Lesezeit: 10 Minuten
Pegasus Spiele hatte nach Friedberg in die Firmenzentrale eingeladen und was war da denn los?! Das war ja eine absolute Unverschämtheit. Da saßen Markus und ich von 10 bis 22:30 Uhr an Tischen und spielten ein Brettspiel nach dem nächsten, und ich habe nichts zu meckern? Na gut, einer der Titel gefiel mir nicht. Aber was ist das bitte für eine Quote? Dabei hat Pegasus Spiele ganze 25 Neuheiten im Portfolio und das wie immer gekonnt durch alle Bereiche von Familie bis Experte gezogen. Dazu hätte ich eine Kettensäge mitbringen müssen. Eine Zweiteilung meiner Person ganz nach Gabelstaplerfahrer Klaus wäre wichtig gewesen, schließlich winkten auch noch Pen & Paper von den Regalen. Ich stehe jetzt vor echten Problemen. Wie soll ich für die SPIEL’26 eine Top-Liste veröffentlichen, ohne dass sie von Pegasus-Titeln überschwemmt wird? Wie soll ich die ganzen Brettspiele spielen, wenn da dann auch noch Pen & Paper reingrätschen? Fühlt ihr auch diese Unverschämtheit? Bevor Markus und ich euch aufzeigen, warum wir mit Sabberlätzchen die letzten Tage herumgerannt sind, noch ein Absatz, bei dem ich von euch, liebe Leser:innen, echtes Mitleid erwarte!

Das harte Leben eines Bloggers

Christian: So geil diese Presse-Tage auch immer sind, aus Hamburg mit An- und Abreise, wenn auch die Abreise einen Tag später stattfand, und mentalem Fokus über der roten Linie, ja das schlaucht. Hier bitte das erste Mal Mitleid ausschütten. Aus Friedberg dann völlig verschwitzt – ich war ein Packesel in der Bahn mit Koffer, Rucksack und der Pegasus-Spielebox – in die Wohnung geglitscht. Mein Motto: Wo ist die Couch und Füße hochlegen. Meine Familie sah dann diese Pegasus-Spielebox. Packte die Titel aus … und das Ende der Geschichte: keine Couch und dafür weitere Stunden bis in die Nacht Brettspiele! Ist hier jetzt noch Mitleid angebracht? Einer der gespielten Titel hatte meine Familie und mich so verzaubert, ich kam aus dem Jauchzen gar nicht mehr raus. Also rein in die Vorstellung!

Markus: Ich grätsche kurz dazwischen. Ich übernehme mal einen Teil, weil Christian & ich den Artikel gemeinsam schreiben. Pegasus war der Hammer. Also bitte seht uns unsere Fan-Boy-Attitüde nach, aber das Line-up ist wirklich beeindruckend. Selbst Titel, von denen ich nicht so viel erwartet habe, überraschten dann auf einmal unerwartet. Da Christian nach mir schreibt und dann veröffentlicht, findet ihr vielleicht ein paar Kommentare oder Anmerkungen von ihm unter meinen, aber umgekehrt eher nicht.

In der ersten Reihe sieht man besser …

Die Neuheiten von Pegasus

Medico

Markus: Stefan Feld liefert bei Pegasus ein sauberes Pick & Deliver ab. Hey, ich gebe zu: Ich bin gar kein Freund von Pick & Deliver, aber Stefan Feld wäre nicht Stefan Feld, wenn er nicht alles aus diesem Genre herauskitzelt. Und so herauskitzelt, dass er mich total begeistert. Das thematische Setting mit einem Medicus, der durch die Länder streift, sein Wissen weitergibt, meine eigene Figur, die sich vom einfachen Bader über Rezepturen zu höheren Weihen entwickeln möchte, dazu ein megaspannender Aktionsauswahlmechanismus und ein Pick & Deliver, was auf vielen unterschiedlichen Ebenen sehr reizvoll und herausfordernd angelegt ist, machen diesen Titel zu einem absoluten Spielspaßgaranten. Ich finde es immer schon eine Leistung, wenn ein Spiel meine persönlichen Abneigungen beseitigt und ich es unbedingt wiederspielen möchte. Zudem sieht Medico megaschön aus.

Christian: Erinnert mich an Bora Bora bzw. Cuzco. Winken da zig Ziele fürs Spielende und natürlich soll ich alles irgendwie gleichzeitig schaffen. Schaff ich natürlich nicht. In vielen anderen Pick-&-Deliver-Spielen bringe ich A nach B. Hier soll ich A,B,C,D nach E,F,G,H liefern. Wenn ich gut spiele, meine Vermutung zumindest, kann, vorausgesetzt geschickt gepickt, daraus vielleicht ein A,B,C,D nach E werden und ich punkte sogar in allen Kategorien richtig gut. Stefan Feld, ein Meister der Eurogame-Zwickmühlen.

