Aufgeregtes Getuschel an den Brettspieltischen in Friedberg: „Habt ihr Fragments: Solara schon gespielt? Das soll richtig gut sein.“ Entnervt rolle ich innerlich die Augen. Christian ist auch gespannt: „Da freue ich mich total drauf! Das soll ein richtig innovatives Spiel sein. Narrativ. Das spiele ich mit Inga.“ Mein Funke springt nicht so richtig rüber. Selber schuld, denke ich innerlich. Christian hat mich oft in meinem Hype ausgebremst, meinen Geldbeutel geschont und mich vor Enttäuschungen bewahrt indem er mir einen abwartenden Blick beschert. „Dann kannst du ja über Fragments: Solara schreiben“, war mein Stand nach dem Pegasus-Event. Nun schreibe ich. Was ist passiert?
Kurzcheck: Darum geht es in Fragments: Solara
Fragments: Solara ist ein narratives Abenteuer-Puzzlespiel für einen oder mehr Spieler. In der kleinen, handlichen Box bekommt ihr neben dem Einführungstutorial ein narratives Abenteuer, das ihr zu zweit zwischen 60 und 120 Minuten spielen werdet. Fragments: Solara liefert euch dabei Puzzleteile, die euch im Zusammenspiel mit der ruhig geschriebenen Geschichte immer wieder kleine Rätsel liefern. Die Puzzleteile werden dabei nach klar definierten Regeln ins Spiel gebracht und sind mit verschiedenen Symbolen gekennzeichnet, die die Geschichte treiben. Mechanisch innovativ ist, dass die Puzzleteile lose angelegt oder auch in unterschiedlichen Konstellationen verbunden und gedreht werden können. Aber nicht, wie ihr möchtet.

Ungeduld
„Können wir bitte Fragments: Solara weiterspielen?“ Kati steht vor mir, ich wollte auf die Couch, aber sie hüpft freudig erregt auf und ab: „Bitte!“ Wie könnte ich als brettspielbegeisterter Partner diese Bitte abschlagen? Es dauert einen Moment, bis wir nach der Unterbrechung wieder im Spiel sind. Ich lese den letzten Abschnitt der Geschichte noch mal vor. Ich habe eh nur das Gefühl vorzulesen. Bei narrativen Spielen ist die Rollenverteilung immer sehr klar: Dank meiner Stimme lese ich vor. Warum war ich nicht so begeistert, Fragments: Solara weiterzuspielen wie Kati? Ich nehme euch kurz mit in meine Gedanken nach 45 Minuten Spielzeit.

Gedanken eines Spielenden
Das Tutorial, die ersten Rätsel und Puzzleteile von Fragments: Solara gehen straightforward. Wir spielen das Spiel in der auf BGG empfohlenen Besetzung: Kati et moi. Ich lese, Kati nimmt die Puzzleteile raus, zeigt sie, platziert sie, löst die einfachen Rätsel und Storyelemente und wir fliegen von Symbol zu Symbol. Ich lese die Geschichte dazu und sie gefällt mir. Ruhig, mit passenden Elementen führt sie mich in die Welt ein. Langsam, mit Details, ohne überfrachtend zu sein. Ich fühle mich in die Wüste Solara versetzt. Meine Stimme versucht den Vibe aufzugreifen. Ich lese langsam, betont und brumme tief. Die Frequenz stört mich. Nicht die meiner Stimme, sondern die der Symbole. Ich fühle mich getrieben. Ich hätte es gerne ruhiger. Weniger Symbole. Ein langsameres Spiel.

Kati im Flow
Als wir den zweiten Teil von Fragments: Solara spielen, ändert sich mein Gefühl und das Spiel. Die Rätsel, die Story, alles legt zu und lässt seine Muskeln spielen. Wahnsinn. Die Rätsel, die mithilfe der innovativen Mechanik platziert werden, sind richtig gut, thematisch und einfacher zu lösen, wenn man sich auf die Story und die Bildsprache einlässt. Katis aufgewühlte Stimmung passt nicht dazu. Sie war aufgekratzt und freudig darauf ausgerichtet, die Story weiterzutreiben, dass ich bremsen musste. „Schau doch mal die Bilder in Ruhe an“ oder „Du kannst das Puzzleteil nicht dort anlegen, das passt nicht zur Story“ waren einige meiner Anmerkungen. Ich bin begeistert, was das Spiel macht. Richtig begeistert und klinke mich aus, denn Kati ist im Flow.

