Lesezeit: 5 Minuten
 Coimbra steht exemplarisch für völlige Fehlleitung. Nicht im Spieldesign oder im Thema, sondern bei mir selbst. Ich suchte jahrelang nach einem Würfeleinsetzspiel abseits von Auf den Spuren von Marco Polo und fand erst letztes Jahr mit Marco Polo II: Im Auftrag des Khan einen Ersatz. Dabei hätte ich mir 2018 einfach nur Coimbra von Eggert Spiele anschauen müssen. In meiner Wahrnehmungs-Blase war es ein weiteres themenloses Eurogame, mit zu hohem Grübelfaktor und einem wuseligen Spielplan. Ich weiß gar nicht mehr wie und wo dieser Eindruck entstand, aber er war verpackt in der Brauch-Ich-nicht-Schublade. Durch einen guten Preis im Adventskalender und einem BoardGameGeek Platz kurz vor den Top 100, entschied ich mich doch nach Portugal zu reisen. Glaubt mir, es hat sich auch noch im Jahre 2020 gelohnt!

Kurzcheck: Darum geht es in Coimbra

Im Zeitalter der Entdeckung gilt die Universitätsstadt Coimbra als kulturelles Zentrum Europas. Du übernimmst nun die Rolle einer bedeutenden Familie und strebst nach Ruhm. Das geht nur über die einflussreichsten Einwohner (Karten), die du mit Gold oder Wachen auf deine Seite ziehst. Gleichzeitig stellst du modularen Expeditionen Rohstoffe für Siegpunkte zur Verfügung und schickst Pilger auf eine Reise durch Portugal für etwaige Boni. Ganz ehrlich, es könnten hier auch Raumschiffe gebaut oder eine Expedition durch den Dschungel geplant werden. Das Thema passt irgendwie, hält die Mechanik zusammen und das Spielmaterial ist wirklich schick, aber du bist hier wegen der interessanten Entscheidungen und einer wirklich erfrischenden wie vielschichtigen Würfeleinsetzmechanik.

Ziemlich bunt, aber ich mag die Optik.

Nichts Neues?

Vieles in Coimbra kennt man und braucht hier keine ausführliche Erklärung, die nur langweilen würde. Haken wir das so schnell ab, wie Kreuzfahrttouristen ihre besuchten Städte. Jede Runde liegen diverse Karten aus, die entweder über Gold oder Wachen gekauft werden. Das gibt die jeweilige Karte vor. Die Karten besitzen Einmalboni, Punktegeneratoren für das Spielende oder aber dauerhafte Belohnungen in jeder Spielphase. Das vielleicht wichtigste aber, sie lassen die eigenen Einflussmarker auf vier Leisten je nach Wertigkeit der gekauften Karte steigen. Dazu gleich mehr!

Weiter kann man mit einem Pilger durch Portugal für Boni reisen, die sehr unterschiedlich ausfallen und viele Abzweigungen bereithalten. Wer sein Geld und Wachen in Expeditionen steckt, schaltet Siegpunkte am Ende des Spiels für gewisse Voraussetzungen frei. Expeditionen, Siegpunkte für die Einflussleisten und die Ziele der Pilgerroute sind dabei absolut modular. Auch die Einwohner-Karten sind in gewisser Weise zufällig. Die erzeugte hohe Wiederspielbarkeit erinnert an Marco Polo II: Im Auftrag des Khan, ohne dessen Level ganz zu erreichen. Wie gesagt, insgesamt alles recht bekannt.

Muss man kennen!

Die Einflussleisten bestimmen das Einkommen durch die Würfel.

Die Würfeleinsetzmechanik aber torpediert dieses Spiel in durchaus hohe Spielspaßregionen, gleichzeitig lässt es das Hirn dampfen. Zu Beginn einer Runde werden alle Würfel geworfen. Die Würfel sind dabei farbig, entsprechend der vier Einflussleisten Geld, Militär, Religion und Gelehrter. Bist du am Zug, wählst du nun einen Würfel aus diesem Pool, steckst ihn in einen Würfelhalter deiner Farbe und stellst diesen auf eines der vier Aktionsfelder. Das erste Feld ist für Spezialaktionen und die Spielerreihenfolge relevant, die anderen drei geben Zugang zu den daneben ausliegenden Einwohner-Karten. Dann wählt der nächste Spieler einen Würfel. Das geht reihum solange bis jeder drei Würfel platziert hat. Die Würfel werden dabei auf den Feldern nach ihrer Augenzahl sortiert aufgestellt. Auf den Feldern für Einwohner-Karten ist die höchste Augenzahl stets vorne, bei dem ersten Feld die kleinste Augenzahl.

Danach werden die Aktionsfelder von oben nach unten und in der Reihenfolge der Würfelauslage ausgeführt. Dabei bestimmt die Augenzahl aber nicht nur die Reihenfolge, sondern auch den Preis der Karte. Autsch! Hier gilt es nun abzuwägen, welche Karten du möchtest, was deine Gegenspieler vorhaben, wie viele Ressourcen sie besitzen und was für Würfel im Pool noch liegen. Einfache Mechanik, viel Denkarbeit! Und das war nur die halbe Miete.

