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Ich krieg die Krise!

Zeit für etwas Seelenstriptease! Ich hab ganz gewiss keinen Putzfimmel und bin auch keiner, der seine Schrauben nach Größe und Grammzahl in kleinen Schachteln sortiert. Ich hab früher mehr schlecht als recht mein Kinderzimmer aufgeräumt – oder sagen wir eher Unordnung vertuscht – und entsprechend sieht mein Schreibtisch noch heute aus. Aber bei Brettspielen ist der Spaß vorbei und regelrecht ausgesperrt. Ich werde bei manchen Verhaltensweisen vom Spieler zum Berserker. Um den Frieden zu wahren, schlucke ich die aufkommende Bestie immer wieder runter. Schluss damit – JETZT spricht der Brettspielneurotiker die acht Gebote des Ausrastens! 

1. Geldmünzen

Geldmünzen, Goldtaler oder Credits in unterschiedlichen Wertigkeiten findet man in diversen Spielen vor. Ob gewöhnliche Pappe oder Metall, für den Brettspieler mit Niveau zu viel Geld, ist an dieser Stelle egal. Wichtiger: man muss das Geld vorher sortieren. In kleine feine Stapel, süße Häufchen oder manch einer drapiert sie feierlich in Schalen. Warum macht man das? Damit ein schöner Spielfluss entsteht und es vor allem schick aussieht! Der Liebhaber investiert dafür Zeit, ob bei der Beschaffung der Schalen oder beim Spielaufbau. Und nun kommt dieser Brettspiel-Prolet und schmeißt bei der Rückgabe seine Münzen einfach auf den Tisch. Irgendwohin. Was soll das? Noch schlimmer, er packt sie in die falsche Schale. Bluthochdruck! Die dritte Eskalationsstufe: Er gibt eine Münze zurück in den Vorrat und wirft dabei alle Münzstapel um. Alles purzelt durcheinander. DURCHEINANDER! Ich male mir aus, wie es wäre, ihn mit Münzmarkern zu erschlagen.

2. Ausrichtung des Spieltableaus

Alles hat seine Ordnung!

Brauche ich überall Struktur? Nein. Ich habe auch kein Buttermesser beim Frühstück und keine Tischdeckenhalter. Aber ein Rote-Beete-Kopf ist im Angebot, wenn ich sehe, wie andere Spieler achtlos ihr Spieltableau pflegen und ausrichten. Ressourcensteine im Irgendwo, die Kante des Tableaus schief zum Spielfeld, lümmelt er womöglich noch halbgar auf seinem Stuhl. Es ist ihm einfach egal. Alter, so sitze ich nicht einmal auf dem Klo! Dieser Typus packt seine Münzen und Ressourcensteine auch falsch weg, da wären wir bei Punkt 1. Es ist respektlos gegenüber dem Autor, dem Illustrator und dem gesamten Spiel. Ein Schlag in meine Magengrube. Jeder Stein hat seinen PLATZ! Das ist nicht umsonst so gestaltet. Ich kann es aushalten. Es ist ja sein Tanzbereich. Wobei, eigentlich kann ich es gar nicht aushalten. Dieses Problem springt vom Spielertableau gerne aufs Spielbrett über. Ich sage nur modulare Hex-Felder und Spaltabstände. Alles über 2 mm erzeugt Plaque!

3. Kartengetrommel

Kennt ihr den Spielmaterialtrommler? Der übelste Geselle ist die Unterform des Kartentrommlers. Ist er endlich am Zug, muss er, wie ein Hirsch bei der Brunft, mehrmals zackig das Material auf den Tisch hauen. Laut muss es sein. Das Motto: Hier komme ich, jetzt spiele ich! Oder was hat das für eine Funktion? Vielleicht will dieser Testosteron-Geselle aber auch nur das Spielmaterial zerstören. Schlimm wird es nämlich, wenn dafür die Handkarten benutzt werden. Ich möchte danach die Kartenkanten immer begutachten und etwas streicheln. Vielleicht ist das auch einer von der Sorte, der Brettspiele immer nur einmal spielt? Da kann man den Holztisch vom Spielmaterial natürlich küssen lassen. Ich sollte das mal mit seinem… durchatmen. Keine Gewalt am Brettspieltisch!

