Hot Streak ist ein 7D-Erlebnis. Wäre ich zumindest ein dubioser Rummelplatzbetreiber, würde ich es so betiteln. Kennt ihr diese schlechten Attraktionen, wo ein Film läuft und dabei einem Wind durch rostige Turbinen und abgestandenes Wasser ins Gesicht gepfeffert wird, während der Ruckelsitz jedem schlechten Chiropraktiker Konkurrenz macht? Das ist halt 7D. Hot Streak verwandelt dein Wohnzimmer in so ein Tollhaus. Kein Ruckelsitz, aber unentwegtes Stühlerücken. Kein abgestandenes Wasser, dafür mit Adrenalin getränkter Schweißgeruch. Und die Sounduntermalung besteht aus kreischenden Menschen. Hot Streak ist kein gewöhnliches Brettspiel, es ist ein Erlebnis.
Kurzcheck: Darum geht es in Hot Streak
„Nein, nicht die Wurst! Diese mistige Wurst. Komm schon, jetzt der Fisch. Mach ihn platt!“ Fäuste donnern als unterstützendes Statement auf den Tisch. Hände klatschen auf Schenkel. Von sechs Leuten stöhnen vier laut auf. Ein fettes Ablachen zerreißt das Gruppenstöhnen. „Verdammt, wieso dreht die Wurst um? Was macht da der Bär! „Neeeeeeeinnnn!“ Großes Bibbern. Stoßgebete. „Jetzt bitte nicht wieder der Bär mit ’ner Drei!“ Die Karte wird umgedreht. Es wird aufgesprungen, es wird gejubelt, es wird geätzt, es wird gezetert. Der Bär prescht drei Felder vor und plättet die Wurst. Da klingelt es an der Tür. Die Nachbarin ohne Brettspielerfahrung beschwert sich aufgrund der Lautstärke. Fünf Minuten später schreit die Nachbarin: „Nein, nicht der Fisch!“
Du hast nur Wurst und Bär verstanden? Nun, thematisch ist Hot Streak ein Maskottchenwettrennen. Allein die vier Kostüme aus Hot Dog, Fisch, Bär und Königin sind absurd geil. Diese Maskottchen laufen auf einer kurzen Rennbahn, ganz klassisch wie bei den Bundesjugendspielen auf der Tartanbahn, ins Ziel. Ganz simpel durch gezogene Karten über ein gemeinsames, zusammengemischtes Deck. Also sie versuchen es! Schon mal solch ein Kostüm getragen? Sie stolpern, sie kippen zur Seite und wechseln die Bahn. Sie verlieren die Orientierung und laufen vielleicht sogar zurück oder aus dem Spiel. Übertrampelt werden und damit ausscheiden, geht auch. Spielziel: Alle wetten vorher, welches Maskottchen gewinnt oder welche Spielsituationen eintreten oder nicht. Nach drei Rennen wird abgerechnet. Wer die meiste Kohle beim Wetten gemacht hat, gewinnt. Ein entscheidender Punkt fehlt aber noch …

Das Geheimnis des Decks
Jedes Maskottchen hat zunächst die gleichen Karten als Deck. Vor Spielbeginn werden alle Decks zusammengemischt und nur ein Teil davon wird offen gezogen. Alle am Tisch sehen also für jedes Maskottchen die gezogenen Bewegungskarten. Ich habe also eine Idee, welches Maskottchen mehr hinfällt als andere oder schneller läuft. Nun bekommen alle am Tisch drei weitere Karten, allerdings verdeckt. Der Rest des riesigen Stapels kommt ungesehen für diese Partie aus dem Spiel. Logisch: Der Wiederspielwert ist hoch, weil jedes Rennen durch die gezogenen Karten anders abläuft. Wichtiger: Ich habe durch die drei persönlichen Karten einen Informationsvorsprung bezüglich meiner Karten. Allerdings kenne ich je nach Personenanzahl auch relativ viele Karten nicht. Das erzeugt Spannung! Das erzeugt allerdings auch Tabletalk, denn …

