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Die Erfahrung Tainted Grail steht für 42 Stunden Spielzeit, verteilt auf 17 Partien, untermalt von epischer Musik, immer schwankend zwischen dramatischen Scheitern, zähneknirschenden, durchaus frustigen Momenten und himmelhochjauchzenden Erfolgen. Es ist ein episches Gesamterlebnis und hat keinerlei Konkurrenz im Schrank. Während dieser immersiven Reise wabert stetig modriger Duft einer zerfallenden, düsteren Welt durch das Wohnzimmer. Deine Reise beginnt nicht heldenhaft und die Welt ist weit entfernt von klassischer Fantasy, wo Zwerge fröhlich ihr Bier in den Bart versenken. Wir strauchelten oft und waren uns nie sicher, ob wir trotz der immensen Mühen irgendetwas in Avalon retten könnten. Unzählige melancholische wie diabolische Faustschläge erzeugen eine einzigartige Atmosphäre! Motivierend? Der Spaß immer an vorderster Front? Das Brettspiel des Jahres? Nicht unbedingt, denn keine Konkurrenz im Wohnzimmer, ist nicht nur positiv zu verstehen. Lasst mich also von meiner langen Reise berichten.

Kurzcheck: Darum geht es in Tainted Grail

Die Wyrdness, die Tod und Wahnsinn bringt, bedroht das Reich Avalon, Sitz der Tafelrunde, Ort großer Helden wie Artus oder Merlin. Geheimnisvolle Menhire sind der letzte Schutz gegen die wabernden Wellen aus nebliger Wyrdness. Doch die Menhire zerfallen und selbst mächtigste Opfergaben mögen sie nur noch kurzzeitig mit Leben erfüllen. Helden deines Heimatdorfes sind ausgezogen, um die Einwohner, ja vielleicht ganz Avalon zu retten. Die Helden sind gescheitert und verschollen. Was bleibt bist du, ein einfacher Einwohner, behaftet mit Makeln und kaum nennenswerter Ausrüstung. Alles andere als ein Held und doch ziehst du los, um die Geheimnisse der verschollenen Helden, der Wyrdness und der Menhire zu lüften.

Tainted Grail ist dabei in erster Linie eine Welt aus Karten, auf dem sich die Charaktere bewegen, ganz ähnlich wie bei The 7th Continent, und einem mächtigen Abenteuerbuch. Hier findest du zu jedem besuchten Ort diverse Einträge, um dauerhaft die Welt zu verändern. Die erlebten Handlungsstränge sind enorm verschachtelt und schließen sich durchaus gegenseitig aus. Das macht viele Entscheidungen knifflig und sorgt für stete Spannung. Nur um das Ausmaß einmal begreifbar zu machen, aber allein das Abenteuerbuch hält 780 Einträge nur für Geheimnisse bereit, dort sind nicht die verschiedenen Textabschnitte zu den Orten inkludiert. Kurzum, das Buch ist ein Monster an Einträgen.

Um dieses Herz ist Mechanik gestrickt. Diese besteht aus Deckbuildung für den Kampf und Diplomatie, dem Ausbau des Charakters über Attribute und Spezialfähigkeiten und eine ziemlich fiese Überlebenskomponente. Du kannst dich nämlich nur im Bereich um einen Menhir herum frei bewegen. Das Aufladen gefundener Menhire ist zwingend erforderlich, um in der Welt vorwärtszukommen. Die Ressourcen sind aber knapp, werden auch für Prüfungen im Abenteuerbuch gebraucht oder für das eigene Überleben. Die Beschaffung der Ressourcen ist wiederum schwierig, bisweilen wartet das Ableben. Schlagwörter die da oft fallen sind Farmen und Abwärtsspirale. Gehen wir ins Detail!

Die epische Reise beginnt…

Fehler bei Spielbeginn

Das erste Kapitel von Tainted Grail ist leider nicht das beste. Dabei meine ich nicht einmal, dass man sich schon hier fies verlieren kann. Mehr noch, es ist sogar möglich innerhalb des ersten Kapitels die Kampagne zu verlieren. Wer allerdings die anfänglichen Tipps im Spiel, wie den ersten Traum in Cunacht befolgt, wird etwas angeleitet und sollte es schon schaffen. Mein Problem ist eher die Kognition. Das erste Kapitel lehrt einen immensen Zeitdruck, weil der Menhir jeden Tag Energie verliert. Gleichzeit merkt man schnell, das die Ausdauer der Charaktere nur begrenzt Aktionen zulässt, bis man rasten muss und ein neuer Tag beginnt. Die Folge, der Menhir verliert wieder Energie, dazu gibt es am Tagesanbruch Ereignisse, die dich malträtieren können. Unüberlegtes Reisen, zu viele Erkundungen an einem Ort und es rächt sich schnell. Was passiert? In folgenden Kapiteln hetzt man der Hauptquest des Kapitels hinterher. Man untersucht weniger Orte, reist schnell weiter. Du willst halt Energie sparen.

