Lesezeit: 6 Minuten
Der Taubertal-ExpressDer Taubertal-Express ist nicht meine klassische Beute. Brettspiele mit Eisenbahnthema in meinem Regal kann ich an drei Fingern abzählen. Warum also fährt der Der Taubertal-Express in den Blog ein und ist vielleicht sogar ein kleiner persönlicher Hypetrain? Zunächst einmal hat mich die wohl einmalige Story hinter dem Spiel neugierig gemacht. Autor ist Christoph Kraus, der ist aber eben auch Sachgebietsleiter der Wirtschaftsförderung Lauda-Königshofen. Publisher des Spiels? Stadt Lauda-Königshofen. Ich droppe hier mal ein ganz ehrliches WTF. Andere Städte haben da maximal schlechte Memory-, Monopoly- oder Laufspielkopien für Touristen mit zu voller Geldbörse im Angebot. Im Fall Der Taubertal-Express sprechen wir aber von einem angenehm gehobenen Kennerspiel, welches auch noch thematisch mit Liebe zur Region gestaltet wurde. Irre! Ich zumindest kenne solche Hintergrundinfos zum eigenen Brettspiel nur von ganz wenigen Autoren. Vorteil bei solcher Fülle an Hintergrundinfos: Die Dampflok steht unter thematischen Volldampf beim Spielstart. Chapeau!

Kurzcheck: Darum geht es in Der Taubertal-Express

Der Taubertal-Express verlangt dir einiges an Planungen ab. Du startest mit deiner kleinen Eisenbahn aus Lok und wenigen Waggons in Lauda als Zentrum der bespielbaren Region, was zum thematischen Hintergrund passt. Schließlich war Lauda Anfang des 20. Jahrhunderts eine prosperierende Eisenbahnstadt. Du versuchst nun über sieben Runden deine Eisenbahn durch weitere Waggons zu erweitern, damit du effizienter verschiedene Waren von Bahnhof zu Bahnhof transportieren kannst. Du solltest aber auch wartende Passagiere in Form von historisch berühmten Persönlichkeiten an den Bahnhöfen nicht ignorieren. Wie baust du deinen Zug dabei aus? Passagiere oder Waren?

Wer allerdings etwas in Der Taubertal-Express reißen möchte, sollte auch noch die Infrastruktur der Stadt Lauda für größeren Einfluss ausbauen und auf seinem persönlichen Streckentableau in den verschiedenen Regionen die Bahnhöfe entwickeln, nur so lassen sich Waren und Passagiere vorausschauend und gewinnbringend transportieren. Hört sich vielleicht harmlos an und die Anleitung ist eigentlich auch übersichtlich. Nur … die Feuerwehr war wohl kurz davor zu klingeln, denn die thematisch passenden Dampfwolken im Wohnzimmer zeugten von leichter anfänglicher Überforderung der Teilnehmenden. Rauchende Köpfe halt! Warum? Tja, die Dampflok wird über eine pfiffige Grundmechanik angetrieben.

Es geht los ….

Das Gleis

Der Spielstart ist knifflig und das liegt vor allem an der zwingend vorausschauenden Planung beim Pick-up and Delivery. Alles in diesem Spiel kostet Aktionssteine, die in unterschiedlicher Farbe vorhanden sind. Am Anfang jeder Runde liegen Plättchen aus, die eine bestimmte Farbzusammenstellung dieser Aktionssteine einbringen und auf deinem Zug gelagert werden. Reihum wählt jede Person ein Plättchen, bis alle drei besitzen. Du weißt, was du brauchst, erahnst was andere brauchen und siehst die maximale Beute in der Auslage.  Du willst diese Runde ein Zollamt bauen? Du brauchst zwei weiße und einen gelben Stein. Du willst deine Bahnhöfe wieder mit Wein bestücken? Du brauchst lilafarbene Aktionssteine. Du willst deine Eisenbahn bewegen? Für jeden verdammten Schritt verbrauchst du ebenfalls einen Aktionsstein. Easy. Eigentlich.

Zufällige Auswahl bei drei Personen.

