Lesezeit: 8 Minuten
Vor einem Dreivierteljahr hat Markus die wunderbare Top-Liste der Diskrepanz auf BGG veröffentlicht und nun blase ich mit Ungespielte Perlen in ein ähnliches Horn. Diese Liste geistert bei mir seit 10 Jahren durch den Kopf und so langsam hat sie sich gefüllt. Es gibt Brettspiele, die ich besitze, die ich wirklich schätze, und auf der anderen Seite vom Tisch oder euch, liebe Leser:innen, schreit mich nur ein Vakuum an. Es gibt Brettspiele, die habe ich rezensiert, und es interessierte keine Sau. Oft sind solche Titel gefühlt auch sonst am Markt nicht wirklich angekommen. Es gibt Brettspiele, die habe ich auch nach zig Verkaufsaktionen immer noch im Regal, aber sie zündeten für andere nicht oder besitzen für meine Spielgruppen keinen Aufforderungscharakter. Da fehlt dann sogar eine Rezension … das schlimmste aller Debakel. Kommen wir also zu meinen ungespielten, weil unterschätzten Perlen.

Ungespielte Perlen | Top 10

Galactic Era

Galactic Era habe ich hier in der absoluten Deluxe-Variante und ich verspreche euch, das Teil wird noch rezensiert! Hand aufs Herz: Wer von euch hat das Teil gespielt? Ich vermute, es werden nicht viele sein. Dabei ist das Spiel ein wahnsinnig gutes Brettspiel. Es ist ein episches Space-4X-Spiel, welches sich in seiner Spielzeit überraschend kürzer als die Konkurrenz zeigt und dabei einige Dinge anders macht. Anders gleich interessant. So entscheiden sich alle, ob sie ihre Fraktion moralisch und damit spielerisch verändert auf der hellen oder dunklen Seite spielen. Natürlich kann dies im Spiel auch verändert werden. Oder die verdeckte Flottenbewegung, die eine knallharte, überraschende und interaktive Ebene ins Spiel bringt. Gefühlt kennen es kaum welche und gegen Eclipse oder Twilight verliert es schnell den Kampf in der Spielgruppe. Leute, guckt es euch an!

Fakten zum Spiel
Verlag: Seajay Games
Illustration: Diego Sanchez
Personen: 1 – 6
Dauer: 180 min
Alter: ab 14 Jahren
Mögliche Wertungsregion: 8 – 9

Virtual Revolution

Ich liebe dieses Spiel! Und ich habe dem Titel nicht umsonst eine gute 8 in die Rezension gedrückt. Aber ob nun bei BGG oder hier: Die Masse schweigt. Warum? Es ist stylish, der Cyberpunk-Charme kommt gut rüber und die mechanische Mischung ist wirklich gelungen. Area-Control, welches sich durch die Aktionsverknüpfung frisch und spannend spielt, dazu Aktions- und Wertungsausbau und hochinteraktive Bestrafungen am Ende jeder Runde, wodurch die eigene Strategie immer im Einklang zu allen anderen stehen muss. Ja, auf Bildern sieht das Spielfeld trist aus. Am Tisch allerdings wirkt das Spiel optisch schick. Mir ist diese Missachtung seitens der gefühlt gesamten Community hier absolut schleierhaft.

Fakten zum Spiel
Personen: 2 – 4
Dauer: 90 min
Alter: ab 14 Jahren
Wertung in meiner Rezension: 8

Belfort

Jetzt gehen wir weit in die Anfänge des Blogs zurück. Belfort rezensierte ich 2016 und für mich war das ein alter Klassiker aus 2011. Es bekam ja sogar ein Upgrade über eine spätere Crowdfunding-Kampagne. Mein Untertitel aus dem Jahr 2016: „Unter dem Radar?“ Belfort ist für mich der Inbegriff dieser Liste. Seit meiner Erfahrung mit diesem Brettspiel, welches sogar in den Top 10 der Area-Control-Brettspiele platziert ist, wollte ich eine Top 10 der unterschätzten Brettspiele veröffentlichen. Eigentlich gibt es diesen Artikel, genau wegen Belfort. Noch heute! Und ich verstehe es weiterhin nicht. Ja klar, es ist nicht der heilige Gral, aber die erlebte Missachtung des Titels, auch in meinen damaligen Spielgruppen, war mir immer schleierhaft. Es ist ein einfaches, schnell zu erlernendes, aber wirklich spannendes und vor allem interaktives Eurogame. Aus Trotz habe ich dieses Spiel noch immer im Regal. Obwohl das Cover wirklich absolut hässlich ist ...