Hilfestellung
Sie ist tief drin in Fragments: Solara und möchte wissen, wie sich die Geschichte entwickelt. Das Spiel unterstützt dieses Gefühl, indem die Storyteile fein zueinander passen, man Orte und Personen im Gedächtnis behalten muss. Kati hängt an einer Stelle. Ich schaue im Lösungsheft nach. Ich will ihr nicht die Lösung präsentieren und das ist gut möglich. Ich habe zwar noch nie Pen & Paper gespielt, aber so muss sich ein Spielleiter fühlen, der die Gruppe sanft führt. Mein Hinweis sackt, er wird nicht sofort umgesetzt und führt erst nach einigen Grübeleien zur Anwendung. Wieder eine Stärke des Spiels. Die Bilder, die zur Lösung helfen, sind klar und eindeutig. Fragments: Solara erzählt dabei eine lineare Story.

Weitergeben an Freunde
Soll ich einen Vergleich zu Exit ziehen? Ja! Wir haben einige Exit gespielt, häufig am Samstagabend mit begeisterten Kindern. Ich mochte es nie, Material zu zerschneiden oder so zu manipulieren, dass es entsorgt werden musste. Aber einige Rätsel waren echt gut. Auch in Fragments: Solara habe ich einige Rätsel gefeiert, weil sie in der thematisch eingebettet mit Kombinationen von Symbolen, Drehen, Anlegen und dem Verbinden und Lösen von Puzzleteilen zu lösen waren. Ihr werdet es direkt beim Tutorial merken und hoffentlich ähnlich begeistert sein wie ich. Anders als bei Exit könnt ihr Fragments: Solara schnell zurücksetzen. Wichtig: Werft die Stanzteile deswegen nicht weg.
Do not Disturb
Ich ärgere mich ein bisschen, dass wir Fragments: Solara an zwei unterschiedlichen Abenden gespielt haben. Ich hätte gerne gespürt, was das Spiel während eines kompletten Durchlaufs mit mir gemacht hätte. So war es trotzdem ein sehr gutes Erlebnis, denn meine Perspektive hat sich während des Spiels verändert. Das Spiel hat mich erzogen und in seinen Bann gesaugt. Es wäre meine klare Empfehlung an euch: Spielt das Hauptspiel in einem Durch. Zu zweit. Von meiner Frau brauche ich gar nicht zu sprechen. Als ich ihr berichte, dass Fragments: Solara nur der Gruß aus der Küche ist und wir angefixt werden sollen, sehe ich in ihren Augen, dass genau dies geschehen ist. Die vier Kapitel umfassende Kampagne des Kennerspiels Fragments: Fugatai wird von ihr schon sehnsüchtig auf dem Tisch erwartet.

Fazit
Wow. Ein Spiel, das meine Empfindung so ändert wie Fragments: Solara, hatte ich lange nicht mehr. Am Anfang war ich nicht gepackt vom Hype um den Titel, dann aber sehr angetan von der innovativen Mechanik mit den hochwertigen Puzzleteilen, trotzdem aber leicht genervt vom schnellen Erzähltempo. Dann war ich aber plötzlich mittendrin in der Geschichte, im Lösen von Aufgaben und Rätseln. Fragments: Solara erzählt jetzt nicht die krasse Geschichte, sondern zieht uns sanft, aber stetig in seinen Bann und bettet dabei seine Rätsel edel und elegant in diese Story ein. Durch die sehr guten Regeln und Begleithefte ist hier ein perfektes Familienspiel entstanden, das einen günstigen und genialen Einstieg in ein anderes Brettspielerlebnis ermöglicht. Zudem kann das Spiel zurückgesetzt werden und hat einen fairen Preis.

