Lesezeit: 6 Minuten
Manche Brettspiele erschlagen dich oder küssen einen zumindest beim Herausholen aus dem Regal mit einem Bandscheibenvorfall. Mit Miniaturen, Kampagnenbüchern, 47 Zuständen und einem Aufbau, der länger dauert als die erste Staffel einer mittelmäßigen Netflix-Serie. Storyfold: Wildwoods macht das Gegenteil und zeigt es schon beim Öffnen der Schachtel. Es klappt sich auf wie ein kleines, liebevoll gebundenes Geheimnis. Ein Zauberbuch im Brettspielformat. Es ist vielleicht einer der schönsten Einstiege meiner Brettspielgeschichte. Dabei hätte ich es erst nicht gewagt, ist Storyfold doch eigentlich ein waschechtes Solo-Spiel. Ich gehe das hier aber nicht allein an. So wie Luma, die tapfere Heldin der Reise, ihren Bär benötigt, brauche ich meine Frau. Magisch-melancholische Abenteuer erlebe ich eben lieber zu zweit. Inga liest vor und dirigiert die linke Spielhälfte, ich die rechte, und zusammen starren wir in diesen wunderschönen Schattenwald. Nur wie sehr wurden wir verzaubert? Wie viel Entscheidung steckt eigentlich in dem gemeinsamen Spaziergang und frustrieren uns die Würfel?

Kurzcheck: Darum geht es in Storyfold: Wildwoods

Storyfold: Wildwoods ist vorrangig eines: atmosphärisch. Ein Spiel wie ein Scherenschnitt im Zwielicht. Es erinnert optisch an diese melancholischen Indie-Videospiele, in denen kleine Figuren durch große, dunkle Welten wandern. Ein bisschen Ori, ein Hauch Limbo, gepresst in ein Märchenbuch, bei dem sich einzelne Szenen durch aufklappende Seitenteile in ein Brettspiel verwandeln. Das Spielbuch als Theater ist so gleichzeitig Spielplan und Ablage für Token, Würfel und Karten. So führen wir zusammen Luma und Brom, den Schatten im Wald bekämpfend, durch diese einzelnen magischen Szenen, die sich über Kapitel zu einer Kampagne verbinden. Als schnelle Speicherung dient ein wunderbares Insert. An dieser Stelle gibt sich Storyfold: Wildwoods absolut vorbildlich. Du hast eigentlich immer Zeit und Platz, weil jederzeit und fast überall gespielt werden kann. Kurz eingeworfen: Das Tutorial ist richtig stark. Ich glaube, das Regelheft hatte ich nie in der Hand.

Erste Abenteuerseite. Wir sehen drei Möglichkeiten, mit Erfolgsvoraussetzungen (farbige Punkte) und die Aktionsart (Farbe)

Mechanisch steht das sogenannte „Fluss-System“ mit einer Würfelprobenmechanik im Vordergrund. Hier schreit das Spiel einmal laut Arche Nova. Die Aktionskarten liegen in einer Reihe an Positionen aus. Je nachdem, wo sie liegen, definieren sie den Probenwert für die Würfel, wobei ganz links die beste Position ist. Nutzt du eine Karte, kommt sie ans rechte Ende des Flusses, wo sie je nach Länge des Flusses zunächst gar nicht genutzt werden kann oder aber eben einen sehr hohen Probenwert für die Würfel generiert. Jede Szene gibt auf dem Spielbrett zudem vor, welche Aktionen, wann und wo auf einem Pfad geschafft werden müssen, damit die Szene abgeschlossen werden kann. Dazu gesellen sich dann Feinde, die sich als schlechte Karten in den Fluss drängen und uns stark behindern, aber auch bekämpft werden können. Obacht: Szenen können verloren werden und das Spiel geht trotzdem weiter – mit all seinen negativen Konsequenzen. Trotzdem bleibt es insgesamt seicht. Storyfold will kein Expertenspiel im magischen Waldmantel sein, sondern ein zugängliches, stimmungsvolles und spannungsgeladenes Abenteuer.