4. Schiebung

Vertieft grübel ich über den nächsten Zug nach, da schrecke ich hoch. Kennt ihr dieses Geräusch von Fingernägeln an der Tafel? Ähnlich ergeht es mir, wenn ich wieder einen Mitspieler sehe, der seinen Meeple über das Spielfeld ziehen darf oder die Kramerleiste entlangläuft und meint, Feeling kommt nur auf, wenn Kratzspuren auf dem Spielbrett bleiben. Meeple hochnehmen, Arm bewegen, absetzen, das kennt er nicht. Es wird auf mechanisch brutalste Weise der Spielstein geschoben. GESCHOBEN! Nun der Höhepunkt der Veranstaltung. Plötzlich merkt der Spieler, dass er sich bei seinen Schritten verzählt hat oder muss eine andere Richtung einschlagen. Denkt ja nicht der Brettspielkratzer nimmt nun zum Überlegen seine Hand weg. Nein, er hält an und drückt dann beim Überlegen den Spielstein noch fester aufs Brett, weil er meint sich abstützen zu müssen. Nachdenken wiegt einiges. Was soll das! Wer sich verewigen will, soll seinen Namen in einen Baum ritzen und mein Spielbrett in Ruhe lassen.

Jürgen hatte 27 Punkte. Danke Jürgen, ich werde es nicht vergessen.

5. Leckereien

Er greift zur Pappmünze, zur Spielkarte, zu seinem Meeple und was macht er? Natürlich das, was keiner macht, bevor er etwas anfasst: die Finger anlecken. Echt jetzt, schon erlebt und ich war wie erstarrt. Noch schöner wird es, wenn einem das Material danach gereicht wird. Deine Keime sind meine Keime, ein großzügige Geste. Wer immer das macht, hör auf damit! Die wenigsten Dinge werden besser, wenn man sie anleckt und danach noch Finger im Spiel sind. Fotos erspare ich euch, es würde auch die DSGVO verletzen. Behaltet diesen Punkt bitte im Hinterkopf, wenn ihr auf der nächsten Brettspiel-Messe seid. Falls sich das Material komisch anfühlt, ihr wisst nun warum…

6. Tischgespräche

Der Smalltalk-Günni ist eine Pest! Haste schon, kennst du schon und weißt du nicht? Er kam, sah und quatschte. Spielen? Klaro, wenn er dran ist. Spiele mit viel Downtime sind allerdings seine Favoriten, dann kann man so richtig schön quatschen. Als Kirsche auf der Quassel-Sahne fungiert der Spoiler. Er lenkt Spieler nicht nur bei ihren Zügen ab, nein, er versaut auch gleich den neuen Kinofilm. Immerhin effizient!

7. Zurückspulen

Zehn Minuten überlegen, dann seinen Zug ausführen. Dabei die Spielsituation massivst verändern und dann, kurz bevor der nächste Spieler dran ist, Stop brüllen. Stoßgebet zum Himmel meinerseits, aber nein, es folgt der Satz:“Sorry Leute, ich möchte das noch einmal zurücknehmen“. Ich denke, diesen Impuls kennt jeder und ich bin ein Freund vom lockeren Spiel. Der Rewind-Liebhaber hat dies aber als zusätzliche Phase eingeführt. Er braucht doppelt so lange und am Ende muss doch noch einmal alles zurückgenommen werden. Wir haben ja die Zeit! Das sich danach die Mehrheiten auf dem Tisch verändert und seine Ressourcen magisch verdoppelt haben, ist die tolle Zusatzfunktion des Zurückspulens. Ich unterstelle keine Absicht, aber als Meister des Rewinds wird Material so schnell hin- und herbewegt, bis wirklich jeder die Übersicht verloren hat.

8. Spielmaterial-Check

Ist ja nur die Schachtel.

