Lesezeit: 6 Minuten
Dominant SpeciesDominant Species ist aus dem Jahre 2010 und trotzdem erst jetzt bei mir angekommen. Die deutsche Neuauflage hat sich hingezogen, was ich aber gerne in Kauf genommen habe, denn das Spiel, bei dem der Überlebenskampf von Spezies im Vordergrund steht, sitzt sattelfest in den Top 100 der besten Brettspiele auf BoardGameGeek. Ich war gespannt, wie sich das äußerlich abstrakte, vielleicht gar hässliche Spiel, schlägt! Meine Top-Liste der besten Area-Control-Spiele zeigt die harte Konkurrenz in meinem Schrank. Kann der Kampf Ameise gegen Lurch überhaupt gegenüber bierdosengroßen Miniaturen bei Cthulhu Wars oder den thematisch abgefahrenen Spezies bei Tsukuyumi mithalten?

Kurzcheck: Darum geht es in Dominant Species

In Dominant Species versucht du deine gewählte Spezies (Säugetiere, Vögel, Insekten, Reptilien, Amphibien, Spinnen) an die Gegebenheiten der Erde und ihrem Nahrungsangebot anzupassen und sie auf die kommende Eiszeit vorzubereiten. Dazu entwickelst du deine Spezies weiter, entdeckst neue Landstriche, verdrängst gegnerische Arten und vermehrst dich geschickt, damit du als dominante Spezies innerhalb der Gebiete Zugriff auf mächtige Dominanz-Karten erhältst. Gesteuert wird dies über deine Aktionssteine und den zwölf verschiedenen Bereichen, wo du die Steine einsetzen kannst. Dabei werden erst in Spielerreihenfolge die Aktionen geplant und erst danach ausgeführt. Dominant Species mischt also leicht asymmetrische Fraktionen mit Workerplacement und Area-Control. An sich eine solide Mischung, die aber auf den ersten Blick nicht sehr besonders wirkt. Im Gegenteil, Patzer in der deutschen Version mildern den ersten Eindruck zusätzlich.

Dominant Species

Am Ende schicker als man denkt.

Muss das sein?

Bevor man voller Vorfreude einsteigt, erste Schelle von der Rückseite der Schachtel: komische Formulierung und Fehler im Text. Dann der Blick auf die Anleitung. Man reiche mir Taschentücher, die Augen tränen. Schwarze Schrift auf unruhigen, leicht gestreiftem Hintergrund. Ich nenne das mutige Gestaltung. Erstmal lieber Auspöppeln. Ah, diese schicken Ozeanfelder, da hat sich jemand an der Farbskala von Blau zu Lila versucht. Schöner wäre es gewesen, wenn alle Ozean-Plättchen die gleiche Farbe gehabt hätten. Die Kirsche der Fehler ist dann das falsche Amphibien-Tableau, welches fälschlicherweise die Sonderregel der Reptilien erhalten hat. Zum Glück sind die Sonderfähigkeiten auf dem Spielbrett richtig. In der Summe sind mir die Fehler etwas viel, vor allem weil es sich nur um eine Neuauflage und keine gänzlich neue Übersetzung handelt. Dieser Schock ist aber schnell verdaut, was an den spielerischen Qualitäten liegt!

Dominant Species

Es gibt definitiv bessere Anleitungen.

Mehr Sein als Schein

Dominant Species

Das Platzieren der Aktionssteine ist mehr als knifflig!

Wer die Zylinder, Klötzchen und Pyramiden aus Holz sieht, dazu die eher zweckmäßige Gestaltung der Marker und des Spielbretts, wird vielleicht nicht verstehen, dass hier ordentlich Thema drin steckt. Mich hat es total abgeholt! Die Aktionen im Spiel ermöglichen eine thematisch passende Ausbreitung, je nach Vegetation und Entwicklung der eigenen Spezies. Darunter sind Aktionenmöglichkeiten auch miteinander sinnvoll verkettet. Wo im Anpassungsbreich Marker ausliegen, die genommen werden können, um die Spezies an neue Nahrungsangebote anzupassen, liegen im Bereich der Zurückentwicklung die ungenutzten Marker der letzten Runde. Passt thematisch! Da wo keine Nachfrage ist, entwickeln sich Spezies eben zurück. Das ist nicht die einzige Verknüpfung, zeigt aber exemplarisch, wie das Spiel die Geschichte der Evolution fühlbar macht. Nachteil, in den ersten Partien nervt der Verwaltungsaufwand.

