Queen Games hatte eingeladen. Vorfreuderegler auf Maximum geschoben. Neuheiten anspielen. Dann Neuheiten anspielen. Und klar, Neuheiten anspielen. Der Zeitrahmen ist im Prinzip vom Frühstücksbrot bis zum späten Feierabendbier und alles davon durchtränkt mit Brettspielen. Dazwischen ein von Tisch zu Tisch springender Stefan Feld, der mit Erklärfreude und maximal trockenem Humor glänzte. Für gute Laune sorgt aber nicht nur der Autor der Stefan-Feld-City-Collection, sondern auch jeder einzelne Mitarbeiter dieses Verlags. Und genau in dieser Sphäre aus Eurogames und Verlagsmenschen, fühlte ich eine Klarheit und ein Gefühl der Zufriedenheit. Was ist da Magisches passiert? Bevor wir uns mit den Neuheiten beschäftigen, also erst einmal der Deep Talk.
Zeitreise ins Gestern
Mein magischer Moment manifestierte sich bei Beijing, dem 12. Titel der City Collection und Neuheit für die SPIEL ’26. Damit du mitsurfen kannst, ein kurzer Einschub. Am Tag vor dem Presse-Event spielte ich die Neuheit Revenant von Mindclash Games. Der Tisch üppig gedeckt. Material Top-Level. Mechaniken viel. Expertenspiel halt. Schreit aus seiner Selbstverständlichkeit nach Höchstbewertung. Wir waren da also im Feierrausch. Eigentlich.

Kontrastprogramm als Augenöffner
Zeitsprung. Ich sitze keine 12 Stunden später bei Queen Games, mittendrin bei Beijing. Eine überarbeitete Version von In the Year of the Dragon aus dem Jahr 2007. Also geschmeidige 19 Jahre alst das Teil. Aufgepimpt über Module, durch behutsame, aber sinnvolle Mechaniken. Dazu später mehr. Wichtiger ist der Moment. Gefühltes Feedback nach jeder Aktion. Interaktion im Fokus vor und nach jeder Aktion. Reduziertes Material, aber punktgenau. Übersichtlich, positiv verstanden. Weil nichts blendet, sondern das, was ich sehe, immer Relevanz hat. Ich atme innerlich auf. Habe ich seit Revenant etwa die Luft angehalten? Es fühlt sich fast so an. Wie wunderbar das Spielgefühl. Spielte ich dafür nicht einmal Brettspiele? Habe ich mich deswegen nicht in Holztoken verliebt? In Momenten der direkten, durchaus fiesen, spürbaren Entscheidungen? Und dem Erleben direkter Konsequenzen? Diese Fragen überschwemmten mich.
In mir keimt ein Samen, der wieder einmal die eigene festgefahrene Denkweise, die das eigene Handeln automatisiert, durchbricht. Ich war öfter schon so weit. Falle aber immer wieder zurück. Jetzt fühle ich mich erfrischt. Gute Mechaniken benötigen keine zig Schachteln. Auch einfache Mechaniken führen zu reizvollen Entscheidungen, die expertigen Spielen in nichts nachstehen müssen, wenn sie vorbildlich verwoben sind. Wie viel gutes Spiel steckt hinter dem Ballast von Material, angeflanschten Mechaniken und zig Schleifen? Ja, du bist gemeint, Revenant. Krass. Ich gebe zu, meine Begeisterung zu Bejing überraschte mich selbst. An dieser Stelle ein Dankeschön an Stefan Feld und Queen Games für diese Neuauflagen! Die beweisen, dass gute Spielmechanik nicht in Plastik erschlagen werden muss, durch Breite nicht zwingend reizvoll wächst und es schon so etwas wie zeitlos gutes Design gibt.

Meine absoluten Highlights
Manila
Manila ist nicht das alte gleichnamige Zoch-Spiel mit schwankenden Booten, sondern die massiv überarbeitete Wiedergeburt von Stefan Felds Amerigo. Weiterhin schippert ihr durch eine modulare Inselwelt, errichtet Kontore, bepflanzt polyominoförmig Landflächen, baut Fabriken, sammelt Waren, ringt um Einfluss in Manila und versucht nebenbei, euch gegen kommende Taifune zu wappnen. Der große Umbau steckt allerdings im wirklich grenzgenialen Aktionssystem: Sieben Aktionsarten liegen als Würfelvorräte in „Schalen“ auf einem zentralen Rondell. Jede Schale steht für eine Runde. Vor jeder Runde werden die in der Schale liegenden Aktionswürfel durch einen neu konstruierten asymmetrischen (!) Würfelturm gejagt. Dieser spuckt bewusst unterschiedlich viele Würfel auf zwei Seiten aus. Ein Teil wandert in die Schale der nächsten Runde, der andere, größere kommt in die Schale zurück, und bestimmt, welche Aktionen überhaupt verfügbar sind und mit welcher Stärke sie ausgeführt werden können.

Was für ein reizvoller Spielspaß-Kniff! Ich muss hart planen, denn ich kann in die Zukunft auf die Verteilung der Würfel pro Runde schauen, bin aber nie gänzlich sicher, weil eben der Würfelturm die Planungen spannend immer neu nuanciert. Da kam ich ordentlich ins Schwitzen, schließlich will viel geschafft werden. Denn es gesellen sich harmonisch weitere Mechaniken dazu: Plättchenpuzzle, Bewegung, Mehrheiten, Warenketten und Wetterkatastrophen. Ein großer Super-Smoothie der Spielmechanik. Amerigo wurde hier somit nicht restauriert, sondern zum Feld-TÜV geschickt und mit einem vollkommen neuen Power-Motor zurückgebracht. Auf die ganze City-Collection bezogen neben Marrakesh und Cuzco mein absolutes Highlight.