Fakten zum Spiel
Illustration: Josh Cappel, et. al.
Personen: 2 – 5
Dauer: 120 min
Alter: ab 12 Jahren
Wertung in meiner Rezension: 7.5

Tyrannen des Unterreichs

Tyrannen des Unterreichs reizt durch die starke Mischung aus Deckbuilding und Gebietskontrolle. Zwei Elemente, die fetzen und eher selten anzutreffen sind. Du baust dir nicht nur ein immer mächtigeres Kartendeck, sondern setzt dessen Effekte direkt auf dem Spielplan ein: Truppen platzieren, Städte kontrollieren, Gegner verdrängen, Spione einschleusen und Mehrheiten sichern. Dadurch fühlt sich jede Karte nicht abstrakt an, sondern erhält ein konkreten, fühlbaren Einfluss im Unterreich. Besonders mega ist das ständige Abwägen zwischen kurzfristiger Kontrolle auf dem Brett und langfristigem Deckaufbau. Wer zu sehr optimiert, verliert Gebiete. Wer nur kämpft, baut kein starkes Kartengerüst. Genau aus diesem passgenau entwickelten und frischen Zwiespalt entsteht der fiese und interaktive Reiz. Auf BoardGameGeek gar nicht so schlecht gelistet, ist es gefühlt in meiner Blase gänzlich unbekannt.

Fakten zum Spiel
Personen: 2 – 4
Dauer: 60 min
Alter: ab 12 Jahren
Mögliche Wertungsregion: 8 – 9

Aufbruch zum roten Planeten

Jetzt kommt fast Belfort 2.0 was Zeit und Alter anbelangt. Aufbruch zum roten Planeten ist nämlich älter, rezensiert und ein herrlich interaktives Mehrheiten-Spiel im viktorianischen Steampunk-Gewand. Der fluffige Spielreiz entsteht durch die verdeckte Rollenauswahl, das Timing beim Start der Raketen und die fiese Frage, wann man wo Mehrheiten erkämpft oder andere ins Leere laufen lässt. Schnell gespielt, extrem konfrontativ, chaotisch genug für Emotionen, aber taktisch genug, um fiese Grinsegesichter am Tisch zu erschaffen. Damals vielleicht gar nicht mal so unterschätzt, hat das Spiel in meiner Wahrnehmung aber kaum überlebt. Ich habe es noch im Schrank und weiß um seine Stärken. Das Teil kann auch heute noch rocken.

Fakten zum Spiel
Personen: 2 – 6
Dauer: 45 – 90 min
Alter: ab 14 Jahren
Wertung in meiner Rezension: 7.5

The Manhattan Project

The Manhattan Project aus 2012 ist Worker-Placement mit Ellenbogen aus feinstem Blei. Statt wie so oft friedlich Getreide anzubauen und Tiere beliebiger Art zu züchten, bauen wir Forschungsapparate, rekrutieren Arbeitskräfte, betreiben Spionage und entwickeln … Atombomben! Das Spiel verbindet klassischen Engine-Aufbau mit direkter und wirklich fieser Interaktion, weil gegnerische Gebäude genutzt, sabotiert oder bombardiert werden können. Dadurch fühlt sich The Manhattan Project nicht wie ein klassisches Optimierungs-Euro mit Workern an, sondern wie ein heftiges Wettrennen mit Backpfeifen um die gefährlichste Maschine am Tisch. Bei mir ist es damals etwas in der Flut an Neuheiten untergegangen, obwohl es meine Spielgruppen zunächst überzeugt hat.

