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Brettspiele sind nicht immer spaßiger Sonnenschein, sondern können das Nervenkostüm massiv massieren, die Tränensäcke platzen lassen und Gesichter formidabel durch Wut entgleisen lassen. Welche Brettspiele das sind, ist wohl von Spielgruppe zu Spielgruppe unterschiedlich. Manchmal mag es bizarre Blüten tragen, wie die Backpfeifen-Story bei Nobody is perfect!, weil das Spiel eigentlich nicht für fiese Brettspielabende steht. Andere Spiele allerdings forcieren das aggressive und gemeine Spielen und die persönlichen Perlen dieses Genres will ich euch hier vorstellen. Vorsicht, ausprobieren auf eigene Gefahr! Ich will nicht Schuld an zerbrochenen Ehen, verlorenen Freunden und zerstörten Brettspielen sein. Im Übrigen, die Reihenfolge stellt den Grad des Heulalarm dar. Fangen wir gemächlich an….

Die fiesesten Brettspiele

10. Dream Runners

Meine Erfahrungen sind noch sehr frisch und die meisten Partien waren doch eher harmonisch. Es geht aber auch anders! Puzzeln in Echtzeit, wo der schnellste Mitspieler die anderen stresst? Dann passen die Puzzle-Teil nicht, andere Mitspieler machen blöde Kommentare und dann wird als Kirsche on Top die ablaufende Zeit der Sanduhr kommentiert. Vor allem der falsche Tabletalk zur richtigen Zeit sorgt hier für aggressive Träumereien. Wir bewegen uns bei Dream Runners insgesamt auf einem noch harmlosen Niveau im Vergleich zu den gleich folgenden Vertretern, aber für ein Familienspiel kann es hier echt hitzig werden. Oder warum fragte unser Jüngster, ob das bei Mama wieder weggeht?

9. Kahuna

Kahuna liegt in Ketten! Ich habe es geliebt, das war wohl das Problem. In diesem Duell baut jeder durch das Ausspielen von Karten Brücken zu Inseln, um sie zu besetzen. Wer die Mehrheit an angrenzenden Brücken besitzt, ist Eigentümer und erhält am Ende eines Durchgangs dafür Punkte. Nach zwei Durchgängen ist eine Partie beenden. Der Witz ist nun, dass man auch Karten ausspielen kann, um Brücken des Gegners abzureißen. Wer sich geschickt anstellt, kann danach direkt noch eine eigene Brücke platzieren. Was passiert also so gut wie immer? Jemand baut sich über viele Runden ein Netzwerk aus Brücken und Inseln und dann kommt dein Gegenüber, reißt geschickt eine Verbindung ein und plötzlich purzelt dein Brückensystem in sich zusammen. Eben noch lag man vorne, eine Runde später im Dreck! Ich habe fast jede Partie gewonnen und zugegeben, mit meiner Schadenfreude und dem Sieger-Stepptanz war ich nicht der beste Spielpartner.

8. Galactic Era

Ich besitze gerade einen Prototyp von Galactic Era und da geht es auch heiß her. Auf den ersten Blick ist es ähnlich interaktiv wie Twilight Imperium oder Eclipse und beide Spiele könnten in dieser Liste auftauchen. Galactic Era packt aber aufgrund verdeckter Flotten ein fettes Bluff-Element hinzu und garniert dies noch mit dem Wechsel der Fraktion von einer hellen zur dunklen Seite. Je nach Seite kann man völlig anders gegeneinander agieren und den Mitspielern in vielerlei Hinsicht den Zug zerstören. Die bisherigen Partien waren von Politik und Intrige gezeichnet, bei denen überraschende Aktionen, gerade am Ende, schon schmerzhaft die Spielerseele betrampeln können. Oder wie würdest du es finden, deine sorgsam aufgebauten Planeten auf einen Schlag zu verlieren? Schau, wie er grinst am Tisch, der fiese Eroberer…

7. Cash n Guns

Wähle einen Mitspieler und ziele mit einer Schaumstoffpistole auf ihn. Mache das immer wieder und heize deine Mitspieler an es auch zu tun. Warum? Weil du es kannst! Glaub mir, hier werden gewisse Grenzen neu ausgelotet. Alleine das Zielen mit einer Pistole und damit die direkte Anklage am Tisch ist eine aggressive Handlung. Ja, etwas mehr Spiel steckt schon dahinter, aber während sich der eine beömmelt, weil sein Sitznachbar abgeknallt wurde und er fette Beute gemacht hat, fliegt der andere aus dem Spiel. Macht das Spaß? Nun, das liegt an der Gruppe. Schlimm wird es, wenn Leute am Tisch sitzen, die weniger das Spiel gewinnen wollen, sondern stumpf Spieler ärgern möchten. Unaushaltbar! Ihr merkt, hier war ich Opfer…

