Lesezeit: 4 Minuten
SchnitzeljagdSchnitzeljagd brennt dir mit seinen knalligen Pantone-Sonderfarben zuerst die Netzhaut weg, um dir dann einen Serotonin-Dopamin-Cocktail mit brachialer Gewalt in die Hirnrinde zu knallen. Keine Macht den Drogen, aber Schnitzeljagd taugt in dieser Zusammenstellung als Partydroge. Es geht vor und nach jedem anderen Brettspiel, es wird laut, spannend und vor allem ist der Einstieg so simpel, wie Songtexte von Scooter. Ihr merkt, Schnitzeljagd hat mich tangiert und macht auf besondere Art süchtig. Entsprechend will ich euch erklären, warum es eigentlich auf die Beobachtungsliste des Drogendezernat gehört.

Kurzcheck: Darum geht es in Schnitzeljagd

Der Witz bei Schnitzeljagd ist folgender: Ich teile allen ein Set aus brutal farbenfrohen und im komplementär Kontrast gestalteten Tierkarten mit der Wertigkeit von 1 bis 5 aus und fordere dann alle am Tisch auf, verdeckt eine Karte auszuspielen. Keine weitere Erklärung, denn die Praxis lehrt dich dieses Spiel im Handumdrehen! Danach flöte ich als bester Märchenonkel folgenden Text:

„Wuarharhar, im Wald geht der große, furchteinflößende Bär auf die Jagd!“ 

Schnitzeljagd
Dein Set aus Karten.

Schnitzeljagd: Es geht los …

Alle Personen, die einen Bär verdeckt vor sich liegen haben, müssen ihre Karte nun aufdecken. Der Bär beginnt nämlich die Jagd, weil er der gefährlichste Räuber ist und die Wertigkeit 1 besitzt. Hat mehr als eine Person einen Bär gespielt? Schade Schokolade, ihr behindert euch gegenseitig und packt die Bären abseits. Ist es nur ein Bär? Tja, dann darf die Person nun der Runde erzählen, was der Bär frisst. Mjam mjam. Beispielsweise ernennt die Person als Opfer die Luchse. Alle Personen die einen Luchs verdeckt gespielt haben, müssen diesen aufdecken, sind gefressen und für die Runde ausgeschieden. Als nächsten erzähle ich vom jagenden Wolf und so hangelt man sich über den Luchs und der Eule bis zur Maus mit der Wertigkeit 5 durch. Die Maus allerdings jagd nie, sondern beendet den ersten von drei möglichen Durchgängen.

Bleibt innerhalb dieser drei Durchgänge nur ein Jäger aka Person übrig, gewinnt dieser allerdings den Durchgang sofort und erhält zwei Siegpunkte. Ist dies nicht der Fall, werden alle gespielten Karten zur Seite gepackt und mit den übrigens Handkarten noch ein Durchgang gespielt. Haltet ihr drei Durchgänge durch, ohne das eine Person alleine übrig bleibt, kommt der Kniff des Spiels: Alle Wertigkeiten der ausgespielten Karten werden addiert und wer die höchste Punktzahl hat, gewinnt den Durchgang und erhält 2 Siegpunkte, Zweitplatzierte immerhin einen. Plötzlich ist die Maus am stärksten und der Bär mutiert zum Arschbär. Wer zuerst so 5 Siegpunkte erspielt, gewinnt die Partie. Fertig! Ihr könnt jetzt das Spiel spielen.

In der Realität knallen die Farben wesentlich heftiger.

Wie geil ist das denn!

Ich glaube, ich habe auf Brett & Pad noch nie das komplette Spiel erklärt. Ist ansonsten auch gar nicht unser Ziel hier auf Brett & Pad. Schnitzeljagd ist aber so simpel, dass ich es wagte. Und ihr habt natürlich den Kniff erkannt! Je weniger Karten in weiteren Durchgängen pro Runde vorhanden sind, umso besser kann man abschätzen, wer noch welche Tiere besitzt. Die Jagd wird zum echten Thriller. Tierisch riechende Ausdünstungen im Wohnzimmer kommen nicht vom Bären, sondern von aufgeregten Mitspielenden. Und schwitzen ist bei der Spannung absolut okay.

