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Minos ist genau so ein Spiel, über das wir gefühlt seit zwei Jahren sprechen. Turning Tables. Oder ist es das nicht? Ich habe einige Partien dieses Heavy Euros hinter mir und grüble seit Wochen über meine Rezension. Bekommt ihr bei dem zehnten Euro die zehnte gleiche Rezension? Bin ich auch im Same Same but Different-Modus? Habt ihr überhaupt noch Lust auf Rezensionen zu solchen Spielen? Ich muss gestehen, ich habe nach wie vor sehr großen Spaß daran. Liegt wohl daran, dass ich Spiele wie Crystal Palace, Marco Polo II, Underwater Cities & Co. sehr gerne und jederzeit spiele. Aber zurück zu Minos. Habe ich nicht bereits ein Minos-Spiel im Regal? Braucht es Minos überhaupt in meiner Sammlung?

Kurzcheck: Darum geht es in Minos

Minos, namensgebender Sohn des Zeus, ist nicht zweifelsfrei für die minoische Kultur verantwortlich, um deren Wohl ihr euch in diesem Heavy Euro von Giant Roc für 2–4 Spielende kümmert. Natürlich möchtet ihr Oberhaupt der minoischen Stämme werden. Das macht ihr, indem ihr geschickt Ressourcen verwaltet, Aktionen ausführt, Gebäude in Regionen errichtet, erfolgreich gegen die aufkommende Piraterie kämpft, Seehandel betreibt, Dekrete ausspielt und euren Palast entwickelt. Diese Mixtur ist aus vielen Spielen bekannt, Minos bringt aber eine Mechanik ins Spiel, die dem Spiel einen einzigartigen Touch verleiht. Dazu gleich mehr. Gespielt wird mit asymmetrischen Völkern über vier Runden.

Die Karte mit den Gebieten.

Pro Minos: Ein Spiel im Spiel – ein mechanischer Würfeltraum

Selten passiert es, aber Minos bietet eine wahnsinnige Mechanik, die das Spiel trägt. Ich gehe hier etwas detaillierter vor, denn sie zeigt, warum Minos besonders, spannend und unfassbar gut ist.

Erster Schritt: Welchen Würfel nehme ich? Zu Beginn jeder Runde werden spielerzahlabhängig Würfel in vier verschiedenen Farben (Gelb, Rot, Blau, Grau) gewürfelt. Aus diesem Vorrat nehme ich mir einen Würfel und platziere ihn auf einen Slot der fünf Aktionsfelder. Die Farbe des Würfels ist dabei völlig egal. Nach welcher Vorgabe? Nun, hier baut Minos direkt ein brutales Dilemma auf. Dilemma 1: Nehme ich eine Eins, liegt der Würfel in der Reihenfolge ganz vorne. Wählt Marco nun eine Vier, kommt der Würfel hinter die Eins. Wählt Uwe eine Drei, kommt der Würfel vor die Vier und die Vier bewegt sich einen Slot nach hinten. Die Aktion wird schwächer, dafür erhalte ich aber einen besseren Bonus. So wähle und platziere ich reihum vier Würfel.

Warum die Farbe? Schaffe ich es mit meinen platzierten Würfeln einer Farbe eine Summe von 9 zu addieren, erhalte ich in der entsprechenden Kulturleiste einen Aufstieg. Grau dient dabei als Joker. Zweites Dilemma: Ich möchte eine Eins, um mächtige Aktionen zu machen. Ich möchte eine Sechs, um möglichst viele Augen für einen Aufstieg in einer Farbe zu bekommen.

Zweiter Schritt: Nachdem alle Spieler ihre Würfel ausgewählt und platziert haben, werden diese ausgelöst und die entsprechenden Aktionen ausgeführt. Dilemma 3: Der höchste eurer Würfel bestimmt die erste Aktion, der niedrigste die letzte. Bei Würfeln mit zwei gleichen Werten könnt ihr wählen.

Pro Minos: Der mechanische Traum und die schweißnassen Hände

Alea iacta est – und so rast das Kopfkino. Welchen Würfel nehme ich? Welche picken die Mitspieler?