Fakten zum Spiel
Personen: 2 – 5
Dauer: 120 min
Alter: ab 14 Jahren
Mögliche Wertungsregion: 7.5 – 8.5

Barcelona

Ein neuerer Titel. Was hat mich dieses Brettspiel mechanisch umgehauen?! Ich war kurz davor, eine 9 zu zücken! Die Resonanz meiner Mitspielenden war super … das Echo aus der Community? Fast absolutes Vakuum. Ist das Teil zumindest hier in Deutschland untergegangen? Dabei ist Barcelona ein modernes, strategisches  und wirklich frisches Stadtbauspiel, welches sich sogar gar nicht so schlecht am Thema „Ildefons Cerdà“ abarbeitet. Mechanisch ist Barcelona ein dichtes Eurogame aus Aktionswahl, Platzierung, Stadtentwicklung und Endwertungen und einer ungeheuren, aber wirklich coolen und vor allem modularen, über Partien tragenden Verzahnung.

Fakten zum Spiel
Personen: 1 – 5
Dauer: 60 – 90 min
Alter: ab 14 Jahren
Wertung in meiner Rezension: 8.5

Seeders from Sereis: Exodus

Was für ein Knaller von Spiel! Wie außergewöhnlich. Ein echter Schatz und das Teil bleibt immer in meinem Regal. Die ganz große Aufmerksamkeit hat es allerdings nie erhalten. Weder hier in den Kommentarspalten noch in Foren oder anderen Communitys. Soweit zumindest mein Eindruck. Dabei ist der fies-interaktive Mix aus Karten-Drafting, Mehrheitenkampf, Engine-Building und Verhandlungschaos großartig. Besonders stark ist die ungewöhnliche Verhandlungsphase: Karten liegen am zentralen Spielbrett aus, über platzierten Einfluss prügelt sich die Spielgruppe dann indirekt darum, wer welche Karten überhaupt bekommt. Area-Control mit Drafting vermischt. Dazu belohnt es Synergie-Fans, weil die Effekte einfach wunderbar mannigfaltig sind.

Fakten zum Spiel
Personen: 2 – 4
Dauer: 120 min
Alter: ab 14 Jahren
Wertung in meiner Rezension: 8.5

Remember Our Trip

Remember Our Trip ist ein ungewöhnlich poetisches Legespiel über gemeinsame Reiseerinnerungen, die bei allen am Tisch mehr oder weniger ähnlich – und doch nie ganz gleich – im Kopf geblieben sind. Oft ist das Genre eher solitär, zeigt dieses Puzzle-Spiel überraschend interaktive Seiten. Es weht sogar etwas Table-Talk über den Tisch! Nach einer Reise nach Kyoto oder Singapur versucht nämlich jede Person, auf dem eigenen Tableau Stadtfragmente zu rekonstruieren: Hotels, Parks, Sehenswürdigkeiten, Restaurants. Über gemeinsame Vorgabekarten werden Plättchen genommen und in bestimmte Muster gelegt, um für alle anderen dann zu zeigen, dass das eigene Tableau und damit die Erinnerung das „richtige“ ist. Zumindest bei BoardGameGeek ist es nicht wirklich untergegangen. Aufforderungscharakter besaß es für meine Spielgruppen allerdings nicht und auch die Rezension wurde „vergessen“.

Fakten zum Spiel
Verlag: dlp games
Illustration: Takako Takarai
Personen: 2 – 4
Dauer: 30 min
Alter: ab 10 Jahren
Wertung in meiner Rezension: 8.5

MarraCash

Jetzt mal richtig oldschool werden. Damals gab es schon echt geniale Titel, die in ihrer Interaktion großartig waren und gleichzeitig überhaupt keinen Regelballast boten. Spielreiz, geboren aus der unmittelbaren Interaktion und nicht durch unzählige Mechaniken. Ein El Grande gehört ebenso zu diesem Schlag. Vor El Grande und parallel zu Catan zog bei mir damals allerdings MarraCash ein. Auch heute könnte das Spiel sicher noch viele Gruppen begeistern. Ich habe es als eines der wenigen alten Spiele noch im Schrank und das, obwohl es unter anderem ein Auktionsspiel ist. Favorisiere ich eigentlich nicht, aber hier empfinde ich die Markt-Dynamik als gelungen.

