Lesezeit: 5 Minuten
MarrakeshDie Auseinandersetzung mit Marrakesh, dem neusten Titel von Stefan Feld, war vor allem eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Direkt während der ersten Partie war ich irre begeistert. Diese Begeisterung hielt an. Das irritierte mich. Denn betrachte ich die innewohnende Mechanik, dann ist das letzte Werk des Autors mit Bonfire mechanisch ausgebuffter und als Freund von enorm hoher Interaktion ist Marrakesh ganz sicher nicht der heilige Gral. Warum aber hänge ich an diesem Spiel wie ein Smartphone-Junkie an Candy Crush Saga? Ich kenne mittlerweile die Antwort. Zeit, das Geheimnis zu lüften.

Kurzcheck: Darum geht es in Marrakesh

Als einflussreiche Familie kämpfst du um den ehrenhaftesten Titel in Marrakesh! Leute, wir kürzen hier ab. Kein thematischer Tanz, trotz toll gestalteten und üppigen Material-Parkett. Auch passt der Titel zum Spiel aufgrund der vielen bunten Keshis (Zylindersteine) und der Ressourcen, weil vielleicht Assoziationen an den weltberühmten Souk von Marrakesch aufgerufen werden. Das tritt bei diesem toll verzahnten Brettspiel trotzdem in den Hintergrund. Der reizvolle Tanz ist hier der Mechanik begründet.

In Marrakesh hast du 12 verschieden farbige Keshis am Anfang eines Durchgangs in deinem Besitz. Jede Farbe steht für einen Spielbereich auf deinem Tableau. Nun wählen alle Personen geheim drei Keshis aus. Nach der Wahl stellst du deine Worker in den passenden Bereich deiner gewählten Keshi-Farben. Jetzt kommt der Clou! Ihr werft die drei gewählten Keshis aller Personen in den Würfelturm. Kehsis die rausgepurzelt sind, sortiert ihr nach Farben. In Startreihenfolge wählst du nun eine Farbe und nimmst dir bis zu zwei Keshis und stellst sie in dein Tableaubereich. Easy! Das macht ihr  so lange, bis alle Keshis verteilt sind. Jetzt führt ihr nacheinander eure Worker Aktionen aus. Je mehr Keshis in einem Bereich stehen, desto stärker ist die Aktion. Dieser Kreislauf wird wiederholt, bis alle 12 Keshis gewählt wurden. Nach einer Zwischenwertung wiederholt sich der komplette Durchgang. Nach drei Durchgängen ist die Partie beendet. Marrakesh besteht also aus verzahnten Aktionsbereichen, die Siegpunkte, Symbiosen und allerhand Boni ausschütten und die man über einen interaktiven Auswahlmechanismus individuell verstärkt. Die an sich einfache Grundmechanik ist schnell verstanden. Und damit wären wir auch schon bei einer der großen Stärken.

Marrakesh
Kein Absacker …

Leichtigkeit

Marrakesh lässt mit seinem imposanten Material jeden Tisch wohlgefällig erzittern, besitzt aber eine absolut spielerische Leichtigkeit. Die Grundmechanik aus Keshis für Aktionsbereiche wählen, Streit um Keshis durch den Würfelturm und abschließenden Worker-Aktionen ist nach einer Runde drin. Das lässt im Oberstübchen genug Energie übrig bleiben, um sich auf die Verzahnung und die Interaktion zu konzentrieren. Der Witz ist nämlich, dass du eben jede Farbe nur einmal hast und damit jeden Bereich auch nur einmal mit einem Worker aktivieren kannst. Den Joker-Keshi ignoriere ich an dieser Stelle.

Marrakesh
Welche Keshis wähle ich bloß?

Ein reduziertes Beispiel. Ich möchte Datteln produzieren! Also wähle ich den grünen Keshi und stelle meinen Worker ins Dattelfeld. Meine Frau, rechts neben mir hat sich das auch gedacht. Wir schmeißen unsere Kehis rein. Meine Frau wählt vor mir aus und nimmt natürlich zwei grüne Keshis. Frau 2, ich 0. Sie produziert danach zwei Datteln, ich opfere meinen Worker, damit ich als Ersatz immerhin einen grünen Keshi in den Spielbereich setzen kann. Denn keine Keshis, keine Datteln. Für den ganzen Durchgang habe ich nun keinen grünen Keshi mehr! Meine Frau lacht, ich kotze. Willkommen bei MarrakeshÜbrigens kann man auch Keshis nehmen, ohne das ich in dem Spielbereich einen Worker stehen habe. Dadurch hat man vielleicht temporär einen Nachteil, aber eine andere Aktion in der Zukunft verstärkt. Beim Dattelbeispiel würde ich vielleicht von einer dritten Person seinen blauen Keshi nehmen. Die dritte Person geht ganz leer aus. Ihr merkt, die geheime Auswahl der Keshis ist absolut nicht banal. Was machen die anderen? Welche Keshis haben sie schon eingesetzt? Welchen Platz in der Reihenfolge habe ich? Gedankenspiele, die mehr ausmachen als die Summe seiner Teile.

Marrakesh
Was nimmst du?