Du musst aber jede Runde auch mindestens einen ausgewählten Passagier befördern, ansonsten winken Minuspunkte. Glaub mir, die Strecken sind manchmal echt weit, also kostet das ordentlich Aktionssteine. Weitere Verschränkung: Nur wer die richtigen Passagiere befördert, kann später Waren verkaufen. Wer Waren umschlagen möchte, braucht Arbeiter in seiner Eisenbahn. Heißt weniger Platz für Passagiere, weil die maximale Anzahl an Waggons begrenzt ist. Am Ende jeder Runde müssen die Arbeiter auch noch bezahlt werden. Dabei ist gerade anfänglich die Einnahme von Münzen nicht so einfach. Die Gebäude mit reizvollen Sonderfähigkeiten kosten auch Münzen. Hatte ich erwähnt, dass die Regionen auf dem Tableau einen kleinen Area-Control-Effekt besitzen? Wer eine Region infrastrukturell fertigstellt, bekommt Siegpunkte. Wer dies am schnellsten hinbekommt, erhält Extrapunkte. Und natürlich willst du irgendwie auch deine kleine Eisenbahn erweitern. Aus solch einem Antriebsgemisch sind die besten Brettspiele gemacht: Wenige Grundregeln, viel zu tun, begrenzte Möglichkeiten.

Alles kosten Münzen oder Aktionssteine.

Der Antrieb

Leute, ich trage ab sofort eine imaginäre Lokführermütze. Der Taubertal-Express ist das Äquivalent zur heimischen Modelleisenbahn. Holt mich eigentlich nicht ab, wenn ich dann aber am Trafo sitze, werden irgendwie trotzdem Endorphine ausgeschüttet. Was hatte ich Spaß, als ich in einen kleinen Flow hineinkam. Passagiere passten zu meiner geplanten Route, ich jonglierte mit den Aktionssteinen, verkaufte die richtigen Güter, baute weitere Waggons für Passagiere und fuhr ehemalige Bundestrainer & Präsidenten durchs Land. Deren Boni in Form von Aktionssteinen ließen mich noch weitere Bahnhöfe ansteuern. Verdientes Geld investiere ich in ein Kohlenlager, was mich noch weiter fahren ließ. Die anfänglich unendliche Weite zwischen Moosbach und Würzburg schrumpfte fast zum gefühlten Nahverkehr. Danach investierte ich in einen weiteren Güterwaggon, um noch mehr Geld auf den Strecken zu verdienen. Eine gekaufte Empfangshalle, bei denen beförderte Passagiere am Ende nicht abgeworfen werden, sondern Siegpunkte einbringen, war dann die Kirsche auf der Kohle-Torte. Macht das Spaß? Verdammt ja! Mir ja, fragt aber lieber nicht meine Frau.

Der Zug rollt!

Feierabend

Der Taubertal-Express kutschiert einen aber auch noch zu anderen spielerischen Wahrheiten. Aktionssteine können beispielsweise in spätere Runden übernommen werden, falls deine Slots das zulassen. Hier kann man seinen Zug upgraden, um die Speicherkapazität zu erhöhen. Nur ein Beispiel von vielen weiteren Upgrades, meist über Gebäude, die andere Strategien zulassen und den Gewinn von Siegpunkten verändern. Diese willkommene Abwechslung kann aber je nach erkauften Synergien durchaus für ein Ungleichgewicht sorgen, je nach Spielstrategie. Ich zücke keinen Taschenrechner und bin kein Mathe-Magier, der Wertigkeiten bzw. eine Balance berechnen kann. Nur jede Münze ist eben ein Siegpunkt wert, dadurch kann man sich mit manchen Gebäudekosten fett in den Kohlehaufen setzen, wenn es nicht zur Strategie passt. Gekaufte Gebäude durch Münzen sind in netto Siegpunkte umgerechnet, im Verhältnis zu den mühsam erwirtschafteten Münzen, manchmal in einem unbefriedigenden Verhältnis. Ich brauche auch keine irrsinnige Eskalation wie in Russian Railroad, etwas mehr Abstand zwischen dem Wechselkurs Münzen und Siegpunkte hätte ich mir aber trotzdem gewünscht.

