Lesezeit: 5 Minuten
Über Yedo Deluxe zu schreiben, heißt für mich Hosen runter! Ich kenne nämlich das Original aus dem Jahr 2012 nicht. Klingt irgendwie suboptimal für eine Besprechung. Auf der anderen Seite kann ich unvoreingenommen das Spiel unter der Lupe des Jahres 2022 betrachten. Taugt das grundlegende Spielprinzip noch heute? Vielleicht kein uninteressanter Blickwinkel, denn nicht alles, was damals glänzte, besitzt heute noch berechtigte Strahlkraft. Der Eintritt in die japanische Hauptstadt des sechzehnten Jahrhunderts ist zudem nicht gerade als Schnapper zu bezeichnen. Lohnt sich also der Ausflug?

Kurzcheck: Darum geht es in Yedo Deluxe

Wer die riesige Spielschachtel öffnet, finden auf seiner Reise nach Yedo zuerst wirklich sehr schickes Material, ein großes Inlay und eine üppige Anleitung. Alles schreit nach einem richtig fetten Schinken. Schnell wird aber klar, dass das Grundspiel wesentlich schlanker gestaltet ist und Deluxe sich hier nicht nur auf Meeple und Ressourcensteine bezieht, sondern auch auf Module. Wir wollen bei unserer Suche nach Ruhm für den Shogun erst einmal kleine Chūkaman backen dämpfen und daher beleuchte ich zuerst die Grundpfeiler.

Das unterhaltsame Yedo Deluxe basiert auf eine kleine Reise durch unterschiedliche Mechaniken. Jede Runde startet mit einer Auktionsphase, wo unterschiedliche Aktionsmöglichkeiten versteigert werden, danach folgt klassisches Worker-Placement, bei dem man Ressourcen ergattert und anderweitige Aktionen auslöst. Wichtig für das Spielverständnis: Erst setzten alle nacheinander reihum ihre Worker, erst danach werden in einer neuen Phase die Aktionen ausgelöst. Garniert ist dies noch mit einem zufälligen Ereignis pro Runde und typischen Handkartenmanagement für Sondereffekte und Siegpunkte am Ende. Wer sich nun gähnend die Hand vor dem Mund hält, weil das nun wirklich nichts Neues ist, der sollte nun unbedingt weiterlesen!

Richtig was los auf dem Tisch.

Der Clou: Aufträge

Der große Spaß in Yedo Deluxe ist die Erfüllung von Aufträgen. Es erinnert hier stark an In Too Deep. Zeitlich gesehen hat sich wohl eher das Cyberpunk-Brettspiel an Yedo orientiert, aber das soll hier nicht der Punkt sein. Zurück zu den Aufträgen. Davon hast du je nach eigener Strategie verschieden viele auf der Hand und diese auch in unterschiedlicher Schwierigkeit. Klar, je schwerer, desto höher die Belohnung. Die Auftragskarten erzählen nicht nur eine kleine Geschichte (unbedingt vorlesen!), sondern sind ein wilder Mix an Anforderungen. Zum einen brauchst du gewisse Ressourcen, die teilweise nur rundenübergreifend gesammelt werden können, zum anderen braucht es immer eine bestimmte Konstellation deiner Worker auf dem Spielbrett. So brauchst du vielleicht ein gebautes Dojo und eine Konkubine auf deinem Tableau, aber auch einen Worker auf einem Aktionsfeld im Handels- und einen im Tempeldistrikt. Es ist also eine Art Puzzle.

Vier der insgesamt 141 verschiedenen Aufträge.

Absolut motivierend!

Wir sind noch nicht am Ende! Wenn du nun einen Auftrag erfüllen möchtest, musst du einen der Worker des entsprechenden Puzzles aktivieren. Wenn wir beim Beispiel bleiben, wäre das der Worker im Handelsdistrikt. Gleichzeitig verzichtest du auf die eigentliche Aktion! Autsch. Jeder Auftrag hat zudem Bonus-Bedingungen, wer diese erfüllt, greift noch mehr ab. Da alle Mitspielenden reihum immer nur einen Worker platzieren, jeder nur maximal vier besitzt und die Aktionsplätze in den Distrikten wirklich extrem knapp sind, ist das alles wesentlich schwerer zu bewerkstelligen als gedacht. Ständig wirst du blockiert! Wenn dein über Runden gereifter Plan aber aufgeht, du vielleicht sogar zwei Aufträge in einer Runde erfüllst und die Kasse, Siegpunkte und weitere Belohnungen winken, dann schlägt man sich vor Eigenlob fast selbst die Schulter blau. Falls es nicht klappt, beim nächsten Mal willst du es definitiv besser machen. Handshake Wiederspielreiz!

Die Spielhilfe ist absolut gelungen.

Weitere Feinheiten

Auch die Auktionphase am Rundenbeginn ist interessant. Hier werden im Groben alle Aktionen, die man auch durch Worker auf dem Spielplan auslösen kann, in einer stärkeren Variante versteigert. Das wissen aber alle am Tisch! Und so geht das Gefeilsche los. Manchmal ist die Intention auch nur eine wichtige Aktion für andere so teuer wie möglich zu machen. Interessanter Einschub, wer eine Aktion ersteigert hat, ist aus der Auktionsphase ausgeschlossen. Heißt, wer übrig bleibt, bestimmt seinen Preis selbst, kann aber nur versteigern, was noch da ist, weil versteigerte Aktionen sind bis zur nächsten Runde gesperrt werden.

