Lesezeit: 8 Minuten

Den Einleitungstext könnte ich aus dem letzten Jahr fast kopieren. Fast deshalb, weil mein meistgespieltes Brettspiel im Jahre 2018 keines ist, welches ich nicht mag – allerdings gehört es wieder nicht zu meinen wirklichen Highlights. Ansonsten ist meine Top 5  wie immer ein Misch-Masch aus den letzten Titeln 2017 und aktuelle aus 2018. Diese Verschiebung ergibt sich, weil ich den Großteil der Spiele von der SPIEL erst im Folgejahr genügend oft auf den Tisch bekomme. Verraten kann ich schon jetzt, das es noch nie so schwer für mich war, eine Top-Liste für ein Spielejahr zu erstellen.

Die Überraschung

Es liegt auf der Hand,  warum es dieses Jahr so schwer war eine Top 5 zu erstellen. Es gab einfach zu viele gute Titel! Darum ist der größte Gewinner das Jahr 2018 an sich. Im Vorfeld wurde in unserer Gruppe oft von Sättigung gesprochen, immer ähnlicheren Konzepten, parallelen zum Videospielmarkt wurden ausgegraben und auf der SPIEL’18 herrschte hier und da fast Ernüchterung. Rückblickend auf das ganze Jahr betrachtet, war 2018 aber ein gigantisches Vergnügen. Ich hatte fast jeden Monat richtige Highlights auf dem Tisch und einige wirklich fantastische Spielerfahrungen. Es gab für mich den Höhepunkt der Legacy-Spiele, ich hatte außerordentlich hochwertige Krimi-Spiele auf dem Tisch, überraschend frische Eurogames und sehr feine Kickstarter-Spiele. Für mich ist 2018 eines der stärksten Brettspieljahre überhaupt. Ich bin gespannt, wie sich dagegen das nächste Jahr behaupten kann.

Das am häufigsten gespielte Brettspiel…

… ist wieder ein kleines Würfelspiel, das mit auf Reisen genommen werden kann. Wäre die Spielzeit auf das eigene Wohnzimmer beschränkt, wäre neben Spirit Island wohl Sunflower Valley, AZUL und Hochverrat sehr weit oben. So ist es Ganz schön clever geworden. Alleine auf einer Bootsfahrt, nach Helgoland und wieder zurück, wurden sicher an die zwölf Partien gespielt. Hintereinander! Müsste ich meine Durchgänge schätzen, ich käme inklusive der online geführten Partien sich an 100 Spieldurchgänge. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nie über 300 Punkte gekommen bin, aber auch selten unter 230. Das Spiel macht durch seinen zügigen Ablauf und dem Auskreuzen von Kästchen wohl glücklich. So ein Mix aus pawlowschem Reflex und Dopaminausschüttung durch das Belohnungssystem im Hirn. Funktioniert erschreckend gut, obwohl ich das Spiel gar nicht so berauschend finde.

Brettspiel des Jahres 2018 – Die Top 5

 1. Platz – Pandemic Legacy: Season 2

Viel mehr kann man ja leider nicht zeigen ohne zu spoilern.

Es ist nun schon etwas länger her, dass wir Pandemic Legacy: Season 2 beendet haben und trotzdem ist es immer noch präsent. Ich habe es nicht umsonst als eines der besten Brettspielerfahrungen überhaupt bezeichnet. Es toppt den für mich sehr guten Vorgänger am Ende locker. Diese Freiheit und Spannung über die Partien hinweg, die sich vom starren Korsett des Vorgängers lösen, waren einfach Nervenkitzel pur. Trotzdem wurde es am Ende denkbar knapp, womit wir wieder beim exzellenten Spielejahrgang 2018 sind. In jedem anderen Jahr hätte ich keine Sekunde überlegen müssen, ob dieses Brettspiel auf den ersten Platz gehört. Genau genommen ist es eigentlich aus 2017(SPIEL’17), aber durch den Legacy-Aspekt zog es sich bis ins Jahr 2018 hinein.

 2. Platz – Spirit Island

Der „zweite Platz 1.“ – da Neuheit aus 2018 und einen Hauch hinter Pandemic Legacy: Season 2. Ich denke, ich habe genug Begeisterung für dieses Spiel hier auf Brett & Pad versprüht. Es ist eines der wenigen Spiele, welches ich eigentlich immer spielen könnte. Ich bin auch noch lange nicht gesättigt bei der Modularität und Masse an Geistern. Das kooperative Brettspiel glänzt mit seinem Thema, ist durch vom Mensch verursachten Umweltschäden aktueller denn je und setzt mit dem Element „Plastik versus Holz“ bei den Spielmaterialien für einen intelligenten Fingerzeig. Der Anspruch ist sehr hoch, entsprechend viel Kommunikation und gemeinsames planen erfordert Spirit Island. Das spricht aber nur für dieses außergewöhnliche Brettspiel!

Spirit Island: Eines meiner absoluten Lieblingsspiele, auch über das Jahr hinaus.

 3. Platz – Detective

Plötzlich FBI-Agent!

