Lesezeit: 6 Minuten
PaleoWie startet man eine Besprechung zu Paleo? Mit Gipsy Kings. Das passt thematisch gar nicht, aber wenn ich Paleo lese, dann ertönt sofort die Melodie von Bamboléo in meinen Ohren. Kann einer bitte diese wirre Verbindung lösen?! Eine Sache passt dann aber doch, denn so wie die Könige der akustischen Gitarren ihre Saiten zupfen, so spielt Paleo, trotz seiner im Kern überschaubaren Mechanik, eine Hymne des kooperativen Spielspaßes. Selten hat ein Brettspiel nur über die Auswahl einer einzigen Karte so viel Drama, Spannung und Interaktion am Brettspieltisch erzeugt. Da ist dem Autor Peter Rustemeyer etwas Faszinierendes gelungen, auch ganz ohne Pin up-Charme. Starten wir die Reise in die Steinzeit mit der Frage, wie du deinen ganzen verdammten Clan am Leben halten kannst!

Kurzcheck: Darum geht es in Paleo

Das ist nämlich die Ausgangslage: Überleben in der unerbittlichen Steinzeit! Paleo ist eine lose Kampagne aus verschiedenen Modulen, wobei jedes Modul seinen eigenen Kartensatz ins Spiel bringt. Du startest wie alle anderen am Tisch mit einem Clan aus zwei Steinzeitmenschen und gemeinsam versucht ihr eure eigenen Stapel an Karten durchzuspielen. Versteht den Stapel an Karten als verfügbare Zeit am Tag. Dabei hast du die Ziele der Module immer im Blick, für die du ganz unterschiedliche Dinge erreichen musst. Eine Sache eint sie, schaffst du es nicht am Abend, der Moment wo eure Nachziehstapel aufgebraucht sind, die Voraussetzungen der Module zu erfüllen, frieren und hungern sich deine Leute zu Tode. So leitet man das negative Spielende ein! Das solltet ihr natürlich gemeinsam verhindern. Nur mit Absprache und gemeinsamen Taktieren ist es möglich, die Spielziele zu erfüllen und gleichzeitig die fünf Plättchen zur Vervollständigung des Wandgemäldes zu erspielen. Eines ist Paleo ganz sicher nicht: einfach!

Paleo

Ordentlich was los auf dem Tisch.

Der Tagesablauf

Die Grundmechanik von Paleo ist allerdings extrem simpel. Du ziehst die obersten drei Karten deines Nachziehstapels, darfst allerdings nur die Rückseite betrachten. Diese zeigt an, was sich auf der Vorderseite befinden könnte. Ein Wald abgebildet? Nun, vielleicht findest du Holz oder ein Tier zum Jagen. Du siehst ein Lagerfeuer? Dann erhält dein Clan vielleicht Zuwachs oder kann Werkzeuge herstellen. Was genau passiert ist nicht absehbar. Das erzeugt Spannung und bei der Wahl der Karte wird die Abstimmung mit der Gruppe gesucht. Eine der drei Karten legst du nun vor dir ab, die anderen zwei werden in der gezogenen Reihenfolge wieder auf den Nachziehstapel gelegt.

Das machen alle Spieler gleichzeitig, genauso wie das folgende Umdrehen der Karte. Die zweite Welle der Kommunikation startet. Plötzlich erhältst du im Gebirge kein Stein, sondern es lauert dir ein fieser Wolf auf. Dafür ist die Waldkarte bei deinem Steinzeit-Partner richtig cool, da erhaltet ihr drei Holz. Das braucht ihr, damit ihr am Ende euren Clan mit wichtigen Fackeln und Speeren ausrüsten könnt. Nur so lassen sich die stärkeren Gefahren meistern. Was euch am ersten Tag die Haut über die Ohren zieht, ist ein paar Tage später locker gemeistert. Falls ihr denn so weit kommt und nicht verhungert. Ja, ihr erlebt hier eine absolute motivierende Clanprogression. Wichtig zu wissen, bei vielen positiven Ereignissen auf der Vorderseite kann man alternativ auch MitspielerInnen helfen und auf seine Aktion verzichten. Das bringt uns zurück zur Frage, wer jetzt wem hilft! Holz sammeln und du verlierst Lebenspunkte durch den Wolf? Auf das Holz verzichten und gemeinsam den Wolf besiegen und Fleisch erhalten? Paleo beschert euch ohne kompliziertes Regelgerüst viele kleine Entscheidung, die jedes Mal eine andere Geschichte erzählen.

