Lesezeit: 6 Minuten
Mit Schrecken laß ich das Interview von Martin Wallace zu seinem neuen Brettspiel Anno 1800. Er erzählt dort, dass er das Videospiel selbst nie gespielt hat. Kann das funktionieren? Erste Bilder versprachen zumindest eine Fülle an Material und der Fokus auf Produktionsketten, mit seinem besonderen Handelsmechanismus, machten mich immerhin neugierig. Ich bin außerdem seit dem ersten Ableger Fan der Videospielreihe. Mit Anno 1602 begann 1998 meine Liebe zu dem Wirtschaftssimulator mit dem herrlichen Wuselfaktor. Kann Anno 1800 als Brettspiel eine ähnliche Zuneigung entfachen?

Kurzcheck: Darum geht es in Anno 1800

Die große Industrialisierung hat begonnen und du mittendrin! Aus einer eher rudimentären Wirtschaft, die gerade so Waren wie Getreide oder Stahl herstellen kann, versuchst du deine Stadt mannigfaltig weiterzuentwickeln. Du bildest Bürger weiter, sorgst für mehr Einwohner, erschaffst sinnvolle Produktionsketten für Luxusartikel, angelst dir mächtige Investoren und weitest nicht nur deine Heimatinsel aus, sondern reist zu fernen Ländern. Nur dort lauern die exotischen Ressourcen für deine Luxusartikel! Die gleichen Eckpfeiler wie im Videospiel. Ja, Anno 1800 macht hier auch als Brettspiel seine Hausaufgaben.

Auch wenn der Spielaufbau dauert und einen großen Tisch in Geiselhaft nimmt, sind wir hier immer noch im soliden Kennerspielbereich. Trotzdem spielt sich Anno 1800 nicht von allein. Nur wer mit Weitsicht seine Bürger und Produktionsketten zum Bedarf passend ausbaut, macht ordentlich Siegpunkte! Nur glückliche Bürger, die als perfekte Konsumenten fungieren, führen zum Sieg. Dabei solltest du aber besonders deine Mitspieler im Auge behalten, denn wer alles selbst herstellen möchte und auf lukrativen Handel verzichtet, hat es schwer. Der angekündigte Handelsmechanismus ist eine der Triebfeder, warum man dieses Spiel gerne auspackt. Gehen wir ins Detail.

Du brauchst einen großen Tisch!

Planungskarussell

In Anno 1800 gibt es 44 verschiedene miteinander verbundene Güter und entsprechende Industrien. Wer eine Nähmaschine herstellen möchte, braucht Messing und Stahl. Für Messing brauchst du Waren und Kohle, für Stahl Ziegel und Kohle. Deine Bürgerkarte verlangt aber nicht nur eine Nähmaschine, sondern auch Fleischkonserven. Ergo brauchts du noch Schweine und noch mehr Stahl. All diese Industrien müssen nicht nur gebaut, sondern auch mit Arbeitern, Ingenieuren und Bauern bestückt werden. Dafür braucht es auch noch Platz auf deiner Insel! Erweitern geht nur über Segelboote. Warte kurz, was brauche ich noch für die Boote? Schnell bist du im Planungskarussell gefangen. Die Umdrehungen sorgen aber nicht für Schwindel, sondern erzeugen Spielspaß!

Schnell wirst du merken, dass es gar nicht so einfach ist, alleine alle Bedürfnisse zu befriedigen. Eigentlich ist es sogar unmöglich, zumindest ab einer Partie mit drei Personen. Der Grund: Jede Industrie gibt es nur zweimal im Vorrat! Du kannst also gar nicht alles bauen. Und das würde auch keinen Sinn ergeben.

Deine Stadt wächst…

Überlebenswichtig

Ziel des Spiels ist es nämlich so viel und schnell wie möglich die Bedürfnisse deiner Bürger (Karten) zu erfüllen. Diese verdeckten Karten hast du auf der Hand und somit weißt du, was du alles brauchst. Erhältst du neue Bewohner, was unabdingbar ist, weil du deine Arbeitskraft für all deine Industrien erhöhen musst, kommen weitere Karten dazu. Jeden Bürger, den du durch Waren zufriedenstellen kannst, darfst du als Aktion ausspielen. Du erhältst entsprechend Siegpunkte und die aufgedruckte Sonderaktion. Wer keine Bürger mehr auf der Hand hat, beendet das Spiel!

Das Problem, du hast nur eine Aktion pro Runde. Was verdammt wenig ist, denn du willst Industrie ausbauen, Bevölkerungskarten ausspielen oder tauschen, Arbeitskraft erhöhen, Bürger weiterbilden oder Erkundungen unternehmen. Viele Aktionen fließen die Runden hinunter, wenn du selbst Industrieketten ausbaust. Langer Anlauf, aber nun kommt er, der Handel! Mit Handelsmarken, generiert über Handelsschiffe, die du auch erstmal bauen musst, kannst du Güter deiner Mitspieler direkt erhalten. Einfach so eine Nähmaschine, ohne Industrien für Messing, Stahl, Ziegel und Kohle einstreichen? Tschakka! Ach, der andere Mitspieler kann Konservenfleisch herstellen? Perfekt! Der oben besprochene Einwohner wird plötzlich wie von alleine durch deine Mitspieler befriedigt.

Zufällige Persönlichkeiten verändern jedes Spiel im Detail.