Dorfromantik: Südsee

Markus: Beim ertsen Dorfromantik war ich a) begeistert und bin b) zwiegespalten. Begeistert, weil auch Dorfromantik nicht zwingend „meine“ Art von Spiel ist und ich trotzdem immer ein sehr gutes und glückliches Gefühl beim Spielen hatte. Zwiegespalten, weil ich die Erweiterungen bisher außen vor gelassen und sie auch nicht für mich benötigt habe. Mit Dorfromantik Südsee haben wir das ursprünglich angedachte thematische Setting der beiden Pegasus-Starautoren Michael Palm und Lukas Zach spielen dürfen und es hat mich völlig gepackt. Das bekannte Cozy-Spielgefühl von Dorfromantik hat sich sofort eingestellt und wurde durch neue spielmechanische Kniffe in der taktischen Tiefe erweitert. Nun kann ich zum Beispiel im Laufe der Kampagne auch gezogene Plättchen abwerfen, um mit meinen Booten auf Fischfang zu gehen. Dorfromantik Südsee baut neue Elemente sehr geschickt ein, ohne zu überfrachten. Zudem sieht das Design mit Fischschwärmen und Mangrovenwäldern einfach megaschön aus. Eine absolute Überraschung und ein toller neuer Standalone-Titel der Dorfromantik-IP.

Christian: Am Strand chillen? Wer benötigt da noch diese mitteldeutsche Anmut des ersten Dorfromantik? Sorry Hannover, ich komme halt vom Meer.

Nokosu Dice

Markus:  Achtung: Wer Stichspiele mag, muss Nokosu Dice spielen. Punkt. Dieses Spiel ist der Hammer. Ich spiele Doppelkopf, Wizard, Fuchs im Wald, Skat, Jekyll & Hyde, Cat in the Box, The Crew. Ich spiele Stichspiele gerne und gut. Aber was Nokosu Dice hier auf Expertenniveau abfeuert, ist edel. Der Clou bei dem Spiel ist, dass es unterschiedliche Trumpfstärken gibt. Diese werden über einen Würfel bestimmt, der am Ende eines Würfeldraftings übrig bleibt. Zudem habt ihr eine Kombination von Handkarten und offen liegenden Würfeln. Die Würfel sind nichts anderes als Stiche, aber sie befeuern die Interaktion des Spiels brutal.

Ich habe bisher noch kein Stichspiel gesehen, das so geniale Entscheidungen auf unterschiedlichen Ebenen ermöglicht oder wo ich mein Gegenüber so gut in Entscheidungen oder Zwickmühlen bringen kann. Nicht umsonst war der japanische Titel letztes Jahr auf der SPIEL begehrter als Périgord-Trüffel und wurde zeitweise bei Kleinanzeigen für 300 € gehypt. Pegasus hat sich hier einen alten Stichspiel-Megatitel geschnappt. Wer Stichspiele mag, muss Nokosu Dice sagen und kaufen.

Christian: Markus klaut mir hier echt die geilen Phrasen. Dafür hatte er die Arbeit. Nokosu Dice war einer der Titel vom Samstagabend, die uns als Familie hart begeistert haben. Hier sind die Köpfe explodiert. Vor lauter Denken, aber auch vor lauter Freude. Geiles Teil!

Tax the Ritch

Markus: Ein weiteres Stichspiel, aber definitiv anders. Während Nokosu Dice auf der spielmechanischen Expertenebene glänzt, leuchtet Tax the Rich thematisch. Und während Nokosu Dice im Kenner-/Expertenbereich seine Stärken hat, nimmt sich Tax the Rich nicht ganz so ernst und trumpft eher im Familienbereich auf, nicht ohne seine Stärken auszuspielen.

In Tax the Rich könnt ihr nämlich kapitalistisch aufspielen und eure angesagten Stiche mit eurem Partner erreichen. Oder ihr könnt das System stürzen und Revolten anzetteln. Der Clou dabei ist, dass sich dann etwaige Stichreihenfolgen umkehren und das ganze geplante System verändert wird. Muss man mögen. Ich persönlich mag das bei Stichspielen weniger, aber geschickt ausgespielt liefert es jede Menge Spielspaß und Spieltiefe am Tisch. Auch das implementierte „Bieten“ ist für notwendige Informationen zu den Stichen relevant, ist aber auch nicht meins.

Christian: Es strahlt das Thema. Wenn dich das Cover anspricht und du jubelnd die Faust hebst und fast zur Spraydose greifen willst, um deiner City die Revolte aufzudrücken (und Stichspiele magst) ausprobieren!

