Millenia – Tracks of Time ist völlig an mir vorbeigeflogen. Das finde ich an unserem Hobby irgendwie so krass. Man ist richtig tief im Bereich Brettspiele verankert und trotzdem laufen einige Titel völlig unter dem Radar. So auch Millenia – Tracks of Time. Nur über meinen lieben Freund Dennis ist das Spiel auf dem Tisch gelandet. Dennis und ich haben nämlich ein episches Telefonat über Zivilisationsspiele geführt. Hauptgegenstand dieses Calls war Era of Tribes, wie sehr wir dieses Spiel lieben, wie sehr mich das Regelheft nervt und wie viel Potenzial doch die Gestaltung des Spielbretts hat. Whatever, das wäre ein anderes diskussionswürdiges Thema. Ich berichtete, dass wir, also meine Spielgruppe und ich, vorhaben, ein paar Zivilisationsspiele nochmal zu testen. Und dass als nächstes Through the Ages auf dem Tisch landen soll. Probier doch mal Millenia – Tracks of Time, das spielt sich schnell runter und wird dir gefallen, war die Einschätzung von Dennis zu meinem Geschmack. Hat er recht?
Kurzcheck: Darum geht es in Millenia – Tracks of Time
In dem Spiel von Karma Games versuchen 1–4 Personen ihre Zivilisation über acht verschiedene Zeitalter und geballte 5000 Jahre der Geschichte zu entwickeln. Das Spiel ist dabei in ganz klare Phasen unterteilt, die ihr in den 8 Spielrunden von A–G abhandelt. Kernelemente des Spiels sind dabei Technologiekarten, Gebäude, Weltwunder und jede Menge Leisten. Millenia – Tracks of Time überrascht dabei mit einer coolen Aktionsmöglichkeit über die aufgedruckten Symbole auf den Karten, das Tappen der Karten und deren kurze Verfügbarkeit. Denn in Millenia – Tracks of Time stehen euch die Karten nicht ewig zur Verfügung. Je nach Zeitalter verschwinden die Karten aus eurer Engine und die kollabiert regelmäßig. Irgendwie thematisch, dass Technologien in Zeitepochen veraltet sind.
Genial & frisch
Die Auswahlphase ist der Startschuss einer jeder Runde Epoche. Die jeweiligen Meilensteine dieser Epoche werden ausgelegt und beginnend beim Startspieler platziert ihr einen eurer vier Auswahlmarker. Das Dilemma ist riesig und ich reiße es kurz an. Der Kartenmarkt liegt aus. Je nachdem, welche Zeile ihr wählt, bekommt ihr in der nächsten Runde Einkommen. Geld, das dringend in einer späteren Phase zum Bauen benötigt wird. Allerdings braucht ihr auch passende Symbole für eure Aktionen. Habt ihr zum Beispiel ein Symbol Kommunikation auf euren Karten und ein Symbol Energie, könnt ihr in der Aktionsphase diese durch Tappen ausgeben, um mächtige Diplomatiekarten zu erhalten. Also sucht ihr die besten Kombinationsmöglichkeiten aus Symbolen für eure Aktionen, was gar nicht einfach ist, denn jedes Symbol ist in jeder Runde nur auf einer Karte drauf.
Ihr könnt eure vier Marker natürlich auch auf Spezialaktionen setzen. Die sind nur einmal vorhanden, ermöglichen euch schnellen Fortschritt auf den unterschiedlichen Leisten, aber spielen euch halt keine Karten in die Auslage. Schwierige Entscheidungen, zumal eure Mitspieler genau die gleichen Symbole wollen. Genial. Millenia – Tracks of Time bietet immer vielfältige Optionen und genug Möglichkeiten. Nie hat man das Gefühl, ein Symbol ist nutzlos, und immer hat man das Gefühl, dass einem genau das Symbol weggeschnappt wurde. Der Satz „Welcher Vollhonk hat die Harfe weggeschnappt?“, kommt mehr als einmal. Es war wohl Uwe, der alte Ha(r)fensänger.
Meilensteine der Geschichte… nicht
Was auf den Karten draufsteht? Bummsegal. Ehrlich, ich hätte euch nicht sagen können, welche Zeitalter ihr spielt oder welche Karten im Spiel sind. „Gib mir mal das grüne Gebäude, das 9 Geld kostet“ und „ich spiele eine Harfe und die Leute und gehe auf der Theaterleiste vor“ sind Beispiele für unseren Sprachgebrauch im Spiel. Es gibt grüne Gebäude, braune Gebäude und Weltwunder. Die Weltwunder erzeugen End-of-Game-Wertung, die Gebäude liegen aus und liefern euch beim Tappen in der Aktionsphase Symbole und/oder Effekte. Welche Gebäude habt ihr gebaut? Keine Ahnung. Wichtig sind ausschließlich die Parameter Kosten, Effekte, Symbole und wie lange hält sich das Gebäude. Was habe ich also? Ein Zivilisationsspiel oder Leistengeschubse?