Die ersten drei Plätze komplett eingenommen von kooperativen Brettspielen. Mein Faible für diese Art von Spiel wächst anscheinend immer mehr. Auch hier ist außergewöhnliches passiert. Wenn die Ehefrau, bekannt für Netflix-Nickerchen nach 10 Minuten, gerne bis 1:30h, nachts wohlgemerkt, mit einem Maximum an Einsatz und Begeisterung am Tisch sitzt, dann reib ich mir verwundert die Augen. Denn selbst gute Brettspiele sollten eigentlich bis spätestens 23h abgeschlossen sein. Ich war aber nicht weniger geflasht! Atmosphärisch ungemein dicht, dazu ein spannender politischer Fall, der mit echten historischen Fakten untermalt ist, macht Detective hier zum wahren interaktiven Brettspiel-Krimi. Ein Chronicles of Crime oder Watson & Holmes haben schon für Furore gesorgt und hätten hier auch stehen können. Aber Detective hat beide genannten Brettspiele auf links mit Warp-7 überholt.

4. Platz – Teotihuacan: Die Stadt der Götter

Das erste kompetitive Brettspiel, dafür aber eines, das ich sicher bis zur Rente und darüber hinaus immer wieder auf den Tisch aufbauen werde. In jeder Runde bisher sehr gut angekommen! Die erste Erklärung mag sich etwas ziehen, das Spielmaterial auf den ersten Blick weniger hübsch wirken. Spätestens nach zwei, drei Runden merkt man aber, dass die Grundregeln überschaubar und die Gestaltung detailliert bis liebevoll ist. Viele Wege die zu Punkten führen, aber geschickt geplant werden müssen – gegenseitige Behinderung inklusive! Ein modularer Spielaufbau bringt dann eingespielte Abläufe zum Einsturz, gleichzeitig bleibt die Motivation hoch. Ein wirklich extrem starkes Eurogame, das sich Expertenspieler unbedingt anschauen sollten.

Es sieht komplizierter aus als es ist.

5. Platz – Carpe Diem

Es ist nicht schön, man sollte es trotzdem gespielt haben!

Ist vielleicht die umstrittenste Vergabe und an der Stelle von Carpe Diem hätten hier sicher auch andere Brettspiele stehen können. Aber Bauch und Herz haben das hässliche Entlein von Stefan Feld ausgewählt. Wahnsinnig schnell zu spielen, weil schlank gestaltet, extrem abwechslungsreich wie kniffliges Bauen und eine wirklich innovative Mechanik zur Ausschüttung der Siegpunkte, lassen Carpe Diem trotz unglücklicher grafischer Gestaltung, zu einem der besten Spiele von Stefan Feld werden. Wer sein Portfolio kennt, weiß dann auch warum der fünfte Platz gerechtfertigt ist.

Knapp geschlagen geben müssen sich…

…an erster Stelle Tsukuyumi: Full Moon Down. Völlig verdient heimste es eine Topwertung ein und ist in meinem Area-Control-Ranking ziemlich weit oben. Eine Partie spiele ich immer gerne, nur scheitert dies dann oft am Aufwand. Das kann man dem Spiel nicht wirklich vorwerfen, schließlich ist das Spielerlebnis episch. Aber es ist nicht das, was ich zurzeit vermehrt suche. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens mit Lords of Hellas. Die deutsche Version von Gloomhaven scheitert knapp durch mir zu gleiche Missionen und Patzern bei Handling und Spielmaterial. Too Many Bones ist leider nicht aus diesem Jahr und noch zu wenig gespielt. Chronicles of Crime und Watson & Holmes wurden am Ende von Detectice überholt, allerdings kann ich beide Spiele nur wärmstens empfehlen.

Die Neuauflage von Endeavor: Segelschiffära ist eben genau dies, eine Neuauflage – wenn auch eine verdammt gute. Als witziges Party-Würfelspiel hat Powerships das Herz der Familie erobert und rockte auch sonst, hat es in einer Top 5 2018 dann aber schwer. Deja Vu: Fragments of Memory ist wunderschön, ein richtig gutes Kalaha-Spiel, aber einen ticken zu abstrakt. Tudor steht in der gleichen Ecke wie Carpe Diem, besticht zudem durch eine hohe Abwechslung und ist sicher eines meiner Lieblingsspiele aus 2018, aber für den ganz großen Wurf ist es ein Stück weit zu hart. The Mind hat uns auch sehr begeistert und gerade der Flow mit meiner Frau war stellenweise gruselig schön. Vielleicht etwas zu wenig Spiel, aber trotzdem eine super Erfahrung.

Bestes reines 2-Spieler Spiel

Eine komplette Gerichtsverhandlung in 45 Minuten auf dem Wohnzimmertisch.

In der obigen Auflistung fehlen bisher Spiele die nur für zwei Spieler konzipiert wurden. Auch hier gab es einige Highlights und die Wahl ist nicht ganz so einfach, weil sich an der Spitze zwei wirklich extrem schöne Spiele um den Sieg gekappelt haben. Auf der einen Seite das atmosphärisch dichte, wie äußerst kompetitive InBetween, das durch seine kompakte Gestaltung sogar als Reisespiel taugt. Auf der anderen Seite mit Hochverrat ein frisches Thema, historisch toll ausgearbeitet und dazu wirklich spannende und vor allem dynamische Area-Control-Action. Am Ende hat Hochverrat etwas die Nase vorn, weil die Umsetzung einer Gerichtsverhandlung und mich das Pokern mit Karten damals einfach völlig umgehauen hat.

