Orloj, du ganz Pracht, im Farbenrausch küsstest du meinen Sehnerv und entfachtest pure Entzückung. Erblickte Rondelle und sich bewegende Zahnräder massierten in Ekstase meinen inneren Meeple, der sich nach interessanten Gadgets sehnt. Erinnerungen wurden wach, weil sich tolle Momente aus Prag in meine Erinnerungen spülten, wo ich das Meisterwerk gotischer Wissenschaft und Technik mit Staunen selbst erblickte. Reise ich nun in die Vergangenheit und baue dieses imposante Weltkulturerbe etwa im Wettstreit auf? Schockverliebt war ich durch all diese Impulse, als ich dieses Brettspiel das erste Mal auf BoardGameGeek erblickte. Vorbestellt. Highlight auf der SPIEL ’25. Liebeserklärung jetzt auf Brett & Pad?
Kurzcheck: Darum geht es in Orloj: The Prague Astronomical Clock
Laut Spielbeschreibung schlüpfe ich in die Rolle eines Baumeisters, der gegen andere darum wetteifert, am meisten zu dem Wunderwerk der legendären astronomischen Uhr mit Kalenderfunktion beigetragen zu haben. Präzises und ausgewogenes Arbeiten über einen langen Zeitraum war damals für die Bewältigung dieser komplexen Aufgabe nötig. Genau das soll das Brettspiel auch transportieren. Überraschenderweise strafte die Anleitung meinen ersten Impuls Lügen, weil ich dachte, das kann doch niemals transportiert werden. Aber zu jeder Mechanik gibt es in der Anleitung eine kleine thematische Erläuterung. Ich mag so etwas. Die Frage ist: Fühle ich das auch später beim Spielen?
Mechanisch sieht Orloj zunächst hyperkomplex aus. Leisten, Zahnräder, Rondelle, ausbaubare Tableaus und unzählige Plättchen wie auch Spielbereiche auf dem Brett. Schnell wird klar: Orloj sieht nach mehr aus, als es am Ende ist. Sicher, dieses Spiel bleibt ein gehobenes Kennerspiel, rutscht aber niemals in die komplexere Expertenecke ab. In jeder Runde platzieren wir nur einen Worker auf dem Zifferblatt der Uhr, ab dem Punkt des Zeigers, um Ressourcen zu sammeln und Aktionen durchzuführen. Da sich der Zeiger dreht, die Uhr aus innerem und äußerem Ziffernblatt besteht und der Zeiger manipuliert werden kann, ergeben sich immer andere Konstellationen aus Aktionen und Ressourcen. Diese Hauptmechanik bespielt dann angeflanscht die anderen unzähligen Bereiche des Spiels. Wir verbessern Leisten und damit die Fähigkeit in bestimmten Bereichen, wir betreiben Tableauentwicklung, Engine-Building, Set-Collection über das Sammeln von Apostelglasbildern und wetteifern bei der Fertigstellung um das Blatt der Kalenderuhr um Gebietskontrolle. On Top besitzt das Spiel einen Wettrenncharakter, weil das Spiel endet, wenn eben jene Kalenderuhr fertiggestellt wird. Überall verknüpft mit Bonusaktionen, Bonus-Ressourcen und kleinen zu bespielenden Umwegen, damit viele Wege zum Ziel führen. Also mehr oder weniger ein bekanntes Best-of, bei dem auf spielerischer Ebene handwerklich alles wunderbar gut ineinandergreift. Doch aufgepasst, dieser Kurzcheck zeigt nun ein Dilemma auf.

Die Frage nach dem Warum
Mit einem wachen Blick für den Grund von persönlicher Begeisterung, fällt schnell etwas auf. Die Verteilung aus Thema und Mechanik im Kurzcheck fällt massiv zuungunsten des Themas aus. Und ich zitiere mich einmal selbst: „In jeder Runde platzieren wir nur einen Worker auf dem Zifferblatt der Uhr“. Wieso stelle ich meine Worker auf diese Uhr? Bei Wasserkraft stelle ich genauso wenige meine Worker auf Wasser, wie bei Algea Inc. auf Algen? Beim Spielen brachte mich dieser Gedanke immer wieder aus dem Spiel. Die Uhr soll doch gebaut werden. Da dreht sich ein Zeiger und dann stelle ich da Worker hin? Denke ich zu plastisch? Und wieso kann ich die Uhr manipulieren, also deren Uhrwerk teilweise zerstören, was mir Minuspunkte einbringen kann? Ja, die Anleitung erklärt dies damit, dass ich „schneller“ arbeite, also pfusche, und damit das Uhrwerk beschädige. Ich weiß ja nicht …

So schön diese mechanische Geschichte aus variablen, sich ständig ändernden Aktionen und Ressourcen auch ist, es ist für mich der thematische Super-GAU. Einmal an diesem Haken, verbiss ich mich in unzähligen Fragen nach dem Warum. Wieso eiert da dieser Steinmetz um die Kalenderuhr? Wieso bekomme ich Extra-Boni, wenn ich Sternzeichen auf dem Uhrenblatt verewige? Warum puzzle ich Apostelbilder? Und wieso hat die eigentlich jeder für sein Tableau? Ich dachte, wir bauen an der einzigartigen Uhr gemeinsam. Warum bekomme ich Ressourcen wie Tinte oder Holz, wenn ich mich auf dem innersten, also dritten Ziffernblatt der „Worker-Uhr“ bewege? Chaos im Kopf. Die ganze Zeit.

