss weiterlesen oder hat es bisher nicht getan. In meinem Steckbrief unter jeder Rezension steht: „Carromspieler“. Und in meinen BG Stats stehen aktuell 333 Partien gegen meinen Carrom-Partner Alex zu Buche. Die Tatsache, dass für Carrom bei BGG genauso wie für Crokinole ein Eintrag vorhanden ist, legitimiert diese Rezension zusätzlich. Mein Einstieg ins Carrom-Spiel war eher zufällig und datiert ungefähr ins Jahr 2016. Beim gemütlichen Weihnachtsshopping mit meiner Frau landeten wir im Spielzeugparadies in Trier. Stöbernd zeigte Kati damals auf ein Carrom-Brett hinter der Kasse und frug: „Meinst du, das wäre kein schönes Familienspiel für Weihnachten?“ Denn das Christkind platzierte in jedem Jahr immer ein Geschenk für die ganze Familie unterm Baum und das war eben jenes Carrom-Brett.

Kurzcheck: Darum geht es bei Carrom

Frisch nach der Snooker-WM im Crucible Theatre und einer unfassbaren Abendsession zwischen Shaun Murphy und Wu Yize entschloss ich mich, über Carrom zu schreiben. Die genaue Herkunft von Carrom ist unklar; einige Quellen legen das Spiel nach Indien, während andere die Ursprünge in Burma definieren. Carrom gilt heute als ein orientalisches Spiel, trägt den Charme der Dinge aus Asien, fand nach dem Ersten Weltkrieg einen Boom in der indischen Turnierszene und ist erst recht spät um 1970 in die „moderne“ Welt geschwappt.

Carrom ist ein Brettspiel für zwei oder vier Personen und wird auf einem Holzbrett mit vier Löchern, einem Striker und 19 Steinen – die sehr an die Steine bei Mühle erinnern – gespielt. Ziel des Spiels ist es, seine Steine mithilfe des Strikers in die Löcher zu befördern. Allerdings muss der Striker die beiden Grundlinien berühren. Der Striker wird mit dem Finger geschnippt oder geschossen und gleitet mittels eines speziellen Pulvers über die glatte Holzfläche. Wenn alle eigenen Steine versenkt sind, wird gezählt, wie viele gegnerische Steine noch auf dem Brett befindlich sind. Das sind dann die Punkte, die ich erhalte. Der rote Stein (Queen) nimmt im Spiel eine punkterhöhende Rolle ein, die besonders taktisch eingesetzt wird. Ein Turnierspiel wird über maximal acht Boards oder bis 25 Punkte gespielt.

Das Brett

Das Duell ums Essen

Alex und ich sind Spieler. Unser Carrom-Setting: Ein Match (acht Boards oder 25 Punkte) gibt einen Punkt. Wer zuerst zwei Punkte hat, gewinnt einen Satz. Wer zuerst sechs Sätze hat, gewinnt. Unser Einsatz: Der Verlierer muss ein Essen für den Gewinner kochen. Aktuell sieht es düster für mich aus. Ich schulde Alex einige Essen, dafür ist meine Bilanz bei Super Fantasy Brawl in diesem Modus positiv für mich. Gerade sitzen wir wieder an einem entscheidenden Match. Es steht 1:1 und 20:17 für mich, Alex führt in den Sätzen allerdings 5:4. Die entscheidende Frage schwebt über dem Brett: Schaffe ich den Ausgleich oder muss ich die Kochschürze anziehen?

Aufstellung zum Start

Der Kampf um den roten Stein

Carrom ist besonders. Die Modulation mit den Fingern ist anspruchsvoll. Dazu kommt das mögliche Spiel über die Banden. Wer das Winkelspiel über die Banden beherrscht, dem eröffnen sich neue Möglichkeiten. Meine Stärke. Dafür locht Alex brutal die geraden Schüsse. Es ist einfach Wahnsinn, was man mit dem Striker und dann alles erreichen kann. Die Tatsache, dass man beim Carrom – anders als beim Pool – auch die gegnerischen Steine anspielen kann, macht das Spiel sehr taktisch – genauso wie den Kampf um den roten Stein. Wir befinden uns in der Crunchtime des Spiels, Alex hat den roten Stein eingelocht. Das ist allerdings ein Muster ohne Wert, denn erst wenn der rote Stein anschließend mit einem eigenen eingelochten Stein bestätigt wird und man das Board gewinnt, erhält man die drei zusätzlichen Punkte. Alex’ Nerven, oft in entscheidenden Spielen sein Kryptonit, sind diesmal aus Stahl. Er schnippt anschließend seinen weißen Stein ins Loch und sichert sich die drei Punkte, weil er das Brett gewinnt. Tut er. Eiskalt räumt er drei weitere Steine weg und macht den Sack zu. Ich bin gefrustet.

Die Gasse leuchtet Gold.

Carrom, Tennis oder der Flow

Ich vergleiche Carrom gerne mit Tennis oder dem Flow. Hat man eine gewisse Lockerheit, gleitet der Striker über das Pulver, schneidet die Steine im richtigen Winkel an, die dann lautlos im Netz der Tasche verschwinden. Fehlt einem die Lockerheit oder spielen einem die Nerven in wichtigen Momenten einen Streich, gelingen einem die einfachsten Stöße nicht und das Spiel wird zur Qual. Carrom fördert dabei eine fast schon meditative Ruhe. Nur Alex, das Brett, Fahrstuhlmusik und ich. Ein traumhaftes Setting zum Relaxen und Spaßhaben. Schaut man sich allerdings die Bilder von der Carrom-Weltmeisterschaft an, weiß man auch, dass man ganz unten ist. Carrom lehrt einen auch Demut.