Sieht jetzt gar nicht so düster aus …

Zu zweit im Solo-Wald

Offiziell ist Storyfold: Wildwoods ein Solo-Spiel. Entsprechend bietet es zu zweit keine getrennten Rollen oder individuellen Entscheidungen. Meine Frau und ich saßen da wie vor einem interaktiven Bilderbuch. Wer liest? Wer würfelt? Welche Karte nutzen wir? Welchen Weg gehen wir? Es wird zwar nie zu einem kooperativen Taktikmonster, bei dem zwei Hirne richtig abkochen. Es ist eher ein gemeinsamer Waldspaziergang, dessen Pfad mit leckeren, kleinen, spielerischen und einigen wenigen großen Story-Entscheidungsblaubeeren gesäumt ist. Das hat Charme!

Durch Ereignisse, die vielen Feinde mit fiesen Spezialeffekten, die den Fluss verstopfen, der spürbare Druck, weil die Dunkelheit zunimmt, und eben die eigene Energie verrinnt, sorgen durchaus für kleines Fingernägelkauen. Erste Frage: Wo liegen welche Aktionskarten wegen des Probenwerts? Und welche Aktionen wollen oder müssen wir in dieser Runde überhaupt machen? Feinde bekämpfen? Weiter vorranschreiten? Aktionen zur eigenen Stärkung durchführen? Zweitens: Die Szenarien geben für alle Aktionen eine Anzahl an Erfolgen vor. Du hast aber pro Runde nur eine feste Menge an Würfeln, kannst diese jedoch frei auf die Proben aufteilen. Die letztlich entscheidende Frage ist also: Wie teilt man den Würfelpool für welche Aktionskarte wann auf und wie verändert sich dadurch für die nächste Aktion im Fluss der Modifikator für den nächsten Wurf bzw. Aktion. Mechanisch trotzdem überschaubar, auch wenn ich hier einige Effekte und zusätzliche Optionen der Kürze wegen nicht erwähne. Aber gerade weil das Spiel so schnell aufgebaut ist und einzelne Szenen überschaubar bleiben, eignet es sich hervorragend für Abende, an denen der Kopf nicht mehr nach Regelmassker verlangt.

Und wenn es düster wird, muss für Licht gesorgt werden!

Die große Stärke

Was Storyfold wirklich trägt, ist seine Darbietung. Dieses Spiel will nicht einfach gespielt, sondern aufgeblättert werden. Das Material ist eine Einladung zum Träumen. Die Illustrationen besitzen eine wunderbar ruhige, leicht düstere Märchenhaftigkeit. Das hier ist kein lautes Fantasy-Gewitter, sondern eine begleitete Reise von einem kleinen, ängstlichen und doch mutigen Mädchen. Ich gebe zu, mir war es manchmal fast zu melancholisch, weil ich lieber in der Sonne surfe. Ich bin nicht The Cure, eher Bob Marley & The Wailers. Und wenn Szenarien verloren gehen, was aufgrund der Knackigkeit passieren kann, ist die erlebte Hoffnungslosigkeit intensiv. Die metaphorische Ebene, die sich früh zeigt, und deren Konzept ich aber nicht verrate, aber auch kein großes Geheimnis ist, wenn man Videospiele dieser Art kennt, reiht sich hier ein.

Wunderschön und kompakt

Kurzum: Ist dir deine „reale“ Welt gerade zu düster, weiß ich nicht, ob das hier dein Spiel ist. Auch wenn Storyfold: Wildwoods es schafft, immer wieder ein großes Licht der Hoffnung zu entzünden. Dazu ist es passenderweise vom Spiel- und Erzähltempo langsam, fast behutsam. Wer narrative Brettspiele nur mag, wenn nach 20 Minuten der erste Nebencharakter traumatisch verbrannt und ein Dorf zerlegt wurde – ich denke da an Tainted Grail – wird hier vielleicht ungeduldig. Meine Frau und ich empfanden es hingegen als angenehm. Das Spiel strahlt Ruhe aus. Heute würde man wohl von einem „Cozy-Game“ sprechen.

