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Der Besserwisser-Biber als Symbolbild für die Brettspielkritik.

Der Verein Spiel des Jahres hat zum Tag der Brettspielkritik in Hamburg eingeladen und ich war mittendrin. Von Freitag bis Sonntag diskutierten, spielten und arbeiteten Brettspielkritiker zusammen. Das möchte ich zum Anlass nehmen, diesen Monat nicht über meine Spielehighlights aus dem Juni zu schreiben, sondern über die Erlebnisse auf der Veranstaltung.

Ich persönlich hatte kaum eine Erwartung, es fehlten schlicht Erfahrungswerte und wie ich am Tag der Brettspielkritik erfuhr, lag die letzte Veranstaltung dieser Art selbst für die alten Hasen Jahrzehnte zurück. Um es vorweg zu nehmen, der Tag der Brettspielkritik war ein absoluter Erfolg und hat ganz persönlich mit zwei Fragen den Blick auf die eigenen Rezensionen nachhaltig verändert.

Der Kern

Just One war okay, hat mich aber nicht vollständig abgeholt.

Der Verein hat in einem kurzen Artikel umrissen worum es eigentlich beim Tag der Brettspielkritik geht. Es ging um die Frage, wo die deutsche Brettspielkritik steht, auch im Vergleich zur Videospiel- oder Filmkritik. Wie kann sie sich weiterentwickeln, was wollen wir verändern und wie setzt man das eigentlich um? Dazu besuchte man nicht nur rege geführte Diskussionen, sondern setzte auch in praktischen Arbeitsgruppen seine Erkenntnisse um.

Daneben war es natürlich wahnsinnig spannend die Kollegen und Szenekenner zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Gerade die zwei Spielabende waren fantastisch. Der Spielejoker mästete uns dabei mit verdammt leckeren Schokokugeln, die sich zudem auf fast jedes meiner Bilder schlichen. Obwohl ich in Hamburg wohne, bereute ich die nicht gebuchte Übernachtung, das hätte mir in der grandiosen Gesellschaft durch fehlende An- und Abreise längere Spieleabende beschert.

Der Augenöffner

Super war der Workshop „Kritische Rezensionen, lobende Spieletipps – wo sind die Grenzen einer sachkundigen und unabhängigen Spielekritik?“ mit Andreas Becker vom Weser Kurier. Hier ging es ein Stück weit auch darum, sein eigenes Profil zu schärfen und sich Haltung gegenüber Verlagen zu bewahren. Absolutes Highlight war dann der Workshop mit Uwe Bartsch, Vorstand des Vereins Spiel des Jahres, Chefredakteur des Magazins Spiel doch! und Blogger mit Rezensionen für Millionen. Wir zerpflückten dabei Rezensionen vom Referenten, nicht nur ein großer Spaß, sondern ein absoluter Augenöffner. Besonders als Udo Bartsch bei der Analyse seiner früheren Texte uns zwei Fehler erklärte, die ich selber nur zu gut kenne. Werde ich dem Spiel gerecht und wie zeige ich, dass ich das Spiel in seiner Gesamtheit erfasst habe? Fragen, die zu schlechten Rezensionen führen.

Wer diese Fragen in seiner Rezension beantwortet, schreibt oft zu viel. Meine Maxime beim Schreiben sind schon eher kürzere Rezensionen, die mit Spielgefühl aufgelockert werden und keine Regelnacherzählung sind. Trotzdem werde ich beim Schreiben das Gefühl selten los, dem taktischen Brocken, dem famosen Lieblingsspiel oder der Hype-Neuheit nicht gerecht zu werden. Denn diese Mechanik A) und vor alle der Kniff B) sind doch so wichtig! Und erst die Siegpunkteausschüttung. Und diese eine besondere Karte, die muss auch noch erklärt werden. Wer nicht aufpasst landet bei der vollständigen Wiedergabe aller Details, die den Leser überfordern oder langweilen. Desweiteren will man aufzeigen, dass man als Kritiker das Spiel verstanden hat. Die Angst vor der Lücke, die zum Boomerang des kennenden Leser wird und mit Pech in einer Finger-Zeig-Mail endet.

Das Wissen, dass dies anderen auch so ergeht, war beruhigend. Ebenso interessant zu sehen, wie schwer es ist, mit Lücke zu schreiben. Was muss wirklich in eine Rezension und was kann man weglassen? Ich werde weiter an mir hobeln. Spielekritiken schreiben ist ein nie endender Prozess. Wenn ich mir meine ersten Rezensionen anschaue und dann Highlights aus den letzten Monaten, dann müsste ich eigentlich die alten Texte löschen.