Brettspieler | Carromspieler | Viel-Spieler | Ran NFL süchtig | Weinliebhaber | Leseratte | | Brettspielsammler | MTB Fahrer | Sportler | Hobby-Koch | Kooperativ-muss häufiger-sein | Terraformer | Musikgenuss | Spotifyer | Familie | Fußballer |
Neueste Kommentare
- Alex zu SPIEL ’26 Fazit
- Christian zu SPIEL ’26 Fazit
- Christian zu SPIEL ’26 Fazit
- JanW zu SPIEL ’26 Fazit
- Thomas zu SPIEL ’26 Fazit




















5 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Großartiger Text, chapeau, wie du meisterhaft jedes bisschen Geschichte verschwiegen hast! Trotzdem die Frage: Worum geht es? Taugt das was für kleinere Kinder? Kannst du das vielleicht (ich vermute der Vergleich hinkt stark…) in Relation zu Unlock Kids einordnen? Vielen Dank für deine Mühe und diese wieder einmal herausragende Rezension!
Hallo Tobias,
vielen Dank. Das ist wirklich nicht immer so ganz einfach, weil ich auf der einen Seite gerne mehr erzählen würde, um euch tiefer mitzunehmen. Auf der anderen Seite geht es natürlich nicht, weil ich sonst zu viel Spoiler.
Worum geht es? Es geht um die Suche nach einem verlorenen Freund bei einem Volk was allerlei Geheimnisse wahrt und nicht gerade redselig ist. Das Setting spielt in einer Wüste und passt atmosphärisch total. Ich habe mich abwechselnd in Dune und in 1001 wiedergefunden.
Ich habe leider Unlock: Kids nicht gespielt, kann dir daher keine valide Aussage liefern.
Mit Kindern? Auf jeden Fall. Die Geschichte ist toll, nicht seicht, aber auch nicht komplex, schlüssig und liebevoll, spannend aber nicht verzweigt.
Das Spiel eignet sich dazu hervorragend. Das haptische Puzzeln, die Möglichkeiten des Rotierens und Anlegens, dazu die Notwendigkeit genau die Bilder zu betrachten. Plus Regeln, die simple sind aber eingehalten werden müssen.
Wichtig: Ähnlich wie bei meiner Frau sollte keine hektische Stimmung sein, sondern eine gewisse Ruhe. Ein ruhiger Sonntag, verregnet mit Tee und Kuchen im Schlafanzug eignet sich hervorragend.
Das gute an dem Spiel. Du kannst als Spielleiter miträtseln und bei Schwierigkeiten deine Kinder über das sehr gute Lösungsheft leiten.
Ich bin sehr gespannt, ob und wann du es ausprobierst und wie deine Erfahrung ist.
LG und vielen Dank.
Hallo Tobias,
ich habe da eine überraschende Erfahrung gemacht. Ich habe es mit einem Vielspieler gespielt und wir sind da sehr gut durchgekommen. Es gab ein zwei kleine Kopfnüsse, aber kein Vergleich zu einem klassischen Rätselspiel. Dann habe ich es noch einmal mit meinem Sohn gespielt, der ist 12 Jahre. Der hat das auch hinbekommen, aber es war gar nicht so ohne. Klar, kann man stunpf oft versuchen irgendwie alles zu puzzeln, das nervt aber und man wird ungeduldig. Der Witz ist ja, das die Geschichte ganz klar und logisch erzählt, wo und was du eigentlich als nächstes Puzzeln sollst. Logisch ist mit 12 aber noch was anderes. Ich verstehe jetzt, warum Pegasus gehadert hat, es als Familienspiel zu deklarieren (weiß ich von den Mitarbeitenden). Ist manchmal nicht so einfach. Ein Kennerspiel ist es in dieser Schachtel aber auch nicht.