Beijing
Bei Beijing wird weniger im Kern der Spielmechanik gesprengt und mehr ehrfürchtig entstaubt. Hier steckt Im Jahr des Drachen unter einer neuen Seidenrobe. Das Grundspiel ist nämlich nahezu übernommen, nur schicker verpackt. Insgesamt, wie schon erwähnt, ein eigentlich einfaches Konstrukt: Zwölf Monate aka Runden liegen vor uns, die kommenden Katastrophen sind bekannt. Dürre, Seuche, Musterungen, kaiserliche Abgaben und andere Daumenschrauben pro Runde. Wir versuchen, unsere eigenen Provinzen rechtzeitig darauf vorzubereiten. Klappt natürlich nicht, eine Person am Tisch ist mindestens der Dumme. Dafür draften wir vorher Aktionen und holen über eine Handkarte pro Runde passende Bewohner:innen in das eigene Dorf. Heiler gegen Seuchen, Krieger für die Musterung, Bauern für Reis, Feuerwerker fürs Festival oder Gelehrte und Mönche für Ruhm.
Das Geniale bleibt die permanente und omnipräsente Mangelwirtschaft: Ich weiß ziemlich genau, welcher Hammer bald auf meinen spielerischen Kopf fällt, besitze aber niemals genug Zeit, Geld, Platz und Personal, um immer wieder passend einen Helm dagegen aufzusetzen. Andere am Tisch schnappen einem zudem immer irgendwas weg. Interaktion im Dauerfeuer. Neu sind primär die deutlich aufgewertete Ausstattung sowie zusätzliche Personen, Ereignisse und Module. Außerdem gibt es einen fortgeschrittenen Modus mit neuen Charakteren, Aktionen und weiteren Elementen. Beijing wirkt zumindest im Grundmodus weniger als eine Neuerfindung, sondern ist eher der Director’s Cut eines Feld-Klassikers.

Noch mehr Brettspiele …
Neben Manila und Beijing fährt Queen Games zur SPIEL ’26 noch einige kleinere Geschütze auf, die stellenweise aber auch richtig Bock gemacht hatten. Besonders ein Titel war dabei ein Glanzpunkt für Inga und mich. Palace Quest: Alhambra plötzlich kooperativ! Gemeinsam bauten wir über acht Runden am Palast für den Highscore. Der Kniff ist ein Kartenspiel mit Wertigkeiten, mit denen Gebäudplättchen verpuzzelt werden müssen. Dabei sollten die gezogenen Karten (Push-Your-Luck-Mechanik) nicht nur die Kosten genau abdecken, weil dann mächtige Boni winken, sondern die Karten der Bezahlung mit der Kristallfarbe des Baufeldes übereinstimmen. Dazu müssen das Gebäudeplättchen mit seiner Ausrichtung (Mauern) auch noch passen und nach Möglichkeit an gleichen Gebäudearten angrenzen. Und wer nun Karten zum Bauen oft abwirft, weil es mehr oder weniger alles nicht passt, geht später baden. Keine Karten? Spiel verloren! Aus dem eher entspannten Palastbau wird damit ein enorm motivierendes, sehr zu empfehlendes kooperatives Puzzle-Erlebnis!

Alhambra – Das Kartenspiel. Einfach Alhambra auf Reisegröße heruntergekocht und ohne Spielfeld. Edelsteinkarten nehmen oder Gebäude mit Edelsteinkarten kaufen, dazu Zwischenwertungen und Endwertungen über Mehrheiten abrechnen. Weniger Mauern, weniger Tisch, deutlich weniger Material, aber derselbe kleine Schmerz, wenn jemand kurz vor der Wertung genau das Gebäude wegschnappt, das man selbst benötigte. Funktioniert! Mir war es etwas zu viel gespielt sein. Out of Words – Music & Movies gab es dann auch noch. Wieder liegen 25 Buchstaben aus, eine Kategorie wird vorgegeben und wir müssen einen Begriff über ein Hinweiswort beschreiben, dessen Anfangsbuchstabe in der Kartenauslage überhaupt noch verfügbar ist. Gelungene Hinweise ersetzen Buchstaben, Fehler lassen Möglichkeiten verschwinden. Der Wortschatz wird also nicht größer, sondern das Werkzeug immer kleiner. Geiles Spiel, nur das falsche Thema, weil Inga und ich uns einfach sehr schlecht Filmtitel oder Schauspieler:innen merken können.

Dancing Birds war dann Rommé bzw. Rummikub mit süßem Federtier. Vogelkarten zu Straßen oder Mehrlingen sammeln, auslegen oder bestehende Auslagen erweitern. Wer seine Hand zuerst leer bekommt, löst die Wertung aus. Klingt familiär bekannt, bekommt durch das räuberische Herumpicken in fremden Vogelschwärmen etwas mehr Ellenbogen. Zu Capibara, einem gepimpten Pachisi beziehungsweise Mensch ärgere dich nicht und Marrakesh: Walls & Guard, der mittlerweile dritten Erweiterung, bin ich leider nicht mehr zu gekommen. Als kleinen Blick über die SPIEL ’26 hinaus wurde außerdem Orlando, Nummer 13 der Stefan-Feld-City-Collection, als sehr frühen Proto gezeigt. Freizeitparkmanagement, bei dem der Fokus weniger auf Fahrgeschäften liegt, sondern vielmehr auf der Themenwelterstellung. Besonders interessant scheint der Aktionsmechanismus über sehr spezielle Würfel zu sein. Ich werde sicher an anderer Stelle noch einmal ausführlicher darüber berichten.

Und ihr so?
Falls ihr Rückfragen zu den Brettspielen habt, lasst gerne einen Kommentar da oder schreibt mir eine E-Mail.
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