Paleo

Na, welche der drei Karten wählst du? Und Obacht, da macht sich schon eine Gefahrenkarte bereit!

Das Spielgefühl

Eine einzige Karte pro Zug spielst du und trotzdem wird ein intensives Spielgefühl erzeugt. Was hast du und deine MitspielerInnen für Karten? Welche Ressourcen brauchen wir? Wo erwarten wir als Gruppe eine Gefahr auf der Vorderseite und brauchen daher Hilfsaktionen? Dabei darf man nicht vergessen, dass bei Proben Karten eben ungesehen abgelegt werden, was dir die wahre Bedeutung der Vorderseite vorenthält. Ist dies zudem eine Gefahrenkarte, verlierst du Lebenspunkte. Autsch! Die Steinzeitmenschen sterben manchmal verdammt schnell, was am Ende dafür sorgt, das alle verlieren. Leider schlummern wirklich viele Gefahrenkarten im Deck. Also musst du manchmal aktiv eine angehen, denn nur beim Abwerfen verlierst du Lebenspunkte. Knifflig!

Anderseits werden eben auch Karten abgeworfen, wo du vielleicht in den Wald oder an den Fluss gehen könntest und wichtige Ressourcen erhältst. Du weißt anhand der gezogenen drei Karten immer was du abwerfen wirst, wenn du eine Aktion bezahlen musst. Auch das muss mit einbezogen werden. Dann gibt es noch die Spezialkarten der Module. Diese sollten vielleicht auch nicht ungesehen abgeworfen werden. Sie sind der Schlüssel zum Sieg. Allerdings auch nicht immer leicht zu meistern, anfänglich scheitert man meistens. Sie trotzdem anzuschauen ist zwar ein Graus, aber nur so weißt du, wie du das Spiel gewinnst. Scheitern gehört dazu, damit du mit dem neu gewonnenem Wissen es am nächsten Tag besser machen kannst. Am Ende besuchst du in Paleo Wälder, Flüsse, Berge, träumst von Ereignissen, bekämpfst wilde Tiere, verbesserst deinen Clan und kämpfst bei jedem Tagesanbruch aufs Neue ums Überleben. All das nur durch die Wahl einer Karte, ganz ohne Downtime. Fantastisch!

Die vielen Werkzeuge machen den kleinen Clan trotzdem stark!

Coole Module

Tja, über die 10 Module bei Paleo will ich nichts verraten. Ich will euch die Überraschungen nicht versteinzeitaltern. Die 222 Karten sorgen aber für viel Abwechslung und einige Module haben es spielerisch wirklich in sich. Nicht jede Zusammenstellung werdet ihr auf Anhieb schaffen. Es ist also einiges an Langzeitmotivation vorhanden. Wichtig: die Module sind keine wirkliche Kampagne. Es gibt zwar 7 feste Level mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad, aber auch danach kann man wild Module mischen und Spielspaß aus Paleo ziehen.

Paleo

Gewonnen! Die Wandmalerei des Mammuts ist fertig gestellt.

Das Mammut auf dem Eis

Dann wäre da aber noch dieses dicke Mammut auf dem Eis. Ja, ich meine die Anleitung. Diese wurde zwar schon überarbeitet, aber ich empfinde den Einstieg in das Spiel als nicht wirklich leicht. Das erstmalige Zusammenstellen der Module ist auch nicht so ohne. Ich zumindest habe mich ungewohnt schwergetan. Vor allem fiel es uns schwer bei Unklarheiten schnell Hilfe in der Anleitung zu finden. Nach spätestens einer Partie ist das Mammut aber vom Eis geholt.