Geil, darf ich mir das mal angucken? Ein Satz wie ein Albtraum und der Beginn einer Eskalations-Kaskade. Zumindest beim sorglosen Begutachter, der oft nicht aus der Szene kommt und meine Antwort gar nicht abwartet. Der Start ist das ungelenke Herausnehmen des Spielkartons aus dem Schrank. Ich vollführe dabei im Hintergrund schon meinen absurden Panik-Tanz, bereit alles aufzufangen was nun aus dem Schrank purzeln könnte. Vielleicht wird aber nur die Ecke vom Karton angeschlagen. Dann sorglos den Karton hochgezogen und erstmal das Spielbrett anschauen. Natürlich nicht auf dem Tisch. Der sorglose Begutachter packt es einfach an einer Kante und lässt das Brett sich selbst entfalten. Huch, das ist aber groß! Zack entblättert es sich und zappelt mit seinen Knickkanten in der Luft wie ein Neugeborenes beim Kaiserschnitt. Ähnlich schrecklich ergeht es den Miniaturen, deren Schwerkraft auch getestet werden, nachdem sie brutal aus dem Plastik-Inlay gerupft wurden. Sie fallen ja weich… verdammt, ich hab gar keinen Teppich!

Alles halb so wild!

Bevor nun jeder Angst bekommt mit mir zu spielen, es ist natürlich alles halb so wild. Na ja, sagen wir lieber viertel so wild. Es ist beim Spielen noch niemand zu Schaden gekommen, obwohl ein volles Glas Cola über mein geliebtes Eclipse geschüttet wurde. Ich kenne von Spielern aus meinem Freundeskreis Geschichten über ähnliche Spleens und kann darüber herzlich lachen – ähnlich wie über Ausuferungen in meinem Hobby. Es zeigt mir einfach, dass man in seinem Hobby wunderbar schrullig werden kann. Ist nicht jeder irgendwie ein kleiner Brettspielneurotiker? Was bringt euch denn beim Brettspielen an einem schlechten Tag auf die Palme? Lasst mir gerne einen Kommentar da.

Christian Administrator
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11 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Ganz schlimm: Spiele-Websites, bei denen man mit einem Mobilgerät nicht in Bestandteile hineinzoomen kann, sondern die immer auf eine bestimmte Ansicht zurückspringen. Macht mich so kirre, dass ich sie meide.

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  • Die Unterkategorie des Smalltalk-Günnis, die vor allem während der einführenden Regelerklärung redet und sich dann im laufende Spiel mehrmals beschwert, dass man diese und jene Regel ja gar nicht erklärt habe.

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    • Hahahah, okay, das ist ja noch schlimmer!

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    • Da setze ich noch einen drauf. Und die dann permanent das Spiel schlechtreden, da sie haushoch verlieren. Und das liegt dann natürlich am Spiel und nicht an fehlenden Skills. Leider haben solche Miesepeter schon dafür gesorgt, dass der Freundeskreis manche Spiele nicht mehr spielen will.

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  • Spieler die „sich garnicht anstrengen und einfach schön spielen“ und dann trotzdem mit der doppelten Punktzahl locker gewinnen. 🤭

    Nur ein kleiner Spaß. 😁

    Aber ich habe mir jetzt angewöhnt den Deckel entsprechend der Karton Rückseite passend auszurichten. Danke für diesen Spleen. 😉

    Und wer bei Obstgarten das Obst irgendwie an den Baum schmeißt gehört verprügelt. Ja ich meine dich Kevin, 4 Jahre. 😂

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  • Vielen Dank, habe herrlich gelacht und mich (oft) endlich mal verstanden gefühlt (ups😂)…vor allem beim Panik-Tanz….

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  • Zweimal Bluthochdruck bei mir: 1. Beim Kartengetrommel werden die Karten vor dem Ablegen demonstrativ an einer Ecke gebogen, um diese Ecke dann laut auf den Tisch schnalzen zu lassen. 2. Der Mitspieler ist während des Spiels so angespannt/konzentriert, dass er die Handkarten auf der Hand nicht gerade halten kann, sondern biegt. So sieht man nach dem Ablegen der Karten auf dem Ablagestapel/Spielbrett deutlich, von wem die Karte abgelegt wurde.; oftmals übrigens auch noch beim nächsten mal Spielen dieses Spiels

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