Eurogame, ja aber …
Brettspiele von Stefan Feld mag ich oft von ganzem Herzen und – sorry an dieser Stelle an Herrn Feld – ich bin es entsprechend gewohnt, bei Eurogames für eine motivierende Mechanik ein stark abstrahiertes Thema zu schlucken. Bei Orloj ist es aber ein maximal schweres Herunterwürgen. Ja, die Uhren, die beweglichen Zahnräder, die vielen Plättchen und die tolle Optik begeistern mich, aber es braucht dann für mich an dieser Stelle mehr als eine mechanische Verknüpfung. Das hat auch nichts mit Same same but different zu tun, auch wenn das meiste bei Orloj mechanisch bekannt ist. Ich kann die zugegeben tolle Verschränkung, den spielerischen Reiz, weniger gut genießen, wenn mein Kopf immerzu nach der logischen Implementierung des Themas sucht. Mir reicht es hier an dieser Stelle leider nicht, gerade auch im Vergleich zur Konkurrenz. Und Thema ist ja nicht nur die Spieloase eines Kopfkino-Menschen, sondern lenkt auch Regeln und Mechanik. Es sorgt für die Festzurrung der mechanischen Umstände im Langzeitgedächtnis.

Trotzdem …
… ist Orloj in spielerischer Hinsicht alles andere als ein Rohrkrepierer. Ein guter Abend kann hier gebucht werden, eben dann, wenn der Blick sich an die mechanische Verschränkung hängt. Ja, geradezu beeindruckend ist es, dass das gesamte Spiel hauptsächlich über nur eine Kernmechanik gesteuert wird. Du setzt eben nur einen Worker auf diese Uhr. Davon hängt dein spielerisches Schicksal ab. Die Aktionsauswahl bestimmt ausschließlich deine erspielte Reichweite und die Personen vor dir. Erspielst du dir keine Schritte, bist du auf Gedeih und Verderb an die Aktionskombination gekettet, die der Zeiger angibt, wenn du dran bist. Und der dreht sich so gut wie immer, wenn eine Person am Zug war. Also entsteht der Spielreiz aus dem zwanghaften Verbessern der Reichweite? Mitnichten. Und genau hier wird Orloj interessant.

Es gibt so viele verschiedene Wege, zu seinen Zielen zu kommen. So viele Umwege. So viele kleine Boni und Nebenaktionen, deren Entdeckungen Spaß machen. Was lese ich da auf BoardGameGeek? Die rosa Leiste, die das Passen verbessert, sei sinnlos, weil ohnehin nie gepasst wird? Ja, das dachte ich in meiner ersten Partie auch. Wer nämlich geschickt spielt, der bekommt platzierte Worker durch Verdrängung immer wieder und passt vielleicht nie. Aktion an Aktion. Ich fühlte mich verdammt schlau. Tja, meine Frau sah das anders. Reichweite verbessern? Aktion an Aktion? Weg damit! Sie spielte gänzlich anders, machte das verbesserte Passen zu ihrer Disziplin und gewann das Spiel. Hauchzart, aber sie gewann. Orloj schmeißt dir sagenhaft viele Optionen in den Ring und das auch im Wettstreit, mit Timingkonflikten und je nach Spielweise mitunter auch Mangelwirtschaft. Es geht also nicht darum, dass Orloj ein schlechtes Spiel ist. Für mich sollte 2026 bei all den vollen Schränken und Verkaufsregalen nur nicht so unbedacht mit einem Thema umgegangen werden. Auch nicht bei Eurogames, weil es mich beim Merken von Regeln und beim spielerischen Eintauchen, was letztlich auch gleichzeitig die Vorfreude auf die nächste Partie generiert, ein Stück weit behindert.

Fazit
Orloj ist auf den ersten Blick ein Liebesbrief an mein inneres Prag-Herz: Farbenrausch, Buntglasfenster, die Uhren. Alles schreit nach Weltkulturerbe und es kitzelt meinen inneren Meeple im Kopf. Am Tisch entpuppt sich das Ganze dann aber weniger als reizvolles thematisches Uhrenwerk, sondern eher als gut konstruierte Mechanik-Maschine. Ein einziger Worker auf dem Zifferblatt, drumherum ein clever verzahnter Euro-Cocktail aus Reichweiten-Optimierung, Tableau-Ausbau, Boni-Ketten, Wettrennen um die Kalenderuhr und ordentlich Timing-Druck. Das ist schon stark erbaut. Wer Lust auf ein dichtes, verzwicktes Optimierpuzzle hat, findet hier auf richtig vielen reizvollen Umwegen sein Glück. Während die Mechanik handwerklich sauber tickt, knirscht es dann gewaltig im thematischen Konstrukt. Mein Kopf fragt permanent „Warum?“ Egal ob Worker auf der Uhr, Ressourcen über Zifferblätter oder Steinmetze mit Boni. Statt immersivem Kopfkino entsteht Themensuche. Für mich verliert Orloj genau da ein wichtiges Stück seiner Seele, gerade im Vergleich zu anderen Schwergewichten, die ihre Abstraktion besser kaschieren. „Unter dem Zeiger“ ist Orloj also ein Eurogame mit guter Verzahnung, variantenreich gestaltet und voller kleiner Entdeckungsmomente, welches mich emotional durch die kaum vorhandene Immersion und wenige spielerische Innovationskraft aber letztlich nicht vollständig begeistert. Ich erwarte im Jahr 2026 einfach mehr.
Information: Orloj erscheint bei Frosted Games in diesem Jahr auf Deutsch mit verbesserter Anleitung und einem farblich austariertem Spielbrett.

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