Silberzunge und Taktik
… bevor jetzt die Partie startet, lege ich eine Karte verdeckt zu den offenen Karten. Ist bei den offenen Karten z. B. der Fisch enorm schnell, wäre meine geheime Karte vielleicht, dass der Fisch sich umdreht. Brutal fies. So könnte es sein, dass der Fisch rasend schnell von der Strecke läuft und ausscheidet, weil er in die falsche Richtung läuft. Die Frage ist, welche Karten die anderen geheim ins Deck spielen. Danach werden alle Karten zu einem Deck gemischt und nach Reihenfolge muss gewettet werden, welches Maskottchen gewinnt. Explosionsartig startet jetzt der Tabletalk. Das Silberzungen-Massaker. „Leute, säusele ich, ich habe in das Deck noch ’ne 2er-Speed-Karte für den Fisch gespielt, wettet mal auf den Fisch.“ Ich kann das behaupten, sitze ich in der Wettreihenfolge weiter hinten. Klar, geht vor jeder Runde ein wildes Geschnatter los! Reihum wetten wir und versuchen andere zu schlechten Wetten zu überzeugen. Oder aber es bilden sich Wettallianzen, weil Personen überzeugt sind, das gleiche Maskottchen gepusht zu haben. Nicht unwichtig: Personen, die zuerst wetten können, sind Vorteil. Entsprechend wichtig ist der geschickte Table-Talk der hinteren Personen. Kurzum: Lebendigkeit wabert über den Tisch!

3 … 2 … 1 … Los!
Dann beginnt das Wettrennen. Ich nehme den Stapel und schreie EINS. Und lege die erste Karte ungesehen ab. ZWEI. Und lege die nächste Karte ungesehen ab. DREI. Gleiches Spiel und schreie dann LOS! Also: Erst die vierte Karte wird offen gespielt und ausgeführt. Meist schon hier untermalt von ambivalenten Ausrufen, je nach Wette. Der Clou: Auch hier herrscht das Chaos. Gute Karten, schlechte Karten, bekannte oder unbekannte – und alles kann unter den ersten drei rausgeflogenen Karten sein und keiner weiß, welche. Das Momentum der Maskottchen wird so ein weiteres Mal verändert. Hot Streak gelingt es mit sehr einfachen Mitteln, eine hochgradig gute Mixtur aus Chaos, Vorhersehbarkeit und Emotionalität anzubieten.

Feiere die Absurdität
Diese Mixtur sorgt für richtiges Wetteifern. Die Menschen vergessen sich am Tisch. Es wird auf die Maskottchen gestiert und jede Karte wird mit Hoffen oder Bangen erwartet. Es gibt kein Aufdecken ohne emotionale Begleitung. Und darüber gießt Hot Streak einfach eine herrliche Prise Absurdität. Wenn eine Wurst torkelt, als hätte sie drei Flaschen Vodka gekippt, auf die Nase fällt und der Bär danach auf die Bahn dahinter einschwenkt, dann zittern die Wurstanhänger vor der Niederlage. Klar, kreischen die Bären-Fans jetzt eine Bewegung herbei. PLÄTTET DIE WURST! Doch plötzlich fällt auch der Bär hin. WER HAT DIE KARTE INS DECK GESPIELT? Wut trifft Schadenfreude. Wenn jetzt noch die in Führung liegende Königin umdreht und mit Speed erst die Wurst und dann den Bär plättet, grölen einfach alle am Tisch. Plötzlich hat der Fisch Chancen auf den Sieg, der nach den offenen Karten am Anfang chancenlos wirkte. Genau deshalb spielt man Hot Streak.

