Lesezeit: 5 Minuten
Herr Holmes schaut mich mit fragenden Blick an: „Nun, wer hat den Gärtner erschlagen und warum? Haben Sie ihre Ermittlungen abgeschlossen?″ Schweißausbruch in Sicht! Wie war das jetzt noch einmal? Es gab sechs Personen, zwei waren Linkshänder, der Stich kam von links unten, das Opfer hatte Pantoffeln an, drei der möglichen Täter trugen rote Jacken und einer war Tänzer. Zur Tatzeit regnete es und die Kellertür war aufgebrochen. Der Gärtner hatte Schulden und seine Frau liebt Erbsensuppe. Hilfe, ich kaufe ein A! Verdammt, ich bin raus. Mein rechter Mitspieler schaut in seine Notizen und hat dieses wissende Grinsen. Ich hasse meinen rechten Mitspieler. Wo bin ich hier nur gelandet?

Kurzcheck: Darum geht es in Watson & Holmes

Der erste Fall mit fünf Spielern. Ein Ort wurde durch die Polizei schon abgesperrt. Hier hilft dann dann der Einsatz der Poilizeipfeife, die den Bobby wieder abkommandiert.

In Watson & Holmes geht es darum, das ein Blogger zig Karten liest und am Ende immer knapp daneben liegt. Klingt nach wenig Spaß, was allerdings falsch ist. Watson & Holmes macht einiges anders als die Krimi-Konkurrenz und ob man nun Erfolg hat oder so herumstümpert wie ich, tut dem Spaß keinen Abbruch. Erster Unterschied in Watson & Holmes, es ist kein kooperatives Vergnügen. Alle Ermittler stehen in direkter Konkurrenz, ja man kann sich sogar bei der Ermittlungsarbeit leicht behindern oder sich Wettrennen um Ortskarten liefern. Nach der ausführlichen Fallbesprechung besuchen die Spieler als Ermittler die ausliegende Ortskarten, wobei nur ein Spieler pro Ort zugelassen ist. Durch Texte auf der Rückseite gelangt man an wichtige Informationen oder auch nicht. Das geht Runde für Runde, bis ein Spieler sich in der Lage sieht, den Fall zu klären.

Wer zuerst die drei Fallfragen richtig beantworten kann, gewinnt. Das erhöht den Druck und die Spannung gleichermaßen am Tisch. Insgesamt gibt es 13 Fälle zu lösen, die alle ausnahmslos hervorragend geschrieben sind. Die Übersetzung ist übrigens ebenso tadellos!

Hervorragend geschrieben

Ja, man muss viel lesen, aber bei der Qualität der Texte macht man das gerne.

Warum Watson & Holmes fast nur begeisterte Spieler am Tisch kennt, liegt an zwei Dingen. Das eine ist die Qualität der Kriminalfälle. Jeder der Sherlock Holmes oder alte Edgar Wallace Geschichten mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Fallstruktur, Themen und der Stil sind außerordentlich. Beachtlich, weil auch die schiere Masse an Text beeindruckt! Den Einstieg des Falls kann man auch über eine Audio-Datei abspielen. Auch hier ist das gehörte absolute Oberklasse!

Der Nervenkitzel

Während also das Fundament eines Krimispiels perfekt gegossen ist, begeistern aber auch die spielerischen Elemente. Hierbei gibt es keine komplizierten Regeln oder Abläufe, jeder der ein Krimibuch lesen kann, kann auch Watson & Holmes spielen. Es geht eher um den Kniff der Konkurrenz. Jeder Ort ist pro Runde nur von einem Ermittler besuchbar. Reihum vom Startspieler setzt jeder seine Figur auf einen Ort. Möchte ich einen besetzen Ort besuchen, kann ich Droschkenmarker einsetzen, um dort schneller anzukommen. Die vorher dort stehende Figur wird vom Spielfeld genommen und kann ihrerseits mit Droschkenmarkern dagegen anbieten. Da die Marker begrenzt sind und meist nur über einen Ort neu gesammelt werden können, muss man hier schon etwas taktieren.

Weiter darf ich ausliegende neutrale Figuren anheuern. Ein Watson zum Beispiel zwingt einen Spieler pro Runde seine Ortskarte laut vorzulesen. Allerdings nur einmal ohne Nachfragen! Also Obacht und schnell Notizen machen. Allgemein ist man hier wie wild am Aufschreiben! Die Phase in der jeder seine Ortskarte studiert und Informationen aufschreibt und der Kopf anfängt den Tathergang zu konstruieren, kann schon etwas dauern. Vielleicht macht man das aber auch nur, um andere Spieler an einen weniger interessanten Ort zu locken?

