Wusstet ihr, dass Käse Drehschwindel auslöst, zumindest dann, wenn Fromage gespielt wird? Denn da purzelte Hartkäse mit Weichkäse und Schimmelkäse über die Tische und ich hetzte auf dem Rondell zwischen Markt, Bistro, Käsefestival und Frankreichs Regionen hin und her. Und das nicht im übertragenden Sinne. Denn das sich drehende Spielbrett ist schon verdammt sexy und besitzt enormen Aufforderungscharakter. Allerdings ist das nicht das einzige Ass im Käse! Fromage hat mehr zu bieten als nur gimmickartige Schauwerte. Und genau durch diese werden wir uns jetzt genüsslich knabbern, denn ihr wollt sicher wissen, ob Fromage neben anderen thematischen Genrevertretern der „Genussmittel-Brettspiele“ wie Bier Pioniere oder Viticulture bestehen kann!
Kurzcheck: Darum geht es in Fromage
Thematisch geht es nicht darum, über die meisten Siegpunkte zu einem Käse zu mutieren. Das wäre mal etwas Neues gewesen. Aber es geht auch nur so halb um Käseproduktion, denn Fromage besitzt kein Engine-Building, wie Viticulture, nur dass statt Wein Käse produziert wird. Trotzdem bildet Fromage in gewisser Hinsicht diese Idee der Käseproduktion ab. Mein Tableau sammelt Marmelade für den Käse, ich kann Gebäude bauen, um mein Spiel strategisch zu verändern, die Tiere der Milchproduktion können gefunden werden und auch der Reifeprozess des Käses ist inkludiert. Und irgendwie spielt die Auslieferung des Käses in Bistros oder auf Käsefestivals eine Rolle. Die Thematik ist am Ende aber eher nur ein Anstrich, wenn auch ein passender und hübscher. Die Stärken des Spiels sind an anderer Stelle zu finden.
Fromage ist nämlich ein simultanes Worker-Placement-

Das vierfache Dilemma
Bist du am Zug, kannst du einen bis maximal zwei von deinen Käse (fungieren als Worker) auf dein Spielbrettviertel platzieren. Einen in den Ressourcenbereich, einen in den Siegpunktebereich. Daraus entsteht jetzt der Spielreiz. Erstens: Je mächtiger die Aktion, desto später bekommst du den Käse wieder, was den Reifeprozess abbildet. „Mächtig“ meint die Anzahl der erhaltenen Ressourcen oder aber die möglichen Siegpunkte am Spielende. Zweitens: Du hast nur drei Worker. Ballerst du zwei von deinen drei Käsestücken auf die besten Plätze, hast du nächste Runde nur noch einen Worker und in der darauffolgenden gar keinen. Das ist … äh … meistens Käse. Manchmal aber zwingend notwendig, wie du im nächsten Absatz erfahren wirst. Drittens: Die Käse-Worker sind aufgeteilt in Hartkäse, Weichkäse und Schimmelkäse. Auf jedes (!) Aktionsfeld kannst du immer nur eine bestimmte Käsesorte platzieren. Setzt du also in deinem Viertel auf einen für dich ausgezeichneten Feld deinen Hartkäse, weil du z. B. so eine Set-Collection fürs Spielende vervollständigst, dann kannst du nach der Drehung in der nächsten Aktionsphase alle Aktionen für Hartkäse vergessen. Rumms. Bumms. Stinkefinger. Bedenke dabei den zweiten Punkt, denn vielleicht musst du auf deinen Hartkäse sogar länger verzichten. Viertens: Im unteren Bereich der Siegpunktegewinnung sind einmal genutzte Felder für die gesamte Partie blockiert! Wer zuerst kommt, käst zuerst – oder so. Übrigens: Du bekommst deinen Worker zwar wie erwähnt später wieder, aber du lässt in dem Feld in deiner Spielfarbe ein Käsestück für die dauerhafte Blockade zurück. Jedes verdammte Feld ist also nur einmal besetzbar! Wettrennen aus der Hölle. Und damit sind wir beim nächsten Punkt.