Fakten zum Spiel
Verlag: KOSMOS
Illustration: Marion Pott, Oliver Vogel
Personen: 3 – 4
Dauer: 60 min
Alter: ab 12 Jahren
Mögliche Wertungsregion: 7.5 – 8.0

Und letzter Gedanke und ihr

Ich hätte ja noch Bora Bora bzw. Cuzco in den Ring geworfen. Wenn ich immer wieder lese, was für Würfel-Einsetzmechaniken gefeiert werden, dann ist das, was Stefan Feld 2013 entwickelt hat, einfach immer wieder eine Hausnummer. Allerdings war das Spiel zur damaligen Zeit alles andere als unbeachtet. Entsprechend habe ich es aus der Liste genommen. Yggdrasil Chronicles ist in meiner Wahrnehmung auch untergegangen, dabei ist es ein tolles kooperatives Spiel mit großartigem Aufforderungscharakter.

Was haltet ihr von der Liste? Kennt ihr die Titel? Habt ihr sie gespielt? Sind sie vielleicht gar nicht untergegangen und es liegt an meiner selektiven Wahrnehmung? Was wären eure genannten Titel, die bei euch gut angekommen sind, aber aus einem unbekannten Grund interessiert sich niemand so wirklich dafür?

13 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Sehr schöne Kategorie mit den untergegangenen Perlen finde da neue Impulse immer gut und neu ist bei Spielen bekanntlich nicht unbedingt besser. Tyrannen des Unterreichs steht schon länger auf meiner Liste ist aber Out of Print :/ Aufbruch zum Roten Planeten ein Klassiker ebenfalls aber Out of Print, zum Glück aber bereits in der Sammlung xD

    Zu den Sci Fi Spielen kann ich sagen, leider nicht mein Thema, dauern meistens zu lange und haben in der Komplexität dann einfach zu große Konkurrenz im Regal.

    Antworten
    • Hi Jannis,

      welchen Sci-Fi-Titel meinst du? Galactic Era? Das gute an dem Teil ist seine absolut einfache Grundstruktur. Eine Rezension habe ich zwar nicht, aber den Proto habe ich für die Kickstarterkampagnr mal vorgestellt.

      Was wäten denn deine Titel?

      Liebe Grüße

      Christian

      Antworten
      • Ja genau Galactic Era und Seeders from Sereis scheinen laut BGG ja doch eher komplexere Spiele zu sein. Hidden Gems wären an einfachen Spielen: Untamed: Feral Factions, Botanik, Die Inseln im Nebel, Honey Buzz, Heroes for Sale und an Materialschlachten Abenteuer in Mittelerde oder Foundations of Rome (kann man leider nur noch als Plättchen Edition „Grundstein“ bekommen)

        Antworten
  • Dann denkst du an einem Montag an nichts Böses und dann kommt dein CEO mit so einem Artikel und einer solchen Topliste um die Ecke. Skandal….Wirklich. Ich hatte mich relativ lange sehr gut unter Kontrolle, aber aktuell habe ich das Gefühl, dass all meine Synapsen wieder auf „aktiv und will ich“ stehen. Bei Gamefound laufen so viele gute neue Sachen die mich packen, einige attraktive Projekte laufen in den Verlagen und Christian haut einfach ein paar verschollene Perlen raus, die sich alle Mega anhören.
    Was soll das?
    Lediglich Seeders habe ich in meinem Regal.
    Und jetzt:
    Shame on you oder Danke Christian.
    Ach, Engel links Teufel rechts, lechz…..

    Antworten
  • @ Markus: dem kann ich mich nur anschließen. Haut er einfach mal so raus. Bei Seeders hatte er mich und Engelchen und Teufelchen sind ganz aus dem Häuschen.
    Danke Christian 😁

    Antworten
  • Bei BELFORT liegts vielleicht nur am Namen – klingt für mich nämlich eher wie ein Käse 😀

    Antworten
    • Ich bin fest davon überzeugt, dass es an der Optik liegt. War damals schon so. Wenn Runden zustande kamen, gerade auch mit Menschen, die nicht so oft spielen, war es immer sehr interaktiv, lustig und knapp. Wenn du die Schachtel aber aus dem Regel ziehst, winkten erst einmal alle an.

