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Auf die Mütze! Und dann immer wieder…

Adrenalin ist taktisch, wie auf einer tiefergehenden Metaebene durchaus – Wie bitte? Durchladen. Explosionen. Headshot. Doppel-Kill. MU-MU-MULTI-Kill. Unreal Tournament oder Quake früher auf dem PC im Multiplayer gespielt? Nein?! Dann könnte Adrenalin so passend sein, wie die Lochis für mich. Denn Adrenalin vom Heidelberger Spieleverlag ist eines der ganz wenigen Spiele, die sich daran versuchen, die hektischen Multiplayer-Ballereien aus Videospielen auf den Tisch zu bringen. Schon in der Spielanleitung auf der ersten Seite zeigt sich, was hier im Vordergrund steht: explosiver Spaß! Der dort beschriebene Spielhintergrund ist kurzerhand mit einer fetten Sprechblase überlagert. Quintessenz, der Einleitungstext ist Depri-Gelaber und gehört in die Tonne. Halte ich mein Geschwafel hier lieber auch kurz und kommen wir zum Abzug.

Kurzcheck: Darum geht es in Adrenalin

Schnapp dir einen Kämpfer, rüste eine Waffe aus, krall dir Munition und starte in der Arena an einem Spawn-Punkt. Das Ziel ist klar, möglichst viel Schaden an deinen Mitspielern verteilen. Noch besser, wenn du sie dabei wegfraggst. Das bringt ordentlich Siegpunkte! Zwischendurch läufst du durch die leicht modulare Arena, sammelst Munition (3 Farben) und weitere Waffen ein. Ganze 20 einzigartige Waffen sorgen für Abwechslung! Wer die typischen Arena-Shooter kennt, kriegt hier feuchte Augen. Raketenwerfer, Plasmakanone, Cyberklinge oder Railgun sorgen ebenso für Flair, wie spieltechnisch integrierte Insiderbegriffe der Szene. Overkill, Multikill, Spawnpunkte, Power-Ups, der Warenkorb der Shooterbegrifflichkeiten ist voll! Für Langzeitmotivation sorgen zwei weitere Spielmodi (Herrschaft, Geschützmodus) und die Möglichkeit mit Bots zu spielen. Der Spielspaß dreht so richtig bei vier bis fünf Spieler auf und selten spielt man länger als 30 – 60 Minuten. Wer jetzt denkt, Adrenalin wäre ein einfacher und munterer Brettspiel-Shooter, der wird die Ladehemmung des Spielspaßes schneller erleben als ihm lieb ist. Ich will es erklären.

Let’s get ready to rumble!

Wo ist das hier locker flockig?

Fangen wir mit den 20 Waffen und ihrer Munitionsvorgabe an! Jede Waffe glänzt mit Sonderregeln die erstmal verstanden werden müssen. Die Munition liegt zufällig aus. Da jede Waffe bestimmte Munitionsarten braucht und das in unterschiedlicher Menge, man gleichzeitig aber nicht unendlich viel einsammeln kann, ist Adrenalin verkopfter als es der Shooter-Bauch liebt. Wer falsche Waffen sammelt, Pech mit der Munition hat, der wird zum Frag-Opfer. Das will man verhindern, also erstmal überlegen was ich einsammeln will.

Dann wird weiter der Kopf angestrengt, nämlich darüber wie ich meine drei Aktionen aufbrauche. Ich kann Laufen, Ballern und Sammeln. In beliebiger Reihenfolge und auch doppelt oder gar dreifach. Aber wie gesagt, maximal drei Aktionen. Dann muss ich beachten, was haben meine Gegner für Waffen, sind die geladen und wie viel Lebenspunkte haben ihre Helden noch? Wo kann ich durch einen Treffer am meisten Schaden anrichten? Mal überlegen. Dann weiter überlegen. Mmmh. Merkt ihr, wie ein schneller, hektischer und Adrenalin geladener Shooter sich hier gerade selbst begräbt? Funktioniert nicht! Adrenalin ist so mehr Eurogame als Frag-Fest und durchaus taktisch wie auch eine tolle thematische Umsetzung, aber es hinkt an der gewünschten Atmosphäre. Spätestens hier kann ich die auftretenden mittelmäßigen Bewertungen bei Board Game Geek verstehen.