Stetige Belohnung

Mir macht diese Art der Interaktion unheimlich viel Spaß! Es ist aber nicht der einzige Grund, warum mich Marrakesh so begeistert. Jetzt betreten wir wirklich den Bereich von Candy Crush Saga. Diese App-Spiele sind so erfolgreich, weil sie ständig glitzernd Belohnungen ausschütten. Genau das macht Marrakesh. Erst einmal haptisch. Es ist einfach wohltuend so viele bunte Spielsteine am Tisch zu erleben und noch befriedigender, diese ständig in sein übergroßes Doublelayer-Tablau zu stecken. Man kennt das vielleicht aus Azul, wenn das Handling zum Spielspaß beiträgt. In Marrakesh sorgen die Keshis bei mir für ein ähnlich wohlig warmes Spielgefühl!

Zweitens sorgt die Verzahnung der vielen Aktionsbereiche überall für spielerische Belohnungen. Es gibt Plättchen für Boni oder dauerhafte Aktionen zu kaufen, die dir dadurch wieder neue Dinge ermöglichen. Du läufst auf zwei parallel laufenden Leisten empor, die an Schnittstellen zueinander je nach Position unterschiedliche Einmaleffekte besitzen. Du kannst Stadttore in allen Farben kaufen, die nicht nur Punkte, sondern zusätzliche Keshis einbringen. Gönne dir ein Wettrennen auf dem Fluss, Boni auf einem Rondell, tausche Ressourcen für Siegpunkte-Waren und schalte diverse Bedingungen fürs Spielende frei! Viel zu entdecken, stark verzahnt und alle Aktionen abhängig von deinen gesammelten Keshis. Es ist nicht nur Punktesalat, sondern auch Mechanik-Dressing obendrauf!

Marrakesh
Dein Tableau macht glücklich.

Module

Auch wenn Abwechslung durch die Auslage der vielen Plättchen besteht und auch die Würfelturmmechanik im Gesamten durch Zufall und Auswahlprozess immer einlädt etwas anderes auszuprobieren, können sich gewisse Abläufe einschleifen. Nicht sofort, aber mit zunehmender Anzahl an Partien. Hier bietet Marrakesh ein paar interessante Module, die für einen erhöhten Langzeitspaß sorgen. So verändern sich Boni auf Leisten oder dem Spielertableau und der Spielbereich mit den Oasen für Siegpunkten bei der Endabrechnung.

Marrakesh
Toll verzahnte Leisten.

Für alle

Skeptisch war ich bei der Anzahl der Mitspielenden. Die Fülle an Keshis die in den Würfelturm bei vier Mitspielenden geworfen werden, ist zu zweit geringer. So Ist die Wahrscheinlichkeit niedriger, dass bei der Auswahl von Keshis zwei gleichfarbige genommen werden können. Und das ist ja durchaus ein Spaß! Meine Skepsis war allerdings nicht angebracht. Marrakesh funktioniert ganz wunderbar zu zweit. Es ist sogar noch eine Spur kniffliger. Das liegt aber vor allem an meiner Kapazität oberhalb des Halses. Nein, nicht meine Nase, sondern das Hirn ist gemeint. Ich kann mir bei vier Personen nicht gänzlich merken, wer welche Keshis schon genommen hat. Zu zweit geht das aber wunderbar. So wird die Auswahl der Keshis zu einem echt taktischen Mind-Duell!

Viele Plättchen schenken interessante Möglichkeiten.

Fazit

Marrakesh ist sicher nicht das komplexeste Brettspiel von Stefan Feld und ist nach einer zugegeben üppigen Ersterklärung angenehm unkompliziert zu spielen. Es besticht für mich durch seine tolle Interaktion am Würfelturm, bei dem die eigenen Planungsspiele mit den vermuteten Aktionen der Mitspielenden abgestimmt werden müssen. Die Verknüpfung aus Keshis, Worker-Aktion und Würfelturm ist genial! Spannung umarmt hier neckisches Geplänkel. Spielreiz entsteht bei Marrakesh ebenso durch seine intelligente Verzahnungen, wobei ich die stetige Belohnung als noch wirkmächtiger einschätze. Damit sind nicht nur die vielen Belohnungen aus ausgelösten Symbiosen und klassischen Punktesalat gemeint, sondern auch das haptische Element. Keshis machen einfach glücklich! Damit reiht sich Marrakesh in die erste Regie der besten Brettspiele 2022 ein.

Information: Es wurde die Deluxe-Ausgabe gespielt.

Marrakesh

ab 89,99 €
8.9

MATERIAL

9.3/10

SPIELIDEE

8.5/10

SPIELSPASS

8.9/10

Kurzfakten

  • Opulentes Material (Deluxe)
  • Angenehme Interaktion
  • Keshi-Würfelturm-Mechnaik super
  • Belohnendes Spielgefühl
  • Auch zu zweit gut
  • Motivierender Punktesalat

Spielinformationen

  • Genre: Aktionsplanung
  • Personen: 2 - 4
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Dauer: 120 Minuten
  • Autor/in: Stefan Feld
  • Rezensionsexemplar erhalten
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