Denn man versucht natürlich immer zu bluffen. Weil du denkst, ich spiele die Maus im ersten Durchgang, um deren hohe Wertigkeit ins Trockne zu bringen, spiele ich eigentlich den Wolf. Und weil du das weißt, spielst du den Bär, weil der den Wolf zuerst fressen könnte. Weil ich das weiß, spiele ich natürlich nicht den Wolf, sondern den Luchs. Und während wir beide hier im Mind-Duell vor Spannung anfangen zu strahlen wie die Spielkarten, spielt meine Frau einfach mal die Eule und bringt deren Wertigkeit von 4 in Sicherheit. Liebe Leserin oder Leser, so geht das nicht! Was machen wir jetzt? Also ich verspreche dir, im folgenden Durchgang spiele ich zuerst den Bär. Wirklich! Schau in mein bäriges Gesicht. Entdeckst du da etwa ein Wolfspelz im Mausmantel? Verdammt, jetzt bin ich arg durcheinander gekommen. Also nächster Durchgang … zack, da ist der Bär, wie versprochen!

„Wuarharhar, im Wald geht der große, furchteinflößende Bär auf die Jagd!“ 

Was hast du wohl gespielt? Was soll ich jetzt fressen? Was du gespielt hast, bleibt an dieser Stelle dein Geheimnis. Was allerdings kein Geheimnis ist, Schnitzeljagd macht mit mehr Leuten am Tisch wesentlich mehr Spaß. Vor allem zu viert knallt es den Spielspaß ordentlich raus.

Schnitzeljagd
Was frisst nun der Bär?

Fazit

Mein damaliger Grafikdesignausbilder hätte mich für die Komplementärkontraste in Schnitzeljagd verprügelt – der hatte aber schon damals keine Ahnung. Ich liebe diesen Farbrausch! Es mag nicht allen gefallen, aber diese Polarisierung ist mir lieber als das nächste langweilig gestaltete Spiel. Wichtiger: Abseits der Gestaltung hat mich dieses Spiel auch aus den Bärentatzen gehauen. Es ist so simpel, noch viel simpler als ein vielleicht ähnlich gelagertes Love Letter und es verzichtet auf Reaktionsspielchen wie Krasse Kacke. Schnitzeljagd ist perfekt reduziert und zelebriert herrliche Mind-Duelle in der Gruppe, die mit entsprechendem Tabletalk den Spielspaß in irre Höhen treibt. Es taugt nicht für Stunden, es taugt aber als perfekter Absacker oder Aufwärmer. Zudem überzeugt es auch in Gruppen mit unterschiedlich vorhandener Brettspielerfahrung. Vor kurzem wurde ich gefragt, warum kleine Spiele selten eine richtig hohe Bewertung erhalten. Die Antwort darauf ist einfach. Sie sind selten so gut und süchtig machend wie Schnitzeljagd.

Schnitzeljagd

12,99 €
9.1

MATERIAL

9.0/10

SPIELIDEE

9.0/10

SPIELSPASS

9.3/10

Kurzfakten

  • Grandiose Knalleroptik!
  • Extrem einfach zu lernen
  • Lädt zum Tabletalk ein
  • Absolut kurzweilig
  • Je mehr Personen, desto besser

Spielinformationen

  • Genre: Bluff-Spiel
  • Personen: 2 - 5
  • Alter: ab 8 Jahren
  • Dauer: 15 - 20 Minuten
  • Autor/in: Matthew Dunstan Brett J. Gilbert
  • Rezensionsexemplar erhalten
Redakteur | Admin | Gründer von Brett & Pad | Website | + Letzte Artikel

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13 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Ja, ich war bei einer Schnitzeljagd beim Pegasus Pressevent dabei. Märchenonkel Christian hat es sehr schön erzählt und auch ich werde Schnitzeljagd in mein Regal packen. Weil es einfach immer geht, schnell erklärt ist und Ultra Spaß macht.

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    • Bei Pegasus war auch die liebe Carina von der Brettspielbox unsere Märchentante. Das hat sie wunderbar gemacht. Ich kann nur sagen, dass Schnitzeljagd das meistgespielte Spiel der letzten Wochen ist und ich echte Lachflashes hatte. Es gefällt sicher nicht jedem und für manche wird es zu wenig Spiel sein oder zu bunt. Ich aber liebe es! Ist eh das Jahr der kleinen Spiele … ich sage nur Sail, Skyteam … da kommt noch was 😀

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  • Danke für die schöne Rezi. Ich hatte das auch auf der Messe gespielt (Sail übrigens auch) und beide nicht eingepackt; aber so schön, wie auf dieser Seite geschrieben wird, fällt es schwer, stark zu bleiben. 😅 Und klein ist es ja auch.

