Lesezeit: 5 Minuten
Familiar TalesFamiliar Tales ist die mit Süßigkeiten gespickte Supermarktkasse des Brettspielregals. Klingt unsexy bis merkwürdig? Tja, meine Kinder wurden zu quengelnden Brettspielsuchtis und entwickelten Sitzfleisch wie Rentner im Fernsehgarten. Drei Partien am Sonntagnachmittag und ich Verrückter wollte das Spiel einpacken. Der Tisch wurde gebraucht, Abendessen und so. „Bitte, können wir nicht woanders essen und das Spiel aufgebaut lassen? Wir wollen nach dem Essen weiterspielen und morgen auch!“ Solche flehenden Sätze habe ich bisher nur bei einem anderen Brettspiel gehört und das war Zombie Kidz Evolution. Letzteres war allerdings ein Absacker. Familiar Tales ist ein opulentes Kampagnenspiel und damit ein ganz anderes Kaliber! Was also ist das Geheimnis und warum überflügelt dieses Spiel Der Herr der Träume mit Leichtigkeit?

Kurzcheck: Darum geht es in Familiar Tales

Familiar Tales erzählt die Geschichte von vier sehr unterschiedlichen, aber maximal charmanten Gefährten, die nichts anderes als ein Menschenleben retten wollen. Im magischen und fernen Königreich Prinzipalien greift nämlich eine dunkle Macht die Herrscherfamilie an. In letzter Sekunde wird ein Säugling aus dem Palast gerettet und zum weisen Hofzauberer gebracht. Das Baby ist nichts anderes als die Kronprinzessin. Während der Zauberer mit seinen vier Gefährten aus Frosch, Fuchs, Fee und Steingolem die Situation analysieren, hören sie in der Ferne das Fußgetrappel der Schergen näher kommen. Panisch flüchten die Gefährten mit dem Baby, während der Zauberer kampfbereit zurückbleibt, um Zeit für die Flucht zu gewinnen.

Und so beginnt ein spannendes Abenteuer über drei Akte und viele Kapitel. Professionelle Sprecher und märchenhafte Hintergrundmusik erschaffen über die App Kino für die Ohren. Schicke Figuren, meisterhaft präsentierte Panoramen in einem Spielbuch und unzähligen Entscheidungen warten zusätzlich! Der Clou, ihr begleitet nicht nur das Baby, sondern deren Entwicklung zu einer jungen Frau. All eure Entscheidungen auf den verschlungenen Pfaden in diesem Fantasy-Epos beeinflussen nicht nur das Ende der Geschichte, sondern auch, was für eine Frau die Kronprinzessin wird. Dabei wechselt das Spiel gekonnt zwischen interaktivem Hörbuch und analogen Abenteuerspiel, welches mit einfachem Deckbuildung, Karten-, Ressourcen- und Aktionsmanagement die Balance schafft, dass Erwachsene wie auch Kinder das Spiel mit Spaß erleben können. Die Sogkraft ist enorm! Wird aber durch einen wichtigen Umstand unterfüttert.

Familiar Tales
Auf dem Tisch ist gut was los!

Pacing ist King

Familiar Tales ist ein perfekter Dealer, weil eine Partie unfassbar gutes Pacing besitzt und man so nur schwer das Spiel einpacken kann. Man bleibt einfach hängen! Anhand der gewählten Route startet eine Partie immer mit einer Hörbuchpassage. In dieser warten öfters erste Entscheidungen und folglich auch weitere thematisch dicht erlebte Geschichten. Unfassbar, wie lange man darüber diskutieren kann, ob man Milch klauen sollte oder aus einer Kiste ein Taschentuch entwendet, welches neben einer gruseligen Vodoo-Puppe liegt. Was für Konsequenzen hat man zu erwarten?

