Lesezeit: 6 Minuten
Wer Aeons End sagt, muss auch Dominion sagen. Mit Dominion begann 2008 meine Liebe zu Deckbuilding. Ich vermute, ich bin da nicht der Einzige. Heute habe ich allerdings keine Ausgabe mehr im Schrank. Trotz diverser Erweiterungen war mir reines Deckbuilding als Spielkonzept irgendwann zu dröge, denn andere Brettspiele strickten um die Mechanik ganze Spiele. Nun hat sich Frosted Games die Mühe gemacht, Aeons End komplett überarbeitet auf den deutschen Markt loszulassen. Das persönliche Problem: Es ist wie Dominion ein reiner Deckbuilder. Ich war trotzdem neugierig, denn es ist kooperativ und diese fiese Hassgeburt auf dem Cover muss einfach verdroschen werden. Als Videospieler nenne ich das den Diablo-Reflex! Hat sich der Kauf nun gelohnt?

Kurzcheck: Darum geht es um Aeons End

Die Menschheit ist so gut wie ausgelöscht! Die wenigen Überlebenden haben Zuflucht in der letzten Feste tief unter der Erde gesucht und harren dort ihrem Schicksal entgegen. Zwischen den dunklen Mächte, mit all ihren tödlichen Bestien, stehen als Hoffnung der Menschen die Riss-Magier. Diese vermögen Risse im Zeitgefüge, aus denen die dunklen Mächte strömen, für sich und ihre Magie zu nutzen.

Spielerisch bedeutet dies, dass jeder einen Riss-Magier verkörpert, der ein unterschiedliches Startdeck und eine Spezialfähigkeit besitzt, sich über die Spielrunden weitere Karten kauft, um damit sein Deck mit Zaubern, Kristallen und Artefakten zu verbessern. Ziel ist es den Erzfeind zu vernichten, der jede Runde mit seinem eigenen Karten zuschlägt, und dabei weder selber unter die Pranken zu geraten, noch die Feste der Menschheit einstürzen zu lassen. Klingt sehr klassisch, was nicht falscher sein könnte!

Das Spiel beginnt…

Die Besonderheiten von Aeons End

Das Deck

Fangen wir mit dem Umstand an, dass man in der Regel sein Deck niemals mischt. Gekaufte Karten kommen genau zum Zeitpunkt des Kaufprozesses auf den Ablagestapel. Gewirkte Zauber ebenso! Ist der Nachziehstapel aufgebraucht, wird der Ablagestapel einfach nur umgedreht und das Spiel beginnt von vorn. Das birgt natürlich ganz andere taktische wie strategische Möglichkeiten. Es ist absolut relevant, wann ich welche Karte kaufe oder abwerfe, da ich so beeinflusse, in welcher Reihenfolge ich später nachziehen werde. Anfänglich kann man hier wunderbar seine Stirn auf die Tischplatte hauen, weil man so dämlich agiert hat. Keine Sorge, es bessert sich im Laufe der Partien!

Knappe Partien? Standard!

Die Reihenfolge

Die Spielerreihenfolge ist ebenfalls erwähnenswert. Es gibt nämlich keine feste Reihenfolge. Für die Riss-Magier und den Erzfeind gibt es mehrere Reihenfolge-Karten, die in ein Deck gemischt sind. Jede Runde wird dieses Deck einmal durchgespielt. Die Reihenfolge ist also zufällig. Gleichzeitig weiß man um die Anzahl der Karten und kann im Laufe einer Runde abschätzen, wer wie oft noch am Zug ist. Kooperatives Pläneschmieden ist angesagt! So ist es aber auch möglich, dass zum Ende eines Durchgangs der Erzfeind zweimal dran ist und beim nächsten Durchlauf, nach dem Mischen des Reihenfolgedecks, der fiese Obermotz plötzlich wieder seine Zähne zeigt. Das sorgt für Spannung die Fingernägel reduzieren lässt, gerade wenn das Spiel auf der Kippe steht.

Der Erzfeind agiert über andere Monster, zeitverzögerte Attacken (Pläne) oder direkte Fähigkeiten.

Die Risse

Die Mechanik der Risse bringt auch Würze ins Spiel. Jeder Riss-Magier hat bis zu vier Risse an die er Zauber-Karten binden kann. Allerdings sind die Risse vorab oft gesperrt und müssen mit Aetherium freigeschaltet werden. Wertvolles Aetherium, welches man eher für neue Karten ausgeben möchte. Willkommen in der Zwickmühle und der Frage, bessere Karten oder mehr Slots? Weiterer Kniff, an Risse ausgespielte Zauber können erst in der nächsten aktiven Phase des Riss-Magiers ausgelöst werden. Fähigkeiten sind also zeitverzögert, das freut vor allem meistens den Erzfeind, der mit Angriffen gerne gebundene Zauber löscht. Ihr merkt, Aeons End ist absolut kein No-Brainer!

Die Riss-Magier glänzen mit unterschiedlichen Karten, Rissen und einer Sonderfähigkeit.

