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Nicht das schönste Raumschiffdesign.

Das Kolonie-Raumschiff Black Angel macht sich auf den Weg, um der Menschheit auf einem weit entfernten Planeten eine zweite Chance zu schenken. Wir als KI mittendrin! Man strauchelt erst beim Anflug auf den Verzahnungs-Quadranten, fühlt sie bei der Farbgebung der Lackierung auf einem LSD-Trip. Schnell vermutet man eine trockene Reise ins Reich der Abstraktion und wird dann am Sprungtor vom Thema überrascht. Dann möchte man im Material baden und gleichzeitig kann der Spielspaß in ein schwarzes Loch fallen. Ja, der Trip mit der Black Angel polarisiert. Für wen lohnt sich also die Passage in ferne Welten?

Kurzcheck: Darum geht es bei Black Angel

Eine Erklärung zu Black Angel fängt harmlos an. Jeder Spieler übernimmt die Kontrolle über eine KI der Black Angel, die über sechs Aktionen die Reise zum fernen Planeten steuert. Die erfolgreichste KI erhält die Kontrolle über den Kolonisationsprozess und gewinnt. Das Spiel gliedert sich in zwei Phasen. Einmal Würfel für Aktionen platzieren oder Würfelpool bestimmen und erhaltene Würfel werfen. Das wirkt äußerst überschaubar.

Ist es auch, bis der Erklärer die Zusammenhänge mit dem Spielertableau und dem zweiten Weltraum-Spielbrett erklärt. Gekaufte Technologieplättchen müssen in eine Matrix auf dem Spielertableau eingeschoben werden. Im Weltall schickt man seine Roboter in Miniraumschiffen zu verschiedenen Spezies und schafft man völlig neue Würfelaktionen. Zwischendrin greifen noch feindliche Aliens an und machen die Aktionen der Black Angel kaputt. Denk an den Roboternachschub, den Bau von Raumschiffen und verbrauche Ressourcen für Würfemanipulation! Und Vorsicht, Gegner können dir Würfel klauen. Ding Dong, KI noch online? Durchatmen – und ein kleines Geheimnis: man kann sich herrlich ins Spielspaß-Vakuum spielen. Überrascht nicht, oder?

Der Tisch ist voll, selbst bei 2 Spielern.

Kopfschmerzen oder Kribbeln im Bauch?

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: thematische Annäherung und Freude an den spielerischen Möglichkeiten oder Kopfschmerzen aufgrund kleinteiliger Aktionsschritte und dem unbarmherzigen Spiel. Die Frage ist nun, wo wirst du stehen? Fangen wir mit dem Thema an.

Absolut abstrakt?

Grundsätzlich sieht Black Angel sehr abstrakt aus, was passt, schließlich sind wir eine KI, die Aktionen durch Roboter in der Kommandozentrale ausführen lässt. Das Spielbrett hat etwas von der Untertassensektion einer Enterprise, die wir auch beim Modell der Black Angel sehen. Auf dem zweiten Spielbrett fliegt die Black Angel, drum herum lauern die Spezies mit denen wir in Kontakt treten können. Auf dem einen Spielbrett also der Mikrokosmos der Black Angel, auf dem anderen die Umgebung. Find ich genial! Die vier Spezies erhalten durch eine kleine Story sogar ein Gesicht.

Wenn ein Spieler passt, um seine Würfel neu zu werfen, dann bewegt sich die Black Angel weiter. Dabei wird das Spielbrett aufgrund seiner Puzzleteile von hinten nach vorne umgebaut. Man hat also wirklich das Gefühl, das die Black Angel bis zum Zielplaneten reist. Sicher trotzdem kein Atmosphäre-Gigant, hat aber wesentlich mehr zu bieten als ich dachte.

