Lesezeit: 6 Minuten
Den Titel für das meist erkämpfte Brettspiel hat Terraforming Mars bei mir sicher. Was war das für ein Stress auf der SPIEL16! Der Hype war grenzenlos, die Beschwerden über die Verkaufsstrategie danach groß. Ein Erklärungsversuch seitens des Schwerkraft-Verlags folgte. Bei Twitter und Boardgamegeek brachen die Lobeshymnen nicht ab und ich weiß gar nicht wie viele Wochen dort Terraforming Mars auf Platz eins der Charts stand. Ist dieser Hype berechtigt? Auch andere Verlage haben schöne Töchter Brettspiele! Doch bevor mich der CEO meines Mars-Konzerns auf das Terraforming-Projekt ansetzt, ein erster Schock!

Überall Blut

Oder drücken wir es anders aus, vor dem Besuch des Mars war die Enttäuschung erstmal groß. Normalerweise kommt jetzt der Text wo ich die Spielmaterialien lobe. Doch wie soll ich Lob aussprechen, wenn das erste was ich erblicke nach dem öffnen der Schachtel ein zerrissenes Inlay ist? Und guck mal da, voller Begeisterung lasse ich die vielen bunten Spielsteine über meine Finger rieseln, da zerfetzt es mir fast die Hand. Das ganze Blut besudelt… gut, das war jetzt ein Griff in die Drama-Kiste, aber so scharfkantige, unsaubere geschnittene Spielsteine habe ich noch nie in den Händen gehabt. Die Reise ins Land der suboptimalen Spielqualität ist aber noch nicht vorbei. Die wunderbar glänzenden Ressourcen-Marker sind etwas fürs Auge, zumindest wenn man eins zudrückt. Unzählige abgeplatzte Ecken! Das die Spielertableaus und Spielregeln auf eher zu dünnen Papier gedruckt sind, schenke ich mir jetzt. Ich weiß nicht ob mein Terraforming Mars ein absolutes Montagsprodukt war, aber das ist den Preis nicht im Ansatz wert! Würde ich so den Mars terraformen, mein CEO würde mich hochkant rausschmeißen.

Optik ist meinem CEO egal

Mein Hype war also schnell vorbei. Es folgte das Eintüten der über 200 Karten. Das ist natürlich enorm viel und recht sexy! Vor allem deshalb weil keine einzige Spielkarte doppelt vorkommt. Nur für die Brettspieler unter uns, die etwas für Ästhetik übrig haben, auch hier eine Warnung: Die Bilder der Karten sind ein wilder Mix aus Stockart Fotos, Computerrenderings und Zeichnungen. Kein stringentes Design! Den Preis wieder im Hinterkopf, fange ich mich langsam an zu wundern. Auch das die Spielsteine auf dem Spielertableau ständig verrutschen nervt, hier hätte man sich ein Beispiel an Scythe mit seinen Vertiefungen nehmen können. Aber zum Glück ist mein CEO nicht so der optische Typ und lässt mich trotzdem auf den Mars los.

konzernkarten

Das Ziel

In Terraforming Mars übernehmen ein bis fünf Spieler jeder einen Konzern, der den Auftrag bekommt, den Mars zu terraformen in dem Sie den Sauerstoffgehalt und Temperatur erhöhen und Ozeane anlegen. Die Konzerne haben alle unterschiedliche Startbedingungen und Sonderfähigkeiten, die das Zünglein an der Waage sein können. Doch keine Angst, allzu mächtig sind die Fähigkeiten nicht. Das Spiel wird nicht in Runden, sondern in Generationen gemessen, was versinnbildlich, wie lange solch ein Projekt dauern würde.

