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Eigentlich könnte man meinen, dass die weltweite Brettspiel-Community während der vier Messetage der SPIEL ausreichend damit beschäftigt ist, Brettspiele aus der Halle zu8 schleifen. Weit gefehlt: Parallel zum analogen Ausnahmezustand liefen die Server von Gamefound und Kickstarter in dieser Woche heiß wie selten zuvor. Stolze 227 aktive Brettspiel-Kampagnen sammelten zusammen rund 23,3 Millionen Euro von über 136.000 Unterstützenden ein – und an der Spitze dieser Tabelle spielen sich derzeit historische Szenen ab.

Nemesis: Legacy geht durch die Decke

Fast ein Drittel des gesamten aktuellen Crowdfunding-Volumens geht auf das Konto meines geliebten Schwergewichts: Nemesis: Legacy. Awaken Realms hat am Wochenende die irre Marke von 7,45 Millionen Euro geknackt. Über 20.400 Menschen wollen erleben, was passiert, wenn Nemesis-Schöpfer Adam Kwapiński sein Meisterwerk in die Hände der Legacy-Legende Rob Daviau (Pandemic Legacy) und Jaime Barriga legt. Allein in den letzten sieben Tagen spülte der Titel noch einmal über eine Million Euro zusätzlich in die Kasse. Wer noch kurzfristig auf das atmosphärische Raumschiff aufspringen möchte, muss sich allerdings sputen: Am 27. Oktober um 19:00 Uhr UTC, schließt sich das Fenster der Gamefound-Kampagne.

Boom Boom

Parallel zum Online-Boom sind auch die aktuellen Brettspielzahlen interessant. Wer sich in Essen durch die erstmals acht komplett gefüllten Hallen der SPIEL geschoben hat, weiß wovon ich spreche. Ein breites Publikum, viele Erwachsene und Kinder. Die Zeiten, in denen Gesellschaftsspiele in der öffentlichen Wahrnehmung Randnotiz waren sind endgültig vorbei. Falls ihr für diese Beobachtung noch harte Zahlen braucht, bitteschön. Der Branchenverband Spieleverlage e.V. liefert gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Circana pünktlich zur SPIEL 2026 passende Munition.

Recap Zahlen der Szene

Die Bilanz der ersten drei Quartale 2026 ist ein warmer Sommerregen in wirtschaftlich ansonsten eher grauen Zeiten. Während der gesamte deutsche Spielwarenmarkt von Januar bis September um solide drei Prozent gewachsen ist, legten Spiele und Puzzle im selben Zeitraum um satte acht Prozent zu. Diese wachsen also fast dreimal so schnell wie der Rest der Branche. Der eigentliche Star in den Tabellen von Circana sind wir. Das Segment der Spiele für Erwachsene verzeichnete ein spektakuläres Plus von mehr als 20 Prozent. Gesellschaftsspiele konkurrieren heute nicht mehr mit Plastiktraktoren im Kinderzimmer, sondern auf Augenhöhe mit Kinobesuchen, Streaming-Abos, Konzerten und Büchern. Brettspiele sind im Freizeitverhalten und im Kulturgut langsam angekommen. Das bestätigt auch der aktuelle Freizeitmonitor 2026: Spielten Mitte der 2010er-Jahre nur sechs bis acht Prozent der Deutschen regelmäßig jede Woche, liegt dieser Wert seit 2020 stabil bei 13 bis 14 Prozent.

Party on

Besonders spannend für uns am Spieltisch ist dabei ein kultureller Wechsel, den die befragten Verlage beobachten. Unter dem treffenden Motto „Reden statt rätseln“ zeichnet sich nach rund zwanzig Jahren eine Veränderung ab. Kooperative Spiele und später die allgegenwärtigen Escape-Room-Boxen die den Markt dominierten, werden von Partyspielen abgelöst. 33 Prozent der Verlage sehen Partyspiele auf dem Vormarsch, 26 Prozent nennen kommunikative Teamspiele, die den direkten Austausch fördern, als wichtigsten Trend. Nach Jahren des stummen gemeinsamen Grübelns über Zahlenrätseleien wollen die Menschen am Tisch offenbar wieder miteinander lachen, diskutieren und sich gepflegt in die Parade fahren.

Kontroverse zu Arkham Horror Remastered

Nur einen Platz dahinter liefert die erste Crowdfunding-Kampagne in der Geschichte von Fantasy Flight Games Gesprächsstoff, der weit über bloße Dollarzahlen hinausgeht. Am 21. Oktober startete mit Arkham Horror Remastered der Auftakt der neuen „Vault Series“ auf Gamefound, die vergriffene Artikel wieder auflegt. Damit wurden bis zum Wochenende bereits 1,74 Millionen Euro von über 5.300 Nostalgie-Fans ein. Während das Spielprinzip der geliebten zweiten Edition von 2005 unangetastet bleibt, tobt in den Kommentarspalten eine handfeste Kontroverse. Der Kulturstreit entzündet sich daran, dass der Verlag einige klassische Monsternamen und Große Alte aus H. P. Lovecrafts Kosmos – darunter Shub-Niggurath – aus Gründen der sprachlichen Sensibilität umbenannt hat. Während die einen den Schritt als zeitgemäße Entstaubung begrüßen, klagen Puristen über einen Eingriff in die Atmosphäre des Originals.

Quellen

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