      Antworten
  • Vielen Dank für die Inspiration! 😊
    Eure Liste bringt mich direkt wieder ins Grübeln, wie viele Spiele ich hier eigentlich noch liegen habe, die viel zu selten auf den Tisch kommen.

    Und gleichzeitig muss ich mich fast schon entschuldigen: Immer wenn ich solche Artikel lese, bekomme ich sofort wieder das Bedürfnis, neue Spiele anzutouchen. Dabei habe ich davon ohnehin schon viel zu viele – und viel zu wenig Zeit dafür. 😅

    Aber gut… dann lege ich mal mit meinen eigenen Recommendations los:

    51st State
    Tolles Spiel. Ist ja ein bisschen verwandt mit Imperial Settlers, aber für mich mit dem deutlich geileren Setting. Kennt inzwischen gefühlt kaum noch jemand, aber es hat für mich eine perfekte Mischung aus Spieldauer und taktischer Tiefe.
    Black Rose Wars: Rebirth
    Auch ein geniales Spiel. Das Problem: Es dauert einfach viel zu lange und ist ein ziemlicher Brocken. Aufbau lang, riesige Box, nichts, was man mal eben spontan mitnimmt. Aber spielerisch absolut super und herrlich chaotisch-spaßig.
    Europa Universalis: The Price of Power
    Für mich ein absolutes Meisterwerk. Aber es dauert halt gefühlt doppelt so lange wie Twilight Imperium — also praktisch unmöglich, das regelmäßig mit anderen Leuten auf den Tisch zu bekommen, außer man plant direkt ein ganzes Wochenende dafür ein. 😄
    Aber selbst solo wahnsinnig gut. Man braucht allerdings eigentlich einen eigenen Spielraum, in dem man das aufgebaut stehen lassen kann.
    Huang
    Tatsächlich gerade erst geliefert bekommen, weil ich gelesen habe, dass es wie Tigris & Euphrates sein soll — nur moderner, etwas streamlined und dazu noch wunderschön gestaltet. Da freue ich mich schon extrem drauf.

    etzt kommen wir mal zu Wargames — auch eine Kategorie, die ich sehr gerne spiele. Das Problem ist nur: Es ist extrem schwer, Leute dafür zu finden. Und ich glaube, das liegt daran, dass viele klassische Wargames heute einfach antiquiert wirken — sowohl bei den Designmechanismen als auch bei der Zugänglichkeit. Viele sind ehrlich gesagt einfach nicht besonders gut gealtert.

    Deshalb hier mal zwei Gegenprogramme:

    Battlefields of the Napoleonic Wars
    Von Paolo Mori, einem großartigen Designer, der uns unter anderem auch Dogs of War oder Ethnos gebracht hat.
    Und hier schafft er etwas, das nur wenige hinbekommen: Er übersetzt ein Wargame so, dass man es praktisch mit jedem spielen kann. Die Regeln sind angenehm schlank, trotzdem steckt unglaublich viel taktische Tiefe drin. Dazu sieht das Spiel auch noch hervorragend aus. Und soweit ich weiß, hat er das sogar im eigenen kleinen Verlag veröffentlicht — man unterstützt also gleichzeitig auch alternative Veröffentlichungswege für kreative Designer.
    Caesar!: Rome vs Gaul von GMT Games
    Bei vielen GMT-Spielen habe ich oft das Gefühl: optisch interessant, ein paar Partien lang spannend — und dann merkt man irgendwann, dass das Design doch nicht ganz rund ist.
    Hier ist das komplett anders. Das Spiel nimmt das Card-Driven-System, das man zum Beispiel aus Twilight Struggle kennt, und überträgt es auf ein asymmetrisches Duell zwischen Caesar und den Galliern. Das funktioniert erstaunlich elegant, spielt sich schnell, hat trotzdem Tiefe und macht wahnsinnig viel Spaß. Und auch optisch ist das Ding richtig gelungen.