Wer zudem zu hoch pokert, weil andere geärgert werden sollen, hat sich mit Pech plötzlich eine überteuerte Aktion geangelt und guckt dumm aus seiner Meeple-Wäsche. Ich lieben diesen Part! Was brauche ich und andere? Wo bluffe ich und gehe damit aber immer Risiko? Auktionen, die Art wie Worker eingesetzt werden, die Aufträge und Aktionskarten, die viele Regeln brechen können, sorgen so für ein wirklich interaktives Zusammenspiel, das durchaus temporär in fiese Regionen abrutschten kann. Mit der richtigen Gruppe ist Gegacker aus Schadenfreude ein stetiger Begleiter.

Dazu bietet das Spiel extrem viele optionale Extras. Asymmetrische Fähigkeiten bei den Clans, spezielle Anführer mit Sonderaktionen, rekrutierbare Sondermeeple, die Regeln brechen und auch die Rundenanzahl und Art der Auftrags- und Aktionskarten im Spiel sind justierbar. So ist eher kurz und knackig, über richtig fiese Interaktion bis hin zum Yedo-Marathon alles möglich. Die Anpassung ist schon echt stark!

Der dicke Meeple in der Mitte ist ein Wächter und sperrt pro Runde einen Bezirk.

Kritik an den Shogun

Kommen wir zu den Bereichen, wo Scharten ins Katana geschlagen werden. Die Aufträge machen richtig Lust. Ich erlebe Herzbeben. Schaue gebannt aufs Spielfeld, wenn andere ihre Worker platzieren, weil ich hoffe, dass ich meine Worker perfekt platzieren kann. Ergebnis: Erfüllte Aufträge werden den anderen um die Ohren geballert. Yeah, wer ist der King der Kohle und des Ruhms! Das erfordert allerdings immer etwas Vorlaufzeit. Ergo Runden. Yedo ist also kein schnelles Spiel. Die schwersten Missionen und damit die echten Filet-Stücke können im kurzen Spiel nicht wirklich erfüllt werden. Kurzes Spiel heißt in Yedo Deluxe aber trotzdem 90 Minuten. Jetzt kommt die Krux. Die grundsätzlichen Mechaniken sind nicht so spannend, dass man Yedo Deluxe 180 Minuten spielen möchte. Heißt, wo Spielspaß durch optionale und motivierende Aufträge theoretisch steigt, fällt er gleichzeitig durch höhere Rundenanzahl ab.

Ebenfalls gibt es eine Handelsphase, wo Spielende innerhalb bestimmter Bezirke Spielmaterial tauschen können. Was nach mehr Interaktion ausschaut, wird aus meiner Erfahrung nicht wirklich praktiziert. Du weißt meistens sehr genau, was du brauchst und arbeitest darauf hin. Gleichzeitig weiß du um die Gefahr, jemand anderen es zu ermöglichen, einen mächtigen Auftrag zu erfüllen. Die Handelsphase verpufft also eher.

Schickes Material!

Fazit

Die Crux mit dem verstolperten Tanz aus steigender Spielzeit und der hinzunahmen komplexerer Aufträgen ist bedauerlich. Ich will hier eigentlich das komplette Paket, weil das klassische Worker-Placement durch Auktionen und den puzzelartigen Aufträgen ungemein motivieren. Für mich trägt das durchaus gelungene und auch noch heute spaßbringende Gesamtkonzept aber nicht über eine Spielzeit abseits des kurzen Spiels. Damit fallen die komplexesten Aufträge weg. Das wiegt aber insgesamt weniger schwer, weil sich Yedo Deluxe durch seinen modulartigen Charakter ansonsten passgenau austarieren lässt. Ob komplexere Worker-Mechaniken, zusätzliche Asymmetrie oder mehr fiese Interaktion, hier ist absolute Freiheit angesagt. Abschließend lässt sich urteilen, dass Yedo Deluxe auch heute noch mit seiner wirklich interaktiven und entscheidungskitzelnden Mechanik frisch wirkt und sich sein Revival absolut verdient hat!

Info: Für mich ist Yedo vor allem wegen der kompetitiven Interaktion reizvoll, daher habe ich bisher den kooperativen Modus zu wenig ausprobiert als das er hier bewertet werden könnte.

Yedo Deluxe

99 €
8.3

AUSSTATTUNG

8.8/10

SPIELIDEE

8.0/10

SPIELSPASS

8.0/10

Kurzfakten

  • Wertiges Material
  • Hohe Modularität
  • Einzigartiges Spielgefühl
  • Durchaus sehr hohe Interaktion
  • Spielzeit anpassbar
  • ... darunter leidet die Auftragsmechanik

Spielinformationen

  • Genre: Worker-Placement
  • Personen: 1 - 5
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: 60 - 90+ Minuten
  • Autor/in: Thomas V. Ginste, W. Plancke
  • Rezensionsexemplar erhalten
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