Clou der nächsten Runde
Die nächsten zwei Rennen erfolgen nach dem gleichen Muster, mit einer Nuance, die allerdings das Spiel wieder durch simple, aber effektive Weise reizvoller macht. Aus den gespielten Karten bekommt jede Person verdeckt wieder eine zugeteilt. Heißt: Es verschwinden bekannte Karten aus dem Deck. Gleichzeitig habe ich wieder drei Karten auf der Hand, von denen ich eine neu ins nächste Rennen schicke. Der Spielreiz entsteht also aus beständiger Unsicherheit über die wahre Natur des Decks.
Aber …
Ja, Hot Streak ist manchmal weniger dynamisch. Es ist eben unvorhersehbar, je nach gezogenen Karten. Das ist die Würze, die mit Pech für suboptimale Partie sorgen kann. Allerdings sind die Partien kurz und selbst in großer Gruppe dauern sie keine 30 Minuten. Wo wir bei der Gruppe sind. Hot Streak taugt auch als Absacker zu viert mit der Familie. Die Stärken des Spiels sind aber der Table-Talk, die Überraschung durch die nicht bekannten Karten und die taktischen Wechselspiele zwischen den Rennen. Das zündet vor allem so richtig bei fünf, eher sechs Personen. Bei sieben bis neun Personen hingegen nimmt der Spaß beim Wetten ab, weil die Auswahl viel weniger zielgerichtet erfolgen kann und das Chaos noch weiter steigt.
Und es sollte klar geworden sein: Es braucht einen gewissen Charakter für dieses Spiel. Wer lieber leise seine Eurogame-Taktiken in Ernsthaftigkeit ertüftelt, ist hier völlig fehl am Platz. Genauso ist die Wettreihenfolge zu wirkmächtig. Der Snake-Draft-Prozess hilft nur bedingt, was der vielleicht größte Kritikpunkt am Spiel ist. Es geht in Hot Streak allerdings nicht darum, sich die Kontrolle über ein Wettrennen zu erspielen, sondern sich dem chaotischen Strudel zu ergeben. Die Rolle ist die des wetteifernden Fans, der Lust am Zuschauen und der Neugierde daran, ob die kleinen taktischen Nuancen nicht doch größeren Einfluss besitzen.

Fazit
Hot Streak kam, sah und begeisterte! Es ist faszinierend zu beobachten, wie oft selbst biedere Naturen plötzlich gebannt dem Chaos am Tisch folgen und sich emotional in die Rolle eines Fans begeben. Damit ist Hot Streak nicht einfach nur ein Brettspiel, es ist Maskottchen-Chaos mit Stadioncharakter. Dämliche Maskottchen wie Wurst, Bär, Fisch und Königin stolpern wie besoffen über den Tisch und die spielende Meute eskaliert. Die Mischung aus bekannter Kartenauslage, geheimen Zusatzkarten und hemmungslosem Table-Talk macht jedes Aufdecken von Karten zum Drama. Wer Kontrolle und feine Euro-Taktik sucht, ist hier natürlich vollkommen falsch. Hot Streak lebt von omnipräsentem Chaos, leichtem Bluffen und ganz viel Bauchgefühl und das am besten mit fünf oder sechs Personen, wenn Einfluss und Krawall perfekt ineinandergreifen. Die leider etwas zu wirkmächtige Wettreihenfolge verhindert allerdings den Sprung in ganz hohe Wertungsregionen. Egal, denn Hot Streak ist herrlich kurz, laut, albern und extrem emotional. Eben ein Maskottchen-Wettrennspektakel für Personen, die lieber mitbrüllen als alles durchrechnen.

















2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Habe vorgestern die deutsche Version vorbestellt, nachdem das Spiel den dritten Abend in Folge in unterschiedlicher Gruppenzusammenstellung gezündet hat (englisches Exemplar vom Kumpel). Mir fällt es immer schwer den Finger darauf, weswegen ein Spiel wider Erwarten doch Spaß macht, zu legen. Von daher Danke für die tolle Analyse.
Es ist wirklich ein Fest. Es braucht aber ein paar Bekloppte. Schön, dass du einige an deiner Seite hast. Ich habe es zum Glück auch und daher liebe ich dieses Spiel. Es braucht einfach auch manchmal diese absurden Brettspiele. Ich war und bin schockverliebt.