projektkarten

Aus dem Seelenleben eines Projektmanagers

Als Projektmanager von ECOLINE, dem Konzern mit dem grünen Daumen, ist mein Startkapital nicht wirklich hoch, dafür habe ich eine erhöhte Pflanzenproduktion und kann den Mars schneller mit Wäldern besiedeln. Das führt zu mehr Sauerstoff und treibt meinen Terraformingwert in die Höhe. Heißt, mein CEO freut sich über mehr Einkommen und ich am Ende über Siegpunkte. Tja, wir befinden uns mittlerweile am Anfang der vierten Generation (= Spielrunde), theoretisch bin ich also ein Greis. Vergessen wir das schnell! Links neben mir sitzt der freche Typ vom HELION Konzern, rechts von mir der arrogante THARSIS-„Mitarbeiter“. HELION darf produzierte Wärme in Credits umwandeln, THARSIS profitiert mit Mehreinnahmen wenn Städte auf dem Mars gegründet werden.

Ich ziehe vier Karten und beiße mir in die Faust! Ich will Sie alle haben. Geht aber nicht. Denn jede Karte die ich auf die Hand nehmen möchte, kosten mich Megacredits. Ich spare aber gerade darauf die Projektkarte Einwanderungsfähre von der Hand auszuspielen, denn Sie ermöglicht mir einen ordentlich Schub in Sachen Megacredits-Produktion. Ich kann maximal nur eine Karte kaufen, vielleicht zwei? Nur wo quetsche ich finanziell dann die Karte Haustiere rein? Die bringt mir jedesmal Siegpunkte wenn jemand eine Stadt baut und ich vermute der THARSIS Spieler wird öfters Städte bauen. Hätte ich in der letzten Runde bloß mit dem Astorideneinschlag meine Titanproduktion erhöht, dann wäre jetzt die Einwanderungsfähre billiger zu bauen. Dafür hätte ich auf die Grundwasserpumpe verzichten können, die Aktion der Karte kostet mich ganze acht Megacredits die ich zur Zeit nie übrig habe. STOP, Christian! Bleib fokussiert. Du wolltest auf Pflanzenproduktion gehen, Wälder damit bauen und Symbiosen mit Tierkarten basteln. Terraforming Mars, du kitzelst den Grübler und Kartensammler in mir.

terraforming-mars-spielerplan-png

Der Reiz am Terraformen

Der große Reiz bei Terraforming Mars entsteht einfach dadurch, dass man auf vielfältige Art und Weise gewinnen kann. Steigere ich die Temperatur, den Sauerstoffgehalt oder platziere ich ein Ozean, steigt direkt mein Terraformingwert. Dies sind zum einen Siegpunkte, zum anderen mein passives Einkommen an Megacredits. Das macht jeder Spieler ähnlich viel und bei uns ist keiner wirklich davon gerauscht. Abseits des Terraforming-Werts ist es aber interessant! Bebaue ich geschickt und viel den Mars mit Städten und Wäldern? Mit der Gefahr das andere Punkte mitnehmen, da Städte nur durch angrenzende Wälder Punkte bekommen, aber Wälder für alle Städte Punkte bringen und nicht nur für meine eigenen. Oder sammle ich bestimmte Kartensymbole und kriege dafür am Ende Punkte? Setze ich auf Karten die mir passive  Siegpunkte bringen wenn andere Spiele gewisse Aktionen ausführen oder wie die Mikroben, die so gut zueinander passen das sie jede Runde in ihrer Synergie Siegpunkte generieren? Und es geht ja nicht nur um direkte Siegpunkte, das Synergienkonzert lässt sich auch auf die Rohstoffgewinnung übertragen.