Paperworks ist Dominion mit Scrabble gemischt. Damit wäre alles gesagt…

Einige Brettspiele im Fokus

Quodd Heroes

Quodd Heroes kam in der opulenten Materialschlacht a la Kickstarter auf den Tisch. Eigentümer des Spiels waren jungundaltspielt.de, die uns in einer fünfer Runde das Spiel erklärten. Wobei wir dabei immer wieder durch das Sortieren der unzähligen Tokens abgelenkt waren. Eine ganze Stunde dauerte dieser Spaß, der mit Humor genommen wurde. Ich wusste, wer hier schon Spaß hat, mit dem lohnt es sich zu spielen. Mit am Tisch saßen noch der Spielejoker und 100Meeples. Der Kernmechanismus des Spiels ist gelungen.

Ein sechsseitiger Würfel dient als Spielfigur und wird über einem Spielertableau mit Fähigkeiten pro Würfelseite programmiert. Jeder versucht dann mit seinem Würfel ein Wettrennen zu gewinnen. Ziehe ich mit dem Würfel vorwärts, verändert sich durch das Kippen die Oberseite und legt immer wieder eine andere Fähigkeit frei. Ich muss also schauen wie ich den Würfel bewege/kippe, damit ich möglichst schnell vorwärts komme. Dazu gibt es allerhand Sonderregeln für das Gelände und Handkarten, die das Spiel noch chaotischer werden lassen. Hier eine Bombe, dort das Spielfeld drehen, jetzt porten. Man weiß was Quodd Heroes möchte und will es dafür lieben, aber mit fünf Spielern ist es einfach zu heftig. Die Spielzeit und Downtime ist wirklich der Wahnsinn!

Secret Hitler

Du bist doch ein Faschist! Ihr seid alles Faschisten. Ich glaube er ist Hitler. Komm, lass mich Präsident werden, dann killen wir ihn. Abstimmung incoming. Wer nicht weiß, um was es geht, und nur den Tischgesprächen lauscht, wird sich wie im falschen Film fühlen. Soziale Deduktion, sehr einfach in seiner Mechanik, aber extrem stark im Thema. Werwölfe oder Hitler, die Sogkraft ist klar verteilt. Ich zumindest hatte bisher lange nicht mehr so einen Spaß in einem sozialen Deduktionsspiel, wie in Secret Hitler. Human Punishment mal ausgenommen. Entsprechend schnell ist es auf meine Wunschliste gewandert.

Escape from the Aliens in Outer Space

Mit einer kleineren Gruppe oder mehr Hirn sicher besser.

Das Spiel mit dem eingängigen Namen Escape from the Aliens in Outer Space sah ziemlich interessant aus. Eine Mischung aus Schiffe versenken und Teamspiel. Jeder Spieler hat den gleichen Plan, gehört aber entweder den Menschen oder Aliens an. Der eigene Plan ist für andere verdeckt und man bewegt sich darin vorwärts indem man seine Route aufschreibt. Die Aliens müssen die Menschen fangen, die Menschen zu den Ausgängen gelangen. Nach jedem Schritt zieht man geheim eine Karte und sagt wo man steht. Je nach gezogener Karte muss man die Wahrheit sagen oder darf lügen. Die Spieler wissen am Anfang nicht, wer Mensch oder Alien ist, wer wo wirklich steht und das kann schon seinen Reiz ausüben. Vor allem weil die Aliens auch Aliens fressen können. Das sollten sie natürlich tunlichst vermeiden, denn dann haben die Menschen eine höhere Überlebenschance. Wir spielten Escape from the Aliens in Outer Space mit acht Spielern, was definitiv zu viel war. Zumindest mein Hirn war da chancenlos alle genannten Orte, Bluffs und möglichen Wege der Mitspieler nachzuhalten.

Fragen zu den Spielen und ein Danke

An dieser Stelle der große Dank an die Organisatoren der Verunstaltung Tag der Brettspielkritik. Ich habe viel mitgenommen und hatte grandios viel Spaß! Vor allem der Spieleabend am Samstag hat mir wieder gezeigt, wie schnell man sich näher kommt, wenn man mit Freude Brettspiele spielt. Falls ihr mal in Hamburg seid, meldet euch, mein Brettspieltisch wartet!

Beim Spiel kann man einen Menschen in einer Stunde besser kennenlernen, als im Gespräch in einem Jahr.

Platon

Das war es erstmal mit meinem kleinen Rückblick und ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen. Falls du detailliertere Fragen zu den aufgeführten Brettspielen hast, kannst du mir wie immer ein Kommentar hinterlassen und/oder eine E-Mail schreiben. Ich antworte ganz sicher!

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