Lesezeit: 6 Minuten
EverdellEverdell löste bei mir einen sofortigen Haben-Wollen-Reflex aus. Irgendwie muss ich Brettspiele mit riesigen 3D-Bäumen als Spielbrett einfach ausprobieren. Schon bei Yggdrasil Chronicles war das so. Anders als bei den nordischen Göttern, die eher martialisch daherkommen, ist es bei Everdell der Knuddelfaktor und die wirklich bombastische Aufmachung, die mich reizten. So spielte ich mich unzählige Male durch Waldlichtungen, baute mein Reich auf und wechselte dabei die Gemütslage, als wäre ich der Hulk persönlich. Dieses grüne Monster und knuddelige Hasen, wie passt das zusammen? Nun, ergreift meine starke Hand und ich erzähle euch von der dubiosen Lichtung, wo die Wahrheit schlummert.

Kurzcheck: Darum geht es in Everdell

Im zauberhaften Tal von Everdell, tief im wundervollen Wald zwischen plätschernden Bächen, lebt in Frieden eine bunte Gemeinschaft aus Waldbewohnern. Doch nun ist es Zeit, sich auszubreiten und neue Gebiete zu besiedeln. Deine Aufgabe ist somit klar! Schnapp dir einen Clan der Waldtiere und zimmere innerhalb von drei Jahreszeiten prächtige Gebäude zusammen, in denen dann die putzigsten Bewohner einziehen, auf das du im Winter die strahlendste Stadt errichtet hast.

Everdell ist dabei eine Mischung aus Karten- wie Ressourcenmanagement und Worker-Placement, das von seinen Grundaktionen extrem übersichtlich gehalten wurde: 1 Arbeiter einsetzen, 1 Karte ausspielen oder Passen und die nächste Jahreszeit vorbereiten. Der Clou ist, dass du mit nur zwei Workern und keinen Ressourcen startest. Es fühlt sich regelrecht wahnwitzig an, wie man aus dem schmalen Start ein Waldimperium aufbauen soll. Sind deine Aktionen ausgeschöpft, musst du passen und trittst in die nächste Jahreszeit ein. Nun erhältst du zusätzliche Worker, Ressourcen für einige gebaute Gebäude und spielst dich bis zur nächsten Jahreszeit durch. Eine weitere Besonderheit ist das Tempo des Spiels. Das bestimmt jeder selbst! Während der eine vielleicht schon im Sommer ist, verweilt der andere noch im Frühling. So kann auch die Spielzeit pro Spieler schwanken und der ungewöhnliche Umstand eintreffen, dass du am Ende vielleicht einige Minuten und ein paar Züge mehr spielst als andere am Tisch.

Everdell

Sieht am Anfang erstmal harmlos aus.

Sonnenschein

Ich spiele die Igel. Die sind so honig-goldbärig und putzig! Meine Frau wählt die schnuckeligen Mäuse. Hey, die haben keine Sonderfunktionen, jeder Clan ist gleich, aber sind sie nicht süß? Ich besitze eine Harzraffinerie und spiele gerade das Fegehörnchen aus, was mich nichts kostet, weil es in der Harzraffinerie einzieht. So wie im magischen Gemischtwarenladen der Ladeninhaber oder im Kloster der Mönch. Ach, diese verträumte und wunderbare Gestaltung der Karten! Meine Frau jauchzt vor Freude, sie hat den Ehemann gezogen, der sich nun zur Ehefrau in ihrer Stadtauslage kuscheln kann. Wir schauen uns verliebt in die Augen. Im Hintergrund manifestiert sich durch unsere Tränen der Freude und unseren strahlenden Herzen ein Regenbogen im Wohnzimmer.

Schloss gebaut und schon wohnt da der König!

Mein Platz in der Stadt ist immer noch ausreichend. So baue ich weitere Gebäude, erschaffe Symbiosen, feiere fette Kombos, die Ressourcen fließen durch Produktionsgebäude und am Ende passen meine Karten sogar für Extra-Punkte durch ausliegende Ereignisse. Zwischendurch muss ich mich bremsen, die Beeren nicht in meinen Mund zu stecken, so lecker sehen diese Gummi-Ressourcen aus. Ich habe so gut gespielt und die gezogenen Karten fügten sich perfekt in meine Strategie ein, dass ich in der letzten Runde kaum zum Ende komme. Was für eine Partie! Ich ergreife die Hand meiner Frau, tanzend verlassen wir durch die Terrassentür unseren Spieletempel und basteln uns auf einer saftig grünen Wiese im Sonnenschein Blumenkränze.

Everdell

Am Ende ist volle Hütte angesagt!

