Recht früh zog Endless Winter in unsere Spielesammlung ein. Das war 2022. Endless Winter war ein absoluter Hype-Titel im Frosted Games-Portfolio. Dass der Designer Stan Kordonskiy gute Spiele kann, hat er gerade wieder mit Minos bewiesen. Kommen wir zurück zu eben Endless Winter. Ich erinnere mich dunkel, wie Uwe, Michael und ich zwei drei Partien gespielt haben, Endless Winter für ordentlich befunden haben und es dann in einen Winterschlaf geschickt haben, aus dem Uwe es nun erweckt hat. Nein, vielmehr war es Marco, der sich eine Partie Endless Winter zu seinem Ehrentag gewünscht hat. Ich war milde überrascht, denn in meiner Erinnerung war das Spiel gar nicht so gut, oder? Haben wir uns getäuscht?
Kurzcheck: Darum geht es in Endless Winter
In der letzten Eiszeit liegt es an euch, die frühzeitliche Menschheit perfekt an die rauen Bedingungen anzupassen und euren asymmetrischen Stamm zu Ruhm zu führen. Endless Winter ist dabei ein klassisches Workerplacement-Spiel für 1–4 Spielende im Kennerspielbereich mit einem coolen Deckbaumechanismus. Über vier Aktionsrunden spielt ihr eure zwei Stammesfiguren und euren starken Häuptling auf die vier zur Verfügung stehenden Aktionsfelder aus und verstärkt eure Aktion ggf. mit euren Handkarten. Zwischen den vier Aktionsrunden ist die Sonnenfinsternisphase eine wichtige Phase im Spiel, weil dort die neue Spielreihenfolge ermittelt wird, indem eure verbleibenden Handkarten ausgespielt und Bonusaktionen ausgelöst werden. Zudem erfolgt in dieser Phase eine Zwischenwertung und ihr erhaltet neue Ressourcen.

Asymmetrie
Der Häuptling eines jeden Stammes gibt zu Beginn des Spiels ein bisschen die Richtung vor. Uwe entscheidet sich als Startspieler für Häuptling Stoßzahnbrecher. Und besetzt folgerichtig auch als erste Amtshandlung das Aktionsfeld „Jagd“. Die Jagd ist aus zwei Perspektiven eine wichtige Sache. Erstens könnt ihr pro Jagd ein Tier schlachten. Je nachdem, welches Tier ihr schlachtet, bringt euch das Tier unterschiedlich viel Fleisch oder gar Werkzeuge. Klar, wer mal einen Säbelzahntiger erlegt hat, weiß was man mit den mächtigen Hauern alles anfangen kann. Diese zwei Ressourcen braucht ihr dringend für eure Aktionen im Spiel, aber wie in jeder extremen Klimaphase sind diese rar gesät. Zweitens könnt ihr über Set-Kollektion massige Siegpunkte zum Spielende erlangen. Immer mit der Zwickmühle: Schlachten oder Sammeln?

Der erste Zug
Marco wählt für seinen ersten Zug „Entwickeln“. Warum ist dieser erste Zug so wichtig? Nun, Endless Winter belohnt jenen, der die Aktion in jeder Runde das erste Mal ausführt, mit einem Bonus. Und nur ihn. Das ist für das Spiel schon ein mächtiger Punkt. Marco nutzt in der Aktion Entwickeln seine Arbeitskraft, um wichtige Errungenschaften zu kaufen, die ich vor meinem eigentlichen Zug ausspielen kann. Allerdings kosten diese nützlichen Karten ganze drei Arbeitskraft, der dritten Ressource im Spiel. Hier glänzt Endless Winter wieder mit einer fantastischen Entscheidung. Die Arbeitskraft ist entweder auf den Handkarten aufgedruckt, oder ihr könnt Nahrung für Arbeitskraft opfern. Spielt ihr aber die Handkarten aus, sind sie in dieser Runde weg. Und damit auch der Effekt, der in der Sonnenfinsternis ausgelöst wird. Dilemma über Dilemma.
Über seine Entwicklung meißelt Marco, der alte Paleoamerikaner, eine Steintafel in sein Playerboard. Diese liegen aus und ihr könnt drei davon in eure Höhle meißeln. Und sie geben euch in der Sonnenfinsternis Siegpunkte. Was hat der Schelm nur vor?

Überlegungen vergangener Zeitalter
Die letzte Partie haben Marco, Marc und ich krachend verloren. Und wenn ich krachend sage, dann meine ich krachend. Uwe hatte doppelt so viele Punkte wie der Zweitplatzierte. Er gewann mit einer Mischung aus Megalithen, die er errichtete, und Stammesmitgliedern, die er zu großen Ehren begraben hat. Zwei Dinge habe ich mir dabei bei Uwe abgeschaut. Erstens: Über die Megalithen hat er sehr viele Bonus-Ressourcen, Siegpunkte und Einkommen freigeschaltet. Zweitens haben die begrabenen Karten ihm sein Deck ausgedünnt. So konnte er durch einen steten Umbau seines Decks immer bessere Karten erhalten. Die Strategie war einfach und trotzdem zielführend. Neue, starke Karten über die Aktion Einweihen hinzufügen und weniger gute Karten begraben. Gesehen und verstanden.