Simultan und doch interaktiv
Natürlich spielen wir alle gleichzeitig, aber ich muss immer schauen, was meine Mitspielenden wohl machen würden. Denn dreht sich das Spielbrett am Ende der Runde, dauert es einige Umdrehungen, bis ich wieder vor dem Viertel sitze. Dann schaue ich auf das Spielviertel und spielerische Träume für die Endwertung verwandeln sich in spielerische Albträume. In der Zeit sind eben diverse Felder von den anderen Käsenase am Tisch besetzt worden. Da bekomme ich durchaus Emo-Schimmel im Hirn, weil es in den unteren Bereichen immer um etwas geht! Fromage ist auch in gewisser Hinsicht Pokern. Natürlich sind z. B. die zentralen Plätze beim Käsefestival, wo es auf die längste Verbindung aus Festivalständen ankommt, am teuersten. Teuer in dem Sinne, weil ich meinen Käse erst nach drei Rotationen wiederbekomme. Setze ich den da jetzt wirklich ein? Leiste ich mir das? Leisten sich das die anderen in dieser Phase des Spiels schon? Kein Zug vergeht, ohne an die Gedanken der anderen. Und es wird noch besser! Ich muss auch meine eigene Zukunft bei den Rotationen im Blick behalten …

Die Zukunft im Blick
Bleiben wir beim Festival. Ich kann zentral dort nun einen Hartkäse oder Schimmelkäse einsetzen. Ich entscheide mich dafür, es noch sein zu lassen, weil die Felder teuer sind. Das Spielbrett dreht und dreht sich. Jetzt der Tischkantenbiss meinerseits. Ich sitze wieder vor dem Festival. Martin hat den Hartkäseplatz tatsächlich genutzt und damit für mich dauerhaft blockiert. Der Schimmelkäseplatz wäre noch frei. Ich habe allerdings vor zwei Rotationen meinen Schimmelkäse für eine mächtige Ressourcengewinnung genutzt. Dafür konnte ich mir ein Gebäude bauen, welches mir immer eine Tierressource mehr gibt. Allerdings heißt das auch: Ich muss drei Rotationen warten und bekomme meinen Schimmelkäse erst nächste Rotation. Ich kann den jetzt freien Platz beim Festival nicht besetzen, weil ich keinen Schimmelkäse besitze. Ich muss beim Einsetzen meiner drei Worker also immer schauen, wann ich sie zurückbekomme, welches Viertel dann vor mir liegt und gleichzeitig im Blick haben, welche freien Aktionsfelder für welchen Käse nächste Runde auf mich zukommen. Verzeiht mir meine derbe Sprache, aber Scheiße ist hier ein oft zu hörender Ausruf. Ein Fest für Optimierungsfans. Ja, Fromage lässt sich auch simpler spielen, aber wer in diesen Käsefight alles gibt, der erlebt eine sich aufschaukelnde Spielgruppe.

Zeit und Maschine
Was sich unfassbar anfühlt, ist die geringe Spielzeit. Natürlich logisch, weil wir simultan spielen, aber hier sitzen wirklich vier Personen, bei einem seichten, aber fordernden und interaktiven Brettspiel nur 30 Minuten am Tisch. Wenn es interaktiver wird und die Spielerfahrung steigt, werden es vielleicht auch 45 Minuten. Das ist trotzdem unfassbar wenig im Vergleich. Auch die Anpassung an die Personenanzahl ist vorbildlich, weil über das Double-Layer-Spielbrett andere Aktionsfelder eingeschoben werden. Mein größter Kritikpunkt ist am Ende einfach das verwirrende Konzept des fehlenden Engine-Building. Daraus kann ich dem Spiel an sich keinen Vorwurf machen, aber auch wenn alles nach Käse schreit, aussieht und fast riecht, fühle ich den Käse zu keiner Zeit. Als Fan von thematischer Verankerung trotzdem ein Downer.

Fazit
Fromage ist kein schmelzkäsiger Traum für Engine-Fans, sondern ein verdammt frisch geraspelter Parmesan im Worker-Placement-Gewand. Das rotierende Spielbrett ist ein fetter Hingucker und ist weit mehr als ein billiges Gadget. Die vierfachen Dilemmata – welche Sorte, welches Feld, die Reifung und die dauerhafte Blockade – sorgen dafür, dass jede Runde von Spannung und kniffliger Planung durchzogen ist. Dazu simultan gespielt, ohne wirkliche Downtime und zudem überraschend interaktiv mit spürbarem Wettrenncharakter. Das macht Fromage in 30–45 Minuten zu einem erstaunlich intensiven Kennerspiel-Snack. Gleichzeitig liegt hier auch der Haken in der Käsekruste begraben: So sehr alles nach Käse schreit, so wenig fühle ich ihn mechanisch. Kein echtes Engine-Building, kaum das Gefühl, eine Produktion aufzubauen, obwohl alles irgendwie auf den ersten Blick vorhanden ist. Das irritiert. Fromage ist somit eher ein cleveres Timing-Puzzle und schnell gespieltes, verzwicktes Rondell-Wettrennen mit starkem Tischauftritt und fein nuanciertem Grübelbiss. Wer also eine schnelle Käseplatte mit Geschmack als ein feines Degustationsmenü sucht, kann hier einen Blick wagen.

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