Gewitterwolken

Ich spiele die verdammten Eichhörnchen. Typisch, die haben mir immer Pech gebracht. Meine Kartenhand ist ätzend. Nichts passt! Die Gebäude für den Start zu teuer, keine Produktionsgebäude auf der Hand und nur zwei Worker. Meine Frau hat mir mit ihren ätzenden Igel-Worker auf dem Spielbrett schon den Platz für Kieselsteine geklaut. Ich hasse dieses Spiel. So schnell war ich noch nie am Passen. Meine Frau ist noch vergnügt im Frühling und freut sich über Symbiosen, da stehe ich schon mitten im Sommer. Durch fehlende Produktionsgebäude habe ich beim Jahreszeitenübergang nicht einmal Ressourcen erhalten. Noch einmal: Ich hasse dieses Spiel. Habe ich schon die Ereignisse erwähnt? Keiner der erforderlichen Karten habe ich auf der Hand oder liegen offen in der Auslage des Marktes. Was soll das? Zu zweit ist die Kartenrotation eher gering, also wieder eine Partie wo keiner Ereignisse erfüllen kann? Außerdem ist die Übersicht durch diesen riesigen Baum manchmal echt suboptimal und die Wiese als zentraler Kartenmarkt wird zu wenig durchgetauscht.

Ich werde wütend. Ich bin kurz vorm Herbst und meine Frau geht jetzt erst in den Sommer. Unfassbar. Irgendwie baue ich wild meine Stadt voll und gehe stumpf auf Siegpunkte bei den Gebäuden. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass es bei meiner Frau so gut lief, dass ihre Stadtauslage schon ziemlich gefüllt ist. Denn mehr als 15 Karten darf man nicht ausliegen haben. Geht da noch was? Meine Wut verzieht sich etwas, trotzdem hasse ich dieses Spiel.

Everdell

Material zum niederknien.

Der neutrale Beobachter

Ich hasse Everdell natürlich nicht und leider hatten wir auch keinen Regenbogen im Wohnzimmer. Der Witz an der Sache, die Partie mit Sonnenschein habe ich verloren. Es lief so gut mit meiner Engine, dass ich wie im Hamsterrad weitermachte. Ich habe zu spät auf Gebäude und Personen mit Siegpunkten umgeschaltet, hatte zu viele Gebäude, die für die Aktivierung Worker brauchten und war viel zu früh am Bauplatzlimit. Bei der anderen Partie passierte dies meiner Frau und obwohl es für mich die erste Hälfte des Spiels so gar nicht lief und ich mit einer Wut im Bauch am Tisch saß, gewann ich das Spiel. Am Ende hatte ich doch noch passende Karten, konnte für Ressourcen Gebäude umtauschen und besaß sehr mächtige Symbiosen, die Siegpunkte einbrachten. Nicht meine schönste Stadt, aber mein persönlicher Punkterekord.

Ich erlebte eine Partie mit Freunden, da baute ein Verrückter, nennen wir ihn Jonas, eine Stadt fast nur aus BewohnerInnen, ganz ohne Symbiose mit Gebäuden. Er gewann das Spiel! Das zeigt, viele Wege führen zum Sieg und die unzähligen Karten und Kombinationen erzeugen planerische Hochgefühle, bei dem aber eben auch immer das Glück mitspielt. Gerade zu zweit vielleicht noch etwas mehr, da der Kartendurchsatz niedriger ist. Ich gebe zu, ich finde da manchmal nicht meine emotionale Mitte, aber trotzdem fesselt mich das Spiel immer wieder.

Everdell

Weitere Worker warten beim Jahreszeitenwechsel.

Fazit

Wenn ich Everdell spiele, bin ich optisch im Regenbogenland. Der Aufforderungscharakter, alleine durch das Spielbrett mit seinem 3D-Baum, ist gigantisch und ich kennen keinen, der die Beeren-Ressourcen nicht wegnaschen will! Spielerisch ist nicht immer eitler Sonnenschein angesagt. Die Auslage der zu erreichenden Ereignisse, die eigene Kartenhand und was man nachzieht, kann einem schon die Laune verhageln. Gerade zu zweit kann der Kartenmarkt zudem zu starr sein. Trotzdem bin ich immer wieder motiviert einzusteigen. Es macht einfach Spaß aus nur zwei Workern über drei Jahreszeiten durch eine gescheite Engine ein Dorf aufzubauen. Viele unterschiedliche Möglichkeiten und Symbiosen warten darauf ausprobiert zu werden und dabei wird Everdell zu keiner Zeit wirklich kompliziert. Somit ist die Zielgruppe riesig! Für mich ist Everdell, trotz einiger Gewitterwolken im zauberhaften Wald, eines der besten Kennerspiele der letzten Jahre, welches man auch wunderbar mit der Familie spielen kann.

Info: Auf manchen Bilder sind Worker aus der ersten Erweiterung Pearlbrook zu sehen. Dazu folgt noch eine Rezension.

Everdell

59,95 €
8.5

AUSSTATTUNG

9.5/10

SPIELIDEE

7.5/10

SPIELSPASS

8.5/10

Kurzfakten

  • Mega Material und Artdesign
  • Kompakte Spielzeit
  • Motivierendes Engine-Building
  • Schnell zu lernen
  • Glück spielt eine Rolle

Spielinformationen

  • Genre: Engine-Builder
  • Personen: 1 - 4
  • Alter: ab 10 Jahren
  • Dauer: 40 - 80 Minuten
  • Autor/in: James A. Wilson
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