Nach einigen Minuten behaglichem Lauschens und Diskutieren über das weitere Vorgehen, landet man dann im Abenteuerbuch und erlebt ein kompaktes Szenario. Die taktischen Kämpfe, das gegenseitiges Helfen bei Aktionen oder das Sammeln von Ressourcen und Erfahrung motiviert. Man verbessert seinen Charakter mit neuen Karten und Gegenständen dauerhaft! Auch muss man sich immer um das Baby bzw. die Prinzessin kümmern . Es mutiert fast zum Tamagotchi, was besonders den Kinder gefällt. Trösten, Wickeln und Füttern, ansonsten verschlechtert sich der Gemütszustand. Wenn das Kind wächst, werden andere Dinge nötig. Gar nicht so einfach, wenn drumherum die Action tanzt und man Gegnerbewegungen antizipieren muss. Absprachen sind so immer nötig, um die Abenteuer gut zu überstehen!

Familiar Tales
Jedes Szenario hat seine eigenen Regeln.

Die Spielzeit ist der Clou

Auch während des Spielens im Buch werden durch Codes im Abenteuerbuch in der App weitere Hörbuchschnipsel ausgelöst. Trotzdem dauert so ein Ausflug nie mehr als 30 bis 45 Minuten. Am Ende eines Abenteuers warten wieder ein Hörbuchschnipsel und ein neuer Ort auf der Karte. Will man da als Gruppe aufhören? Ach komm, ein Hörbuchauszug geht doch noch. Was wartet denn auf der nächsten Seite im Abenteuerbuch? Ui, das sieht aber spannend aus. Und zack, hängt man am Haken und die nächste Partie hat schon begonnen, bevor man es gemerkt hat. Aufhören ist hier alles andere als einfach. Am Ende isst du dein Abendbrot auf dem Fußboden, denn Familiar Tales gehört auf den Tisch. Die Kinder haben eben immer recht!

Familiar Tales
Das Kind wächst und so muss man statt Windeln wechseln Milly anders beschäftigen.

Simpel, gut und zu viert

Das Pacing und die Spielzeit pro Partie sind also um einiges besser als bei Der Herr der Träume, aber auch spielerisch ist es runder. Die Kartenmechanik ist schnell verstanden und von Kindern ab 8 Jahren mit etwas Erfahrung selber zu händeln. Gleichzeitig bietet das Spiel aber durchaus Tiefgang. Fünf Karten bestimmen deine Möglichkeiten pro Runde. Du kannst sie abwerfen, um dich zu bewegen, Proben zu bestehen oder zu kämpfen. Dabei haben die Karten unterschiedliche Attributwerte und manch Sonderregel. Es ist also gar nicht so einfach, seine 5 Karten geschickt auszugeben, weil du sie für alles benutzen kannst. Wer sich erschöpft, zieht eine Strafkarte, darf aber weitere Karten nachziehen. Wie weit geht man da? Mit Gegenständen können zudem Symbiosen mit Handkarten geschaffen werden.

Familiar Tales ist damit kein Spiel für jüngere Kinder! Man müsste ihnen zu viel aus der Hand nehmen und bringt sie somit selbst um den Spaß. Passend dazu thematisiert das Spiel Verantwortung. Kinder sollten hier wirklich autark spielen können und nicht nur mitspielen. Optimalerweise dann auch mit vier Personen, denn alle Charaktere müssen gespielt werden. Ansonsten muss eine Person mehrere Charaktere spielen, was für Kinder gar nicht zu empfehlen ist und bei Erwachsenen für Verwaltungsaufwand sorgt.

Familiar Tales
Die Kartenmechanik ist einfacher gehalten, macht aber Spaß.

