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Meine Güte, da ist der Juni auch schon wieder rum! Ich gestehe euch, der Monat hatte es absolut es in sich: Völlig frisch verliebt, dazu alte wie neue Brettspiele auf dem Tisch gehabt und die Geburt einer elementaren Frage durch einige einschneidende Spielerlebnisse. Warum spielt man Brettspiele und ab wann macht es keinen Spaß mehr? Ich bin bereit für eine Antwort, aber noch nicht am Ende der Überlegung. Fest steht, ich verändere mich.

Die Dauerbrenner

Hochverrat!: Ein spannendes Duell ist Dir gewiss!

Der Juni war hochgradig abwechslungsreich, aber einen Dauerbrenner gab es! Ständig wurde dieser Louis Riel freigesprochen. Vom Richterhammer habe ich Dellen im Tisch und die vielen Geschworenen haben mir mein Wohnzimmer verdreckt. Zum Ende des Monats aber durfte der Herr Riel öfters am Strick baumeln. Was für eine Wohltat! Keine Frage, wer meinen Blog und Twitteraccount verfolgt, weiß, ich bin ein Fanboy des neuen Frosted Games Brettspiels Hochverrat! Ich kann es an dieser Stelle wieder nur empfehlen. Ein wirklich spannendes 2-Spieler Spiel.

Ansonsten brannte die AbwechslungGanz schön CleverLords of HellasImmortalsProject GaiaThe MindSkull KingLords of the WaterdeepHuman Punishment5-Minute DungeonSherlock & Holmes, das Pokémon TCGFeudumScytheDigital EditionNo Siesta!, Santorini, Ice Cool und natürlich das äußerst brutale Konfliktspiel Bravo-Traube. Beim letzteren wusste ich nie so recht, ist das jetzt noch Spaß, oder kratzen sich die beiden Kinder gleich die Augen aus.

Ganz schön Clever

Vielleicht die Liebe auf den zweiten Blick? Meine Erstpartie war absolut in Ordnung. Ich bin aber nicht der größte Freund der modernen Würfelspiele. Die kostenlose Online-Version hat mir aber sehr viel Spaß gemacht. Immer dabei, super schnell gespielt. Kein Spiel hat diesen Monat mehr Partien gesammelt. Mein Rekord ist alles andere als beachtlich, dafür bin ich konstant um 220 Punkte festgewachsen. Also noch viel Luft nach oben.

Ansonsten richtig viel Spaß bei…

Sherlock & Holmes! Gemischte Gruppe und absolut jeder war mit Eifer dabei den wirklich gut geschriebenen Fall zu lösen. Gewonnen hat am Ende der langsamste Spieler, weil alle anderen kleine, aber falsche Schlüsse zogen. Trotzdem war es spannend und die Hatz als erster den Falls zu lösen, machte ebenso viel Spaß wie danach darüber zu diskutieren. Toller Titel, der mit fünf Spielern sehr gut gespielt werden konnte.

Massig viele Fälle die auch noch gut geschrieben sind!

Ähnlich schön war die Partie Gaia Project wo ein Erst- und Wenigspieler auf Anhieb 111 Punkte absahnte. Ein Beweis dafür, dass man bei diesem Spiel gut mitspielen kann, auch wenn es die Erstpartie ist. Äußerst motivierend, weil jeder am Tisch belohnt wird und sich sein Spiel entwickelt. Ich schulde Gaia Project immer noch eine Rezension, mit dem dann folgenden Einzug in meine Top 10. Für mich eines der Expertenspiele überhaupt.

Weiter gerockt haben wie immer 5-Minuten Dungeon und das neue soziale Deduktionsspiel Human Punishment. Letzteres begeistert mit einer unglaublichen Dynamik, weil man seine Gruppenzugehörigkeit während des Spiel selber ändern kann oder geändert wird. Dieser Aspekt sorgt für ganz neue Impulse. Lords of Hellas hat auch durch knifflige Aktionsmechanik begeistert, auch wenn das Spiel einen aggressiven Touch hat, und manch einer nah dran war am Sieg, so richtig sicher war man nie. Eines der besseren Area-Control-Spiele.

Weniger Area-Control als man vermuten könnte.

Feudum

Nun kommen wir zum Drama. Feudum ist das zweite Mal in meiner Rückschau vertreten und war der Samen zu meinen Gedankengängen: Wann machen Brettspiele Spaß? Feudum hat sicher seine Stärken und es ist als absolutes Expertenspiel für mich auf eine bestimmte Art immer noch reizvoll. Nur gibt es bei Feudum für mich, Achtung subjektiv, ein großen Problem. Was ist also passiert im Vergleich zur völligen Begeisterung zum letzten Monat? Nun, ich habe etwas getan, was ich in meinem bisherigen Leben noch nie getan habe: Ich habe Aufgegeben, durch Regelunkenntnis über die Kampfmechanik und den daraus folgenden Konsequenzen.

