Lesezeit: 6 Minuten
Ich sah, spielte und kaufte Flotilla. Es war vorhergesehene Liebe auf den ersten Blick, damals auf der SPIEL ’19 in Essen. Ich erlebte nur zwei Demo-Runden und kaufte ein Spiel in englischer Sprache, was ich selten mache. Zusätzlich ist es erst ab 3 Personen spielbar, auch das vermeide ich eher, weil damit traute Runden mit meiner Frau direkt ausfallen. Ich nahm diese Hürden, weil das Spielprinzip, zwischen dem wilden Mix aus bekannten Mechaniken, mich durch eine Besonderheit am Haken hatte. Nun ist ein Jahr vergangen, ich habe einige Partien auf dem Buckel, der deutsche Verlag Strohmann Games bringt zur SPIEL.digital Flotilla auf den Markt. Zeit das Spiel zu besprechen, das gezeigt hat, dass nicht alles so rosig ist, wie in der Erstpartie! Nur, ist das wichtig?

Kurzcheck: Darum geht es in Flotilla

1954 sind Atomwaffentest im Bikini Atoll gehörig schiefgelaufen und haben die bekannte Welt vernichtet. Der letzte Rest der Menschheit haust nun seit 10 Jahren auf der gewaltigen Flotilla mitten im Meer. Eine schwimmende Stadt aus den Überresten der Vergangenheit. Als Kapitän versuchst du durch deine Crew und deren Schiffsflotte der Flotilla Wohlstand zu bringen. Du erkundest das Meer, birgst aus den Tiefen des Ozeans alte Technologie und Ressourcen, rettest Überlebende, verstärkst deine Crew, damit du all diese Dinge noch effektiver erledigen kannst! Natürlich im Wettstreit mit anderen Kapitänen.

Kommen wir direkt zum Highlight! Wenn die Zeit reif ist, kannst du dich mit deiner Flotte, der Crew und deinen Reichtümern in der Flotilla niederlassen. Vorbei ist die Zeit auf dem Meer, willkommen in der Politik und der Forschung! Plötzlich baust du die Stadt aus, verbessert die technischen Möglichkeiten der Flotten auf See, forscht für mehr Wohlstand in der Stadt. Zwei unterschiedliche Spiele in einem Spiel, ermöglicht durch doppelseitig bedrucktes Spielmaterial. Wer die Seite wechselt, also von der Sinkside zur Skyside, dreht sein gesamtes Spielmaterial aus Plättchen, Tableaus und Karten einfach um. Das ist so cool, da kriege ich selbst jetzt beim Schreiben eine Gänsehaut der Begeisterung!

Und….zack…verliebt!

Der wilde Mix

Bevor wir mit Begeisterung weiter in See stechen, einmal einen Blick auf die Grundmechaniken. Die sind zahlreich und so dauert eine Erklärung bei der Erstpartie durchaus seine 45 Minuten. Ich kürze hier ab, keine Sorge! Irgendwie haben die Autoren J.B. Howell und Michael Mihealsick all das in die Schachtel gepackt, was sie wohl lieben. Zuerst wäre da einmal Deckbuildung. Es gibt nämlich vier verschiedene Gilden, die für die unterschiedlichen Bereiche des Spiels zuständig sind (Einfluss, Handel, Erkundung, Bauen) und bei denen man neue und mächtige Crew-Mitglieder anheuern kann. Weiter hat man eine Lege- und Puzzlemechanik mit gezogenen Meeres-Plättchen. Man baut also einen Ozean vor sich aus und dabei versucht man gleichfarbige Artefakt-Ecken zu vervollständigen.

Herrlich: Einfach in See stechen und sein Glück versuchen!

