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Das wird heute keine Wall of Text, ich möchte mir nur einmal kurz etwas von der Seele schreiben. Wie schon letztes Jahr war in den Sommerferien im Bereich Crowdfunding für Brettspiele die qualitative Hölle los. Ich steppte von einem Highlight zum nächsten. Die Kreditkarte als Partner lachte erst voller Vorfreude, irgendwann brach sie aber in Tränen aus. Ich überschlug die Summen und kam ins Grübeln. Für manche mag das Usus sein, aber wo ist da die persönliche Grenze, wenn man mit Zahlen jongliert, die manch Student für den ersten Kleinwagen ausgibt. Aus meiner Sicht ist das mittlerweile einfach nur obszön, mit was für einer Selbstverständlichkeit da Preise aufgerufen werden.

Es wird FOMO seitens der Verlage ausgelöst und es wird mit Extras rumgeschmissen, als gäbe es kein Morgen. Was in Zeiten der Klimakrise eine Doppeldeutigkeit erhält. Kann man sich diese Materialschlachten noch gönnen, oft hergestellt in Billiglohnländern, mit Plastik maximal gesättigt, über den halben Erdball mit Schweröl transportiert und der Spielspaß diffundiert dann nur wenige Stunden aus der Schachtel, weil ja der nächste Brecher ansteht?

Die nackten Zahlen

Überschlagen wir doch mal den Wahnwitz. Also in meinem Dunstkreis waberten folgende Brettspiele: Oros, Chronicles of Drunagor, Arydia, Soul Raiders, On Mars Erweiterung, Black Rose Rebirth, Legends Acadamy, Earthborne Rangers. Das sind geschmeidige 880 $ und darauf kommt nun noch Versand und Mehrwertsteuer. Grob überschlagen sind das 1250 $. Klar, die Spiele braucht keiner alle im Schrank, ich hatte nur schon hart selektiert. Die Rohstoffpreise steigen, die Produktionsslots sind eng, ich kenne die Fakten. Aber dabei wird vergessen, dass heute gefühlt jeder seine Brettspiele maximal aufblähen will. Direkt neben dem Grundspiel natürlich eine Matte, drei Erweiterungen, Extra-Würfel. Wo bleibt die Kampagne mit 120 Stunden Spielzeit? Ah, da ist sie ja! Es bleibt oft nicht mehr bei reinem Bling Bling als Addon, sondern das beliebte Gameplay-All-In macht die Runde. Das Basisspiel wird bestmöglich ausgehöhlt, damit der Sparer, der auf Bling Bling verzichtet, doch seine Grenze überschreitet, weil er mit Content zugeworfen wird, ohne zu wissen, ob das Grundspiel etwas taugt. Was normalerweise mehrere Zyklen mit Erweiterungen sind, wird bei Kickstarter gleichzeitig abgefackelt.

Neu und doch alt

Unschöne Sache sind auch die zweiten Editionen! Während der Auslieferung der ersten Kampagne und dem darum entstehenden Hype wird eine zweite Kampagne nachgeschoben. Noch fetter, noch mehr Spielzeit, Pflichtaddons und natürlich Verbesserung der ersten Kampagne, wo natürlich nicht alles optimal war. Während man also gerade in sein neu erhaltenes Monster eintaucht, weiß man schon, es wird nachgebessert, wenn du Geld zückst. Der neue Scheiß ist direkt bei Erhalt schon wieder alt. Geil Leute! Sarkasmus gibt es gratis dazu.

Fazit

Es ist ja alles legitim und jeder entscheidet das für sich selbst. Ich empfinde das allerdings als ziemlich pervers. Wo ich mit voller Vorfreude bei einigen Kampagnen drin war, habe ich dann fast alle auf 1$ runtergefahren oder bin sogar komplett raus. Es ist schön, dass der Markt boomt und ich bin selber Schuld, wenn die Begeisterung mit mir durchgeht. Ich fühle mich nur an ein anderes Hobby erinnert: Videospiele. Da hat die Industrie auch unzähliges auf den Markt geworfen, gerne mit Collectors- und Deluxe-Versionen oder kostenpflichtige Addons, bis ich gar keine Lust mehr verspürte, irgendetwas zu kaufen. Der Bereich Crowdfunding ist da bei mir gerade angelangt, vor allem, weil die meisten Brettspiele dann leider wesentlich schlechter sind, als sie vermarktet werden. Dabei haben wir noch gar nicht über das Ärgernis der Verzögerungen und etwaiger Produktionsfehler bei solchen Projekte gesprochen. Mir vergeht da leider immer häufiger die Lust.