Fazit

Familiar Tales ist eine enorm starke Symbiose aus atmosphärischen Hörbuch, spannenden Abenteuerspiel in perfekten Häppchen und einem wahnsinnig starken Thema. Die vier Gefährten sind eine zuckersüße Bande, die sich für den nächsten Pixar-Film eignen würden. Die Geschichte ist durchtränkt mit Spannung und Witz, handelt von großen Emotionen, tiefer Verantwortung und das man nicht immer alles richtig machen kann. Es kitzelt durch unzählige Entscheidungen Diskussionen aus der Familie. Es erheitert, es lädt zum Träumen ein. Familiar Tales klaut dir nicht nur den Tisch, es klaut dir die Zeit, ohne das du es merkst. Dabei ist es spielerisch leicht zu händeln und trotzdem bietet es keine spielerische Ebbe, weil das Deckbuilding und Ressourcenmanagement passenden Tiefgang besitzt. Darum, liebe Erwachsene mit Kindern, macht nicht den Fehler und lasst eure Kinder nur mitspielen. Auch wenn das Spiel knuddelig ausschaut, den größten Spaß erlebt man als Familie zu viert mit selbstständig (!) spielenden Kindern und dafür braucht es ein gewisses Alter. Wer das beherzigt, erlebt mit Familiar Tales wohl eines der derzeit besten Kampagnenspiele für Familien.

Familiar Tales

69,99 €
9

AUSSTATTUNG

8.9/10

SPIELIDEE

8.7/10

SPIELSPASS

9.3/10

Kurzfakten

  • Super Vertonung
  • Starkes Pacing
  • Tolle Story und Charaktere
  • Viele Entscheidungen
  • Einfaches Unterbrechen der Kampagne
  • Kartenmechanik motiviert

Spielinformationen

  • Genre: Dungeon Crawler
  • Personen: 1 - 4
  • Alter: ab 8 Jahren
  • Dauer: 30 - 45 Minuten
  • Autor/in: Jerry Hawthorne
  • Rezensionsexemplar erhalten
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7 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Danke Christian für diese Rezension! Ich habe das Spiel schon beim Händler gesehen aber links liegen gelassen weil wir Herr der Träume schon haben. Und bei letzterem wurde es irgendwie lahm. Aber dass Familiar Tales ein deutlich anderes Konzept verfolgt macht es sehr interessant. Perfekt für die Weihnachtszeit.. wir werden es testen.

    Antworten
    • Cool! Ja, Der Herr der Träume war auch cool. Hatte aber ein paar Hänger und war für die Kinder eigentlich oft zu lang. Familiar Tales macht vieles wirklich besser und die Kinder haben es wirklich hart gefeiert. Sie sind jetzt aber eben auch schon älter als bei Herr der Träume.

      Antworten
  • Hab es auch hier liegen, danke für die Rezension. Das deckt sich mit meiner Hoffnung, da Herr der Träume und auch Aftermath von den einzelnen Kapiteln sehr lang waren für den Jüngsten. Jetzt male ich noch heimlich die Figuren an und überrasche die Familie damit für die nächsten 2 Woche in Dänemark damit 🤗

    Antworten
  • Lieber Christian
    Vielen Dank für die tolle Rezension 🙂 Meine Kinder fanden Herr der Träume gut aber irgendwie fehlte etwas an der Spielmechanik. Ich hatte das Spiel Familiar Tales schon bestellt und dann wieder abbestellt da dich dachte es sei genau so wie der Vorgänger.
    Dann nach Deiner tollen Rezension erneut bestellt.
    Wir alle sind gespannt auf das Spiel.
    Macht weiter so 🙂
    Lieber Gruss aus der Schweiz!

    Antworten
  • Hallo Christian,

    danke für den Test. Kannst du auch was zum Wiederspielwert des Spiels sagen? Ein anderer Test sprach davon, das dieser hier sehr gering sei. Bei einem 70 Euro Spiel wäre das natürlich interessant zu wissen.
    Danke und Gruß,

    -hotte

    Antworten
    • Es ist ein Kampagnenspiel und besitzt wirklich viel Spielzeit. Es gibt Abzweigungen und Entscheidungen und ob man alle Karten sieht, ist auch die Frage. Auch im Hörbuchanteil gibt selbst unter gleichen Zahlen andere Beiträge. Ich würde es trotzdem kein zweites Mal spielen wollen. Man hat 79 Spielseiten, also 79 Szenarien. Auch wenn einige schneller rum sind, diese 79 Szenarien plus die Hörbucheinträge, ich empfinde es für den Preis und einmal spielen mehr als fair.

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