Warum man seinen „Würfeln“, gerade bei vollen Nahrungsspeicher, nicht mit Wein beschenkt, weiß ich nun. Es hat mir einen kompletten Zug gekostet, den nächsten im Prinzip auch, gleichzeitig verliert man den kompletten Einfluss in seinen Gilden. Das raubt einem Aktionsmöglichkeiten und Siegpunkte. Alles verloren durch einen Zug! Ein Zug aus Unwissenheit, vom Gegner genutzt und ein ca. 3-stündiges Ausbreiten und Aufbauen war dahin. Feudum ist brutal, vor allem wenn man die Regeln in seiner Gesamtheit nicht kennt. Aber auch danach bestraft es hart, hier gibt es keinen Rettungsschirm und man kann sich in die absolute Sackgasse manövrieren.  Vor allem in einem 2er Spiel, denn dort fehlt eine dritte Partei. Erfahrene Feudum-Spieler bestätigten dies – nun, dann beim nächsten Mal. Ein nächstes Mal birgt dann aber ganz neue Probleme, auf die ich weiter unten noch eingehe.

Der Anfang vom Ende. In einem Zug drehte sich alles und Feudum zeigte seine fiese Fratze. Trotzdem reizt mich das Spiel noch immer.

Immortals

Und hier schlage ich die Brücke zu Immortals. Der einzige Vorteil im Hinblick zu Feudum, hier erwartet man, dass Spieler auf den Sack bekommen. Jonas, freundlicher Mitspieler und Erfinder des Rucolas, hat ganz ausgezeichnet gespielt. Ich gab mein Bestes, aber es hat nicht gelangt. Ich hatte eigentlich Spaß. Ein vierter Mitspieler, Markus, braune Haare und abhängig von Magic-Karten, aber nicht. Er hat früh im Spiel wichtige Länder verloren, rieb sich unglücklich auf und hatte am Ende ein Häufchen an Pünktchen, das hatten andere am Ende der ersten Runde. Hat es Markus Spaß gemacht? Nicht wirklich. Hatte ich Spaß daran zu sehen wie Markus nicht aus dem Tritt kommt? Nein. Daraus resultiert, das ich auch weniger Spaß hatte. Ich sitze nicht gerne mit jemanden vier Stunden am Tisch, der mitspielt, weil er nun einmal zugesagt hat, aber keine Chance auf eine positive Entwicklung seines Spiels hat. Vor allem wenn ich diese Personen nicht wirklich oft sehe. Kurz eingeschoben, das ist nicht gleichzusetzen mit keine Chance auf den Spielsieg. Es geht mir nicht um den Sieg, sondern um das Mitspielen.

Lords of the Waterdeep

Weitere Erfahrung die leicht in diese Richtung geht, war Lords of the Waterdeep. Ein schönes Workerplacementspiel, wunderbar kompakt gehalten, thematisch für mich nicht ganz astrein, aber es kann viele verschiedene Spielertypen an den Tisch holen. Das mag ich! Was ich nicht mag sind die Mandatory Quests. Die sind ja auch umstritten in der Community, oder zumindest heiß diskutiert. Diese Quests sind rein auf Zerstörung im Spiel aus. Beide gespielten Quests haben die Mitspieler empfindlich zurückgeworfen, bei einem der beiden allerdings fast volle zwei Runden. Bei fünf Mitspielern und entsprechender Konstellation (Aktion der Spieler, Startspieler, Gebäude), kann es verdammt hart sein. Eben noch nett mitgespielt, kriegt man was vor den Kopf geknallt und während andere munter weiter spielen, verliert man fast zwei Runden und ist am verzweifeln.

Mir hat es keinen Spaß gemacht dem Spieler bei seiner Bestrafung zuzuschauen und mir würde es in diesem Spiel auch keinen Spaß machen, solch eine Aktion zu spielen. Der Reiz ist doch eigentlich cooles Workerplacement und das ich dies geschickter nutze als meine Mitspieler – oder? Völlig demotivierende Ameritrash-Mechanik in einem Eurogame, hätte ich vielleicht gefeiert, wenn ich jede Woche mehrmals meine Buddies sehe, Zeit habe gleich noch eine Partie zu schmeißen oder wenn es mehr dieser Quest gäbe, denn dann wäre wenigsten richtiges Geballer am Tisch.

Sind Feudum und Food Chain Magnate unspielbar?

