Granfondo ist das Brettspiel, bei dem mein Rennradfahrerherz kreischend „JA!“ brüllt, während meine Brettspielseele weiter hinten im Windschatten fett abröchelt. Ist das schon eine Tragödie? Da baut Ralf Vanpey endlich ein Rennradspiel, welches sich auch auf die Nuancen für mehr Tiefgang stürzt. Hier gibt es Bergfahrer, Ausdauer, Gerangel um Positionen, Windschatten, Attacken, Stürze und sogar den Belgischen Kreisel. Verdammt, dieses Spiel versteht Radsport! Nach unserer ersten Partie landeten wir direkt auf YouTube und schauten uns legendäre Massensprints an, weil wir uns gerade selbst am Tisch um Positionen fetzten. Ist das nicht ein spielerischer Ritterschlag? Und dann spiele ich eine lange Strecke und mein Blick schweift intensiver über das Spielbrett. Ich denke an Flamme Rouge. Plötzlich werden die Beine metaphorisch gesehen schwer, obwohl ich nur auf einem Stuhl sitze. Willkommen in der Zwickmühle der Rezensionsschreiberei.
Kurzcheck: Darum geht es in Granfondo
In Granfondo kontrolliert jede Person ein komplettes Team aus Sprinter, Kletterer und Rouleur. Schon das ist ein kleiner Knaller. Wo Flamme Rouge mit Rouleur und Sprinter elegant abstrahiert, gibt Granfondo dem klassischen Bergfahrer endlich seinen verdienten Platz. Hey, für die Anstiege schaue ich die Tour de France! Alle drei besitzen unterschiedliche Decks und zusätzlich individuelle Fähigkeiten. Cool: Die werden vorher gedraftet. Das Trio fühlt sich dadurch nicht wie dreimal dieselbe Holzfigur an, sondern ist ein Team mit Charme und Spielwitz.

Gefahren wird kartengesteuert. Für jeden Fahrer oder Fahrerin wählt ihr eine Bewegungskarte und bewegt diese später entsprechend der aktuellen Rennposition. Klingt wie Flamme Rouge. „Plagiat!“, schreien da schon die Leute von den Tribünen. Aber anders als bei Flamme Rouge bleiben ungespielte Karten auf der Hand. Ich kenne also meine Power und kann planen. Welche hohen Werte spare ich mir für den Sprint? Was benötige ich am nächsten Berg? Kann ich Karten so zurückhalten, dass später ein richtig fetter Team-Angriff möglich wird? Hier geht es also eher in die Ecke Heat. Dazu gesellt sich die Performance jedes Fahrenden. Sie ist Ausdauer und gleichzeitig Handkartenlimit. Berge, Streckeneffekte und andere Belastungen können sie reduzieren. Windschatten, Verpflegung und Teamaktionen helfen wiederum. Mehrere Karten können für Sprints kombiniert werden. Plötzlich spiele ich also mehr als eine Karte! Spezielle Fahrerfähigkeiten verändern Situationen und die optionalen Regeln ergänzen unter anderem Positionskämpfe, Stürze, den belgischen Kreisel und Doping. Wir haben dieses ganze Zeug vom Start weg benutzt. Zum Glück. Denn genau dort lebt Granfondo seinen Traum.

Ein echtes Fahrerfeld
Der große Gewinn gegenüber vielen anderen Rennspielen ist für mich das Gefühl, wirklich ein Team zu führen. Mein Kletterer soll am Berg glänzen. Der Sprinter benötigt möglichst seine Körner fürs Finale. Der Rouleur kann lange Tempo fahren. Und wenn einer davon taktisch geopfert wird, damit mein Star bessere Chancen besitzt? Klaro. Dazu die individuellen Fähigkeiten jedes Fahrers und jeder Fahrerin. Willkommen im Radsport. Gerade mit drei oder vier Personen wächst Granfondo vom Spielspaß enorm. Ein echtes Peloton entsteht. Da wird Windschatten plötzlich wertvoll, Bewegung schwieriger und Positionierung wichtig. Und daraus entstehen diese herrlichen Momente: Mein Sohn drückt sich an einer Bergkuppe in einem Positionskampf nach der Bewegung mit seinem ruppigen Fahrer vorbei, während ich innerlich meine nächsten Karten längst durchgerechnet habe. Zack. Planung am Arsch. Er grinst vom Berggipfel. Ich fluche, weil ich plötzlich noch im Anstieg stecke. Interaktion steckt aber nicht nur hier, denn …

