Lesezeit: 4 Minuten

Das Cover sieht so romantisch aus…

Der Fürst hat mächtig Plaque und vor allem Gesichtsmuskelkater von der dauerhaft verzerrten Fratze der absoluten Unzufriedenheit. Denn am Montag war es wieder soweit, es stand Seafall an. Ich bin dort seit dem ersten Spiel Fürst, heißt ich führe, stehe ungebrochen am Platz der Sonne und könnte mich feiern. Ich fahre aber seit dem zweiten Spiel zu diesen Runden weil ich die Gastfreundschaft schätze und die Menschen mit denen ich spiele und nicht wegen des Legacy Spiels Dramas.

Die Ausgangslage

Es war vielleicht nicht so schlau Seafall mit fünf Spieler zu starten. Aber erstens bietet es Seafall an und zweitens möchte man ja mit seinen Brettspiel-Buddies zusammen Spaß haben. Ausgrenzen ist doof, also alle ran den den Tisch. Seafall beherbergt ja ein paar interessantere Mechaniken, die unterschiedliche Vorgehensweise ermöglichen, wobei der Handel mit Waren und das Verbessern der Schiffe schon zwingend ist. Fern ab davon kann ich aber – Vorsicht leichte Spoiler – Kolonien gründen, Inseln entdecken und erkunden oder Gräber besuchen. Diese Dinge sind das Herz des Spiels, weil sie den spannenden Teil ermöglichen: Das schmökern im Logbuch, welches die Geschichte weiterbringt oder das Spielbrett dauerhaft verändert! Diesen Teil kenne ich gar nicht mehr.

Das 5-Spieler-Drama

Das Spiel skaliert leider furchtbar schlecht. Als Fürst bin ich in der Spielreihenfolge Letzter. Wenn vier Spieler vor mir dran sind, dann sind alle temporär sinnvollen Rohstoffe in Reichweite abgebaut. Die Wahrscheinlichkeit ist ebenfalls sehr hoch das in jeder Runde die jeweils besten Persönlichkeiten am Anfang gekauft werden. Die Essenz ist, wenn man kein Glück beim Nachziehen hat, das spätestens beim fünften Spieler fünf Graupen ausliegen, die maximal zum Kielholen taugen. Manchmal steigern sie immerhin den Bluthochdruck des Fürsten. Was bleibt als Spieloption ist irgendein fauler Kompromiss.

Da Inseln bei fünf Spielern auch nicht größer sind, ist die Wahrscheinlichkeit auch sehr hoch, dass man selber nichts mehr entdecken kann. Die Bauoptionen bei 5 Spielern wachsen ebenso wenig, wie mehr Rohstoffe ausliegen. Ist das absichtliche Höchstbestrafung für den führenden Spieler? Ist gelungen. Vielleicht auch nur ein perfider Plan, den Erstplatzierten aus dem Spiel ganz rauszuekeln. Mit vier Spielern ist das Spielgefühl nämlich schon ein anderes, ein besseres. Hier muss man fairerweise sagen das es am Legacy-Prinzip liegt, wie ausgeglichen und fair die Insel sind. Bei uns sind sie das nicht, da Rohstoffe sehr ungleich verteilt und verschieden konzentriert auftreten.

Der Krüppel

Mein Spielzug in Seafall? Simpel! Ich fühle mich in Seafall nicht als wagemutiger Entdecker und stolzer General der sein Reich und seine Flotten befehligt, sondern als Flaschensammler. Ich schaue was übrig bleibt. Die Erkundungsboni für die Schiffe? Weg! Die Lagerräume zur Koloniegründung? Weg! Die besten Gebäude? Weg! Ohne passende Persönlichkeit, sind schon Erkundungen mit Stärke 7 riskant, viele Inseln erfordern bei uns eher Werte von 10 aufwärts. Denn bei fünf Spieler kommt das Spiel nicht hinterher, was neu ins Spiel kommt, wird abgegrast.

Für den Fürsten sind die meisten Meilensteine so völlig utopisch zu erreichen – was für ein thematischer Schwachsinn. Ich bin bei Spielbeginn auch der ärmste Spieler, aufgrund der Boni des Gesamtpunktevorsprungs. Das nennt sich Balancing, weil ich ja schon letzter am Zug bin. Nicht seit der letzten Partie, oder vorletzten, sondern eigentlich seit meinen zwei ersten, zugeben mit vielen Punkten abgeschlossenen Partien. Da ich auch innerhalb einer laufenden Partie nicht Letzter bin, sondern eher im Mittelfeld, ändert sich auch hier nicht die Spielerreihenfolge. Ich bin jetzt ungefähr 36 Runden hintereinander immer am Schluss dran. Das macht ungefähr so viel Spaß wie Salzwasser saufen.