  • Uwe nimmt eine blaue Sechs. Meine Überlegung: Uwe möchte einen Aufstieg in der blauen Säule. Kann ich ihm das ermöglichen – oder versuche ich, den Aufstieg bewusst zu verhindern…
  • Marco nimmt eine gelbe Drei und platziert sie auf der Aktion Planen. Dort kann man die mächtigen Dekretkarten nachziehen. Das muss ich auch machen, denn ich habe keine Karten mehr auf der Hand. Allerdings wird die Eins erst am Ende der Runde ausgeführt. Kann ich das Risiko ertragen, erst dann meine Handkarten zu bekommen?
  • Marc nimmt eine rote Eins und platziert sie auf dem Feld Expandieren. Das ist gut. Ich möchte diese Runde nicht expandieren. Ich schaue auf die Karte. Nächste Runde muss ich expandieren. Ich brauche ein Gebiet, wo ich einen Bauernhof bauen kann. Dazu muss sich eine meiner Figuren bewegen. Aber das hat noch Zeit.
  • Ich bin am Start: Eigentlich möchte ich meine Handelsroute über die Aktion Bauen weiter pushen. Allerdings brauche ich Karten. Dringend. Auf der Aktion Karten sind nur noch drei freie Slots, allerdings hat Marco ja schon einen Würfel dort. Er wird doch nicht noch einen zweiten Würfel dahin legen? Das Risiko ist mir zu groß. Ich schaue auf die Würfelauslage und wäge meine Wahrscheinlichkeiten ab. Ich gehe das Risiko ein und nehme eine Eins und schiebe meinen Würfel vor Marcos Würfel.
  • Die zweite Runde beginnt und es geht Schlag auf Schlag. Uwe wählt Karten nehmen, Marco tatsächlich auch Karten. Game over für Marc, dessen Gesicht seine Entgleisung nicht verbergen kann. „Oh fuck, jetzt habe ich mich verzockt.“ Er nimmt eine Eins und weicht auf das Jokerfeld aus.
Würfelfelder bei 3 Spielenden

Zusammenfassung

Ich könnte tausende meiner Gedanken während meiner vielen Minos-Partien hier niederschreiben. Sie rasen durch meine Synapsen in jedem Spielzug. Was-wäre-wenn‘-Gedanken, Konjunktive und das Abwägen von Möglichkeiten bestimmen jeden Zug. Hinter jedem Würfel steckt ein Trio an Varianten: Farbe, Wert und gewählte Aktion. Dadurch ergeben sich Wege und Strategien, die mein Spiel explodieren lassen oder in Einbahnstraßen münden. Schweißnasse Hände und eine spannende Interaktion der Mitspielenden sind garantiert. Und das ist nur der Anfang.

Gebäude und Spielertableau

Pro Minos: Viele Wege führen durch das Labyrinth

Minos bietet auch nach der Aktionsauswahl durch die Würfel viele feine Bausteine. Ein wichtiger Weg zum Sieg sind die Dekretkarten, die ihr versucht, in euren Palast zu bekommen. Kein einfacher Weg, denn Minos fordert Planung und hebt sich damit auch von anderen Spielen ab oder bringt sich mindestens auf ein gleichwertiges, hohes Niveau. Ihr müsst über Planen erst einmal Dekretkarten auf die Hand bekommen. Dann müsst ihr über die Aktion Entwickeln die Dekretkarte in eure Auslage spielen. In der Einkommensphase dürft ihr – je nachdem, wie weit ihr auf der roten Säule eures Stammes fortgeschritten seid – eine unterschiedliche Anzahl von Karten aus eurer Auslage in euren Palast einbauen. Das gibt dauerhafte Effekte und Siegpunkte.