Belgischer Kreisel, ich liebe dich!
… jetzt muss ich emotional werden. Der Belgische Kreisel ist für mich eine der besten Mechaniken, die ich bislang in einem Radsportspiel erlebt habe. Mehrere Fahrer;innen, die im Feld zusammenstehen, können sich zusammenschließen, gemeinsam Tempo machen und durch regelmäßige Führungswechsel effizienter fahren. Dafür müssen die Handkarten und die Absprache aber stimmen, ansonsten verschenkt man Power. So winken kurzfristige Allianzen, geschürt durch Table-Talk am Tisch. Wir helfen uns, weil es gerade allen in der Kleingruppe nützt. Aber natürlich sitzt im Hinterkopf schon die Frage: Wann steige ich aus? Wann lasse ich die anderen weiterarbeiten? Wann lasse ich meine gesparten Kräfte für den Angriff los? Erinnert im Bereich Brettspiele von der Interaktion und dem Misstrauen eher an 4X und Area-Control. Genial! Wer richtig gut spielt, baut seinen belgischen Kreisel sogar mit seinem eigenen Team. Das ist echter Radsport. Nicht nur Profi-Radsport. Genau dieses Spiel kenne ich nämlich auch vom eigenen Fahren bei Radrennen. Ich würde diese Regel am liebsten aus Granfondo herausschneiden und in Flamme Rouge implementieren.

Ellenbogen raus
Auch die Positionskämpfe gefallen mir sehr. Wer Massensprints verfolgt, weiß, dass dort keine gemütliche sonntägliche Kaffeefahrt stattfindet. Fahrer kämpfen um Platz und Fahrlinien. Oft mit Ellbogen und körperlicher Präsenz. Hey, ich fühle das mit meinen 195 cm. Ich bin kein Bergfahrer. Ich bin Sprinter. Das kann auch im realen Sport gefährlich werden. Der Sprint zwischen Peter Sagan und Mark Cavendish bei der Tour de France 2017 endete kontrovers mit Sturz und Disqualifikation. Dylan Groenewegen wurde nach seinem Linienwechsel im Sprint der Polen-Rundfahrt 2020 sogar neun Monate gesperrt. Granfondo abstrahiert dieses Gerangel um Positionen und mögliche Stürze, aber sie sind im Brettspiel vorhanden. Natürlich ist das über gezogene Karten glücksbehaftet, aber es bockt trotzdem. Gerade im dichten Feld oder kurz vor dem Ziel bringt es eine angenehm dreckige Unberechenbarkeit ins Rennen.

Rennspiel-Endorphin wird auch am Ende ausgeschüttet. Gerade durch die Mechanik, mehrere Karten auszuspielen, aber dabei immer mit einem steigenden Geschwindigkeitsmalus pro Karte und Fähigkeiten der Fahrenden, sodass gut gerechnet werden muss. Treibt die Spannung wirklich in die Höhe. Der Zielsprint besitzt definitiv mehr „Bums“ als bei der Konkurrenz.

Trotzdem schwere Beine
Beim Kartenmanagement bin ich allerdings zwiegespalten. Ich liebe es, gezielt Karten aufzusparen. Einen explosiven Sprint vorzubereiten, fühlt sich derbst gut an. Gerade wenn ich in die dummen Gesichter der anderen schauen darf. Ebenso kann ich meine Kartenhand auf einen Belgischen Kreisel hin planen. Auch sollte es auf längeren Strecken nicht unterschätzt werden, wie wenig die Kartenwerte eigentlich reichen, um konstant schnell zu fahren. Unnötig sprinten? Windschatten nicht nutzen? Nicht gut im Team fahren oder den Belgischen Kreisel missachten? Es wartet der Besenwagen. Grandfondo ist hier wesentlich anspruchsvoller als Flamme Rouge oder Um Reifenbreite.

Aber genau da zeigt Flamme Rouge, warum Eleganz manchmal stärker ist als Detailtiefe. Dort bildet das Kartensystem Erschöpfung mit wenigen Regeln brillant ab. Schnell. Verständlich. Thematisch. Granfondo nutzt dafür Performancewerte, Handkartenlimits, unterschiedliche Karteneffekte und diverse Sonderfälle. Das ist näher am echten Radsport, aber weiter weg von der Leichtigkeit eines Rennspiels. Rennspiele, die sich ziehen, sind für mich immer schwierig. Auf längeren Strecken hatte damit auch schon Biathlon Blast zu kämpfen. Rennspiele müssen ballern. Ansonsten wird jeglicher Speed im Spiel durch Spielzeit zu einer gefühlten Schnecke. Ein schwieriger Spagat.

