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Moon Colony BloodbathWillkommen bei Moon Colony Bloodbath … äh … Neustart. Howdy, Bürger:innen, Sie wurden auserwählt, Teil des größten zivilisatorischen Wurfes seit der Erfindung von feuchtem Klopapier zu werden: Städte und damit Lebensträume auf dem Mond! Sind sie bereit für den Neustart und den wortwörtlichen Griff zu den Sternen? Weit weg von der Erde. Losgelöst von den Problemen Ihres Gesterns. Rein in die saubere, glänzende Zukunft. Grandiose Raketen. Kolonist:innen voller Hoffnung und arbeitswillige sowie serviceorientierte Roboter in technisch … äh … einwandfreiem Zustand. Was könnte da schon schiefgehen? Und ja, ich sehe Ihr skeptisches Stirnrunzeln beim Namen. Bloodbath. Das ist natürlich nur ein Marketingbegriff. Ein kleiner roter textlicher Farbtupfer, ein Spannungsbogen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ganz bestimmt. Vertrauen Sie Brett & Pad, den Umzugsspezialisten für wahre Veränderung.

Kurzcheck: Darum geht es in Moon Colony Bloodbath

Neugierig geworden? Natürlich. So geht es uns doch allen. Und schwupps sind Sie nicht nur Tourist, sondern entwickeln mit der Nachbarschaft unter Anleitung einer Fachkraft die glänzende Zukunft auf dem Mond mit. Gut, dass der Arbeitsalltag ganz bürokratisch für alle gleich abläuft und eine Struktur vorgibt. So ein Tag (Ereignisstapel) besteht eben aus mehreren produktiven Arbeitsstunden (Aktionen), in denen Sie die Wahl haben: hübsche und ganz wundervolle Gebäude zu errichten und damit weitere Bewohner:innen anzuziehen, neue Gebäude zu erforschen, Nahrung anzubauen oder sich der harten Währungsvermehrung zu verdingen. Die braucht es zum Bauen von Gebäuden. Klar, an so einem Tag gibt es sicher auch Probleme und Missgeschicke (schlechte Ereigniskarten im Deck) und alle müssen etwas essen, aber das wird doch wohl gemeistert, oder? Huch, warum steht dann da in der Ecke neben dem wunderbaren Mond-Utopie-Poster an der Wand ein Eimer? Ist der für Erbrochenes und Wischlappen voller Blut? Ignorieren Sie das einfach. Ignoranz ist die Tugend der Schlauen.

Moon Colony Bloodbath
Da gleichzeitig gespielt wird, ist die Personenanzahl für die Spielzeit egal
Mechanischer Ausflug

Moon Colony Bloodbath ist extrem simpel. Es gibt ein gemeinsames Ereignis-Deck, das unseren Tag taktet: Aktionen wie Twist_Karten, die bestimmte Spielsituationen belohnen, und einige wenige Problem-Karten. Pro Runde wird dieses Deck durchgespielt, dann neu gemischt. Der Kniff: Das Deck wird im Laufe der Partie von uns selbst gefüttert. Mit guten Dingen, aber vor allem durch das Spiel selbst mit schlechten. Und die werden mit der Zeit dominant. Streit, Bürokratie und durchdrehende Roboter, die zu Tötungsmaschinen werden. Der erst süße, freudige Howdy-Tag wird so über die Spielzeit von 45 bis 90 Minuten zu einem wahren Albtraum. Immer mehr schlechte Ereignisse, immer weniger Aktionsmöglichkeiten zum Gegensteuern. Das Spiel endet gewöhnlich, wenn eine Kolonie keine Menschen mehr besitzt. Wer dann am Ende die meisten Überlebenden hat, gewinnt. Das zeigt das ungewöhnliche Spielprinzip auf: Erst klassisches Engine-Building, welches bei allen irgendwann in Engine-Losing übergeht. Die Frage ist: Wie stark ist deine Engine bis zum Scheitelpunkt, ab dem es für alle nur noch hart abwärts geht?

Herrlicher Tag

Die Sonne auf dem Mond geht einfach besser auf! Was für ein herrlicher Tag. Es wird die erste Karte vom Ereignis-Deck gezogen und es ist eine Arbeits-Karte (Aktion). Ärmel hochkrempeln, jetzt wird gewerkelt, da würde Herr Hornbach neidisch werden. Ich baue direkt von meiner Hand eine Kartoffelfarm. Kostet mich 5 Geld, dafür steigt meine Bevölkerung um 6 und wenn ich als spätere Aktion Ernten wähle, erhalte ich zwei zusätzliche Äpfel. Sondereffekt: Ich kann ab sofort Äpfel als Geld nutzen. Guter Engine-Start! Meine Frau hingegen wählt als Aktion Schürfen und nimmt sich Geld aus dem Vorrat. Anscheinend hat sie zum Spielstart teure Gebäudekarten auf die Hand bekommen. Lukas wählt Forschen und zieht zwei Gebäudekarten. Der erste Tag vergeht mit seinen vier Aktionen, und alle strahlen, als hätten wir Plutonium gesoffen.