Der wahre Clou kommt jetzt! Ist dieser Prozess abgeschlossen, startet wieder der Startspieler und aktiviert anhand der benutzen Würfelfarben seine Einflussleisten. Ein orangefarbener Würfel beschert einem z.B. die Einnahme von Geld, ein lilafarbener lässt den Pilger weiterlaufen. Bei drei Würfeln und vier Farben verzichtet man pro Runde auf einen Teilbereich des Spiels. Keine grauen Würfel? Keine Militär-Ressourcen! Wie hoch mein Einkommen ist, bestimmt allerdings mein Einflussmarker, nicht der Würfel. Kaufe ich mir also nie Einwohner, die den Marker auf der Geld-Leiste nach oben bringen, nützen mir auch orangefarbene Würfel wenig. Mit diesem Wissen im Hinterkopf fällt die Wahl im ersten Schritt auf den richtigen Würfel brutal schwer. Vier Leisten, nur drei wählbare Würfel, dazu die Farben, Augenzahlen und Mitspieler – und eigentlich wollte man doch nur eine Karte kaufen. Da knistert es im Kopf!

Schwarz darf als erstes Einkaufen, bezahlt aber 6 Ressourcen und erhält später das Militäreinkommen (grauer Würfel).

Vorsicht!

Ein großer taktischer Spaß zu zweit.

Coimbra ist von den eigentlichen Regeln schlank, aber die angesprochene Verzahnung, plus sinnvolle Bewegungen mit dem Pilger und gleichzeitiger Planung des Einkommens für die nächste Runde, sorgt für eine gewisse Komplexität, ähnlich wie dieser verschachtelte Satz! Mit zwei Mitspielern kann man  gut Spaß haben, dafür sorgen feste Würfel auf den Aktionsfeldern, die die ansonsten zu einfache Reihenfolge der beiden Spieler aufbrechen. Wirkt wie eine einfache Krücke, funktioniert aber gut. Mit zunehmender Spieleranzahl steigt allerdings der Grübelfaktor ungemein und das reine Optimieren weicht etwas dem interaktiven Chaos. Verstärkt wird dies dadurch, dass man seine Züge weniger im Voraus planen kann, selbst wenn der Würfelpool schon fest steht. Ich bin eher Fan der 2-Spieler-Variante.

Fazit

In meiner Wahrnehmung ist Coimbra ein sehr unterschätztes Spiel. Ich zumindest lese recht wenig über dieses Würfeleinsetzspiel, dabei gehört es zu den besten seiner Zunft. Nur die Würfel-Mechanik betrachtend, schlägt es sogar das großartige Marco Polo II: Im Auftrag des Khan. Es macht einfach irre viel Spaß sich durch die Tiefen der Verzahnung bei der Würfelwahl zu denken. Die perfekte Augenzahl passt selten zur Farbe oder zur möglichen Wahl des Mitspielers, geschweige denn zur eigenen Einflussleiste. Selten ist die Entscheidung bei der Würfelwahl so vielschichtig angelegt. Viele Wege und Möglichkeiten, wie unterschiedliche Pilgerrouten, den Expeditionen oder Symbiosen aus Einwohner-Karten, erlauben zudem das generieren von Siegpunkten. Immer wieder das Beste aus neuen Gegebenheiten der Auslage machen, allein auch durch das modulare Material, ist hier die Kunst. Trotz der schlanken Regeln, kann dies zu Grübeleien führen oder Anfänger überfordern. Somit gibt sich Coimbra sehr kopflastig, bei gleichzeitig wenig interessantem Thema. Trotzdem überhaupt kein Grund das Spiel links liegenzulassen, gerade bei zwei Spielern und Freude an der Optimierung!

Christian Administrator
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Coimbra

44,49 €
8.2

AUSSTATTUNG

8.0/10

SPIELIDEE

8.0/10

SPIELSPASS

8.5/10

Kurzfakten

  • Extrem gute Würfelmechanik
  • Hohe Verzahnung der Mechaniken
  • Schlanke Regeln
  • Einstieg kann überfordern
  • Sehr gut für zwei Spieler.

Spielinformationen

  • Genre: Würfeleinsetzspiel
  • Spieler: 2 - 4
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Dauer: 75 - 120 Minuten

3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Servus, schau dir mal crystal palace an. finde ich aktuell sogar stärker als MP II

    Antworten
    • Werde ich sicher machen. Hatte ich zur SPIEL in meiner Highlight-Liste. Leider spricht mich und meiner Frau noch wesentlich mehr das Thema so gar nicht an und da war der Preis dann eindeutig zu heftig.

      Antworten
  • Avatar
    Marco Stutzke
    23. März 2020 19:30

    AUSSTATTUNG

    8.5

    SPIELIDEE

    7.5

    SPIELSPASS

    9

    Perfekt zu zweit sage ich sogar.;-)

    Antworten

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