Familienspiel 2018

Hier halte ich mich zurück und lasse meine Kinder sprechen. Meeple Circus, ICECOOL 2 und Sunflower Valley stehen immer noch hoch im Kurs. Gewonnen hat, mit geheimer Wahl durch die Kinder bestimmt: Meeple Circus! Das kann ich absolut nachvollziehen. Ich habe mich beim Spielen wirklich köstlich beömmelt und hatte plötzlich bei Spotify Zirkusmusik in meiner Playlist. Das meine Frau die Meeples stapelt, als hätte sie keine Hände sondern Gummiwürste, macht das Spiel innerhalb der Familie vielleicht noch etwas attraktiver. Grundsätzlich spiele ich allerdings alle drei Brettspiele furchtbar gerne und ehrlich gesagt manchmal lieber als den nächsten Experten-Klopper.

Größte Enttäuschung 2018

Blackout und ich, ein großes Missverständnis.

Da blutet wieder die Seele, aber es nützt ja nichts, es gibt auch Spiele, die können der Erwartung einfach nicht gerecht werden. Dieses Jahr war dies Blackout: Hong Kong. Es gibt da draußen genügend Fans des Spiels, aber mich hat es bis zum Ende hin nicht abgeholt. Trotz Kampagne und vielen Einzelspielen in unterschiedlichen Gruppen. Der Kartenmechanismus ist nett, aber ich finde ihn in Mombasa wesentlich motivierender. Dazu gleichen sich die Partien viel zu sehr, bei zu wenig Interaktion. Am schlimmsten war aber die fehlende Einbettung des Themas. Das wirkt hier alles arg übergestülpt. Grundsätzlich kann man Blackout: Hong Kong natürlich spielen, aber bei der Fülle an wirklich guten Spielen, ist das neuste Spiel von Alexander Pfister für mich eine ziemliche Enttäuschung.

Größter (Sicker-)Flop 2018

So langsam hat man sich an Mico-Illustrationen satt gesehen.

Anders als Blackout: Hong Kong ist für mich Rise to Nobility ein klassischer Sickerflop. Ich würde es wohl jederzeit wieder spielen und werde es auch nicht verkaufen. Aber die Abstände zwischen den Partien müssen groß genug sein. Es besitzt durch seine Optik und dem wertigen Material in der Deluxe-Variante einen hohen Aufforderungscharakter. In der Mitte einer Partie weiß ich dann mittlerweile warum die Pausen zwischen den Partien groß sein sollten. Erstspieler haben häufig Spaß, langfristig fehlt es dem Spiel aber an Abwechslung. Man fährt seinen Schuh runter und hat links und rechts der Optimierungsmaschinerie kaum Platz. Dazu ist die Spielzeit verdammt lang für das, was man am Ende macht. Beides zusammen sorgt dafür, dass mit jeder Partie die Begeisterung für dieses Spiel weiter nachlässt.

Leserwahl

Abschließend die Frage was deine Brettspiele des Jahres 2018 sind? Hinterlasse doch dein Ranking als Kommentar. Nach Möglichkeit sollte das Erscheinungsjahr 2018 sein, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass so manches Spiel aus 2017 dieses Jahr noch einmal voll durchgestartet ist. Aufgrund der DSGVO habe ich dieses Jahr leider keine richtige Abstimmung. Zeitlich war es mir leider nicht möglich hier einen datenschutzkonformen Weg zu gehen.

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3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Avatar
    BrettspielBabo
    30. Dezember 2018 11:00

    #1 Gloomhaven – Die Missionsvarianz kommt gefühlt erst nach dem 10.ten Szenario (zweitllige Aufgaben in dem Abenteuerheft) und wird dann knackig 🙂
    #2 Azul – geniales Gateway Spiel, ideal geeignet für Brettspielmuffel
    #3 too many bones – sehr anspruchsvoll je größer die Gruppe ist. Würfelliebe!
    #4 Feudum – eine wahnsinnige Regel- & Mechanische Tiefe. Aufgrund der Komplexität leider nur was für absolute Brettspiel-Nerds
    #5 star realms frontiers – einfacher Karten-Draftmechanismus gepaart mit einem coolen Thema und vieler spielerischen Kombos. Geht schnell!

    Flopps waren: Pulp Detective und Century Teil 2.

    Dauerbrenner bleiben: Scythe, Skull King, Potion Explosion und Takenoko.

    Mein Überraschungstitel für 2 Spieler 2018 ist: Blitzbowl – hätte ich nie gedacht, macht mega spaß!

    Im Testing sind noch my little scythe und Die Quacksalber von Quedlinburg, diese schlagen ich aber bereits super.

    Gruß der Babo

    Antworten
  • Du Landratte! Nach Helgoland fährst Du mit dem Schiff und nicht mit dem Boot 🙂

    Antworten

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