Ich würde es vom Spiel her auch null mit Unlock vergleichen. Unlock ist viel mehr konstruiertes Rätsel, wenn auch logischer als Exit. Fragments ist eher ein visuelles, narratives Erkundungsspiel, bei denen Perspektiven, Puzzleteile und logische Vorgehensweise gür den Fortgang der Story dienen. „Richtige“ Rätsel stehen nicht so sehr im Vordergrund, wenn auch ein paar Vorhanden sind. Aber wie gesagt, ganz anders als bei Unlock. Ich z.B. habe den Einstieg total genossen, wo aus ganz wenigem Puzzleteilen, durch neue Anordnungen, Wechselspiele und Heft mit Texten fast daumenkinoartig sich Perspektiven anpassen. Da ist gar nichts rästselig. Es verzaubert eher. Mich hat dieses kreative Spielen total abgeholt und überrascht. Wie Markus aber sehr schön geschrieben hat, es braucht Zeit. Die Bildsprache sollte wirken. Wer das nur als Rätselspiel begreifen will, durch die Puzzleteile pflügt und mehr puzzelt und nach passenden Kanten sucht als sich Text und Bildsprache zu ergeben, der wird hier nur halb mitgenommen. Zudem wie Markus im Subtitle ganz richtig fokussiert: Narration.
Fragments ist in erster Linie ein Geschichtenerzählspiel über Puzzleteile und erst in zweiter Instanz und weniger Impact ein Rätselspiel. Zumindest in dieser Familienspielschachtel. Ein fiktives Beispiel im nächsten Absatz, das die Mechanik mehr spoilert als Markus Rezi:
Du hast zwei Puzzleteile vor dir. Du puzzelst sie logisch zusammen, so wie das Bild aussehen sollte. Du siehst ein dunkles, stickiges Wohnzimmer mit einem Fenster. Durch das Zusammenpuzzeln siehst du nun ein Symbol. Dieses Symbol schlägst du im Buch nach. Dort steht eine Geschichte. In dieser Geschichte steht, dass du ein kleiner Junge allein zu Hause bist, der so gerne aus dem geöffnetem Fenster schaut. Zudem steht dann dort ein Hinweis, dass du Puzzleteil X aus der Schachtel nimmst. Du nimmst es und es ist ein Trittbrett. Was machst du num damit? Auf den Trittbrett steht ein Icon für umdrehen und eine 3. Heißt: Ist dieses Puzzleteil an drei Teilen, darfst du alle drei umdrehen. Das Trittbrett passt unter die zwei Puzzleteile. Du drehst nun alle drei Teile auf die Rückseite und siehst jetzt nah ans jetzt offene Fenster herangezoomt eine neue Perspektive, wie du im Prinzip aus dem Fenster auf ein Mohnfeld schaust. Und du siehst neue Symbole … Usw. Usw.
Das ist wunderschön, kreativ, andersartiges Erzählen, aber kein Exit/Unlock-Rätsel. In manchen Passagen ist das Spiel viel anspruchsvoller als mein Beispiel und bietet sogar einige echte Rätsel aber wie gesagt, es ist in erster Linie ein Narrations-Logik-Spiel.
Liebe Grüße
Christian
Hey ihr beiden, vielen Dank für eure Einschätzungen! Witchbound hatte mir damals aufgrund der genannten Kritikpunkte nicht zugesagt, und trotz Christians hervorragender Rezension zu Storyfold ist auch da der Funken nicht übergesprungen, dieses Ding hier hat es aber – letztendlich aufgrund eurer Kommentare – auf „Die Liste“ geschafft 🙂
Ich danke euch für eure Mühe!
Dazu eine Info: Ich habe Storyfold bewusst eine 7.5 gegeben. Wenn du dir unter unserer Wertungsphilosophie die Wertungen anschaust, ist der Punkt fehlende Emotion, fehlender letzter Funke (aus welchen Grund auch immer), genau der Grund, warum ein gutes Spiel für mich unter der 8 bleibt. Storyfold war mir zu düster, zu getrieben von den Würfeln und zu hart, gerade wenn es mal nicht so läuft und was das mit der Stimmung im Spiel macht. Es ist nicht schlecht und ich hatte mit meiner Frau eine nette Zeit. Es war jetzt aber eben kein Tainted Grail 😀