Nun passieren zwei mögliche Abtörner. Am Ort der Hauptquest angekommen, merkst du, das du gewisse Dinge vorweisen musst, doch deine Taschen sind leer. Das bedeutet aufwendiges Zurückreisen, orientierungslos suchst du Orte ab, verlierst Energie, Ressourcen und Menhire. Kurzum, alles geht den Bach runter. Zweite Alternative: Du schaffst die Quest, bist aber völlig erschöpft und ausgebrannt. Überraschung! Wer jetzt das Kapitel beendet, erlebt einen Albtraum. Keine Heilung, keine Ressourcen, so wie du ein Kapitel beendest, so startest du. Tainted Grail gibt sich hier anders als gewohnt und verteilt richtig frustige Schellen! Ich würde sagen, falsch gespielt, haben einige Spielern nun keine Lust mehr und schimpfen über Spielaufbau, nerviges Farmen und Abwärtsspiralen.

Der Tanz zwischen den Menhiren macht richtig Spaß!

Mach es richtig!

Meine Frau und ich sind selber in diese Falle getappt. Wir irrten völlig entnervt im zweiten Kapitel ganze sieben Stunden durch die Gegend. Auch später kann dies noch passieren. Manche Gruppe stolperte ganze 20 Stunden in Kapitel 7 herum, wir haben das gleiche Kapitel in grob 40 Minuten beendet. Auf der anderen Seite passt diese erlebte Verzweiflung auch zur Welt. Ehrlich gesagt braucht es vielleicht diese Momente, wo es richtig knirscht, nur so sind Erfolge wertvoll, nur so ist die Welt gnadenlos. Auch ist es ein Beleg dafür, wie unterschiedlich die Spielerfahrungen sind.

Trotzdem kann man von Anfang an ein paar Dinge richtig machen! Die oberste Maxime ist, lasst euch Zeit! Fällt schwer, wenn die Welt auseinanderbricht und Menhiren langsam der Saft ausgeht. Aber nur durch intensive Erkundung aller Orte und dem fleißigen Notieren von Gegebenheiten, weiß man um deren Geheimnisse. Was man im zweiten Kapitel tief aus einem Ort ausgräbt, kann zehn Kapitel später enorm wichtig sein. Auch erhält man viel mehr Ressourcen, Erfahrung und Gegenstände. Das macht das gesamte Heldenleben wesentlich einfacher! Mit Fokus die Hauptquest erfüllen ist nicht dein Ziel, das ist nur eine grobe Reiserichtung. Der Fokus sind die erlebten Geheimnisse, die kleinen Geschichten, die Wendungen innerhalb von Orten. Du wirst Avalon nur retten, wenn du die ganze Welt kennen lernst!

Ein Tutorial bringt das Spiel vorbildlich näher.

Suboptimaler Takt

Positiv erscheinende Einleitung und nun geht es weiter mit der negativen Kritik. Was ist da los? Tja, das habe ich mich stellenweise auch bei Tainted Grail gefragt. Der Kampf wie auch die Diplomatie sind von der Puzzle-Mechanik zwar nicht die Krönung, aber immerhin ist das würfellose Konzept frisch. Anfänglich hat mir die Mechanik, gerade im Team, Spaß bereitet. Wie besiegt man zusammen aus Kartenabfolgen, die übrigens durch Bilder und Überschriften eine tolle Geschichte der Auseinandersetzung erzählen, fiese Monster.

Doch die Auseinandersetzungen sind anfänglich sehr hart. Die Flucht meist die bessere Wahl. Passt zur Welt, kann aber demotivieren. Später, mit einem gut ausgebauten Deck und pfiffig verbesserten Charakteren, sind viele Gegner Witzfiguren. Ich habe das Spiel mit 20 unverbrauchten Erfahrungspunkten beendet. Ich war halt gut genug. Logischerweise hätte ich mir hier einen ausgeglicheneren Takt gewünscht. Doch Vorsicht, je nach Charakterausbau und Teamzusammenstellung, kann das sicher auch anders aussehen.

Charaktere können ziemlich stark werden.

Ungelenk, aber nötig?

Hast du den Status Erzfeind und den Gegenstand Nummer 42, dann lies Vers 5, hast du den Status Ehebrecher, lies Vers 8, bist du in Kapitel 9 und hast den Status Liebhaber, lies Vers 12. Etwas auf die Spitze getrieben, aber so wird man durch das Buch geführt. In einem Videospiel geschehen diese Abfragen unter der Oberfläche, in Tainted Grail muss man seinen Status stets selbst nachhalten und abfragen. Das ist manchmal schon etwas ungelenk, geht aber wohl nicht besser, wenn man so eine weit verzweigte Handlung anbietet.