Leistengeschubse
Die sieben Leisten und euer Fortschritt auf diesen Leisten ist das zentrale Element des Spiels. Auch wenn das Zivilisationsthema völlig belanglos ist, macht das Spiel brutal viel Spaß. Je häufiger, desto mehr entdeckt man Möglichkeiten. Millenia – Tracks of Time forciert mit seinem coolen Auswahlmechanismus eine enorme Interaktion und Partizipation, zudem eine strategische Planung. Uwe zum Beispiel nimmt mir seit zwei Runden immer das Kommunikationssymbol weg, da er in der Zugreihenfolge vor mir sitzt. Ich habe genug und nehme mir die Karte, auf der in dieser Runde der Startspieler abgebildet ist. Das ist gut für mich, aber auch gut für die Spieler, die nun in der Startreihenfolge an Position 3 und 4 sitzen, denn die werden mit Geld belohnt.
Mächtige Kriegsleiste
Die Kriegsleiste. Diskussionspunkt unserer ersten beiden Partien und ein absolut entscheidendes Nadelöhr. Die Kriegsleiste funktioniert wie alle anderen Leisten in Millenia. Ihr schubst euch vorwärts. Gegen Ende der Leiste habt ihr zwei Optionen, abhängig von der Anzahl der Bevölkerung. Das macht Millenia nämlich auch echt gut. Die Leisten und Bonuskarten sind gut miteinander vernetzt. Zurück zum Krieg. Seid ihr auf der Kriegsleiste am Ende, gibt euch jeder weitere Schritt doppelte Punktzahl. Allerdings wird in der Kriegsphase der letzte Spieler auf der Leiste wieder auf null gesetzt. Und alle anderen Spieler gehen diesen Betrag an Schritten ebenfalls zurück.
Beispiel: Ich bin ganz vorne auf der Leiste. Bin ich in der nächsten Epoche immer noch dort, werde ich alles in den Krieg investieren, um fett Punkte zu kassieren. Marc ist Letzter auf der Kriegsleiste, muss am Ende der Epoche vier Schritte auf der Leiste zurückgehen. Alle anderen gehen auch zurück, mein Plan wurde vereitelt.
Allerdings hatten wir zwei Runden gehabt, wo ein Spieler nicht in den Krieg investierte. Er bleibt auf der Null, geht folglich auch keine Schritte zurück. Das muss man definitiv als Mitspieler im Auge haben, denn sonst wird die Kriegsleiste sehr mächtig, aber nicht der Königsweg. Denn gerade in unserer letzten Partie war Marc gar nicht am Krieg interessiert. Ich habe alles auf diese Leiste gesetzt. Und Uwe hat über Wirtschaft und andere Dinge gepunktet. Er hat gewonnen, zwar knapp, aber trotzdem. Ein feines Beispiel, dass Millenia – Tracks of Time auch sehr gut unterschiedliche Erfolgswege ermöglicht.
Fazit
Millenia – Tracks of Time ist ein feines Zivilisationsspiel mit einigen eleganten Entscheidungen. Halt, nein. Erwartet hier bitte nicht ein thematisches Feuerwerk, denn auch wenn die acht Spielrunden epochal aufgeteilt sind und die entsprechenden Karten historisch den Epochen zugeordnet werden, ist Millenia – Tracks of Time ein symbolgesteuertes Leistengeschubse. Ein sehr gutes, denn von der Auswahl der Karten und Aktionen über je vier Aktionen pro Runde, die Startspieler- oder Bauwerksregelung, die End-of-Game-Wertung bis hin zur Vernetzung der einzelnen Leisten macht das schnell zu lernende Spiel richtig viel gut. Der Clou allerdings ist, dass meine Engine immer in sich zusammenfällt. Logisch, denn ist in der Bronzezeit die Farm noch aktuell und up to date, ist sie im Industriezeitalter nicht mehr zeitgemäß. Millenia – Tracks of Time bietet so immer wieder neue Entscheidungen, vielfältige Strategien und jede Menge Interaktion bei keiner Downtime. Wer hier ein Zivilisationsspiel erwartet, das die Spielenden tief in die Historie einsaugt, wird bitter enttäuscht. Wer allerdings dem Kampf um die Karten, Symbole und die Aufstiege auf den Leisten eine Chance gibt, der erlebt ein sich toll entwickelndes Spiel mit vielen feinen Vernetzungen und Stellschrauben.

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Hast du mal Khôra gespielt? Da „verfallen“ zwar keine Karten, aber deine Beschreibung erinnerte mich ein wenig an Khôra. Da ich das Spiel toll finde – kannst du womöglich einen Vergleich anstellen?
Hallo Jon,
leider nein…zu Khôra kann ich leider gar nichts sagen. Dachte ich im ersten Moment, bis ich die Bilder auf BGG gesehen habe. Ahhh da war was. Schnell meine BG Stats rausgekramt und tatsächlich habe ich zwei Partien Khôra gespielt. Ist allerdings schon 2 1/2 Jahre her. Und ich erinnere mich: Wir fanden Khôra auch gut, gerade die drei Leisten und die freischaltbaren Elemente auf dem Playerboard waren gut umgesetzt. Aber tatsächlich ist Millenia mit seiner Vielzahl an Symbolen und Möglichkeiten doch deutlich spannender. Es hat mehr zu bieten. Gerade in der Aktionsauswahl und den verschiedenen Leisten.
Jetzt würde mich tatsächlich interessieren: Wie findest du Millenia im Vergleich zu Khôra? Da du Khôra sehr gerne spielst und den Vergleich angestrebt hast, bist du prädestineirt nun Millenia zu spielen.
LG