Welche Waffe wäre dein Favorit und was könnte sie? Gar nicht so einfach am Anfang!

Und dann hat es BÄM gemacht!

Gehen wir das also anders an! Erstmal Soundtrack rausgesucht. Laut aufdrehen. Dann noch etwas lauter. Jetzt der Geschwindigkeitstip: Waffen nur erklären, wenn sie ausliegen. Recht schnell sollten Kennerspieler die Regeln verstanden haben, dann wird in klassischer Tabletop-Turnier-Mentalität mit Zeitdruck gespielt. Versucht es mit 30 Sekunden pro Zug. Hardcore dann vielleicht 15 Sekunden? Da geht schnell die Pumpe. Da wird der Bauch zu rate gezogen, über das Spielfeld gerannt, schnell geschossen, zack, nächster Spieler. Zack, nächster Spieler. Nächster Spieler. Nachladen. Kopfkino. Plötzlich ist Adrenalin da! Jetzt hat man einen waschechten Shooter auf dem Tisch und Adrenalin wird in der richtigen Runde zu einem absoluten Spielspaß-Fest!

Schöne Feinheiten

Wie auch bei Videospielen kann Adrenalin unfair sein. Manchmal bist du einfach das Ziel von allen anderen. Leb damit, dass ist nicht das Spiel um über Fairness zu diskutieren. Aber Adrenalin hat ein paar Werkzeuge eingebaut, die das Spiel ganz von alleine ausgleichen. Zum einen wird man mit jedem Tod ein weniger lukratives Ziel. Die möglichen Siegpunkte sinken einfach für die anderen Spieler. Es lohnt sich also Jagd auf denjenigen zu machen, der am wenigsten oft gestorben ist. Weiter wird der Charakter durch Verletzungen immer besser! Er kann sich beim Aufsammeln von Zeug – ja das heißt im Spiel so – und auch beim Ballern weiter bewegen. Fieser ist eher die Auslage der Waffen und Munition, da kann man einfach mal Pech haben. Ist aber bei der Art von Spiel aus meiner Sicht zu verschmerzen. Dafür wird nicht gewürfelt! Wer in Reichweite ist, wird auch getroffen.

Am Heldentableau kann man allerhand ablesen. Einmal gestorben, der gelbe Spieler hat mich zweimal markiert, Lila am meisten Schaden gemacht, Grau das First Blood und ich selber bin durch den Schaden schon zweimal verbessert.

Fazit

Ich bin vorbelastet. Es gab Zeiten, da habe ich für LAN-Partys Unreal Tournament trainiert und eine gepflegtes Multiplayermatch in einem Shooter kann mich auch noch heute begeistern. Ich bin also die absolute Zielgruppe für Adrenalin! In seiner Gesamtheit ist es schon verdammt gut gelungen, wie das Feeling eines Shooters auf ein Spielbrett gebracht wird. Die Selbstironie im Regelheft ist ebenso herrlich. Wer durch die taktischen Entscheidungen aus Waffenwahl, Aktionsreihenfolge, Munitionsausgabe und stetigem Ausrechnen für den bestmöglichen Treffer, jeden Zug in die Länge zieht, spielt nicht Adrenalin sondern Valium. Das ist ein Spielspaßkiller! Durch den Wegfall von Würfeln ist das Abfeuern der Waffen ebenso ausrechenbar. Das entspricht aber nicht dem Gefühl eines Shooter! Darum schmeißt einen Timer an und setzt euch selber unter Druck! Bei Magic Maze, 5-Minute Dungeon oder Galaxy Trucker ist das in den Regeln implementiert, hier hätte es genauso sein müssen! Denn damit wird Adrenalin in der richtigen Gruppe zu einem absoluten Shooter-Thriller!

Christian Administrator
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Adrenalin

35 €
7.9

AUSSTATTUNG

8.0/10

SPIELIDEE

7.5/10

SPIELSPASS

8.3/10

Kurzfakten

  • Thema einzigartig
  • Tolle Umsetzung eines Arena-Shooters
  • Taktische Entscheidungen
  • Schickes Material
  • Besser mit Zeitdruck spielen

Spielinformationen

  • Genre: Shooter
  • Spieler: 3 - 5
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: 30 - 60 Minuten

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