Jeder der sieben Charaktere hat eine Sonderregel.

Gegeneinander

Das Spiel im Spiel ist ganz klar die Spannung zwischen den Spielern. Das Bluffen, Herumkritzeln in seinen Notizen und Sperren von Orten mit Polizeimarkern, all das sorgt für Nervenkitzel. Sind andere Spieler kurz vor der Lösung? Wo waren meine Mitspieler? Welche Informationen brauche ich noch und wann gehe ich zu Holmes ins Büro und löse den Fall? Muss ich das diese Runde schon und vielleicht etwas raten, weil mein Sitznachbar nächste Runde sicher den Fall lösen wird? Fragen über Fragen und der Garant warum Watson & Holmes enorm viel Spaß macht!

Eine Bedingung sollte aber erfüllt sein! In kleiner Gruppe büßt Watson & Holmes von seiner Spannung ein. Weniger Konkurrenz um Orte, weniger Druck durch andere Mitspieler und nicht unbedingt weniger Downtime, es spricht rein gar nichts für kleine Gruppen. Die optimale Größe ist für mich fünf Spieler. Wo wir bei der Downtime sind, wer langsam liest und noch langsamer seine Notizen niederschreibt, der zieht die Spielzeit brutal in die Länge. Das kann mit den falschen Spielern den Spielspaß in Ketten legen.

Rausgeflogen und nun?

Ganze 13 Fälle mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad gilt es zu lösen.

Es gibt in Watson & Holmes keine Karte die den Fall klärt oder etwas als richtig darstellt! Es gibt zig Informationen und die Aufgabe besteht darin diese zu filtern und in den richtigen Zusammenhang zu bringen. Die Lösung ist immer logisch, aber auf den ersten Blick nicht komplett ersichtlich. Hier und da muss man schon einen Zusammenhang zwischen den Zeilen herstellen können. Die Fälle verkommen so nicht zu einem abklappern von Schlüsselbegriffen, ähnlich wie in Chronicles of Crime, sondern erfordern echte Denkarbeit.

Das sorgt dafür, dass nicht unbedingt der erste Spieler, der den Fall lösen möchte, auch gewinnt. Wer sich einmal an der Lösung versucht und versagt, ist raus aus dem Spiel! Jetzt nur noch Zuschauer sein wäre suboptimal. Dafür hat Watson & Holmes eine Lösung. Für eine Anzahl an Droschkenmarkern, darf man dem ausgeschiedenen Spieler, nun in Form von Holmes selber, schriftlich eine Frage stellen und diese muss mit der Wahrheit beantwortet werden. Diese Infos können Gold wert sein und das Spielende schneller herbeiführen. Wir hatten allerdings auch schon Partien wo erst der letzte von sechs Spieler den Fall klären konnte.

Fazit

Watson & Holmes grenzt sich durch etwas ab, was vielleicht gar nicht so wirklich jedem gefällt: Konkurrenz! Das hier ist kein typisches kooperatives Puzzle-Krimi-Brettspiel, wo man gemütlich den Abend verbringt und sich zusammen in den Fall eingräbt. Ab der ersten Sekunde, wenn die Fallakte geöffnet wird, ist hier Druck angesagt. Jeder schreibt für sich seine Notizen auf, werkelt an seiner Lösung, blufft hier und wischt dort den Mitspielern durch spielerische Mittel eins aus. Je höher die Spieleranzahl, desto größer wird dieser Effekt und entsprechend steigt der Spielspaß. Die Downtime kann stark variieren, je nachdem wie viel die Spieler aufschreiben. Wer mit all diesen Puzzleteilen nicht umgehen kann, für den sinkt der Spielspaß merklich! Alle anderen erleben ein höchst spannendes und fabelhaft geschriebenes Krimi-Brettspiel, das mit einer hohen Produktionsqualität aufwartet und kompetitives Rätseln im Stile von klassischen Edgar Wallace und Sir Arthur Conan Doyle Romanen ermöglicht.

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Watson & Holmes

39,99 €
8.5

AUSSTATTUNG

8.5/10

SPIELIDEE

8.0/10

SPIELSPASS

9.0/10

Kurzfakten

  • Großartige Produktqualität
  • Sehr gut geschrieben
  • Kompetitive Spannung
  • Zum Ende hin anspruchsvoll
  • Eher ab 14 Jahren

Spielinformationen

  • Genre: Deduktionsspiel
  • Spieler: 2 - 7
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: 45 - 75 Minuten

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