Der Flug der Black Angel ist toll umgesetzt

Die Würfelmechanik

Ich werde die Mechaniken nicht im Detail besprechen, schaut dafür ins Regelheft. Ich konzentriere mich auf die persönliche Essenz des Spielspaßes. Da wäre vorerst die Würfelmechanik. Die Augenzahl (0 – 3, drei Farben) bestimmt wie oft ich die mit dem Würfel Aktion ausführen darf. Wichtiger ist aber, das ich mit Ressourcen die Würfel anderer Mitspieler kaufen darf, ohne deren Zustimmung. Einzig bei abgesicherten Würfel heißt es Finger weg. Da aber auch das Absichern Ressourcen kostet, überlegt man sich dies zweimal. Weiterer Kniff, mit Schrott darf ich eigene Würfel auf die Gegenseite drehen. Daraus ergibt sich folgende Situation: Hohe Augenzahlen bei Gegnern wegkaufen, schlechte eigene Würfeln umdrehen. Wer viele Ressourcen im Hangar hat, wird hier schnell zum Feindbild der Mitspieler. Besonders fies, wenn ein anderer Spieler passt, weil ihm die Würfel ausgegangen sind, kann man sich direkt wieder am neuen Pool bedienen. Der Würfelmechanismus ist einfach und hoch interaktiv.

Alles im Blick: Würfelaktion, Veränderung durch Verwüster, Schaden und Würfelpool.

Vielseitige Karten

Der Einsatz der Karten ist ebenfalls interessant. Zum einen brauche ich die Karten um ausgelegte Technologie in meiner Matrix in Reihe oder Spalte zu aktivieren, wobei man die Farben beachten muss. Die Matrix kann sehr unterschiedlich gebaut werden und ist oft das Zünglein an der Waage für einen guten Flow im Spiel. Strategisches Bauen trifft taktisches Auslösen! Die so ausgespielten Karten sind allerdings futsch.

Oft möchte man die Karten lieber für den Besuch bei den Spezies ausspielen. Auf dem zweiten Spielbrett darf ich in Reichweite meiner Roboter-Raumschiffe Karten der passenden Spezies platzieren. Das schalten neue Würfelaktion zur Siegpunkte- und Ressourcengewinnung frei. Ich, aber auch jeder Spieler der nun selber mit einem Raumschiff andockt, kann diese neue Aktion mit einem Würfel ausführen. Falls andere Spieler meine Karten aktivieren, darf ich diese Aktion auch ausführen.

Ausgespielte Karten im Weltraum.

Wenn ein Spieler passt, fliegt die Black Angel weiter und nun wird es interessant. Karten die auf dem letzten Spielplanteil liegen, fliegen aus dem Spiel, weil der Spielplan abgerissen wird. Damit kann man Spielern ordentlich in den Roboter spucken! Anderseits gibt es Karten, die genau dann Boni ausschütten, wenn sie das Spielfeld verlassen. Welche Karten ich wo platziere und wann ich passe um die Black Angel zu bewegen sollte also gut geplant sein. Die rausgeflogenen Karten kehren zum Spieler zurück und werden an die Matrix angelegt. Jede dieser Karte erhöht für spezielle Technologien die maximal möglichen Siegpunkte am Ende. Hier schließt sich der Karten-Würfel-Kreislauf.

Die Interaktion mit dem Spielertableau ist cool.

Die Quintessenz

Die Spielerhife ist am Anfang viel wert.

Die Verzahnung ist enorm! Die vielen aktivierbaren Boni vor dem Einsetzen eines Würfels, das Platzieren der Handkarten, der Überblick über eigene Ressourcen um Züge zu meistern oder lohnend in Siegpunkte umzuwandeln, all das erfordert viel Übersicht. Dazu sind Aktionen oft mit weiteren kleinen Schritten unterlegt, die man nicht vergessen darf. Die Interaktion ist ebenfalls sehr hoch. In einer Runde kann entsprechend viel passieren. Pläne müssen dann neu angepasst werden. Downtime trifft Denkarbeit! Legt Plastikfolie aus, Erstspielern könnte der Kopf platzen. Manchmal aber auch vor Frust, wenn Karten wieder einmal nicht passen oder dem Gegenspieler einfache Siegpunkte geschenkt werden.