Schnell ist man mitten drin im Überlebenskampf und müht sich ab weitere Nahrungsquellen zu nutzen oder Habitate der gegnerischen Spezies zu zerstören. Nahrungsspezialist werden und dafür in wenigen Gebieten extrem dominant sein oder eher Allesfresser? Der hat vielleicht hier und da Probleme mit der Dominanz, stirbt aber weniger schnell aus und kann sich überall ausbreiten. Man spürt hier die Evolution, trotz der spartanischen Aufmachung! Dominant Species ist dabei kein leichtes Spiel. Wer nicht aufpasst, kann in einer Runde aus einer sicheren Grundlage richtig abstürzen. Da der Nachschub neuer Arten deiner Spezies (Holzklötzchen) endlich ist, wird echtes Aussterben sogar möglich!

Der Clou mit der Dominanz

Kommen wir zu meiner Lieblingsmechanik. Freunde der analogen Unterhaltung, ich bekomme selbst beim Schreiben schwitzige Hände der Freude. Normalerweise ist der Fokus bei Area-Control die Mehrheit an Einheiten in bestimmten Gebieten. Dominant Species besitzt aber zwei Wertigkeiten. Die Mehrheit hat derjenige mit den meisten Arten seiner Spezies in einem Gebiet, dominant ist wer sich an das vorhandene Nahrungsangebot besser angepasst hat. Gäbe es in einem Wald als Nahrungsangebot Gras, Larven und Wasser, dann hätte eine Spezies, die perfekt angepasst wäre, genau diese Elemente entwickelt. Da reicht eine Art in dem Gebiet und man wäre gegenüber einer anderen Spezies, die vielleicht nur Larven frisst, aber dort zehn Arten hat, trotzdem dominant.

Dominant Species

Die Dominanz-Karten sind oft richtig heftig!

Was bringt das nun? Nun, du kannst durch Aktionen am Rundenende ein Gebiet deiner Wahl auswählen. Wer dort dominant ist, darf eine der ausliegenden Dominanz-Karten nehmen und ausspielen. Das solltest natürlich du sein! Hier geht es jetzt richtig zur Sache. Du erhältst weitere Aktionssteine, kannst Spezies dezimieren oder vielleicht Nahrungsangebote verändern. Jede Karte ist dabei einzigartig! Die Sache hat aber einen Haken. Neben der Karte wird das ausgewählte Gebiet gewertet und nun zählt die Mehrheit der Arten! Das bist du vielleicht nicht. Wer gewinnt, entscheiden aber allein die Siegpunkte. Du brauchst also beides, was aber nicht immer möglich ist. Je nach ausliegenden Karten, eigenen verteilten Arten und wie lukrativ Gebiete sind, ein Dschungel gibt z.B. mehr Punkte als eine Wüste, muss man immer wieder neu abwägen. Auch als Zweit oder Drittplatzierter bei der Mehrheit sind Punkte drin. Legitime Taktik, sich überall so ein bisschen ausbreiten und immer punkten. Durch die Dominanz-Mechanik und der davon losgelösten Punkteausschüttung über Mehrheiten, ist die Gebietseroberung einfach doppelt spannend!

Dominanz-Karten

Die Kegel zeigen Dominanz, die Würfel (Arten) erzeugen Mehrheiten.

Der Eismann ist da!

Ich weiß, ich nerve euch mit dem Schlagwort, aber ja, der sich jede Runde ausbreitende Gletscher ist ebenfalls herrlich thematisch! Nur ein Spieler pro Runde darf ein Vergletscherungsplättchen auslegen, wenn er diese Aktion belegt hat. Diese werden auf vorhandene Gebiete gelegt und zerstören damit das ursprüngliche Gebiet. Das hat diverse Auswirkungen. Zum einen werden alle Arten auf dem Gebiet bis auf eine pro Spezies vom Spielplan genommen. Wer lebt schon gerne auf dem Eis! Die Nahrungsangebote, die an den Ecken der Gebiete ausliegen, können, wenn von Vergletscherungsfeld umringt, ebenfalls zerstört werden. Eis lässt eben keine Nahrungsquellen zu. Das kann fatale Auswirkungen auf die eigene Spezies haben!