Der Würfel im Märchenwald

Jetzt aber zum Schatten hinter dem Schattenwald. Oder so. Die Entscheidungskraft ist zwar vorhanden, hängt aber immer am Würfel. Uns war beim Spielen oft klar, was wir gerne erleben wollten, was das Ziel unserer Aktion sein sollte, aber der Erfolg kann nicht perfekt gesteuert werden. Selbst wer eine Aktionskarte über einige Runden nicht anfasst, dadurch den Probenwert senkt (Fluss-Mechanik) und dann mit vielen Würfeln wirft, kann es gelinde gesagt verkacken. Die einen nennen es dann düsteres Schicksal, die anderen beißen in die Tischkante. Vor allem sind solche Patzer gar nicht so unheftig. Denn bis die Karte dann wieder an einer guten Position liegt, kann das Drama seine dunklen Pranken über das Szenario gelegt haben. Ich nenne es mal vorsichtig „Abwärtsspirale“. Es gibt Ausweichaktionen und natürlich gibt es erspielte Spezialkarten, Bonusplättchen, besseres Timing und vor allem damit gute Vorbereitung, aber ein Würfel bleibt ein Würfel. Und über das gesamte Spiel kommen zwar noch ein paar kleine spielerische Überraschungen und einige knackigere Entscheidungen, aber das Grundgerüst verändert sich nie. Du solltest also genau diesen Punkt hier lieben, ansonsten wird dein Ausflug nicht nur melancholisch, sondern von Frust getrieben. Nicht falsch verstehen: Ein Kniffel ist es trotzdem nicht.

Grundprinzip: Wir haben nur noch vier Würfel, wollen „Blenden“ ausführen, mit Probenwert von 3+ und benötigen drei Erfolge, haben durch den Token aber schon einen. Wie viele Würfel nehmen?

Fazit

Storyfold: Wildwoods klopft leise an und bittet dich, mit seinem märchenhaften Abenteuerbuch, in einen mystischen Wald zu kommen. Ja, die Aufmachung ist grandios, fast schon magisch, und zu zweit funktionierte dieses offiziell solitäre Abenteuer überraschend gut. Denn nicht nur gemeinsames Vorlesen, sondern vor allem gemeinsames Entscheiden, Würfeln und Staunen ist hier an der TagesNachtordnung. Die Fluss-Mechanik mit Würfelpoolentscheidungen macht ebenso Laune. Wer zudem Atmosphäre sucht, bekommt hier Scherenschnitt-Poesie, starke melancholische Indie-Videospiel-Vibes und ein Spielprinzip, das angenehm eingängig durch die Szenen trägt. Das perfekte Speichersystem lädt zudem schnell zum Spielen ein.

Aber im Schattenwald wohnen auch die Würfel. Die eigene Entscheidungskraft ist immer an diese gekoppelt und selbst gute Vorbereitung kann durch Pech in eine Abwärtsspirale kippen, die einem in der düsteren Welt von Luma hart ans Herz gehen kann. Das muss man mögen. Das Spiel ist eigentlich cozy, weil die Mechanik mit seinem „Fluss-System“ angenehm trägt, aber es ist gleichzeitig auch von harten Entscheidungen und Auswirkungen geprägt. Trotzdem: Wer sich auf das behutsame Tempo, die düstere Schönheit und den gemütlichen Abenteuerfluss einlässt, bekommt ein außergewöhnlich charmantes Cozy-Game, das einem aufzeigt, dass auch in dunkelsten Stunden das Licht siegen kann.

Storyfold: Wildwoods
Spielinformationen
Genre: Story-Spiel | Personen: 1 | Alter: 13+ | Dauer: 30 - 60 Minuten | Autor: Sjoerd van der Linde | Illustration: Justine Chalieux | Rezensionsexemplar erhalten
SPIELSPASS
7.5
MATERIAL
8.5
SPIELIDEE
8
Positive Aspekte
Wunderbar magische Aufmachung
Einigängige und spannende Fluss-Mechanik
Sehr schnell auf- und abgebaut
Schöne Story
Durchaus Spannend, gerade durch den Würfelpool
Würfelmanipulation vorhanden
Kein Regelstudium nötig!
Negative Aspekte
Sehr melancholisch, gerade wenn es spielerisch schlecht läuft
Würfel können stark beeinflussen
Obwohl Cozy, stellenweise nicht einfach
Wer die Art dieser Geschichte kennt, ahnt worum es geht
7.5

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