Mit Stumpfsinn im Spiel bleiben

Zurzeit spiele ich also Seafall als Euro-Handelspiel, bleibt nichts anderes übrig. Ein Aspekt den Seafall nicht besonders interessant gestaltet. Es ist Klötzchen hin- und herfahren. Dazwischen wird ein Schatz gekauft – heißen die Schätze?! Keine Ahnung, ist mir auch egal. Ich könnte den bei uns eher unbeliebten Weg des aggressiven Piraten gehen, aber da ist aufgrund der begrenzten Marker irgendwann auch Schluss. Als Fürst muss ich ja schon am Anfang davon ein paar mehr verteilen. Der Fürst bekommt auf die Eier, so steht es geschrieben. Eine Partie, schnell gespielt bei 5 Spielern dauert dann ungefähr drei, eher vier Stunden. Da klingt Salzwasser saufen fast angenehmer.

Zwischenfazit

Mir geht es gerade bei einem Legacy Spiel nicht um das Gewinnen, sondern um das Erlebnis. Doch das wird an zu vielen Stellen getrübt. Ich denke ich bin kein schlechter Spieler und es mag sein, dass ich in Seafall etwas übersehe, für manchen mag das hier nach „mimimi“ klingen und andere werden auf den Fehler von fünf Spielern hinweisen. Ich nenne es von der Seele schreiben, Seafall noch einmal die Hand reichen, weil die Unzufriedenheit hier in diese Zeilen fließt. Aber da muss sich gewaltig was ändern, sonst versenke ich eigenhändig meine Flotte. Die investierte Zeit und das Geld sind es mir nicht wert (ca. 15 Partien am Ende | ca. 60 h Spielzeit | 93 € Fahrtkosten), dafür das ich mich als Erstplatzierter unentwegt massiv kastriert sehe. Den Status als schlechtestes modernes Brettspiel hat der Fürst schon vorbereitet. Aber wer weiß, vielleicht kriegt der Spielspaß in Seafall noch einmal Rückenwind.

Christian Administrator
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11 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Ich lese heraus, dass du dich opferst, damit wir ein gutes 4 Spieler Spiel machen können 😛

    Ich bin vierter in der Zugreihenfolge und empfinde es nicht schlimm, klar muss man wirtschaften – aber man kann ja auch nicht alles in Zug 1 machen… Theoretisch kann im Spiel der Startspieler wechseln, du hast es aber direkt in runde 1 geschafft den ersten wieder abzuhängen ^^

    Mit einer Kolonie im Sack hast du jetzt auf jeden Fall auch einen Vorteil.

    Ich finde das Balancing greift ganz gut, wenn man sieht wie dicht wir alle beieinander sind.

    Das mit den 5 Spielern sehe ich genauso.

    Antworten
    • Vierter ist halt leider nicht fünfter. Das ist ein großer Unterschied. Das habe ich in dem einen Match gemerkt wo wir zu viert gespielt haben. In Zug 1 werden die Weichen gestellt, so wie ihr seid drei Spielen die Starteröffnung spielt, mit den Inseln und Ressourcen, habe ich KEINE Chance auf Erkundungsboni oder Lagererhöhung. Das ich eine Kolonie gründen konnte war massives Glück durch die eine Persönlichkeit. Ansonsten wäre mir das auch verwehrt geblieben, ähnlich wie die Handelsmeilensteine. Und wen habe ich bitte in Runde 1 abgehängt? Das Balancing passt?! Du rennst zweimal in so ein Grotte und machst damit 9 Ruhm!!! Andere die da reingerannt sind, haben einen weit weniger gekriegt. Und ich denke, mit weniger Mitspielern wäre das völlig anders. Da könnte der führende Spieler weiterhin rocken – was auch diverse Spielberichte in der Community belegen. Heißt, das Spiel hat überhaupt keine Balance und ist zusätzlich einfach nicht für fünf Spieler ausgelegt.

      Und ja Björn, ich meine das ernst. Noch so ein Spiel und ich bin raus. Es macht einfach kein Spaß in jeder Runde zu gucken was übrig bleibt und das nun über mindestens drei Partien. Es macht NULL (!) Spaß! Ich konnte das letzte Mal ganze zweimal würfeln wegen einem Überfall. Das Spiel davor war ähnlich. Gelesen im Logbuch? Seit Spiel zwei nicht mehr.

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  • mimimi

    Antworten
  • Ich kann mich dem Artikel nur anschließen, obwohl ich ja eher im hinteren Feld herumlungere… Aber selbes Problem, das „balancing“ oder wie auch immer man es nennen soll, ist irgendwie verquer. Der erste wird permanent bestraft (s. Artikel) und wenn man nicht vorne dabei ist oder einfach kein Glück mit den Begegnungen hat (ich rede noch nicht einmal von dem darauffolgenden Würfelglück) kommt man auch nicht voran.

    Jedesmal wieder das Spiel ohne permante Verbesserung der Base zu beenden ist auch frustrierend. Und die sind schon mächtig und sicher auch ein Grund, dass du als Fürst es trotz aller Einschränkungen im Spielspaß es schwer hast, überhaupt nach hinten zu fallen. Das multipliziert sich alles zu sehr… Und es nervt einfach kolossal, bei einem – wie ich finde – athmosphärisch guten Legacy-Spiel, die ganze Zeit kompetetiv die Punkteleiste im Blick zu haben. Und mal ehrlich, letztendlich ist das der Inhalt jeder Runde; wie mache ich schnell Punkte? Die Story gerät da ins Hintertreffen.

    Soviel zu meinem mimimi 😀

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