Dann gibt es einen dynamischen Markt, bei dem sich die Preise je nach Kaufverhalten der Spieler ändern. Etwas versteckt, aber der Kampf um Mehrheiten, also Einfluss in den Gilden, ist auch nicht zu vergessen. Was haben wir noch nicht? Würfel! Bei der Forschung, wie auch der Bergung auf dem Meer, wird daher gewürfelt. Crew-Karten, wie auch die Meeres-Plättchen, ermöglichen dafür Würfelpoolmodifikationen. Übergeordnet haben wir dann noch ein Wettrennen um die Erfüllung von Zielen, die Siegpunkte ausschütten und mit der Zeit schwächer werden. Ganz schön viel, aber auch beeindruckend gut verzahnt. Es wurde nicht alles blind in den Mechanik-Topf geworfen, sondern thematisch sinnvoll vertäut.

Immer wieder geil!

Man verzeihe mir diese rüde Ausdrucksform, aber ich liebe Flotilla einfach für seinen Wechsel von Sinkside zur Skyside und die gleichzeitig großartige thematische Einbettung. Es ist das mechanische Prunkstück, das später beschriebene scharfkantige Ecken vergessen lässt. Erstens ist da die strategische Komponente, denn der Wechsel ist nur einmal möglich und nicht umkehrbar. Gleichzeitig kann man auch durchaus das Spiel ohne diesen Wechsel gewinnen. Du musst also erahnen, wann der Wechsel Sinn macht. Ein schlechter Wechsel kann ein gutes Spiel ruinieren, es kann aber auch eine verloren geglaubte Partie auf die Siegerstraße führen. Das Timing ist entscheidend, auch in Bezug auf den möglichen Wechsel anderer Spieler und dem eigenen Material aus Deck, Ressourcen und Ozean-Plättchen.

Einfluss in den Gilden, Karten- und Ressourcenmarkt auf einem Blick.

Kommen wir zur thematischen Einbindung, die das Spiel für beide Seiten verändert. Da wäre zum Beispiel das Radar. Ohne die Forschung eines Skysides-Spielers bleibt das Radar unausgereift. Das führt dazu, das die Seefahrer mit extremer Wahrscheinlichkeit radioaktiven Müll finden. Das sollte man vermeiden, weil das Sammeln davon am Ende Minuspunkte beschert. Verbessert ein Skyside-Spieler das Radar, wird er selbst mit ordentlich Siegpunkten belohnt, verringert aber gleichzeitig die Gefahr für die Sinkside-Spieler bei der Suche nach Ressourcen. Weiteres Beispiel wäre der Markt. Als Sinkside-Spieler braucht man keine Ressourcen für den Bau von irgendwas, man verkauft vor allem gefundene Ressourcen. Wenn aber alle Spieler nur verkaufen, sinkt der Preis ins Bodenlose. Es wird immer schwerer Geld einzunehmen und damit Ziele und somit Siegpunkte einzulösen. Die Rettung ist ein Sinkside-Spieler, der Ressourcen nur über den Markt erhält und diese für den Ausbau der Stadt braucht. Kauft er viel billig ein, steigen die Preise wieder. Es gibt noch mehr dieser wunderbaren Abhängigkeiten, wo beide Seiten sich stark beeinflussen können.

Die vier Gilden und ihre Stufe.

Interaktion und Entscheidungen

Manch einer wirft dem Spiel fehlende Interaktion vor. Dem würde ich widersprechen, entsteht diese doch durch die verschiedenen Timing-Konflikte. Wer viele Siegpunkte machen möchte, muss auf die ausliegenden Ziele spielen. Deine Aktionen müssen darauf ausgerichtet sein, ansonsten sind andere Spieler schneller. Wer später Ziele erfüllt, erhält weniger Punkte! Auch kabbelt man sich um den Erwerb neuer Crew-Mitglieder, die unterschiedlich stark sind und den Einfluss bei den Gilden. Wo wir bei der Crew sind, hier gibt es den Studenten, der eine andere ausgespielte Karte der Mitspieler kopiert. Jeder hat den Studenten von Anfang an in der Crew. Eine enorm mächtige Karte, erhalte ich so Zugriff auf starke einzigartige Karten der Gegner! Wann also spiele ich den Studenten und wie lange zögere ich meine starken Karten hinaus, damit andere sie nicht kopieren?