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    • An Schnitzeljagd scheiden sich die Meeple. 🙂 Kann verstehen, wenn man es nicht wirklich braucht. Ich glaube, wenn die Leute es als zu banal ansehen und Tabletalk nicht mögen, kann das ganz schön daneben gehen. Ich hatte das aber noch nie. Ich habs z.B. mit meinen Eltern gespielt, die fast nichts spielen und am Ende haben wir wirklich Tränen gelacht, weil es so absurd witzig war. Auf meinem offenen Spieletreff war es auch als Absacker unterwegs und auch da, immer ein Gewinn. Ich finds fantastisch.

      Hat dir Sail nicht gefallen? Meine Rezi dazu ist fast fertig, weil auch das so viel gespielt wurde. Ich mag es sehr, aber es hat für leider einen größeren Patzer.

      Liebe Grüße

      Christian

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      • Sail fand ich sehr interessant – es ist uns aber auf der Messe falsch erklärt worden. Und da Stichspiele (auch koop) für meine Frau verständnistechnisch ein rotes Tuch sind (bei Jekyll & Hyde vs. Scotland Yard lief sie schreiend weg und ich konnte sie nur mit Mühe vor dem Hauptbahnhof Essen wieder einfangen), musste es erst mal draußen bleiben. Freu mich aber auf deine Rezension – und dann ggf. auch auf die Frage, ob man es in Deutschland irgendwo gut bekommen kann.

        Generell war allplay mein Überraschungshighlight der Messe. Ich liiiiiebe die grafische Aufbereitung. Habitats gefiel mir optisch mega (leider bei meiner Frau ebenso wie Nova Luna durchgefallen); generell mag ich Corné van Moorsels Spiele – nur leider gefiel mir die Optik in seinem Eigenverlag nur selten. Hier viel besser! Auch Basketboss sieht viel besser aus als im Original – leider auch hier niemand in meinem Umfeld, mit dem ich dieses großartige Spiel spielen könnte. Allplay wird also im nächsten Jahr ein sicherer Anlaufpunkt für mich werden. Gibt es eigentlich einen deutschen Vertrieb?

        Zum Thema kleine kurze Highlights der letzten Jahre (auf die Schachtel bezogen) könnte ich aus meinem Regal noch das sehr hübsche Stew von Quined Games beisteuern (thematisches Bluffspiel für bis zu 4 – vor allem aber auch für 2 – Personen), das wunderbar Tabletalk erzeugende Game Over von Jérémy Peytevin (La Haute Roche, Asmodee), für vier Spieler die schönste Memory-Variante, die ich kenne und das meiner Meinung nach unterschätze (allerdings auch schrecklich produzierte) Robotory von Susumu Kawasaki (Asmodee), ein auf Minimum Spielzeit eingedampftes abstraktes Strategiespiel für zwei Personen. Ob die noch zu bekommen sind, keine Ahnung. Ich mag es aber auch, etwas abseitige und unter dem Radar fliegende Spiele zu mögen und zu besitzen.

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        • Ja geil, das sind ja richtig gute Tipps! Außer Memory … da lauf ich schreiend weg … 🙂

          Und ich gebe dir absolut Recht, Allplay war ein cooler Stand mit vielen kleineren und schicken Spielen, die auch alle sehr unterschiedliche Mechaniken bedienen. Ein deutscher Vertrieb ist mir nicht bekannt, aber ich werde mit denen darüber auch noch einmal sprechen, spätestens nach dem Feedback zu Sail.

          Corné van Moorsels Spiele liebe ich auch. Basket Boss werde ich nächstes Jahr auch nachholen oder der Verlag kann da was machen *hust*. Ich ärgere mich total, dass ich das übersehen habe. Irgendjemand hatte das auf seinem Loot-Foto und ich bin erst nach der SPIEL drauf gestoßen. Wobei ich sagen muss, dass z.B. ein Roll over the Top ein nettes Spiel ist, aber in der zwar aufgepimpten Variante von Allplay dann irgendwie mir zu drüber ist. Mein Lieblingspiel von Corné van Moorsel ist Powerships.

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          • Verstehe ich. Wobei – probiert das als Familie mal aus. Ist nicht teuer und könnte euch bekehren. 😉 Schau dir zumindest mal die Grafik und die Spielidee an.

            Powerboats mag ich auch. Corné hat eine schöne Art, Mechanismen organisch wirken zu lassen, so dass sich das Spiel auch nach dem anfühlt, was man da macht. Street Soccer war über viele Jahre meine liebste Fußball-„Simulation“, mit der ich sogar Turniere veranstaltet und mir einen Wanderpokal besorgt habe.