6. Through the Ages: A Story of Civilization

Ein Spiel welches absolut erbarmungslos werden kann! Nicht umsonst steht in der Spielanleitung, dass die Aufgabe und das Beenden der eigenen Partie durchaus legitim ist. Wer hat schon Lust 6 Stunden dabei zuzuschauen, wie die Mitspieler davonziehen und man selber nur hart auf den Sack bekommt. Knüppeldick kommt es dann, wenn Mitspieler das Militär fies einsetzen, man selbst noch wirtschaftliche Probleme hat und dann Ereignisse auch noch den schlechtesten treffen. Schelle links, Schelle rechts und dann eine Kopfnuss! Da muss man schon aus Buloke-Holz geschnitzt sein oder man verlässt weinend den Tisch.

5. The Resistance

Was soll zu diesem Spiel schon groß sagen?! Meine Erinnerung sind Party-Runden von 8 bis 10 Spielern, die irgendwann alle  brüllen, wild gestikulieren und am Ende ist einer immer der Arsch. Ich kenne die Details gar nicht mehr, nur das der Arsch ich war. Entweder habe ich zu viel geredet und mich als angeblicher Bösewicht entlarvt oder ich habe dann wenig gesagt und mich deshalb verraten. Die wahren Bösen haben sich ins Fäustchen gelacht und irgendwie immer gewonnen. Hier wird einfach immer gelogen, geblufft und intrigiert. Social Deduction spiele ich eigentlich echt gerne und Human Punishment, Houston, we have a Dolphin, Secret Hitler oder Whales destroying the World sind ähnlich gestrickt, aber nie so eskaliert wie The Resistance. In dieser Schachtel wartet irgendwie die extra Portion Boshaftigkeit!

4. Root

Root hat zwei Bedingungen. Man sollte wissen, dass man ein aggressives Spiel spielt und man muss die Fraktionen beherrschen. Dann wird aus Root eine spannende Partie, bei dem sich fiese Aktionen die Hand geben und Bündnisse so schnell gebrochen wie geschlossen werden. Es ist ein wunderbares hoch asymmetrisches Spiel, bei dem der Spieler gewinnt, der auch politisch am Tisch etwas bewirken kann. Hier reden wir nun von positiver Gemeinheit! Root hat aber auch ein zweites Gesicht, bei dem aus positiver Gemeinheit derber Frust entstehen kann. Spielt einer seine Fraktion nicht richtig, freut es den einen, der andere geht nun aber unter. Vielleicht ist er sogar chancenlos! Etwas mieser Tabletalk dazu und die Wutskala braucht nach oben hin einen Anbau.

3. Wasserkraft

Wasserkraft tritt in die gleichen Fußstapfen wie Through the Ages: A Story of Civilization. Es ist ein Heavy-Euro mit enormen Konfliktpotential. Das wirkt einfach doppelt hart, weil diese komplexen Brettspiele schon sehr viel Hirnleistung für den eigenen Aufbau abverlangen und trotzdem direkte Aktionen ermöglichen, mit denen man das hart aufgebaute Konstrukt anderer zerstört. Genau deshalb kann man diese Spiele aber besonders lieben! Karten und Arbeiteraktionsplätze wegschnappen bieten viele Spiele, dem Gegner aber seine aufgebaute Strategie so richtig an die Wand klatschen weniger. Die Erstpartien waren daher von angefressenen Mitspielern geprägt. Ich sah mich dieses Spiel schon verkaufen. Es kann also ein paar Partien brauchen, bis man mit diesem Biest warm wird.

2. Der Eiserne Thron

Es gibt Brettspiele, die zementieren Aktionen für die Ewigkeit. Der Eiserne Thron gehört zu diesen Spielen. Ich werde die Geste nie vergessen, wie Tille dem Brettspielbabo seine Hand gefühlvoll auf die Schulter legte und damit den Angriff startete, welches das bestehende Bündnis seit der ersten Runde brach. Mit süffisantem Grinsen folgten Worte wie « sei mir nicht böse ». Vorsicht also vor freundschaftlichen Schulterklopfen. Für diese Momente spielt man den Eisernen Thron, ein Spiel, bei dem man ohne Verrat an seinen Bündnispartnern nicht gewinnen wird, sie aber eben braucht, weil man sonst keine Chance hat. Ein herrlich gemeines Spiel, was wohl immer einen Platz in meinem Schrank haben wird.