Robo Run

Markus: Aus der Not geboren, weil kein anderer Mitspieler nach dem Abendessen zur Verfügung stand oder mögliche Partien voll waren, griffen Christian und ich zum kooperativen Spiel Robo Run. Fünf Missionen mit jeweils vier Szenarien und einem Ziel: die hart arbeitenden, unterdrückten Roboter aus der sie versklavenden Fabrik entkommen zu lassen. Logisch, dass der Konzern dies mit seinen gehorchenden Robotern in der vorgegebenen Zeit verhindern möchte.

Christian und ich waren uns nach zwanzig Minuten einig, dass Robo Run schwer, richtig gut und mit einem coolen Kniff ausgestattet ist. In diesem Zwei-Personen-Spiel hat jeder Spieler drei doppelseitig bedruckte Aktionskarten vor sich, die den eigenen Roboter steuern, den Roboter des Partners und die versklavten Konzernmaschinen. Dabei könnt ihr eure eigenen Karten wählen oder die Rückseite der Partnerkarte. Das ist gar nicht so einfach, denn ihr dürft euch nicht austauschen. Da die Karten nach einer Runde einfach gedreht werden, könnt ihr aber eure Aktionen steuern und planen, müsst dabei aber echt fit im Kopf sein. Robo Run sieht dabei in den unterschiedlichen Missionen, die praktisch und schick in Ringbüchern daherkommen, mega nice und thematisch aus. Sehr geiles kooperatives Spiel.

Recall

Markus: Wer Recall sagt, muss auch Revive sagen. Recall habe ich aufgrund der thematischen und optischen Nähe zu Revive immer verschmäht. „Benötige ich nicht“, war hier meine Devise, „ich habe ja Revive“. Tja, falsch gedacht. Recall ist ein echter Expertenkracher. Wer jetzt ein typisches Expertenmonster erwartet, täuscht sich. Christian und ich haben den Titel in ca. 70 Minuten durchgespielt. Die ursprüngliche Idee von uns beiden war: Anspielen und in der Hälfte abbrechen, weil die oben angesprochene Kettensäge zum Teilen eben nicht da war. Allerdings war der Spielspaß so mächtig, die Neugierde auf den Ausgang unserer unterschiedlichen Taktiken so groß, dass das gar keine Option war.

Recall besticht durch seine taktischen Möglichkeiten, eine unfassbar eingängige Symbolsprache, eine coole Aktionsauswahlmöglichkeit und logische Regeln. Nach der Erstpartie traue ich mir zu, das Spiel jedem schnell und fehlerfrei mit gelegentlichem Blick ins Regelheft in zwanzig Minuten zu erklären. Auch wenn vieles wie Revive aussieht, Symbole und Mechaniken ähnlich verwendet werden, habt ihr ein gigantisches und cooles eigenständiges Spiel. Will ich wieder spielen und in meinem Regal haben.

Christian: Markus fragt mich so nach 40 Minuten, ob wir jetzt abbrechen und weiterziehen. Ja, wir hatten das vorher vereinbart, kannten das Spiel aber nicht. Während dieser Frage-Situation habe ich an seinem Verstand gezweifelt. Wir waren so im Modus, wie können wir hier aufhören?! Was für ein Spiel. Ich schaue ihm nach seiner Frage in die Augen und fange an zu grinsen, denn ich merke, er selbst hält den Abbruch auch für eine überaus dumme Idee.

Staffelstab-Weitergabe

Ich bin mit meinen Spielen durch. Ich weiß, dass Christian noch zwei oder drei Titel mehr im Portfolio hat. Ich hätte zudem gerne noch das neue Spiel im Everdell-Universum, Emberland, angespielt. Auch 12 Rivers oder die neue Erweiterung zu Boss Fighter QR: Dschungelfieber hätte ich gerne gespielt und mehr berichtet. Die Neuauflage von Cuba (2007) – Cubaneo sieht auch cool aus und sticht mit einem BGG-Rating von aktuell 8,6 ins Auge.

Wolfmoon macht mich alleine wegen der Adaption des Love-Letter-Prinzips und vieler unterschiedlicher Kartencombos neugierig. Auch das Plättchenlegespiel Kalypso hat mich als Freund dieser Spiele mehr als angesprochen, zumal durch die geriffelte Matte ein Verrutschen der kleinen Puzzleteile fast ausgeschlossen ist. Hier bin ich überzeugt, dass dies in Zukunft ein Standard bei solchen Spielen werden könnte. Innovation voraus.

Das Line-up war echt krass und ich kann euch den Besuch auf der Messe des Pegasus-Stands nur wärmstens empfehlen, zumal Christian auch noch ein paar Sachen raushaut. Christian: The Stage is yours.

