Lesezeit: 6 Minuten
Kelp ist so wunderschön, wie es nur die Natur selbst abbilden könnte. Das warme Sonnenlicht bricht sich schmeichelnd im Wasser und verwandelt die Unterwasserwelt im Einklang mit den Kelpwäldern in eine smaragdgrüne Oase. Zwischen den sich wiegenden Algen tummeln sich Langusten, Krebse und Muscheln. Plötzlich wabert in fast perfekter Tarnung zwischen dem Arrangement aus Kelp, Korallen und bizarr geformten Steinen ein kleiner Oktopus daher. Er verlässt nur kurz seine Deckung, aber für den Jäger, dem blaugrauen Pyjamahai, ist es eine Ewigkeit zum Zuschlagen. Blitzschnell zischt er hervor, getragen von der Strömung und … mein Herzschlag wummert bis zum Hals, jetzt die richtige Karte gespielt. Was spielt meine Frau und wie ist mein Konter? Wird sie in allerletzter Sekunde noch verschwinden? Vor der Auflösung dieser dramatischen Situation, die nicht nur über das Spiel, sondern den Hausfrieden entscheidet, ein Blick zurück.

Kurzcheck: Darum geht es in Kelp

Kelp sah mich und ich blickte zurück und dann war es eigentlich schon geschehen. Zumindest auf der visuellen Ebene. Optik zieht eben, ich bin auch nur ein Brettspieler. Dann wurde sich ins Wasser gewagt und auch hier zeigte eine erste Schnupperpartie ordentlich Potenzial. Das war auf der SPIEL ’23 und anschließend wanderte Kelp im Fazit zur Messe im Ranking nach oben. Jetzt durfte sich mein Wohnzimmer als Habitat für Hai und Oktopus bewähren und ich sage euch, die wollen hier nicht mehr weg.

Ganz grob besteht Kelp aus einem Spielbrett, auf dem 9 Spielsteine aufrecht stehen und sich Hai und Oktopus gegenübersitzen. Mit Blickrichtung des Hais sieht man die Rückseite dieser Spielsteine, die Algenwälder repräsentieren. Die Vorderseiten dieser Steine, das wäre die Blickrichtung des Oktopus, sind hingegen Muschel-Symbole, Fallen oder Nahrung und ein Stein ist mit dem Oktopus selbst markiert. Dies ist die Position ergo Spielstein, den der Hai finden und erfolgreich angreifen muss, dann hat er gewonnen. Das ist aber noch nicht alles, denn nun kommt als Baustein die Asymmetrie ins Spiel, denn Hai wie Oktopus agieren in diesem Duell völlig anders.

Kelp
Happi, Happi!

Der Hai

Hunger und die Jagd nach Beute ist der Antrieb. Ich stiere abwechselnd auf die Spielsteine, als könntest ich auf magische Weise das Dahinter erkennen und in das Gesicht des Oktopus, äh, ich meinte das meiner Frau. Gesichtstechnisch nicht immer ganz leicht auseinanderzuhalten. Ich versuche natürlich eine Gesichtsregung aufgrund meines Hai-Table-Talks zu erahnen und so Schlüsse auf die Position des Oktopus zu ziehen. Mechanisch basiert mein taktisch geprägtes Spiel auf Bag-Building, geschickter Bewegung und Würfeln.

Kelp
Im fertigen Spiel wird kein Lego-Hai enthalten sein.

Jede Runde ziehe ich blind zwei Würfel aus einem Beutel. Blaue Würfel (Strömung), die ich jetzt auf dem Spielfeld platzieren könnte, verbessern meine Bewegung auf dem Spielbrett, weil sich der Hai so weiter als nur ein Feld bewegen lässt. Danach folgt eine zwingende Bewegung. So ein Hai steht eben nicht still. Was hier wie eine Randnotiz wirkt, ist echt fies! Denn 180°-Wenden sind auch nicht erlaubt. Die Bewegung will also geplant sein. Dort, wo der Hai seine Bewegung beendet, dürfte man mit gelben Würfeln Steine aufdecken, sofern die Augenzahl hoch genug ist. Zum einen kann so der Oktopus gefunden werden, zum anderen verringert es Versteckmöglichkeiten und das Bezahlen von Fähigkeiten für den Oktopus. Dazu gleich mehr. Mit roten Würfeln darf ich Steine ergo den Oktopus angreifen und so das Spiel gewinnen.

Kelp
Auch der Hai entwickelt sich.

Das ist aber noch nicht alles! Blaue und gelbe Würfel werden nach der Benutzung auf verdeckte Entwicklungsplättchen platziert. Erreicht das Plättchen eine kritische Menge an Würfeln, schaltet man die Fähigkeit des Plättchens frei und die Würfel kommen zurück in den Pool. Ich kann aber auch freiwillig auf das Platzieren der Würfel verzichten und diese parken. Über diese geparkten Würfel kann ich mir je nach Wertigkeit über die Augenzahlen neue Würfel und Einmalfähigkeiten kaufen. Das Problem, nach so einer Kaufaktion kommt einer der Würfel komplett aus dem Spiel. Genauso wie rote Würfel nach den Angriffen. Sind insgesamt 7 Würfel aus dem Spiel, ist der Hai verhungert. Autsch! Würfelglück trifft hier auf taktische Würfelplatzierung und strategisches Bagbulding.

Ohne es zu wissen, hat der Hai seine Strömung perfekt gelegt.