Dasselbe, was für Dekretkarten gilt, ist auch für den Seehandel gültig oder für das Expandieren und das Bauen von Gebäuden. Welchen Weg wollt ihr einschlagen – und welchen wählen die anderen? Ins Spiel sind feine Stellschrauben und Abhängigkeiten eingeflochten, die sogar sehr schön und thematisch in der Anleitung erklärt werden. So könnt ihr eine Seehandelsroute starten. Allerdings dürfen diese Schiffe erst auf der Route weitersegeln, wenn ihr Türme gebaut habt, die diese Routen überwachen. Natürlich könnt ihr keine Türme bauen, wenn ihr keine Städte habt – macht Sinn, oder? So greift in Minos ein Zahnrädchen ins nächste. Besonders interessant ist, dass bereits nach der zweiten Runde eine Wertungsphase kommt. Wer hier nicht aufpasst, dem gehen viele Punkte flöten. Spannend ist, dass ich in Minos ständig beobachten muss, was die Mitspielenden tun. Kleiner Tipp: Ihr solltet niemandem ein Feld alleine überlassen.

Die drei unterschiedlichen Säulen sind sehr wichtig.

Was ihr wissen müsst

Bei der Erstpartie auf den B-Rex Tagen wurde unser Vier-Spieler-Tisch müde belächelt. Es war unsere erste Partie Minos – und das direkt mit der Erweiterung. Für viele ein downtimegewordener Overkill. Und ja, Minos löst am Spielende mit einem gut ausgebauten Palast eine Kaskadenwelle von Aktionen aus. Ich gehe auf den Säulen einen Schritt weiter und löse eine weitere Aktion aus. Die erste Partie ist immer eine Lern- und Verstehenspartie, mit einer gewissen Zeit zum Nachfragen, Unterstützen und Überlegen. Doch ab Partie zwei hat bei uns keine vollständige Viererpartie länger als zwei Stunden gedauert. Daher gehe ich die Einschätzung der Community bei BGG auch nicht ganz mit. Okay, wir sind alle recht schneller Spieler, aber Minos skaliert von 2-4 Spielern echt gut. Minos funktioniert auch hervorragend für 2 Personen. Generell überzeugt das Spiel durch die gute Symbolik, die man aber auch erst adaptieren muss.

Seefahreroute

Fazit

Spiele wie Minos oder Nucleum sind oft in der Kritik: Same same but different wird schnell als Plattitüde bemüht. Das ist nicht fair, denn jedes dieser Spiele steht für Herzblut und Arbeit des Autors. Deswegen bin ich sehr froh, Minos gespielt und entdeckt zu haben und mich von den Meinungen und kritischen Blicken anderer nicht habe abschrecken lassen. Minos macht vieles richtig gut und besonders und erzeugt mit seiner Würfelmechanik ein Gefühl von schweißnassen Händen und direkter Interaktion am Tisch. Gleichzeitig bietet es eine Vielzahl an möglichen Wegen und asymmetrischen Ausbaumöglichkeiten der unterschiedlichen Stämme. Aufgrund des Palastausbaus und der freigeschalteten Aktionen muss ich zum Spielende auch mal etwas längere Züge der Mitspielenden aushalten – diese werden aber fluffig und schnell abgehandelt. Minos ist nicht „ein gleiches Spiel im neuen Gewand“. Minos ist einzigartig, gut und bleibt definitiv im Regal.

Minos Ein Lichtblick? Oder das Gleiche?
Spielinformationen
Genre: Diceplacement | Personen: 1-4 | Alter: ab 14 Jahren | Dauer: 90 - 150 Minuten | Autor: Stan Kordonskiy | Illustration: Hazem Ameen, Kristina Gehrmann, Guilherme Olivieri, Zbigniew Umgelter |
SPIELSPASS
9
MATERIAL
7.5
SPIELIDEE
8.5
Positive Aspekte
Sehr innovativer und toller Würfeleinsetzmechanismus
Spannende Interaktion und viele taktische Möglichkeiten am Tisch
Feine Zahnräder, die inneinander greifen und theamatisch solide sind
Sehr gut spielbar für 2-4 Personen
Gute asymetrische Fähigkeiten und individueller Palastausbau
Hoher Widerspielwert
Negative Aspekte
Downtimeanfällig gerade bei vier Personen
Gerade zum Spielende lassen Kaskadeneffekte die Züge länger werden
Man muss auf die Mitspieler achten, sonst entwischen sie
Erstpartie = Lernpartie
Gute Symbolsprache, die man beherrschen sollte
8.5
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