Lesezeit: 7 Minuten
Das kooperative Brettspiel Mysterium ist bei mir ein echter Dauerbrenner! Ob in größerer Runde, mit Brettspielneulingen oder durchmischten Altersgruppen, hier kommen alle auf ihre Kosten. Dazu ist es wunderschön gestaltet und hat mit dem originalen Soundtrack ein atmosphärisches Ass im Ärmel. Thematisch gibts zwar Erklärungsnot, das kann man aber umgehen. Dazu später mehr. Ich habe mich nun zusätzlich in der digitalen Version des Brettspiels von Asmodee Digital ausgetobt und gleichzeitig das erste Addon Secrets & Lies ausprobiert. Kann die App genau so überzeugen wie das Brettspiel und braucht man das Addon?

Kurzcheck: Darum geht es in Mysterium

Ein Spieler übernimmt den Geist eines Verstorbenen, die anderen sind mystische Ermittler. Ziel des Spiels ist es über eine feste Anzahl von Runden den Mord an dem Geist aufzuklären. Hierbei werden der Ort, die Waffe und der Mörder gesucht. Das Problem, der Geist darf nicht sprechen und muss über Visionskarten mit den Ermittlern kommunizieren. Das ist gar nicht so einfach. Denn erstens hat der Geist immer nur eine begrenzte Anzahl an Karten auf der Hand und zweitens sind die Bilder höchst fantastisch gestaltet. Es darf also gemeinsam gerätselt werden was der Geist nun wem genau mitteilen wollte. Ein Durchgang dauert in der Regel eine Stunde, so dass hier absolut kurzweiliger kommunikativer Rätselspaß entsteht.

Absolut schickes Spielmaterial

Die Rolle des Geists | Phase 1

Der Geist präpariert hinter seinem Sichtschirm das Spiel. Heißt, jedem Spieler wird ein Raum, eine Person und eine Mordwaffe zugeordnet. Danach werden in der Tischmitte die passenden und damit identischen Karten ausgelegt und je nach gewünschter Schwierigkeit noch weitere Karten dazu. Zuerst muss jeder Spieler die richtige Person auswählen, danach den Ort und zuletzt die Mordwaffe. Schaffen dies innerhalb von sieben Runden nicht alle Spieler, ist das Spiel sofort verloren.

Pro Durchgang darf der Geist jedem Spieler offen Visionskarten geben, die seiner Meinung nach zu der zu erratenen Karte passen. Das mag mal ein Objekt sein, ein anderes Mal vielleicht die Farb- oder Gefühlsstimmung des Bildes. Ganz selten nur sind die Visionskarten völlig eindeutig. Das sorgt für ungewollte Irritationen und Diskussionen unter den Spielern. Hat der letzte Spieler seine Visionskarten bekommen, setzt ein Timer ein. Innerhalb dieser Zeitspanne müssen sich alle Spieler entschieden haben.

Na, wer ist der Mörder zur links ausliegenden Visionskarte?

Die Rolle der Ermittler | Phase 1

Als Ermittler muss man anhand seiner erhaltenen Visionskarten nicht nur seine Zielkarte erraten, sondern man muss auch die Wahl der Mitspieler beurteilen. Dafür hat man zwei Arten von Plättchen, mit denen man entweder die Wahl als richtig oder falsch einstuft. Ist die eigene Einschätzung des anderen richtig, sammelt man Hellsichtspunkte. Dies ist von entscheidender Bedeutung für Phase 2! Das Einschätzen der Mitspieler ist also genau so elementar wie das eigene Vorankommen.

Geist und Ermittler | Phase 2

Haben alle ihre Zielkarten erraten, geht es über in Phase 2. Der Geist sucht sich eine der vorhandenen Kombination der Mitspieler aus und legt danach drei Visionskarten aus seiner Hand auf den Tisch aus, die seiner Meinung nach am besten das Gesamtbild beschreiben. Allerdings erstmal verdeckt. Je nach gesammelten Punkten in Phase 1 dürfen die Spieler nun eine, zwei oder alle drei Visionskarten anschauen. Danach wählen sie geheim eine der ausliegenden Kombinationen aus. Die Kombination mit den meisten Stimmen wird mit der Wahl des Geists verglichen. Ist es die richtige Wahl gewesen, haben alle gewonnen, ansonsten haben die Ermittler versagt und das Spiel ist verloren.