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7 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Ich kann dich da gut verstehen, bei mir war es irgendwann soweit, dass ich Kickstarter den Rücken gekehrt habe. Die Regale sind voll, die meisten Erweiterungen packt man meist doch nicht aus und braucht man für ein Spiel, das man vielleicht drei Mal im Jahr spielt, wirklich Metallmünzen, bemalte Minis und Deluxe-Ressourcen?
    Ich finde ein aktuelles Beispiel dafür ist Flamecraft. Das Spielprinzip ist so simpel und hat so wenig Tiefe, dass es eigentlich maximal einem 30€ Familienspiel entspricht. Will man all die tollen Deluxe-Komponenten und Exclusives haben, muss man auf Kickstarter inklusive Versand 95$ zahlen. Natürlich ist das Ganze mit extrem schönen Illustrationen, Stretch Goals, Social Goals, Rätseln und Gewinnspielen nur so gespickt. Ein Schelm, wer denkt, dass das alles über das mittelmäßige Gameplay hinwegtäuschen soll. Die Kampagne ist jedenfalls durch die Decke gegangen.

    Bei einigen Spielen, die bereits auf dem Markt etabliert sind (beispielsweise On Mars), kann sich Kickstarter noch lohnen, weil man sie dort eventuell günstiger bekommen kann. Alles andere sollte man dringend vorher ausprobieren, wenn es denn möglich ist. Testspiele auf TTS oder Tabletopia sollten mittlerweile eigentlich zum Standard gehören.

    Bei Kickstartern ist das Ganze langsam aber sicher vollständig in den Wahnsinn abgedriftet, aber generell ist das Brettspiel-Hobby ja schon seit Jahren eine einzige Hype-Maschine. Man gibt schnell viel Geld für Dinge aus, die dann Monate unangetastet im Regal stehen, nur weil man Angst hatte, ein bestimmtes Angebot zu verpassen. Bei mir persönlich hatte das eine Zeit lang schon beinahe etwas pathologisches.
    Viele sagen ja: „Wenn es mir nicht gefällt, kann ich es ja einfach wieder verkaufen.“ Aber ich denke, es wäre sinnvoller, wenn mehr Leute sagen würden: „Ich habe schon genug Spiele.“
    Ich konnte früher nicht mehr genau sagen, mit was ich mehr Zeit verbringe: Mit der Recherche über Spiele und dem Preisvergleich oder dem eigentlichen Spielen von Brettspielen. Gerade umfangreiche Spiele kann man dutzende Male spielen, bevor sie langweilig werden. Bei großen Sammlungen passiert es allerdings eher selten, dass man 20 Mal Terra Mystica oder On Mars spielt.

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    • Hahaha, der Artikel sollte heute noch gar nicht veröffentlicht werden. Da habe ich den falschen Button gedrückt. Nun ist es passiert. Trotzdem vielen Dank für deinen langen und interessanten Kommentar.

      Ich teile da deine Meinung komplett. Ich bin echt gerne bereit auch einmal etwas mehr auszugeben, aber nicht ständig. In der Community ist ein Preis von 150$ irgendwie total normal, 100 $ fast das alte 50$ – zumindest gefühlt. Es gibt auch noch heute kleinere Kickstarter, die das anders machen, aber ein Großteil driftet da total weg. Das ein Arydia so viel kostet kann ich nachvollziehen, warum man da aber dann direkt noch wieder kostenpflichtige Addons dazupackt, nervig! Das ein Chronicles of Druganor während der Auslieferung und Vorfreude direkt eine zweite Kampagne ankündigt, die direkt aufzeigt, was alles im neuen aka alten Spiel geändert wird, empfinde ich mittlerweile unseriös. Ein Earthborne Ranger als Kartenspiel kostet als Gamneplay-All-In 150 $… und ein Oros, als seichteres Kennerspiel für die Familie, kann sich dann auch so gut verkaufen, das man mit Steuer und Versand eher bei 100 als bei 50 € ist.