Ausgespielte Karten kommen übrigens auf einen Ablagestapel. Erst wenn du den Kapitän spielst, was eine Art Aussetzen ist, darfst du deine Crew wieder auf die Hand nehmen. Für jede Karte erhältst du nun Einnahmen in Form von Geld, welches schnell Mangelware sein kann. Dabei brauchst du es dringend für neue Schiffe und für das Auslösen der Ziele. Wann also holst du deine Karten zurück? Alle ausspielen für viel Geld oder sich nur auf die guten Karten konzentrieren?

Die Crew-Mitglieder sind alle sehr unterschiedlich.

Die Schattenseiten

So sehr ich Flotilla auch liebe, man kann vor den Schwächen schlecht die Augen verschließen. Fangen wir mit der Spielzeit an. Flotilla ist beendet, wenn alle Siegpunkte verteilt sind. Man startet mit 100 Siegpunkten pro Spieler im Pool. Spielt man weniger fokussiert, was als Erstspieler gerne passieren kann, dann wird Flotilla zum schlechtes Kaugummi. Zu wenig Geschmack für die Kauzeit und zu zäh! So oder so ist Flotilla am Ende immer eine lange Sache.

Nur einige der vielen möglichen Ziele in Flotilla.

Tja und dann machen sich bei so einem verzahnten Schwergewicht die Glückselemente vielleicht nicht ganz so gut. Mich stört es weniger, aber es kann einen schon hart treffen! Wer nach Ressourcen auf Tauchgang geht und schlecht würfelt, der findet kaum etwas und mit Pech ist das Plättchen auch noch verbraucht. Dein Mitspieler hat vielleicht Glück und kann an seinem Ort mehrmals tauchen und badet in Ressourcen. Auch bei den gezogenen Plättchen für das Meer (und später für die Stadt) kann man äußerst ungünstig ziehen. Keine passenden Artefaktecken, die immer gleichen Ressourcen oder Verstrahlung ohne Ende, ja, manchmal fühlt man sich völlig zufällig hart bestraft.

Wo Würfel sind, da wartet auch das Pech…

Fazit

Durch diese spielerischen Täler gehe ich in Flotilla aber gerne! Die gut verzahnten und thematisch wirklich grandios vertäuten Mechaniken sind in ihrer Fülle eine echte Wonne. Hier etwas Deckbuildung, dort pokern mit speziellen Crew-Karten, dazu ein paar Plättchen platzieren, Ressourcen verhökern und zwischendurch die Glückselemente umarmen, ich schippere hier in purem Spielspaß. Dazu trägt natürlich auch das wirklich tolle Material bei! Es sind Details, aber als Junge von der Waterkant feiere ich schon das Platzieren von Ressourcen auf den Frachtschiffen. Über allem schwebt dann der wirklich geniale Wechsel von der Sink- zur Skyside! Hier werden zwei völlig unterschiedliche Spielgefühle in einem Spiel elegant und thematisch dicht verwoben. Flotilla hat sich, trotz seiner vorhandenen Schwächen und der Bedingung mindesten zu dritt unterwegs sein zu müssen, komplett in mein Herz gespielt! Wunderbar, dass es nun dieses Spiel auch auf Deutsch gibt.

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Flotilla

69,99 €
8.8

AUSSTATTUNG

9.0/10

SPIELIDEE

9.0/10

SPIELSPASS

8.5/10

Kurzfakten

  • Wunderschönes Material
  • Viele Mechaniken gut verzahnt
  • Grandiose Umsetzung der Sinkside/Skyside
  • Einige Glückelemente
  • Sehr lange Spielzeit

Spielinformationen

  • Genre: Von allem ein bisschen
  • Spieler: 3 - 5
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Dauer: 90 - 150 Minuten

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Avatar
    Brettspielbabo
    20. Oktober 2020 12:42

    Ich wollte es damals auch mitnehmen – jetzt hätte man sogar die Chance auf eine deutsche Version – lass uns das mal bitte demnächst spielen! 🙂

    Antworten

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