Tableauentwicklung gehört dazu.

Zwei Personen vermissen das Taubertal

Aufgrund der Spielzeit und der zwingend erforderlichen vorausschauende Planung empfehle ich zudem, den Taubertal-Express eher zu zweit zu besuchen. Bei mehr Leuten am Tisch sollten alle Erfahrung besitzen, ansonsten passt die Spielzeit zum gebotenen Rahmen nicht. Der größte Kritikpunkt, der hochgradig subjektiv ist, ist die Gestaltung. Sie ist zweckdienlich, aber schaut euch mal die Bilder der Region an. Ich schmelze dahin! Wirklich! Das Spiel hätte definitiv „mehr Optik“ verdient gehabt.

Wohin wollen die denn alle?

Die Pioniere

Eine kurze Info noch zur kostenlosen Erweiterung Würfelpioniere. Diese bringt etwas mehr Dynamik ins Spiel, weil es unabwägbarer ist, was man die Runde über machen kann und mehr mit dem leben muss, was einem das Spiel anbietet. Statt nämlich über Plättchen die Aktionssteine zu ziehen, bestimmen jede Runde Würfel, was für Aktionen ausgeführt werden können und zusätzliche Aktionssteine übernehmen nur noch eine untergeordnete Rolle. Der Taubertal-Express bekommt einen neuen Drive, der durchaus reizvoll sein kann. Die Auswahl aus festen Plättchen im Grundspiel ist im Hinblick auf den Grad der Interaktion bei zwei Personen für mich aber der bevorzugte Spielmodus.

Statt Plättchen nun ein Würfeltableau.

Fazit

Der Taubertal-Express ist eine dreifache Überraschung. Zunächst ist der Werdegang dieses Spiel außergewöhnlich, wäre aber ohne spielerische Qualität nichts wert. Danach folgt eine durchaus optische Ernüchterung, wenn man sich bewusst macht, wie das Taubertal als Region verzaubern kann. Ausgenommen bei dieser Kritik ist übrigens die Materialqualität. Die ist in Verschränkung zum Preis eine wahre Wohltat. Man mag sich wundern, warum manch anderes Brettspiel das doppelte kostet. Der größte springende Punkt ist aber, wie sehr ich als nicht-Eisenbahner hier meine grauen Zellen mit Spaß auf die Gleise des Spielspaßes wuchte. Erst fast verzweifelte Grübelei. Darauf folgte verbissene Planung, um schlussendlich mit kindlicher Freude im letzten Drittel die Passagiere mit Leichtigkeit zu befördert. Die eigentlich einfache und doch knifflige und interaktive Aktionsmechanik liefert ab. Ein kleiner Hauch von feldscher Eurogame-Verzahnung weht durch die Waggons. Was will man mehr?!

Der Taubertal-Express

34,90 €
7.9

MATERIAL

7.5/10

SPIELIDEE

8.3/10

SPIELSPASS

8.0/10

Kurzfakten

  • Schnell verstanden
  • Pfiffige Aktionsmechanik
  • Vorausschauendes Spielen motiviert
  • Mehrere Strategien möglich
  • Erweiterung inklusive
  • Optik kein Zugpferd

Spielinformationen

  • Genre: Strategiespiel
  • Personen: 2 - 4
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: 90 - 120 Minuten
  • Autor: Christoph Kraus
  • Rezensionsexemplar erhalten
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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • „Das Spiel hätte definitiv „mehr Optik“ verdient gehabt.“

    Genau diese Diskrepanz ist mir nach dem Einleitungstext und den Bildern vom Spiel auch sofort aufgefallen… für ein derart thematisches Spiel mit viel Lokalkolorit wirkt es auch auf mich einfach viel zu steril.

    Antworten
    • Ja, denn das Spiel ist absolut thematisch und alleine die verlinkten Ausführungen in der Einleitung zum Thema sind spitze. Das erinnert vom Umfang und der Liebe zur Sache an Arler Erde und Uwe Rosenberg mit seinem Almanach.

      Antworten

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