Mich hat weniger die Mechanik, sondern der Umstand gefrustet, dass man verdammt oft direkt miterlebt, was man verpasst hat. Die Welt in Tainted Grail dreht sich weiter, das ist eigentlich einer der Stärken. Ein Dorf muss nicht immer ein Dorf bleiben, eine Person ist nicht immer anzutreffen, je nach Kapitel sind manche Entscheidungen oder Aufgaben nicht mehr erfüllbar. Das wird dir hier nur sehr deutlich aufs Schwert geschmiert und bisweilen nicht immer logisch. Auf der einen Seite weckt dies Interesse an einen neuen Durchgang, anderseits war ich gerade am Ende ziemlich geknickt, weil eine mögliche Quest nicht mehr beendet werden konnte, die für uns persönlich wichtig war.

Echter Puzzle-Kampf!

Spielerlebnis

Dieser Absatz könnte nun so lang werden, wie der ganze Artikel. Ich würde aber viel zu viel verraten. Ich schreibe es noch einmal: 42 Stunden Spielzeit. Trotzdem ist der Wunsch da, direkt noch einmal zu starten. Tainted Grail blieb tagelang aufgebaut, das schaffte bisher kaum ein Spiel. Der Sog, den dieses Spiel aufgrund seiner fesselnden Geschichten, den ganzen Entscheidungen und der großartigen Erkundung der Welt ausübt, atomisiert für mich die nicht wenigen Kritikpunkte. Es zieht seinen Spielspaß aus Elementen, die eher bei Videospielen heimisch sind. So viele Überraschungen erwarten einen, während man durch die dynamische und wunderschön gestaltetet Welt wandert. Tainted Grail schafft es, dass man in seiner Welt wirklich versinkt und nicht erledigte Aufgaben, wie im obigen Absatz beschrieben, einen wahrhaft runterziehen. Was sich erst negativ anhört, ist eigentlich das größtmögliche Kompliment, weil man mit Herzblut dabei ist.

Auswirkungen der Karte passen zur Optik und den Namen.

Fazit

Ich kann Tainted Grail nicht uneingeschränkt empfehlen. Wer Brettspiele mit interessanten Mechaniken gleichsetzt oder diese zumindest auch in einem Erzählspiel erwartet, der kann enttäuscht werden. Der heilige Gral hat einige Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann. Wer das Spiel zudem falsch angeht, erlebt ein frustiges Abenteuer, bei dem elendiges Suchen nach Ressourcen und eine miese Abwärtspirale die Folgen sind. Ein Stück weit gehört dies aber immer dazu, denn ohne Daumenschrauben würde die düstere Welt ihre Reißzähne verlieren. Wer eine harte, melancholische Welt des Abgrunds aufbaut, der muss dieses Gefühl auch ins Wohnzimmer transportieren. Das gelingt Tainted Grail allerdings vortrefflich, auch dank einer großartigen Übersetzung! Wer sich einmal in der weit verzweigten Geschichte verliert, echte Konsequenz erlebt, weil sich die Welt nachhaltig verändert und Entscheidungen zwischen eigenem Überleben oder Rettung der Welt fällen muss, der gibt seinen Esstisch auf und isst sein Abendmahl auf Knien am Couchtisch. Denn als heiliger Gral der Erzählspiele bleibt Tainted Grail aufgebaut! Die besten Spiele ihrer Art verursachen solche Veränderungen und Tainted Grail ist für mich genau das.

Christian Administrator
Redakteur | Brettspieler | Fleischpöppel
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Tainted Grail

129 €
9.2

AUSSTATTUNG

9.5/10

SPIELIDEE

8.5/10

SPIELSPASS

9.5/10

Kurzfakten

  • Absolut grandiose Atmosphäre
  • Extrem viele Entscheidungen
  • Frust, gehört zur Spielerfahrung
  • Charakterfortschritt unausgeglichen
  • Als Einsteiger nicht mit mehr 2 Personen spielen!

Spielinformationen

  • Erzählspiel
  • Spieler: 1 - 4
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Dauer: 60 - 120 Minuten / Kapitel

4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • „Als Einsteiger nicht mehr mit 2 Personen spielen“
    Was meinst du damit?
    Als Einsteiger nicht mehr mit 2 Personen spielen, sondern mit 4 Personen oder
    Als Einsteiger nicht mit mehr als 2 Personen spielen

    Antworten
    • Ah, sorry! Da ist ein Wortdreher drin. Ich bessere das noch aus. Tainted Grail würde ich maximal zu zweit spielen. Die Downtime, gerade wenn man sich aufteilt und dann kämpfen muss, kann schon beachtlich sein.

      Antworten
  • Hi

    Wenn man das Spiel solo spielt. Lieber mit einem oder mit zwei Charakteren?

    Lg

    Antworten
    • Ich würde nur mit einem spielen, weil ich keine Lust hätte zwei zu verwalten. Einfacher ist es sicher mit zwei Charakteren, die man dann unterschiedlich verbessert. Gerade aufgrund von Diplomatie und Kampf, kann man sich dann besser spezialisieren. Falls mit einem Charakter halte ich Beor für am einfachsten, der, wenn auf Aggression geskillt, auch in der Diplomatie was durch Gewalt reißen kann. Das kostet zwar Ansehen, aber man schafft es irgendwie. Am schwersten fand ich den Druiden.

      Antworten

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