Rooms & Roomies

Christian: Wer bis hier durchgehalten hat, bekommt jetzt eine Belohnung in Form von Wissensvorsprung. Dieses Spiel ist direkt nach dem Wochenende auf meiner Top‑10 der SPIEL‑’26‑Vorschauliste gelandet. Die wird in zwei Wochen veröffentlicht. Rooms & Roomies ist einfach so ultrathematisch. Wettrennen im Möbelhaus um die besten Stücke, Tetris spielen beim Einpacken, Kennenlernen im Café und totale Ekstase beim Einrichten. Ich will hier gar nicht die Regeln erklären, sondern dieses Spiel für alle empfehlen, die gerne ihre Zeit bei IKEA verbringen, die ein Faible für Puzzles haben, die leichtgängige Regeln bei spielerischem Tiefgang schätzen und liebevollen Humor schätzen. Am besten bringst du alles mit! Meine Familie hat es schon gespielt.

Mein großer Sohn, der Typ mit coolen LEDs im Zimmer, dem die Pubertät aus der Nase quillt und der in Brettspielen am liebsten ballert, schnetzelt und levelt, will mir am Samstag nach jeder kleinen Veränderung ganz aufgeregt seine Wohnung zeigen. Wir feiern den Messi-Roomie, der alles in der Wohnung zugestellt wissen will. Ich feiere meine Frau, die plötzlich mit dem 3D-Truck, der eigentlich nur ein Puzzle-Tableau ist, ihre Möbelstücke aus dem Kaufhaus über den Tisch fahren lässt. Als wäre sie drei Jahre und hätte ein neues Spielzeugauto. Rooms & Roomies verzaubert! Und dazu ist es noch ein verdammt gutes Spiel um die Einrichtung einer Wohnung.

Solara: Fragments

Christian: Jetzt soll ich euch von Fragments berichten. Vom kleinen Bruder zumindest, denn es gibt ja auch noch den großen Ableger. Das Problem: Ich freue mich so sehr darauf, dass ich den richtigen Moment abwarten wollte. Der ist, während ihr das lest. Zumindest dann, wenn heute der 01.10.26 bei euch ist. Ich bin sooo neugierig, weil Fragments Brettspiele narrativ anders denkt. Logischer. Verpuzzelter. Verspielter. Kreativer. Es belohnt Beobachtungsgabe. Ich habe schon Teile des Materials gesehen und ahne eine Richtung. Vor dem Event wurde ich zumindest von einigen Menschen angesprochen, dass sie hier auf meine Spielerfahrung warten. Warten noch ein wenig länger … ich werde diesen Text noch vervollständigen.

Spirits of Valenor

Christian: Sieht aus wie ein Kinderspiel. Dazu ist die Schachtel klein und bis auf ein paar Token ist es eigentlich ein reines Kartenspiel. Auch hier nach dem PR-Event mit der Familie ausprobiert. Ja, leck mich fett, ist das knüppelhart. Das Kenner steht da nicht umsonst drauf! Und das ist so richtig Kenner, nicht so halb. Kooperativ müssen (!) wir von der Hand angreifende Monster an verschiedene Gebiete ausspielen, die in einer Reihe liegen und sich im Biom unterscheiden. Sind nun alle Slots eines Heimatbioms des Monsters belegt, das ich ausspielen muss, oder passt seine Stärke nicht in die Reihe der schon ausliegenden, die zwingend aufsteigend sein muss, verliert man eine Art Leben. Passiert das zu oft: Game Over.

Zum Glück können die Monster auch besiegt werden. Diese Schutzkarten werden oberhalb der Gebiete gespielt. Übertrifft deren Wert den des dortigen Monsters, ist es besiegt. Das Problem: Wir gewinnen erst, wenn alle Monster besiegt sind. Das zweite Problem: Die Schutzkarten reichen vom Wert her nicht aus, um alle Monster zu besiegen. Der Clou: Treffen wir den Wert des Monsters genau, wird nicht nur das Monster besiegt, sondern ich ziehe auch eine Extra-Schutzkarte. Wir müssen also genau das öfter schaffen, damit wir genügend Kampfkraft besitzen. Leider dürfen wir in dem Spiel nicht über die genauen Zahlenwerte sprechen. Was für ein kooperativer Knobler! Motivierend: Viele verschiedene Szenarien mit weiteren Besonderheiten, die die Gruppe auf Trapp halten.

Und zum Schluss …

Es ist einer der längsten Artikel seit Anbeginn dieses Blogs und das hat seinen Grund. Ihr könnt uns glauben, wenn wir freiwillig so viel schreiben, dann weil wir begeistert sind. Falls ihr trotzdem noch Fragen zu den Spielen habt, lasst einen Kommentar da.

 

 

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