Vor allem erfordert dieses Spiel Denkarbeit ein, weil man sich ziemlich an die Wand spielen kann. Expertenspiel bedeutet hier, das es keinen Fallschirm gibt. Wer aus Unwissenheit seine Technologie zur Robotererschaffung aus der Matrix schiebt und kein Ersatz in Form von Plättchen oder Aktionskarten besitzt, der kann plötzlich weder auf die Weltraumreise gehen, noch groß seinen Würfelpool verändern. Wer Karten im Weltall suboptimal ausspielt, dem fliegt die teuer erkaufte Karte schnell aus dem Spiel, wenn Spieler gezielt passen. Alternativ kann man natürlich dem Gegner auch Würfelfarben wegkaufen. Destruktives spielen ist möglich! Mir gefällt das, aber bei solch anspruchsvollem Spiel ist das sicher nicht jedermanns Sache.

Links eine Karte für Boni wenn die Karte rausfliegt, die anderen zeigen neue Würfelaktionen.

Doppeltes Stirnrunzeln

Eine Mechanik gefällt mir überhaupt nicht. Durch Platzieren von Karten im Weltraum greifen die Verwüster an. Dabei erhalten die Würfelaktionen negative Effekte und auch die Augenzahl der Würfel kann verringert werden. Ich begrüße diese Spannung! Allerdings kann so das Spiel beendet werden. Ist keine Verwüsterkarte mehr vorhanden, ist das Spiel vorbei und derjenige mit den meisten Punkten gewinnt. Das Problem: Ich kann das Auslösen von Verwüsterkarten forcieren und somit aktiv daran arbeiten das Spiel zu beenden, indem ich das Kolonieraumschiff sabotiere. Was für eine thematische Grütze! 

Auch der Einsteigermodus ist nicht zu empfehlen! Erstens erhalte ich durch Technologieplättchen nur einen Bonus statt zwei und zweitens darf ich beim Erhalt von Karten nur eine ziehen und muss mit dieser leben. Eigentlich zieht man zwei und sucht sich eine aus. Die Intention ist wohl die Verhinderung von Überforderung, weil Black Angel schon so viele Entscheidungen birgt. Im Endeffekt muss man sich aber noch mehr auf sein Glück verlassen, bei einem Spiel wo man genau das nicht möchte.

Rote Verwüsterkarten verändern Würfelaktionen und verursachen Schaden (rote Steine).

Fazit

Das üppig ausgestattete und gar nicht so unthematische Black Angel ist ein anspruchsvolles Biest, das aus anfänglich sechs Aktionen einen taktischen Hirnzwirbler erschafft. Ein guter Zug muss hier auf mehreren Ebenen geplant werden und beeinflusst zudem Mitspieler direkt. Der Treibstoff des Spiels ist Denkarbeit! Die Symbiose aus beiden Spielbretter und die spielerisch interessant integrierte Reise zum Zielplaneten gefällt. Die damit zusammenhängende Steuerung der Spielgeschwindigkeit seitens der Spieler ist taktisch fordernd, weil es per se keine feste Rundenanzahl gibt.

Schlecht kann man nur ein Spielelement loben, weil die Verzahnung so groß ist! Spielspaß ist für den anspruchsvollen Spieler definitiv vorhanden. Doch so wie die Verwüster an der Black Angel knabbern, so kann auch die Spielerfahrung getrübt werden. Das man aktiv durch Verwüster das Spiel sabotieren und damit das Spiel auf legitime Weise beenden kann, ist thematisch ein Reinfall. Neben der möglichen Downtime kann man sich durch falsche Planung, Zufall beim Ziehen der Karten oder durch Aktionen der Mitspieler auch ins Abseits manövrieren. Der Glücksfaktor ist für ein Spiel dieses Kalibers ungewohnt hoch. Black Angel kann daher frusten, trotzdem schätze ich es als Expertenspiel für seine Interaktionsdichte und der motivierenden Verzahnung.

Christian Administrator
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Black Angel

62,99 €
8

AUSSTATTUNG

9.0/10

SPIELIDEE

8.0/10

SPIELSPASS

7.0/10

Kurzfakten

  • Sehr hohe Interaktion
  • Coole Reisemechanik
  • Technologiematrix gelungen
  • Man kann sich ins Abseits spielen
  • Glück spielt eine Rolle

Spielinformationen

  • Genre: Würfeleinsetzspiel
  • Spieler: 1 - 4
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: 60 - 120 Minuten
  • Rezensionsexemplar erhalten

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