Ein paar Beispiele der wunderschön gestalteten Visionskarten.

Unschönes Gefühl

Die Frage die berechtigterweise sofort aufkommt, warum verwirrt der Geist alle Spieler bis auf einen? Warum streut er zuerst falsche Visionen, die ja auch erraten werden müssen, nur damit am Ende eine stimmt? Und die muss dann ja auch erst einmal richtig getippt werden. Gerade weil das Spiel so atmosphärisch ist, passt das Regel- bzw. Spielmechanik-Konstrukt nicht so ganz zum Thema. Es macht einfach keinen Sinn das ein geplagter Geist, der von den Ermittlern erlöst werden soll, die Ermittler mit falschen Visionen verwirrt. Auch das Einschätzen der Mitspieler, spielerisch ein wichtiges und spaßiges Element, kann am Ende frusten. Es nützt nichts, wenn man selber gut durchkommt, aber zu wenig Punkte sammelt und bei der letzten entscheidenden Phase daher nur eine Karte anschauen darf und mit großer Wahrscheinlichkeit die falsche Kombination wählt. Passiert dies mehreren, verliert man durch eine letzte falsche Aktion das gesamte Spiel.

Logik zurechtbiegen

Weil mir das Stirnrunzeln meiner Mitspieler aus den ersten Runden Mysterium auf den Geist ging, habe ich fortan bei der Spielerklärung meinen Mitspielern erzählt, dass der Geist verschreckt ist und den Ermittlern nicht traut. Aus den Hellsichts-Punkten, wurden Vertrauenspunkte. Schon wurde aus Phase 1 keine Tatort-Ermittlung, sondern das Schmieden eines Mystischen Band des Vertrauens zum Geist. Danach offenbart der Geist in einer letzten Vision den Mord. Seitdem passt bei mir Atmosphäre, Thema und Spielmechanik.

Die digitale Umsetzung von Mysterium

Die Singleplayer-Missionen sind wesentlich spannender als vermutet und weit mehr als ein Tutorial!

An der Spielmechanik ändert sich gar nichts, was auch nicht nötig war. Die mystische Atmosphäre wird in der App wunderbar transportiert. Von der wunderbaren Sounduntermalung über die Menüs und Ikonografie, das passt alles wunderbar zusammen. Der erste große Unterschied ist der Solomodus, der einem in den ersten Missionen auch das Spiel erklärt. Hier erlebt man eine stimmungsvoll inszenierte Geschichte, die sogar einen Twist bereithält. Zwischen der Geschichte und ihren Personen, allesamt bekannte Ermittler aus dem Brettspiel, spielt man eine Partie Mysterium. Mal auf seitens des Geists, mal als Ermittler. Das funktioniert mit der AI größtenteils hervorragend. Fragt mich nicht wie die AI das regelt, aber es funktioniert – es ist fast ein wenig gruselig. Klar, es fehlt natürlich die persönliche Komponente, mit der man bei solchem Kommunikationsspiel schon etwas reißen kann. Aber ich war überrascht wie gut Mysterium ohne einen einzigen menschlichen Mitspieler funktioniert!

Weitere praktische Gegebenheit ist die Lupe! Hält man den Finger auf das Touchdisplay etwas länger gedrückt, aktiviert man eine Lupe mit der man jede Karte um ein vielfaches größer anschauen kann. Ich habe auf manchen Karten Details entdeckt, die mir bisher im Brettspiel gar nicht so bewusst waren. So lässt sich auch auf Smartphones mit kleinerer Bildschirmdiagonalen ganz wunderbar Mysterium spielen.

Vor allem weil eine nette kleine Geschichte erzählt wird.