Nun gut, ein Problem tauchte auf und wir mussten mit dem Hunger dann ein erstes negatives Ereignis ins Spiel bringen. Meine Güte, natürlich müssen wir essen. Bei vollen Bäuchen wächst jetzt sogar unsere Bevölkerung! Also schön Äpfel produzieren. Ich liebe dieses simple Spiel, wo gleichzeitig gespielt wird, die Entscheidungen überschaubar sind und der Engineaufbau durch viele verschiedene Gebäude und Twist-Karten trotzdem nicht trivial ist. Downtime wurde im Vakuum pulverisiert!

Moon Colony Bloodbath
Wenn im Ereignisstapel eine Arbeit-Karte aufgedeckt wird, sind diese meine möglichen Aktionen

Schaut her, ich bin Mr. Mondkolonie!

Nach einigen Tagen motivierenden Schaffens steht mein Paradies. Ich habe eigene Vorteilskarten in das Tagesdeck gespielt. Werden diese Karten aufgedeckt, bekomme nur ich etwas. Was für eine Ich-AG. Mein strahlendes Lächeln blendet alle anderen. Alle wollen bei mir wohnen, und so ist meine Bevölkerung gut gewachsen. Meine Aluminium-Mine ist ein Geldsegen, meine Radarsysteme sorgen für automatische Forschung, mein Mondhotel sorgt für stetigen Fluss an weiterer Bevölkerung. Kennt ihr in Brettspielen dieses wohlig warme Gefühl, wenn in einer Engine alles ineinandergreift und die Partie eigentlich nie enden sollte? Tja, Moon Colony Bloodbath ist jetzt aber Mr. Table-Flip.

Moon Colony Bloodbath
Meine Engine wächst!

Mmmh, lecker, Labskaus

Alltag: Herrliche Kantinen, bei denen alle über frischen Kaffee klatschen, aber nur so lange, bis der Küchenroboter durchdreht und die klatschenden Hände zu Labskaus verarbeitet. Was mit Problemen wie dem Hunger oder bürokratischem Papierkram beginnt, wird zu einem Tanz aus Fehlfunktionen, Lecks, erhitzten Gemütern, Unfällen, Mondbeben, durchdrehenden KIs und allerhand blutrünstigen Robotern. Wer seine Utopie in die Hand von hart arbeitenden Robotern legt, benötigt beim Kollaps eben mehr Wischmopps für das verteilte Blut ehemaliger Einwohner als es das Budget zulässt. Das Perfide: Viele zusätzliche Einwohner, die nichts anderes als Siegpunkte sind, erhältst du nicht als Token, sondern sie sind auf den Gebäudekarten verewigt. Wenn du nun durch den durchdrehenden Lagerroboter 7 Menschen abwerfen musst und keine Token mehr hast, musst du entsprechend Gebäude abreißen, bis die Menge an Menschen bezahlt ist. Moon Colony Bloodbath reißt dich also hammerhart aus der rosaroten Mondutopie.

Moon Colony Bloodbath
Jeden Tag diese Fehlfunktionen

Ich zerbrösel’ innerlich

Nicht nur, dass deine Engine empfindlich gestört wird, sondern das Ungleichgewicht im Ereignis-Deck schlägt zuungunsten der eigenen Aktionsmöglichkeiten aus. Zu Beginn der Partie sind dreiviertel der Karten im Deck Aktionsmöglichkeiten bzw. positive Twist-Karten. Am dritten Tag warten schon 6 negative Ereignisse und zwei durchdrehende Roboter auf die Gemeinschaft. Du jonglierst schnell am Abgrund mit deiner eigenen Verzweiflung und weißt, irgendeine Person wird am Spielende gar nichts mehr besitzen. Jedes Gegensteuern und Flicken einer Engine wird zum Mini-Tropfen auf dem „kochenden“ Stein. Nada. Völlig zerstört. Das muss gemocht werden. Selbst wenn sich die Spielrunde gemeinsam im Strudel des Absturzes befindet und alle den Schmerz fühlen. Diese Verbundenheit ist übrigens fast die einzige Form von Interaktion, abgesehen von einigen Ereignissen, die von den Spielenden durch Gebäude ins Deck fließen. Aber da es eh irgendwann vom Spiel Backpfeifen am laufenden Band hagelt, müssen das nicht auch noch die Mitspielenden fördern.