Nach einem langen Spieleabend hatte ich dann noch eine Diskussion über Food Chain Magnate. Ich finde das Spiel selber eigentlich sehr interessant, nach der Unterhaltung mit Ben und der Erfahrung diesen Monats, zeigt sich hier dann das Grundproblem meiner ganzen Ausführungen. In der Unterhaltung eröffnete mir Ben, dass er Food Chain Magnate seit Wochen ununterbrochen spielt – online wohlgemerkt. Weiter beschäftigt er sich mit diversen Eröffnungsstrategien und hat daher mehr Pläne als Jogi bei dieser WM in der Tasche. Wer hier auf gleichem Level spielt, erlebt ein interessantes Match. Geil! Ich unterstütze den Antrag.

Nun ist Food Chain Magnate aber ein Spiel wo man durch Mangel an Erfahrung richtig an die Wand gespielt wird. Man kann durch eine falsche Strategie in eine regelrechte Abwärtsspirale gelangen. Das beginnt übrigens mit dem ersten Zug. Laut dem Autor Joris Wiersinga ist das genau so gewollt und daraus zieht das Spiel auch seine Faszination. Das heißt aber auch, das ich vielleicht um ein paar Dollar kämpfe, damit mein letzter Angestellter nicht entlassen wird, während ein anderer 800 $ macht (das ist keine fiktive Zahl). Diese Härte, diese krassen Entscheidungen, diese Spannung, ja, das hätte mir mal Spaß gemacht. Aber ähnlich wie Feudum, wie soll man dieses Spiel auf den Tisch bekommen? Soll Ben mit angezogener Handbremse spielen? Das müsste er. Macht das Spaß? Nein! Bei Feudum hingegen müsste man Neueinsteigern wohl 90 Minuten das Spiel mit allen Tücken erklären, ansonsten wird er platt gemacht. Wahrscheinlich wird er es trotz Erklärung. Macht mir das als Gewinner Spaß? Nein. Ich habe Mitspieler, keine Gegner. Die dürfen gerne verlieren oder ich verliere, ganz egal, am Ende müssen aber alle mitspielen können! Und das bedeutet, dass Fehler in der Strategie verziehen werden müssen, nicht permanent, aber zumindest so das jeder Spieler noch am Spiel teilnimmt.

Spiele die das nicht erlauben, sammeln bei mir gerade keine Bonuspunkte. Und es zeigt sich auch an der Stimmung, das manch lockerer Spieleabend, mit dann vielleicht auch mal fiesen, dann aber kurzen Spielen, mehr Spaß verbreiten, als das Hardcore-Brettspiel wo man den Gegner spielerisch zerstört und er eigentlich nur noch Rum trinken darf. Alkohol als Lösung. Vor allem aber nicht bei einer so hohen Spielzeit wie bei Feudum oder Food Chain Magnate und gleichzeitig immer weniger Zeit durch Job, Blog und Familie. Ich bin da nicht mehr die Zielgruppe.

Ein Fest für Odin: Vielleicht ist man nicht der Beste, aber man puzzelt weiter mit!

Anspruch geht auch anders

Ich bin auch kein Freund von extremen Aufholmechaniken, wer gut spielt darf gerne gewinnen. Ich drücke meinen Mitspielern grundsätzlich die Daumen! Aber nehmen wir Cthulhu Wars, wer dort zu schnell punktet und wächst, der wird ganz von alleine wieder schrumpfen. Es ist wie eine Welle die hin- und herschwappt. Alle bleiben im Flow. Bei einem Mombasa, das auch recht kompetitiv sein kann, besteht die Möglichkeit in den letzten Runden, durch geschicktes Einkaufen, trotzdem noch ordentlich zu Punkten oder mit anderen zusammen, den spielstarken Spieler als Teil der Mechanik ordentlich runterstufen. Mir schon öfters passiert und ich hab es jedesmal spannend abgefeiert. Bei Ein Fest für Odin ist vielleicht mein Spielsieg in weiter Ferne, aber ich klaue anderen noch Worker-Aktionen und darf munter weiter puzzeln und Scythe macht, trotz seines Umfangs, einfach fast jedem Anfänger Spaß. Er wird nicht gewinnen, aber er spielt definitiv bis zum Ende mit. Das ist für mich wohl die Kunst und Quintessenz eines guten (Experten-)Spiels!

Fragen zu den Spielen?

Das war es erstmal mit meinem kleinen Rückblick und ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen. Falls du detailliertere Fragen zu den aufgeführten Brettspielen hast, kannst du mir wie immer ein Kommentar hinterlassen und/oder eine Email schreiben. Ich antworte ganz sicher!

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