Neben der Kampagne gibt es noch den Online und Pass & Play Modi. Der Online-Modus ist gut besucht, im Chat ist auch immer was los. Hier wird ganz normal wie im Brettspiel miteinander gespielt. Funktioniert wunderbar! Im Pass & Play Modus spielen mehrere Spieler auf einem Gerät. Das ist auf der einen Seite sehr praktisch, weil man auch dort wo überhaupt kein Platz ist, in einer großen Runde spontan einfach Mysterium spielen kann. Der Nachteil ist dann aber die hohe Downtime. Wenn sich jeder die Karten intensiv anguckt, schaut was die anderen gewählt haben und nichts gleichzeitig ablaufen kann – weil alles auf einem Gerät stattfindet, dann steigt nicht unbedingt der Spielspaß.

Mysterium: Secrets & Lies

Mit der Mysterium Erweiterung Secrets & Lies erhält man vor allem eins: mehr Karten! Das ist natürlich nie schlecht und lohnt sich vor allem für diejenigen die das Grundspiel in- und auswendig kennen. Als Geist-Spieler freut man sich wohl am meisten über neue Impulse für seine Ermittler. Größte Neuerung und für mich einer der Gründe warum die Erweiterung mehr ist als nice-to-have, sind die neuen Story-Karten. Diese ersetzen die Mordwaffen. Das Problem der Mordwaffen waren ihre Karten, die im Vergleich zu den Räumen und den Personen sehr eindimensional sind. Ein Messer bleibt eben ein Messer. Hat der Geist die falschen Karten auf der Hand, kann er kaum um die Ecke denken, größeres Problem, meist gibt es aber eine Karte die sehr schnelle Klarheit gibt. So waren die Mordwaffen immer das leichteste Hindernis für die Ermittler. Die neuen Story-Karten sind wesentlich schöner und eben auch vielfältiger gestaltet und heben den Spielspaß an!

Ich wähle dann mal den Jäger, schließlich sieht der Berg aus wie ein Bär…

Fazit

Mysterium ist mit seiner Mischung aus Dixit und Cluedo ein kreatives Kommunikationsspiel, das vor allem von der Atmosphäre des Spiels lebt. Wer sich als Geist ins Zeugt legt, kein Wort spricht, das Licht leicht dimmt und den Soundtrack anwirft, und die Ermittler diese Atmosphäre durch gutes Spiel mitgestalten, ist das hier ein grandioses Familienspiel! Rationale Taktiker bekommen vorher einfach Hausverbot, ansonsten können sie den Spielspaß extrem runterziehen. Die digitale Umsetzung von Mysterium hat mich absolut positiv überrascht, vor allem im Solomodus. Das ein kommunikatives Partyspiel durch eine AI getragen werden kann, Respekt! Die Umsetzung ist stimmungsvoll und absolut vorbildlich, vor allem mit der Lupenfunktion für kleinere Smartphones. Im Online Modus warten unzählige Ermittler und für den Notfall geht auch mal ne Runde im Pass & Play Modus. Die Erweiterung Secrets & Lies ist für die analoge wie auch digitale Version eine absolute Verbesserung, nicht weil sie mehr Karten bietet, sondern weil sie die eher langweiligen Mordwaffen gegen wesentlich spannendere Story-Karten austauscht.

Christian Administrator
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Mysterium

ab 1,69 € (App)
8.3

AUSSTATTUNG

8.5/10

SPIELIDEE

8.0/10

SPIELSPASS

8.5/10

Kurzfakten

  • Tolle Atmosphäre (wenn die Spieler mitmachen)
  • Unbedingt Soundtrack runterladen
  • Nichts für Taktiker und rationale Menschen
  • Spannendes Kommunikationspiel
  • Addon Secrets & Lies zu empfehlen

Spielinformationen

  • Genre: Familienspiel | Kooperativ
  • Spieler: 2 - 7
  • Alter: ab 10 Jahren
  • Dauer: 42 Minuten

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