1. Food Chain Magnate

Ich hasse dieses Spiel! Ich will es wieder spielen. Maximale Ambivalenz. In Food Cainhain Magnate kann man schon in der ersten Runde verlieren und wer gegen Spieler spielt, die schon Erfahrung besitzen, kann sich lieber seine Fußnägel schneiden gehen. Es kann durchaus sein, das du vier Stunden verzweifelst kämpfst, damit irgendeiner in dieser verdammten Stadt deine Cola, Pizza oder Burger kauft und am Ende landen alle Kunden wieder beim Nachbarn. Du gehst Pleite und deine Mitspieler füllen ihre Badewannen mit Bargeld. Dieses Spiel besitzt keinen Fallschirm, keine zweite Chance, es knallt dir brutal vor den Kopf, was du falsch geplant hast. Die Aktionen der Mitspieler und ihre erreichten Meilensteine verändern dazu direkt deine Möglichkeiten. Du bist also nicht nur schlecht, weil du falsch planst, sondern weil andere deine Möglichkeiten zerstören. Es ist wohl das härteste Brettspiel dieses Planeten.

Aus der Reihe gefallen

Junta

Vielleicht erzählst du mir wie Junta ist? Ich kann es nämlich nicht. Es ist das einzige Brettspiel, bei dem ich aufgrund von Erfahrungen anderer Spieler, von einem Kauf abgesehen habe, obwohl mich das Spiel wirklich reizt. Aber bei keinem anderen Brettspiel habe ich so oft von zerbrochenen Freundschaften, zerstörten Gegenständen im Wohnzimmer und gefühlten Knochenbrüchen gelesen. Es ist ein Klassiker der Wut und des Verrats… oder?

Und wo gibt es bei dir Stress?

Solche Listen taugen natürlich zum Austausch und genau darum würde ich gerne von euren Erfahrungen hören! Wo explodierte die Spielgruppe? Wann musstet ihr ein Taschentuch reichen? Welche Spiele kommen niemals wieder auf den Tisch und gehören zerhäckselt? Lasst mir einfach ein Kommentar hier!

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8 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Avatar
    Brettspielbabo
    4. September 2020 19:20

    Ich höre raus, dass ich wohl noch mal zu Food Chain Magnate einladen soll mit Ben und Michael 😀 *hex hex*

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  • Seit Jahren gehasst und doch immet mal wieder für eine „schnelle“ Runde ausgepackt: Munchkin. Es sorgte bisher in jeglicher Konstellation für Wutausbrüche und schlimmste Unterstellungen. Ist defintiv bei uns ein alltimefavourite:)

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  • 1. Catan zu dritt, als beide Mitspieler beschlossen „ab jetzt tauschen wir nicht mehr mit Dir“. Das Spiel mochte ich eh nie. Seitdem weiß ich aber, das spiele ich nie wieder mit.

    2. Isle of Skye. 1. Runde: alle meine Teile werden weggekauft, ich selber kann nix mehr kaufen, da letzter Spieler. 2. Runde: ich lege alle meine Münzen auf meine Teile, damit die bloß nicht weggekauft werden. Die werden trotzdem weggekauft. Am Ende der Runde haben alle 6 Teile ausliegen, ich 4 und somit das Spiel schon verloren. Ich bin nicht stolz auf meine Reaktion, aber ich war echt sauer und hate das Spiel immer noch dafür.

    3. Descent: an dem Abend mache ich ein perfektes Spiel, alle meine Fallen gehen auf, ich lenke die Spieler genau dahin wo ich sie haben will und würfel in allen 10 Situationen, wo die Spieler fast tot sind, Patzer und keiner der Spieler stirbt. Auch da war ich ganz schön sauer. Gottseidank lief es hier zumindest beim nächsten Spiel besser.

    4. Warhammer Fantasy: hier habe ich gerade auf Turnieren immer wieder erlebt, dass powergamende Spieler Wutanfälle hatten, die jedem 3-jährigen neidisch machen würden.

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  • https://boardgamegeek.com/boardgame/165959/jolly-roger-game-piracy-mutiny

    Captain, mein Captain… Wer schließt sich ihm an? Wer wird erster Maat und darf die Beute verteilen? Klar, dass der Captain am meisten bekommen muss. Was kriegen die anderen? Nach kürzester Zeit ruft immer eine/r: Meterei! Dann gibts Fratzengeballer. Wen supporte ich? Die Meuterer oder den Captain und seine Mannen? Jeder verrät jeden und über Runden geschlossene Pakte werden früher oder später auf jeden Fall gebrochen. Im Zweifelsfall wird nach jedem Beutezug gemeutert, wäre auch langweilig sonst so auf hoher See… Aaarrrrrr! Bei einer Runde bleibt es nie und in der nächsten wird auf jeden Fall Rache an den Verrätern genommen, dass das Spiel eigentlich von vorne losgeht und die Karten buchstäblich neu gemischt werden – völlig egal, vendetta!! 😉

    In der richtigen Runde mit den richtigen Leuten ein Riesenspaß 😀

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  • 😀 Guter Punkt, wir gehen das mal an… hohohoho!

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