Mit etwas Kopfkino kann hier auch eine Geschichte vor dem geistigen Auge ablaufen. Und jede Partie erzählt durch das immer leicht andere Ereignis-Deck und seine jeweilige Mischung eine eigene. Die Abwechslung könnte hier trotzdem größer sein, weil bis auf die zufälligen Roboter, die negativen Ereignisse nach einer festen Reihenfolge ins Deck kommen. Am Ende musste ich diesen zelebrierten Untergang erst lernen. Wer seine Engine nicht stabil genug aufbaut und die Gewinnung von Einwohner:innen vernachlässigt, was teilweise auch vom Kartenglück abhängt, kann hier richtig hart auf die Kauleiste bekommen. Und wenn ich bei insgesamt nur 45 Einwohner:innen acht davon abgeben muss, dann grinse ich über den lustigen Roboter mit den Scherenhänden eben weniger, als meine Frau, die gerade 62 Bewohner:innen zählt. Und ich weiß, dieser Roboter erwartet mich jetzt jeden Tag aufs Neue. Da braucht es schon einen guten Plan und Glück, um das Ruder herumzureißen. Maximale Kontrolle gibt es trotz strategischer Ausrichtung der Engine nach Robotern und Twist-Karten bei einem Blutbad nicht. Spielreiz entsteht am Ende eben aus der absoluten Eskalation und dem spannungsgeladenen Untergang aller.

Es erwarten dich unzählige Roboter! Leider ohne Flufftexte

Fazit

Moon Colony Bloodbath winkt mit glänzender Utopie im besten Fallout-Charme, zelebriert dann aber vor allem die Destruktion. Der Einstieg ist charmant, weil simultanes Spielen ohne Downtime in einem wirklich einfachen Gerüst ermöglicht wird. Ein Ereignis-Aktionsdeck für alle, wenige Hauptaktionen und da, wo es spielerisch mit dem Engine-Building wichtig wird, etwas mehr Breite. Von alea sicher das seichteste Spiel und im rein mechanischen Kern auf Familienspielniveau. So bauen alle Farmen, Minen, Hotels und schnell fühle ich mich wie der CEO meiner rosaroten Mondzukunft. „So, jetzt nur noch genießen.“ Und genau in diesem Moment packt der Mondalltag seine Pranken aus. Durchdrehende Roboter und diverse andere morbide Ereignisse zerhäckseln diesen Gedanken. Der große Reiz liegt in diesem Kipppunkt: Wenn aus Aufbau plötzlich Überleben wird. Wenn die Aktionskarten immer seltener werden, die Negativereignisse sich stapeln und du merkst, dass du nicht mehr gestaltest, sondern nur noch verwaltend verblutest. Das ist fies, aber auf eine Art fesselnd, weil es so konsequent umgesetzt ist und thematisch passt. Deine Engine ist hier nicht nur Mittel zum Sieg. Sie ist deine fragile „Mondseifenblase“, gefüllt mit einem Hauch von spielerischem Sauerstoff. Das muss man mögen. Kontrolle? Niemals. Morbiden Humor? Vorhanden, wenn auch etwas mehr Flufftexte auf den Karten schön gewesen wären. Moon Colony Bloodbath musste ich aufgrund seiner Andersartigkeit erst lieben lernen, dafür wandert das Blutbad jetzt aber immer wieder gerne auf den Tisch.

Moon Colony Bloodbath
Spielinformationen
Genre: Workerplacement | Personen: 1 - 5 | Alter: ab 14 Jahren | Dauer: 45 - 90 Minuten | Autor: Donald X. Vaccarino | Illustration: Franz Vohwinkel | Rezensionsexemplar erhalten
SPIELSPASS
8
MATERIAL
7
SPIELIDEE
8.5
Positive Aspekte
Extrem schnell zu lernen, weil die Grundaktionen übersichtlich sind
Alle spielen gleichzeitig: Spielzeit geringer, keine Downtime
Morbider Humor und entsprechendes Spielgefühl
Frisch: Engine-Building wird zu strategischem Abriss mit Phasen des hoffnungslosem Flickens
Durch Twist-Karten im Ereignisstapel sind in jeder Partie immer leicht andere Strategien möglich
Negative Aspekte
Der absolute Abriss muss gemocht werden
Es herrscht immer eine große Portion Unplanbarkeit im Spiel
Schwer einzuschätzende Spielzeit, denn diese schwankt je nach gezogenen Robotern und Twist-Karten tlw. beachtlich
"Probleme" kommen nach einer festen Reihenfolge ins Deck, was die Abwechslung mindert
8

4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Als ob man heutzutage für ein Blutbad zum Mond müsste… ts, ts, ts

    Antworten
    • Es ist hoffentlich aber auch in deinem normalen Alltag nicht zu finden. Und niemand fährt auf den Mond um im Blut zu baden, Bürger! Dort ist alles ganz wunderbar sorgenlos. Ich verbiete mir diese geschäftschadigende Propaganda.

      Antworten
  • Holger Thiemann
    14. April 2026 8:50

    Hi,

    Klingt auf jeden Fall witzig mit den richtigen Leuten. Bringst du das auf die Burg mit? Habe zwar schon viel zu viel vor, aber vielleicht kann man das ja „zwischenschieben“.

    Grüße,

    Holger

    Antworten
    • Hallo Holger,

      dein Wunsch ist mir Befehl 😀 Das Gute am dem Spiel ist eben, dass es so schnell erklärt ist und keine Downtime besitzt. Du kannst es also egal mit wie vielen Leuten immer gut auf den Tisch bringen. Wenn die Twist-Karten das Spiel nicht verlängern, ist es oft nach 45 Minutem vorbei.

      Liebe Grüße

      Christian

      Antworten

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