Der Untertisch. Am Anfang dachte ich: unnötig. Mittlerweile ist es ein Must-Have.

Queen Games

Mein Faible zu Queen Games ist nicht erst seit der Stefan Feld City Collection da. Tatsächlich spiele ich heute noch gerne Alhambra mit all seinen Erweiterungen. Als ich das erste Mal den Gründer von Queen Games, Rajive Gupta, kennenlernen durfte, war unser Hauptthema nicht die Spiele von Queen Games, sondern seine Leidenschaft für Carrom, sein Vertrieb der Bretter aus Indien, bevor er Queen Games gründete, und meine Fragen rund um das Thema Carrom. Es war ein tolles Gespräch mit einem tollen Menschen und wieder ein Beweis, wie viel wir durch andere Kulturen profitieren. Wer einen Eindruck haben möchte, kann sich gerne das tolle Video von Spiel doch mal! anschauen Grüße gehen raus zu Queen Games und Rajive Gupta.

In der Waage sollte es sein

Zurück zu Carrom

Mein erstes Brett hat 70 € gekostet und war vom Material her ein Witz. Das ist ein großes Problem beim Carrom. Die Einsteigerbretter sind sehr leicht und erschweren das Spiel. Der Bounce von den Banden ist miserabel. Der Striker ist viel zu leicht und man bekommt höchstens eine Idee des Spiels. Ich empfehle eher, Carrom auf einem Profi-Brett auszuprobieren. Und da liegt das Problem: Als unser zweites Brett, was ich günstig auf eBay Kleinanzeigen geschossen hatte, den Lack aufgab, bestellte Alex ein neues Hobbybrett. Auch die kosten schon bis 200 €, aber als es ankam, haben wir es sofort zurückgeschickt, weil es eben leichter war als unser bespieltes und die Banden keinen Bounce hatten. Unser Urteil: unspielbar. Also griffen wir sofort zur teuren Turniervariante. Und die liegen zwischen 250 € und 300 €, wiegen 22–26 kg und sind jeden Spielspaß-Cent wert.

Eine Auswahl an Strikern

Zubehör

Gleichzeitig mit unserem neuen Brett haben Alex und ich auch in einen Tisch investiert. Auch der ist jeden Cent wert. Warum? Das Brett muss absolut gerade sein, weil man den Striker kontrollieren möchte. Jede Neigung des Tisches führt zu einer abweichenden Bewegung – selbst auf Hobbyspielerniveau. Ein Carrom-Tisch ermöglicht zum einen eine perfekte Ausrichtung über Stellschrauben und bietet zudem Beinfreiheit, damit man sich perfekt zum Spielbrett setzen kann. Auch das Pulver sollte eine Spitzenqualität haben. Greift man hier zu billigen Produkten, kauft man sich reduzierte Qualität ein und das mindert den Spielspaß enorm. Bei den Strikern gibt es verschiedene Ausführungen, die man gerne testen sollte. Ich spiele lieber mit einem schweren Striker, Alex mit einem leichten. Der Erfolg gibt Alex recht.

Mein Zubehör

Fazit

Carrom ist ein wahnsinnig schönes Spiel mit orientalischem/asiatischem Flair fürs Wohnzimmer für zwei oder vier Personen. Wer gerne Billard spielt, kann auf unter 1 m² nur mit den Fingern ein leicht zu lernendes, aber schwer zu meisterndes Spiel spielen. Auch wenn die Einstiegspreise recht niedrig sind, ist die Qualität dieser wirklich nur auf Einsteigerniveau. Wer das echte Carrom-Feeling, gutes Bandenspiel und ein sauberes Gleiten der Spielsteine möchte, muss sowohl beim Brett als auch bei den weiteren Produkten zur höchsten Qualitätsstufe greifen. Dann allerdings entfaltet sich ein Spiel, welches die Fingerfertigkeit fordert, den Geist trainiert und eine tolle Kombination zwischen Taktik, Spannung, Physik, Motorik und innerer Einstellung zelebriert. Gerade im Duell mit einem festen Spielpartner entwickelt sich Carrom zum Dauerbrenner, bei dem Alt gegen Jung bis ins hohe Alter gespielt werden kann. Die teuren Bretter sehen zudem edel aus und sind ein echter Hingucker im Wohnzimmer mit einem enormen Aufforderungscharakter. Ich kann jedem nur ein Testspiel empfehlen.

P.S.

Ich habe noch ein gebrauchtes, ordentliches Carrombrett mit allem Material, falls jemand einsteigen möchte. Zudem habe ich für Interessenten ein paar Links zusammengestellt:

Carrom Ein echtes Brettspiel
Spielinformationen
Genre: Geschicklichkeitsspiel | Personen: 2 oder 4 | Alter: ab 6 Jahren | Dauer: 60 Minuten |
SPIELSPASS
10
MATERIAL
8.5
SPIELIDEE
8
Positive Aspekte
Spielspaß auf weniger als 1m²
Billard Spielprinzip mit den Fingern
Leicht zu Lernen, schwer zu meistern
Viele taktische Situationen und Möglichkeiten
Ein Spiel, das eine besondere Atmosphäre ins Wohnzimmer zaubert
Die Bretter selber sind ein echter Hingucker
Negative Aspekte
Man braucht eigentlich die höchste Qualitätsstufe um den ganzen Genuss und die Idee des Spiels zu bekommen
Turnierbretter (höchste Qualität) kosten zwischen 250€ und 300€
Zubehör sollte auch in einer hohen Qualität gekauft werden
Spielgegner sollten ein ähnliches Niveau haben
10
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