Und wo wir schon bei den Karten sind, ich wiederhole noch einmal die Anzahl: über 200! Keine doppelt, viele mit völlig anderen Fähigkeiten, Sonderregeln und Bedingungen zum Ausspielen. Es gibt unter diesen Karten so viele Synergien und strategische Möglichkeiten, auch aktiv und bösartig gegen andere Spieler, das es wirklich seine Zeit braucht bis man alles ausprobiert hat. Ich habe in meinen Spieldurchläufen bewusst meinen Fokus immer wieder auf andere Dinge gelegt und war völlig überrascht, dass die Pläne aufgingen und man trotz des ignorieren vieler Möglichkeiten am Ende vorne liegen kann. Abwechslung ist in Terraforming Mars absolut Trumpf!

terraforming-mars-spielertableau

Zwickmühle Megacredits

Neben den vielen unterschiedlichen Synergien gibt es noch einen zweiten Mechanismus der mir sehr gefällt. Um eine Karte auf die Hand zu nehmen, kostet mich dies drei Megacredits. Heißt, habe ich vier gute Karten gezogen, kostet mich dies zwölf Megacredits. Um die Karte in der Aktionsphase auszuspielen, muss ich ebenfalls deren Kosten in Megacredits bezahlen. Hier reden wir von ungefähr 5 bis 30 Megacredits. Die anfänglichen Einnahmen pro Runde belaufen sich auf 20 Megacredits. Die Crux wird denke ich klar! Wer viele Karten kauft, kann kaum Karten ausspielen. Wer viele Karten ausspielt, muss sich stark in der Auswahl begrenzen die er auf die Hand nimmt.

Eine Empfehlung

Im Regelheft zu Terraforming Mars gibt es optionale Ergänzungen die das Spiel zum Einzelspielererlebnis macht oder den Kartenziehmechanismus ändern. Ich rate dringend letzteres nicht als optional, sondern als festen Bestandteil einzubauen. Die optionale Regel führt einen Draft Mechanismus ein. Heißt, jeder Spieler zieht zwar seine vier Karten, darf sich aber nur eine aussuchen. Die anderen drei gibt er an seinen Nachbarn weiter. Dies wird so lange gemacht bis jeder vier Karten hat. Der Vorteil sollte klar sein, in einem Spiel wie Terraforming Mars, in denen Synergien und eine langanhaltende Strategie zum Spiel dazugehören, ist reines Glück beim Karten ziehen ein graus. Es kann ansonsten passieren, dass man als Spieler weit zurückbleibt. Man selbst zieht nicht eine nützliche Karte, während andere Spieler Synergien ohne Ende herstellen. Durch das Draften wird dies verhindert. Hier wähle ich aktiv Karten die mir gefallen und bin dem Glück nicht völlig ausgeliefert.

Fazit

Fangen wir mit dem Meteoriteneinschlag an: die Spielqualität lässt zumindest bei meinem Exemplar sehr zu wünschen übrig. Gehört das so oder ist das gebraucht? Auch das Verrutschen der Spielsteine auf den Tableaus nervt. Für den Preis ist das, was man an Spielmaterial bekommt, außer in der Masse der Karten, enttäuschend. Aber durch Meteoriteneinschlägen hat sich bekanntlich so etwas komplexes wie die Erde entwickelt. Ähnlich verhält es sich mit Terraforming Mars wenn sich der Staub der Enttäuschung legt! Was für ein absolut geniales Spiel, welches so viele verschiedene Möglichkeiten zum Sieg bietet und mit seinen über 200 einzigartigen Karten für wahre Abwechslung sorgt. Wer gerne Symbiosen bastelt und cleveres Ressourcenmanagement liebt, der kommt um das Terraformen des Mars nicht herum. Für mich ist Terraforming Mars einer der Anwärter zu meinem persönlichen Spiel des Jahres.

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Terraforming Mars

60 €
8.4

AUSSTATTUNG

6.5/10

SPIELIDEE

9.2/10

SPIELSPASS

9.5/10

Kurzfakten

  • Frisches Szenario
  • Extrem Abwechslungsreich
  • Gelungendes Ressourcenmanagement
  • Hoher Wiederspielwert
  • Schlechtes Spielmaterial (Qualität)

Spielinformationen

  • Genre: Strategie
  • Spieler: 1 - 5
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: 90 - 120 Minuten

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