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  • brettspielbabo
    31. August 2021 20:46

    Geh ich voll mit, weniger ist mehr…

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  • Ich kommentiere eigentlich selten Christians Artikel, aber dieser macht es notwendig. Ich bin ja etwas später, aber dafür nicht weniger intensiv eingestiegen. Meine Brettspielrunde ist der Hammer und wir probieren echt alles aus. Aber ich mag auch Spiele, die häufiger in der Rotation auftauchen. Ich zucke bei Scarface, habe Oros gekickstartert, alleine deswegen, weil wir es so gut und schön angespielt haben. Aber meine Wishlist ist eh so lang. Cloudspire, Cthulhu Wars, Dominant Species Marine, On Mars, um nur einige zu nennen.
    Aber: Ich bin auch null Fan von spielerischen Add Ons zum Grundspiel, bevor man die Sache gespielt hat. Ehrlich, dass ist für mich Abzocke und künstlicher Hype. Klar, TFM habe ich alles, aber das Spiel ist unser Dauerbrenner und kommt entsprechend oft auf den Tisch und da habe ich es nachgekauft. Bei Kickstarter wird einem aber suggeriert, dass man etwas verpasst (auch spielerisch), wenn man nicht sofort zuschlägt. Da bin ich einfach raus. Ich habe die letzten Wochen nochmal vermehrt Brass:Birmingham gespielt. Und, es ist immer noch der Hammer. Also, macht euch eine solide Wish-List, wo ruhig auch mal ein guter Kickstarter dabei ist und spielt eure Meilensteine im Regal.

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  • Ich habe KS erst vor einem Jahr für mich entdeckt und bin aktuell zB bei Black Rose Wars drin. Das Prinzip mit den SG, die durch Summen freigeschaltet, oder täglich veröffentlicht werden ist extrem spannend und ich kann wirklich verstehen, dass das süchtig machen kann.
    Allerdings rufe ich mir regelmäßig ins Bewusstsein dass es „nur Brettspiele“ sind und die ausgerufenen Preise echt krank. Wenn das „normale“ Menschen, außerhalb unserer Blase hören, schütteln die immer nur den Kopf. Ursprünglich dachte ich, okay, für Ausnahmespiele wie Nemesis oder ein Lacerda wäre das „mal“ okay, aber das sind mittlerweile, gefühlt Standartpreise.
    Zum Glück habe ich auch noch meine Frau, die mich ausbremst… 800 Euro für Spiele und ich habe die Bremse nicht mehr, dafür aber plötzlich voll viel Zeit zum spielen 😆

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    • Ich stelle mit nur vor, was bei uns zu Hause los wäre, wenn meine Frau mit dem Vorschlag käme, für 800€ Schuhe zu kaufen. Das wäre mal lustig. Hier kommt aber immer die schöne Rechnung über den CPP Wert oder den CPPH Wert ins Spiel. Hach….ich schick dir dazu mal einen Artikel…

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  • Ein guter und wichtiger Blog-Text/Beitrag.

    Ich bin also nicht der einzige, der bei der Selbstreflexion bezüglich der genannten Entwicklung einen kleinen Erpelpellenschauer bekommt. Es gibt hier ein Für und Wider, für mich. Bei Dice Throne bin ich in der 2. Kampagne eingestiegen, mit der Grundbox, mein Sohn und ich waren dann begeistert und finden es nachwievor megageil, so habe ich bei der 3. Kampagne dann für 600€ alles mitgenommen, was es bislang gibt und ich bereue es nicht. Hier wusste ich ja aber auch (mittlerweile), was ich zu Erwarten hatte (wenn produktionstechnisch etc. alles klappt).

    Bei anderen Kampagnen der letzten zwei Jahre bin ich jedoch auch hier und dort in den „Erweiterungswahn“ gefallen und habe im Pledgemanager mal eben den Core-Pledge monetär auf das Dreifache erweitert, ähh, erhöht… Damit ist Schluss, vorerst. Rigoros. Bei bekannten, von uns viel gezockten Franchises wie Zombicicde, Fantasy Brawl und DiceThrones gehe ich nachwievor all-in, alles weitere „nur“ Grundspiel und, wenn möglich, auch erstmal den 1$-Pledge, denn ein paar Wochen nach der Kampagne ist das erste Herzklopfen bereits ein bisschen ruhiger geworden…

    Ja, die Entwicklung ist „besonders“ und spannend und wer weiß, ob der Markt irgendwann, wie bei den erwähnten Videospielen, mal ein bisschen implodiert… wir murmeln hier immerhin „nur“ über Brettspielproduktionen und da kommen bereits mitunter 8 stellige fundings bei raus… es ist aber irgendwie auch faszinierend..das Ganze. Ob ich gleich mal bei kickstarter, gamefound und spieleschmiede vorbeischaue?… Nur so, um mal zu schauen, ein bißchen zu gucken, diese tollen aufbereiteten Bilder von Karten, Minis und Spielplänen…Verdammt, nein! Doch! Nicht diese Woche, nein…. ich muss mich ablenken, sofort!

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