Das ist der Clou in Anno 1800. Nur die Industrien zu bauen, wo du sehr oft etwas herstellen musst und versuchen zu erahnen, was andere machen, um dir damit Aktionen zu sparen. Eine mächtige Handelsflotte vorausgesetzt. Es kann allerdings auch sehr lukrativ sein, etwas anzubieten, was viele brauchen. Denn wenn andere mit dir handeln, erhältst du aus dem Vorrat immer ein Gold. Das brauchst du, um benutzte Arbeiter von deinen Industrien wieder freizukaufen. Einzig anderer Ausweg ist die Möglichkeit ein Stadtfest zu feiern, was einem Aussetzen entspricht, damit alle Arbeiter zurückgesetzt werden. Wer also geschickt Güter anbietet, hat viel Gold und erkauft sich Aktionen. Der gelungene Mix aus Handel und der Erschaffung von Produktionsketten ist Anno 1800 wirklich vortrefflich gelungen!

Anforderungen und Sonderaktionen der Einwohner.

Handel ist nicht alles…

Trotzdem hat Anno 1800 mit einigen Elementen zu kämpfen. Die Starthand und das Ziehen neuer Bürgerkarten wird auch vom Glück beherrscht. Zwar kann man ungünstige Karten, die auf die vorhandenen Güter nicht passen, austauschen, aber das kostet eben Aktionen. Ich habe eine Partie mit extrem sattem Vorsprung gewonnen, weil gefühlt die Hälfte meiner Karten Wurst und/oder Bier verlangten. Ich war nicht nur der Erste, der all seine Karten loswurde, sondern hatte auch am meisten Bürger befriedigt. Manchmal braucht es dafür nur eine gute Wurst…

Insgesamt hält es sich trotzdem wohl die Waage. Für mich schwerer wiegen die Patzer bei der grafischen Gestaltung und dem Spielmaterial. Anno 1800 könnte eine neue Ritter Sport Schokolade sein. Alles ist irgendwie quadratisch. Neue Inselteile werden eher lieblos an die Seite angebaut, auch wieder rechtwinklig. Es wirkt unorganisch, die Entdeckung der Heimatinsel macht so keinen Spaß. Zweckmäßigkeit zieht sich durch das Spiel. Die Heimatinsel ist hauptsächlich einfach nur grün. Gebäude, grafisch passend dem Videospiel entliehen, wirken in ihrer Frontalansicht fast wie Fremdkörper. Man sieht keine Straßen, keine liebevollen Details, Arbeiter sind nur kleine Holzklötzchen. Ich hätte eine isometrische Perspektive, bei dem Gebäude zusätzlich durch aufgedruckte Straßen an den Rasterlinien miteinander verbunden wären, vorgezogen. Anno 1800 erreicht an dieser Stelle nicht mein Herz.

Auch vermisse ich mehr Gebäude, die fern ab der Produktionsketten Vorteile einbringen oder die in ihrer Größe unterschiedlich viel Platz einnehmen. Wie sieht es mit Kirchen oder Universitäten aus? Ich hoffe hier auf Erweiterungen, denn das Grundgerüst ist mehr als nur spielerischer Durchschnitt.

Am Spielende sorgen Expeditions-Karten für Extrapunkte.

Fazit

Anno 1800 ist als Brettspiel eine doch verblüffend gute Umsetzung der Videospielvorlage, zumindest in den Kernbereichen der Produktionsketten und der Stillung von Bedürfnissen der eigenen Bevölkerung. Vor allem im Zusammenhang mit der Handelsmechanik schimmert richtig viel Spielspaß durch. Geschickt, durch den Ausbau der Handelsflotten, die Industrien der anderen benutzen und sich gleichzeitig gezielt auf die Produktion weniger Güter zu konzentrieren, motiviert ungemein. Es entsteht am Tisch wirklich das Gefühl von wachsenden Städten, die interaktiv miteinander verwoben sind. Da nur eine Aktion pro Zug zulässig ist, entsteht auch kaum Downtime! Obwohl Anno 1800 nicht allzu komplex ist und damit eine größere Zielgruppe anspricht, könnten Erstpartien in Sachen Spielzeit etwas ausarten. Das Glück beim Ziehen der Bürgerkarten ist hart an der Grenze, die Gestaltung der Spielmaterialien leider darüber. Hier hätte ich mir definitiv mehr Liebe zum Detail gewünscht! Trotzdem ist Anno 1800, nicht nur für Fans des Videospiels, ein durchaus gutes Spiel!

Fehler in der Anleitung
In der Anleitung gibt es einen Fehler bei der Ausbauen-Aktion. In der Anleitung steht, dass vorgedruckte Start-Industrien von ihren Alternativen überbaut werden müssen ,weil jede Industrie nur höchstens einmal besessen werden darf. Tatsächlich sind damit aber identische Industrien gemeint. Da die Alternativen der Start-Industrien nicht identisch zu diesen sind (die entsprechenden Start-Industrien erfordern Handwerker, während ihre Alternativen Arbeiter erfordern), dürfen jeweils beide gebaut werden

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Anno 1800

48,73 €
7.7

AUSSTATTUNG

7.0/10

SPIELIDEE

8.5/10

SPIELSPASS

7.5/10

Kurzfakten

  • Tolle Produktionsketten
  • Schöne Handelsmechanik
  • Trifft im Kern die Videospielvorlage
  • Spielzeit kann anfänglich ausufern
  • Gestaltung des Materials nur praktikabel

Spielinformationen

  • Genre: Strategiespiel
  • Spieler: 2 - 4
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: 120 Minuten
  • Rezensionsexemplar erhalten

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