Was vielleicht auch überraschen mag und nicht umsonst in der Anleitung hervorgehoben wird, spiele Paleo anfänglich nicht mit mehr als zwei Clans. Wenn ihr mehr seid, dann teilt euch die Clans. Ich persönlich finde es zu zweit oder zu dritt am besten. Zu viert dauert die Absprache länger, die eigenen Tage sind kürzer (dünnerer Nachziehstapel), die Anforderungen bleiben aber gleich hart. Ergo empfinde ich das Spiel, als schwieriger zu meistern.

Aus gefundenen Ideen werden mit dem richtigen Material mächtige Werkzeuge.

Fazit

Die Steinzeit war kein gemütliches Brettspiel-Café, sondern ein heftiger Kampf ums Überleben. Mühsam muss die Wildnis durchkämmt werden und wer eigentlich nur Steine für ein Werkzeug sammeln wollte, stolpert plötzlich über die Mammut-Mutti! Ergebnis: Keine Steine und ein geplätteter Steinzeitmensch. So ein Leben in der Steinzeit, und damit auch die Partie in Paleo, kann schnell vorbei sein. Das Spiel ist definitiv nicht einfach! Es erfordert Absprache, Mut zum Risiko und Erfahrung über kommende Ereignisse. Andere Brettspiele fahren für solch ein Abenteuer komplexe Mechaniken auf. Paleo reicht die Wahl einer Karte! Höchst kooperativ, keine Downtime und eine gelungene Mischung aus taktischer Planung und spannendem Zufall. Durch den Modulcharakter bleibt es lange abwechslungsreich und als kleines Highlight gibt es mit der Werkzeugbank sogar einen echten Eyecatcher. Der Einstieg ist aufgrund der Art der Anleitung etwas suboptimal, aber wer diese Hürde nimmt, der erlebt, vor allem auch zu zweit, ein wirklich gutes kooperativen Brettspiel!

Paleo

46,15 €
8.6

AUSSTATTUNG

8.5/10

SPIELIDEE

8.5/10

SPIELSPASS

8.8/10

Kurzfakten

  • Einfache Mechanik
  • Trotzdem sehr fordernd!
  • Absprachen nötig
  • Module spannend
  • Vor allem zu zweit sehr gut

Spielinformationen

  • Genre: Kooperativ
  • Personen: 1 - 4
  • Alter: ab 10 Jahren
  • Dauer: 45 - 60 Minuten
  • Autor/in: Peter Rustemeyer
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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Moin Christian, was sind das für hübsche Schälchen auf dem Tisch?

    Antworten
    • Die habe ich in einem 1 € Shop gefunden. Das nennt sich: Bambus Schale Appetizer. Eigentlich für kleine Happen gemacht, oder so. Die sind mega günstig. 10 Stück 1 bis 3 € und taugen super für Spielmaterial.

      Antworten
      • AUSSTATTUNG

        8.5

        SPIELIDEE

        9.5

        SPIELSPASS

        8.5

        Schönes Review.
        Deckt sich mit unseren Erfahrungen. Und ja, die Anleitung ist irgendwie komisch.
        Aber das Storytelling mit nur einer (Geheimnis)-Karte habe ich so auch noch nicht erlebt. Aber gerade wenn du meinst einfach „mal so“ schnell das Mammutbaby zu erlegen und die Geheimnisskarte aufgedeckt wird, sitzt die Spielerunde geschlossen am Tisch und akzeptiert die Konsequenz….und hat (zu Recht) irgendwie ein schlechtes Gewissen. Damit relativiert sich auch der hohe Schwierigkeitsgrad. Er ist hoch, aber niemals unfair, sondern eher realistisch

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      • Danke!

        Antworten

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