Der Octopus

Als Octopus möchte ich eigentlich einfach nur überleben. Die Zeit spielt mir in die Hände, soll der Hai mal schön verhungern. Ich kann mich aber auch fettfressen und wachsen. Hey, so ein Pyjamahai ist ne halbe Portion, dann hat dieser Zwerg auch keine Chance mehr. Spielerisch befinde ich mich in einer stetigen Zwickmühle. Das Ausspielen von Karten bezahle ich mit dem Offenlegen von Steinen. Karten muss ich aber spielen, weil nur so bessere Karten und Steine kaufen, Fressen oder Steine auf dem Spielbrett vertauschen oder wieder aufzustellen. Hat der Hai mit seinen verdammten gelben Piss-Würfeln vielleicht noch ein paar Steine selbst aufgedeckt, dann sieht das Spielfeld schnell nach einem erfolgreichen Dominio-Day aus. Und glaub mir, dann fängst du als Oktopus an zu schwitzen!

Der Oktopus ist also eine Art Spielfeldmanager, der die Waage aus eigener Verbesserung und einer gewissen Reparatur bzw. neuem Arrangement des Spielfeldes halten muss. Bei diesem Arrangement kannst du neue Steine mit Fallen aufstellen, Steine tauschen, aufstellen oder auch mischen. Damit dies auch so richtig verwirrend wird und man keine Hütchenspielertricks lernen muss, können je nach Aktion Steine sogar verdeckt in einem Beutel gemischt werden, bevor sie aufgestellt werden. Insgesamt planst du langfristiger als der Hai und bist eher strategisch unterwegs.

Kelp
Der Kartenmarkt des Oktopus.

Die Nerven!

Eines ist Kelp immer: nervenaufreibend! Der Gipfel der Spannung ist erreicht, wenn der Hai den Oktopus angreift, denn mitnichten hat der Hai dann gewonnen. Der Oktopus hat nun drei Karten, mit denen er den Angriff des Hais vereiteln kann. Der Hai hingegen besitzt dazu passende Konterkarten. Verdeckt werden die Karten gespielt und natürlich Trash-Talk vom Feinsten abgelassen. Nur wenn der Hai die richtige Konterkarte spielt, darf er sich Sieger nennen und sich Pommes zu seinen Calamari bestellen. Klassisches Stein, Papier, Schere, wobei bei jedem gelungenen Fluchtversuch die Karte dauerhaft entfernt wird. Es wird also immer schwerer für den Oktopus!

Aber auch davor ist dieses Katz-und-Maus-Spiel Hai-Oktopus-Spiel spannend! Der Hai dreht durch, wenn er sein Bagbuilding versaut, verflucht das Würfelpech und vor allem nervt ihn dieses süffisante Grinsen, wenn der Oktopus einfach irgendwelche Steine tauscht und verschwörerisch dabei grinst. Fragt meine Frau, sie hasst es, wenn ich den Oktopus mache. Also im Spiel. Gleichzeitig ist die Verzweiflung groß, wenn der Hai den richtigen Riecher hat und den Oktopus aufspürt. Hat der Oktopus dann nicht vorgesorgt und Karten auf der Hand, die ihn Steine wieder aufstellen lassen und gleichzeitiges verdecktes Tauschen, riecht es nach Treibjagd im Meer. Da man maximal nur 2 Karten pro Zug als Oktopus spielen kann, ist so eine Flucht eher der Atlantik bei einer Sturmfront als Planschbecken im Garten. Vielleicht hat der Hai aber auch beim Bagbuilding geschlafen und ihm fehlen weitere rote Würfel? Dann heißt es erst einmal durchatmen. Glück gehört manchmal aber auf beiden Seiten dazu, wer dagegen eine Allergie hat, kann Frust erleben. Auch braucht es ein paar Partien, bevor man in die spaßige Kurzweiligkeit komplett eintaucht. Weniger wegen der Komplexität, sondern weil falsche Entscheidungen größere negative Auswirkungen haben können.

Kelp
Da hat der Hai das Mind-Duell gewonnen!

Fazit

Ich schulde euch noch eine Auflösung. Meine Frau als Oktopus entschwand, weil sie das Mind-Duell mit den Karten für sich entschied. Allerdings befand sie sich ab dem Moment in einem absoluten Hetzmodus! Andere Partien zeigten, so muss es nicht kommen. Wer seinen asymmetrischen Part besser spielt, hat höhere Chancen auf den Sieg. Taktisches Bagbuilding trifft auf strategisches Deckbuilding und was sie vereint, ist Spannung, Table-Talk und eine fette Prise Bluffen. Das Kelp dabei erfrischend und zauberhaft mit einer smaragdfarbenen Farbpallette eine ungewöhnliche Unterwasseroase zaubert, macht es nur noch besser. Ich kenne bisher nur das Basisspiel und es braucht durchaus ein paar Partien, bis man sich auf Augenhöhe eingespielt hat. Trotzdem bin ich schon jetzt auf die Erweiterungen aus der Kickstarterkampagne gespannt, die das gute, aber auch etwas starre Grundgerüst des Basisspiels erweitern. Ich zumindest kann dem Duell unter Wasser aber auch schon jetzt viel abgewinnen, egal ob Hai oder Octopus. Zum Leidwesen meiner Frau.

Kelp

45 €
8.3

MATERIAL

8.5/10

SPIELIDEE

8.0/10

SPIELSPASS

8.3/10

Kurzfakten

  • Schicke Optik
  • Ordentlich Spannung
  • Asymmetrische Spielmechaniken
  • Glück beim Hai vorhanden
  • Erweiterungen empfehlenswert

Spielinformationen

  • Genre: Duell-Spiel
  • Personen: 2
  • Alter: 12+
  • Dauer: 45 - 60 min
  • Autor: Carl Robinson
  • Produktionsmuster
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