Kampf um Ressourcen
Ich wähle allerdings die Aktion „Weiterziehen“ als Startaktion. Ihr fragt euch jetzt sicher, ob mir die Kälte meine Gedanken eingefroren hat. Habe ich nicht im vorherigen Absatz von einer anderen Strategie gesprochen? Jein. Das Leben in der Steinzeit war nicht so trivial. Ich möchte mit meinen Zelten weiterziehen, um an einem bestimmten Knotenpunkt eine Siedlung zu gründen. Denn über die Knotenpunkte und die Mehrheiten der Felder bekomme ich in der Sonnenfinsternis eben Ressourcen. So bietet Endless Winter einen schönen Ausbreitungs- und Area-Controll-Effekt, denn nur wer die Mehrheit über ein Feld besitzt, bekommt eben den Bonus. Durch den variablen Spielaufbau sind diese Situationen immer anders. Ich habe dieses eine Feld mit den Megalithen im Auge. Ich will darüber meine Macht ausbauen.

Kennerspiel
Trotz der wenigen Aktionsfelder oder gerade wegen der vier Aktionsfelder ist Endless Winter ein tolles Kennerspiel. Wann macht ihr welche Aktion? Wie organisiert ihr eure Ressourcen? Wann spielt ihr Karten und opfert diese für Arbeitskraft? Welche Karten haltet ihr für die Sonnenfinsternis zurück? Ihr seid permanent im Dilemma, was ihr machen wollt. Ein Beispiel: Ich habe viele Karten aus meinem Deck ausgedünnt – Karten, von denen ich annahm, ich brauche sie weniger. Allerdings haben mir diese Karten auch Arbeitskraft zur Verfügung gestellt. Und davon hatte ich am Ende etwas wenig. Und ich hatte zu wenig Karten. So konnte ich in der Sonnenfinsternis nicht so richtig gut agieren. Diese Phase ist aber nicht zu verachten, denn sie generiert wichtige, weil günstige Bonusaktionen.
Uwe zögerte ein paarmal beim Jagen. In der Set-Kollektion fehlten ihm nachher drei wichtige Tiere. Seine Analyse war knallhart: Wenn du Jäger bist, dann solltest du auch knallhart jagen gehen. Er konzentrierte sich zwischenzeitlich auch auf andere Dinge. Marco hat über seine gemeißelten Steintafeln den größten Impact im Spiel. Die Siegpunkte in den Zwischenrunden konnten Uwe und ich nicht aufholen, zudem war sein Deck im Einklang mit allem anderen. Der Abstand war diesmal geringer; zwischen uns dreien lagen immer zehn Punkte.

Kritikpunkte
Was mich ein bisschen stört, ist das zerklüftete Spielbrett. Hier die Totem-Tafel, in der Mitte das modulare Spielbrett, ein Spielbrett zum Jagen, ein Bauplatz für die Magaleithen, dann eine lose Marktauswahl von neuen Stammesmitgliedern und Errungenschaften. Ich mag es persönlich lieber sauber auf einem Spielbrett mit passendem Marktbereich. Allerdings ermöglicht diese Entscheidung, dass Endless Winter variabel bleibt und viele coole Erweiterungen eingebaut werden können. Die Höhlenmalerei ist thematisch sehr cool, auch wenn wieder ein neues Board am Tisch paltziert wird. Gerade die Flöße-Erweiterung hat richtig Spaß gemacht und noch weitere taktische Möglichkeiten ermöglicht. Und das ohne neue Aktionen einzuführen. Respekt.

Fazit
Ich kann gar nicht sagen, warum Endless Winter uns bei dem ersten Durchlaufen nicht so wirklich gepackt hat. Jetzt, beim zweiten Blick, entpuppt sich Endless Winter als tolles Kennerspiel mit einer klasse Symbiose aus reduzierten Aktionsfeldern und Deckbau. Was mir besonders gut gefällt, sind die drei Ressourcen Nahrung, Werkzeuge und Arbeitskraft, die immer zu wenig sind. In Kombination mit den Aktionskarten erzeugt diese Knappheit spielerische Dilemmata, die es geschickt zu meistern gilt. Daraus entsteht ein sehr motivierendes Spiel, was thematisch gut in die Eiszeit eingebettet ist. Die Phase der Sonnenfinsternis ist dabei elegant als Zwischenphase mit mächtigem Impact auf das Spiel installiert. Ich bin sehr froh, dass wir Endless Winter einem zweiten Blick unterworfen haben. Wie sind eure Erfahrungen mit dem Spiel? Ist es euch ähnlich ergangen?

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