            Roll over the top sagt mir noch nichts. Aber für „nett“ muss ich mit meiner 80-Spiele-Minisammlung mit strenger Kuratierung ja vielleicht auch nicht drüberschauen. 🙂

      • Hallo Christian, ein Spiel oder ein Buch zu Weihnachten MUSS sein, dank deiner überzeugenden Spielerklärung gibt’s dieses Jahr ein neues Spiel für den
        studierenden Sohn !!
        Gruß, Conni

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  • MATERIAL

    6

    SPIELIDEE

    7

    SPIELSPASS

    6.5

    Wirklich ein deliziös geschriebener Artikel, der den Charakter des Spiels gut beschreibt. Ich habe das Spiel auf der SPIEL in einigen Runden angespielt von 3-5 Personen und alle haben gut funktioniert. Wirklich schön, dass die Regeln so schnell erklärt sind und man es sowohl als Opener, Filler oder Absacker spielen kann.

    Für mich persönlich hat und in unseren Runden hat das Spiel allerdings nicht so gezündet. Die Artworks sind zugegeben Geschmackssache aber weder für Kinder noch für Erwachsene finde ich diese ansprechend, schade drum wenn ich an die wunderschönen Tierillustrationen ala Everdell denke. Auf der Messe waren die großen haptisch guten Karten schon ziemlich abgenutzt , kann mir vorstellen das die durchaus auf Dauer problematisch werden könnte. Mechanisch sehr eingängig und der Twist , dass sich diesselben Tiere egalisieren gefällt mir sehr gut! Ansonsten war für mich persönlich die Spannungskurve überspitzt gesagt auf einer Ebene mit „Schere-Stein-Papier“. Von einer taktischen Tiefe wie mir von Bekannten berichtet wurde sehe ich hier auch wenig, klar mit dem Punkte zählen am Ende ist das sicherlich nicht irrelvant was zu meinem Leid auch zu einer längeren Entscheidungsfindung meiner Mitspieler beigetragen hat (Downtime Ahoi).

    Alles in allem kann ich den Hype um das Spiel nicht ganz nachvollziehen, auch wenn ich wohl jederzeit bei einer (flotten) Runde dabei wäre.

    Antworten
    • Hallo Jan,

      vielen Dank für dein nettes Feedback und für Leser:innen ist deine kritischere Meinung zu Schnitzeljagd sicher nicht verkehrt. Ich empfinde es, gerade wenn man es mit den gleichen Personen häufiger spielt, schon etwas mehr als Stein-Schere-Papier. Es ist und bleibt aber ein einfaches Spiel, welches sehr von der Gruppe lebt. Ich mag einfach diesen kurzfristigen, aber stetigen Thrill in der Partie, andere einfach einzuschätzen. Gerade die letzte Runde eines Durchgangs ist oft spannend, wegen der offenen Informationen und dem kleinen Rechenspiel über die Wertigkeit der Tiere. Ich kann mir aber absolut vorstellen, dass es einige Gruppen gibt, wo das Spiel gar nicht gut ankommt.

      Ich habe damit halt gerade den Spaß meines Lebens 😀 😀 😀

      Herzliche Grüße

      Der listige Luchs, der immer besser als der dicke Bär ist. (Weil das die Leute mittlerweile wissen, spiele ich den Luchs aber nur noch selten. Und genau darum wird er aber bald wieder mit vorheriger Ansage gespielt! Nur um damit die Maus durchzubekommen. OK. Ich höre jetzt auf. Aber … spielt den Luchs, Leute! Wobei in der ersten Runde die Eule mega stark ist, weil sie sicher alle Mäuse frisst. Darum spielt man aber beides nicht in der ersten Runde. Ok, ich höre jetzt wirklich auf.)

      Antworten
  • MATERIAL

    10

    SPIELIDEE

    10

    SPIELSPASS

    10

    Super Rezension für ein geniales Spiel! Wir fragen uns, ob es auch gut ist mit einem doppelten Blatt und mehr Spielern also bis zu zehn, hat das mal jemand probiert?

    Antworten
    • Ich glaube, dass wäre nicht so gut, weil dann die Blockade zu oft greifen würde oder gleichzeitig zu viele rausfliegen (seltener). Man würde damit nichts gewinnen und gleichzeitig nur Probleme schaffen.

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