Erzfeinde der Abwechslung

Gut, die Hassgeburt aka Diablo-Klon ist ein Eyecather, ist aber eigentlich eine Lachnummer! Er wird wütend und schlägt dann fies zu. Nett, aber vorhersehbar, was für den Einstieg natürlich taugt. Schon der zweite Erzfeind ist mit der Carapax-Königin eine ganz andere Nummer. Neue Sonderregeln, neue Karten im Erzfeind-Deck und ein gänzlich anderes Spielgefühl. Plötzlich kämpft man gegen Horden kleiner Biester (Leerlinge), die auf ein neues Tableau platziert werden. Sinn der Sache: je mehr Leerlinge auf dem Tableau, desto fieser der Sonderangriff der Königin. Brutalster Sondereffekt: sofortiges Game Over! Hoher Schaden kann nur per eigenem Lebenspunktverlust auf unterschiedliche Leerlinge verteilt werden. Besser sind nun schwache Zauber, dafür aber viele. Gänzlich anders als bei der Hassgeburt, wo es eher heftig knallen soll! Wir kämpften plötzlich nur noch gegen die Horden von Leerlinge, die gefühlt endlos anbrandeten. Bis zum Endgame war die Königin kaum angekratzt!

Der nächste Erzfeind war dann wieder völlig anders zu meistern, weil er Korruptions-Karten in die Decks der Riss-Magier spielt und dort für Chaos sorgt. Stetes Umdenken ist also die Devise! Das macht nicht nur spielerisch Spaß, sondern erhöht auch die Atmosphäre, weil die Mechanik die Erzfeinde atmosphärisch gekonnt umsetzt. Die abwechslungsreichen Erzfeinde sind einer der Gründe, warum Aeons End bei mir nicht das Schicksal von Dominion teilen wird.

Die Erzfeinde spielen sich alle sehr unterschiedlich.

Erweiterungen

Entsprechend kann ich die beiden Erweiterungen (Das Namenlose / Aus den Tiefen) nur empfehlen. Klar, das Motto bei den enthaltenen Karten und Riss-Magiern ist »mehr vom Gleichen«. Gerade am Anfang ist man mit dem Grundspiel bei den Aspekten eigentlich ausreichend gut aufgestellt. Allerdings besitzt man nur 4 Erzfeinde. Mit den beiden Erweiterungen erhöht sich die Anzahl auf 7, was den der Abwechslung und somit dem Spielspaß wirklich gut tut. Doch Obacht, die Erzfeinde in den Erweiterungen sind wahre Bestien, für die man das Spiel schon gut beherrschen sollte.

Nur ein Teil der möglichen Karten im Markt.

Kritisch gesehen

Die Materialqualität ist sicher nicht so schlecht und man muss den Preis im Blick haben, trotzdem sind die Marker, wie die der Lebenspunkte, etwas zu fitzelig. So manch Kante der Tableaus oder Marker ist zudem schnell abgestoßen. Ist kein Weltuntergang, aber schicker geht das schon. Die Scheiben für die Lebenspunkte sind zudem sehr lose, was im Nachdruck verbessert werden soll. Auch finde ich, das man Aeons End nicht unbedingt zu viert spielen braucht. Kann man machen, aber die Stärken des Spiels erlebt man auch schon zu zweit und beschenkt sich mit weniger Downtime.

Solo auf der Picknickdecke? Kein Problem!

Fazit

Aeons End beherrscht die Einladung zum Tanz auf der Rasierklinge ganz vortrefflich! Die Partien sind meistens vor Spannung getränkt und gehen knapp aus. Wenn dann einmal ein Erzfeind mit Leichtigkeit besiegt wird, wartet der nächste Oberboss mit einer völlig anderen Mechanik darauf, dir das Grinsen aus dem Gesicht zu wischen. Unzählige Riss-Magier, mit kleinen unterschiedlichen Feinheiten, extrem viel Auswahl bei Kristall-, Zauber, und Artefaktkarten und die wirklich frischen Ideen machen Aeons End für mich zum besten Deckbuilder dieser Zeiten. Allen voran der Clou des festen Decks, wo das Mischen in Ketten gelegt wurde. Ein absoluter Mehrwert in Sachen Taktik und Strategie im Genre des Deckbuildings. Dadurch das man kooperativ zur Verteidigung der Menschheit antritt und gleichzeitig die Anleitung wie Kartentexte sehr gut strukturiert sind, kann man sogar als brettspielaffine Familie Erzfeinde vermöbeln. Nur verlieren muss man können, aber selten macht es so viel Spaß wie hier!

Christian Administrator
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Aeons End

49,95
8.4

AUSSTATTUNG

7.5/10

SPIELIDEE

8.8/10

SPIELSPASS

8.8/10

Kurzfakten

  • Sehr gute Anleitung
  • Frische Mechaniken
  • Solo-Modus schwer, aber motivierend
  • Extrem viel Abwechslung
  • Materialqualität nur Mittelmäßig

Spielinformationen

  • Genre: Deckbuilder
  • Spieler: 1 - 4
  • Alter: ab 10 Jahre
  • Dauer: 60 Minuten

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