La Gran Fondo
Das wird auf den langen Strecken zur Herausforderung. Unsere kurzen Rennen waren fantastisch. Knackig, intensiv, voller taktischer Entscheidungen. Gejohle und Tischgetrommel am Tisch bei fetten Aktionen. Je länger die Strecke wurde, desto stärker verlor es für mich an Dynamik. Für eine große Runde mit langer Strecke braucht es zwingend Menschen, die wirklich Bock auf Rennrad haben. Und ihr Sitzfleisch im echten Sattel trainiert haben. Der Titel passt dann zwar, aber nicht jeder ist für das La Gran Fondo geeignet.

Schwierig sind auch die Dopingkarten im Deck. Als optionales, augenzwinkerndes Push-your-Luck-Element könnte ich damit leben. Sind doch einige Karten mit guten Power-Werten mit einem Dopingsymbol markiert. Wer sie aber nutzt, kann am Ende disqualifiziert werden. Auf längeren Strecken entstand bei uns aber teilweise das Gefühl, sie fast einsetzen zu müssen, um konkurrenzfähig ins Ziel zu kommen. Gerade in Familienspielrunden. Dann wird aus einem frechen thematischen Extra spielerischer Druck. Das ist suboptimal.

Auge des Betrachters
Und dann wäre da leider der Blick aufs Brett. Das Material an sich ist ordentlich. Aber die Strecke? Da habe ich Schmerzen wie die in meiner Wade in den Harburger Bergen. Symbole, Grafik, Landschaft: alles sehr funktional, aber wenig sexy. Gerade ein Radsportspiel könnte doch Alpenpässe, weite Felder und schnelle Abfahrten optisch regelrecht abfeiern. Bei jeder großen Rundfahrt ist doch die Landschaft Teil des Programms! Bei der Gestaltung wurden neben klassischer Illustrationsarbeit auch KI-Werkzeuge eingesetzt, das wird erfreulicherweise transparent kommuniziert. Mein Problem ist deshalb weniger eine Grundsatzdebatte über KI als das Ergebnis. Eine starke Illustration von einem Menschen hätte diesem Spiel aus meiner Sicht enorm viel mehr Seele schenken können. Gerade im Bereich des Spielbretts. Feste Strecken sind schon schwierig für die Langzeitmotivation, aber dann sollten sie auch gut aussehen.

Fazit
Granfondo ist für mich das vielleicht thematisch motivierendste Radrennspiel in meinem Regal, auch wenn das Wetter fehlt. Gleichzeitig aber nicht automatisch das beste Rennspiel. Was für ein verdammtes Dilemma. Ich bekomme hier echt die Wertungs- und Fazit-Krise. Der Belgische Kreisel ist so grenzgenial! Interaktiv, strategisch mit echten temporären Allianzen. Auch die drei Fahrerrollen fühlen sich mit ihren individuell gedrafteten Fähigkeiten richtig gut an. Positionskämpfe, Windschatten, Ausdauer und vorbereitete Sprints lassen mein Rennradfahrerherz in den roten Bereich pumpen. Positiv gemeint. In seinen besten Momenten sitze ich nicht am Brett, sondern im Peloton und spüre Herzklopfen wie angespannte Waden …
Doch Granfondo ist auch eine bergige Erfahrung und die Spielmechanik wie Optik dann nicht das leichteste Carbonrad. Lange Strecken können zäh wirken, das Kartensystem besitzt mehr Tiefgang, aber weniger Eleganz als bei Flamme Rouge, Doping wird manchmal zu relevant und das feste, optisch wenig bezaubernde Spielbrett raubt dem Ganzen zusätzlichen Schwung. Schwung, den es braucht, um in einer gemischten Spielgruppe aus dem Regal gezogen zu werden. Es bleibt meine persönliche Tragik: Mein Herz liebt Granfondo mehr, als meine spielerische Seele es nüchtern betrachtet. Es kommt aber noch schlimmer! Spiele ich nun meinen bisherigen Rennradtraum Flamme Rouge, fühlt es sich durch Erlebnisse in Granfando äußerst beschnitten an.

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