    Combat Commander: Europe von GMT Games
    Das ist so ein Spiel, bei dem ich komplett verstehen kann, wenn Leute erstmal abgeschreckt sind. Die Optik ist ehrlich gesagt ziemlich hässlich, das Thema Zweiter Weltkrieg spricht viele ohnehin nicht an — und auf den ersten Blick sieht es einfach wie ein klassisches Hex-and-Counter-Wargame aus.

    Aber mechanisch ist das Ding einfach brillant. Und ich bin überzeugt: Hätte das ein Science-Fiction-Setting, würde heute jeder darüber reden.
    Das Geniale ist, dass man die Einheiten über Karten steuert. Dadurch entstehen unglaublich spannende taktische Entscheidungen, und gleichzeitig bildet das Spiel dieses Gefühl von Chaos und Unsicherheit im Krieg perfekt ab. Man weiß eben nie, ob Befehle wirklich so ausgeführt werden, wie man es geplant hat. Ständig passieren unerwartete Dinge und man muss permanent improvisieren. Großartiges Design.

    Land and Freedom
    Ein Spiel über den spanischen Bürgerkrieg, erschienen in einem kleinen Verlag. Optisch und produktionstechnisch sicher kein Highlight — aber spielerisch absolut faszinierend.
    Auch wieder ein Card-Driven-Game, bei dem man unterschiedliche Fraktionen spielt, die jeweils ihre eigenen Interessen verfolgen. Und genau dadurch bildet das Spiel die politische Tragik des spanischen Bürgerkriegs unglaublich gut ab: Die Demokraten, Kommunisten und Anarchisten kämpfen zwar gemeinsam gegen die Faschisten, sabotieren sich aber gleichzeitig permanent gegenseitig. Man versucht also gemeinsam zu gewinnen — und gleichzeitig die eigene Fraktion nach vorne zu bringen.

    Genau daraus entsteht eine wahnsinnig spannende Dynamik. Für mich eines der interessantesten politischen Spiele überhaupt.
    Das Spiel wird übrigens demnächst neu aufgelegt, deshalb lohnt es sich definitiv, mal reinzuschauen.

    Und kleiner Zusatz-Tipp: Den Film Land and Freedom von Ken Loach kann man kostenlos auf YouTube anschauen. Der transportiert diese Tragik und Zerrissenheit der damaligen Situation ebenfalls unglaublich gut. Man merkt dabei auch, wie anders Geschichte manchmal hätte verlaufen können, wenn progressive Kräfte sich nicht permanent gegenseitig blockiert hätten.

    Antworten
    • Sven, vielen Dank für die Liste, das hat mich echt gefreut. Denn auch ich lasse mich gerne inspirieren. Der Witz ist, ich habe zurzeit so viele Kickstarter/Gamefound-Wünsche wie schon lange nicht mehr und ein, zwei Sachen gebraucht gekauft, auf die ich schon lange geschielt habe. Also parallel zu dieser Liste völlig konträr gehandelt.

      Nun explizit zu deiner Liste:

      1) 51st State

      Geiles Spiel. Punkt. Viel besser als Imperial Stettlers. Habe ich früher bei einem Freund öfters gespielt.

      2) Europa Universalis

      Wollte und will ich immer mal spielen. Nie dazu gekommen. War kurz davor bei der Gamefound Kampagne mitzumachen.

      3) Huang

      Interessant. Kenne ich nicht.

      Zu den Wargames: Dafür habe ich leider nicht wirklich Spielende zur Hand. Ich bin froh wenn ich Dune spielen kann, der Rest, gerade ältere Sachen, funktionieren nicht. Selbst absolute Leichtgewichte ohne realistisches Bezug wie Undaunted Kallisto war ein Reinfall. Da bekomme ich eher Tabletops auf den Tisch. Deine Vorschläge klingen aber großartig.

      Antworten
  • P.S: mir macht es wirklich viel Spaß über Boardgames zu diskutieren.

    Vielleicht schaffe ich es wirklich mal meinen eigenen Blog zu starten. Denn es gibt einfach zu wenige qualitativ hochwertige Blogs zum Thema. Und zu viele belanglose Youtube Channels mit wenig Qualität. Ich bin sehr dankbar, dass es euch gibt.

    Antworten
  • liest sich fast so, I guess. let’s talj

    Antworten

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