Siegpunkte werden auch noch beeinflusst. Platzierst du ein Vergletscherungsplättchen, erhältst du Punkte je nach Menge an angrenzenden Vergletscherungsfeldern und am Rundenende sahnt der Spieler, der die meisten Arten auf Vergletscherungsfeldern hat, zusätzliche Siegpunkte ab. Thematisch nachvollziehbar, spielerisch sehr spannend! Schlussendlich sorgen diese Möglichkeiten eben auch für einen Kampf bei den Aktionsfeldern. Du verplanst bei Dominant Species deine Aktionssteine nicht leichtfertig, was die Spielzeit schon etwas ausufern lassen kann!

Insekten

Die Spielübersicht ist am Anfang durchaus hilfreich.

Fazit

Was für ein geiles Spiel! Dominant Species wirkt von seiner Grundmechanik erst einmal wenig berauschend und winkt dazu noch mit eher biederer Optik. Doch schnell klatscht einem der Eiszapfen des Aussterbens in den Nacken und Mitspieler manövrieren einem nicht nur bei der Gebietskontrolle, sondern auch im Bereich des fordernden Workerplacements aus. Dominant Species schenkt einem nichts und fordert die grauen Zellen. Ein echtes Expertenspiel! Brutales Aussterben ist hier genauso inklusive wie die thematisch passende Evolution. Selten wurde aus abstrakten Materialien so fix ein Lurch, Ameise und Geier, der einfach nur versucht sich auf die kommende Eiszeit einzustellen.

Ich verzeihe dem Spiel aufgrund der spielerischen Qualitäten auch seine Mängel beim Material und den Umstand, dass man es besser mit mindestens drei, besser vier Personen spielt. Durch die Mechanik der Dominanz grenzt es sich so erfrischend von der Konkurrenz ab, bei der man eher auf die reinen Mehrheiten schielt. Somit ist Dominant Species eines meiner Highlights im Jahre 2020, selbst wenn es aus dem Jahre 2010 kommt.

Christian Administrator
Redakteur | Brettspieler | Fleischpöppel
Brettspieler | Videospieler | Rollenspieler | Minaturenbemaler | Würfel-Lucker | Airbrush-Anfänger | Blogger | Schönspieler | Rum-Trinker | Brettspielsammler | Crowd-Funding-Süchtig | Trockner Grübler | Pöppel-Streichler | Magic-Verweigerer | 4X-Fanboy | Sickerflopp-Liebhaber
follow me

Dominant Species

ca. 75 €
8.6

AUSSTATTUNG

7.5/10

SPIELIDEE

9.0/10

SPIELSPASS

9.3/10

Kurzfakten

  • Thema kommt gut rüber
  • Spannend: Dominanz vs Mehrheit
  • Spannendes Workerplacement
  • Hohe Interaktion
  • Spielzeit kann ausufern

Spielinformationen

  • Genre: Gebietskontrolle
  • Spieler: 2 - 6
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Spielzeit: 120 - 240 Minuten

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • AUSSTATTUNG

    0

    SPIELIDEE

    10

    SPIELSPASS

    9

    Hi, danke dafür, dass Du auch mal alte Highlights auf den Tisch bringst. Hatte es auch bestellt und dann wieder gecancelled? Warum? Alle Rezensionwn sagen erst ab 3 Spielern wird es richtig gut und Es dauert Minimum 3h. Außerdem gibt es keinen Solo Modus. Das sind leider schon 3 K.O. Kriterien. Es soll aber bald DS: Marine erscheinen, was die Spielzeit massiv eindampft und dasselbe Gefühl geben soll! Evtl. wird es doch noch was mit mir und DS. Hast Du schon die Bios- Reihe gespielt?

    Antworten
    • Die Bios- Reihe habe ich noch nicht gespielt. DS ist zu zweit wirklich nicht zu empfehlen. Die Spielzeit ist anfänglich etwas lang, aber wenn sich alle eingespielt haben, dann geht es eigentlich ganz gut. 3 Stunden kommt gut hin.

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren

Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise:

Menü